Philosoph Peter Sloterdijk verteidigt Sarrazins rassistische Ausfälle

Von Stefan Steinberg
28. Oktober 2009

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat in die Kontroverse um die rassistischen Äußerungen von Thilo Sarrazin eingegriffen und offen die rassistischen Ausfälle des Bundesbankvorstands verteidigt.

Thilo Sarrazin ist langjähriges Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und war einige Jahre lang Finanzsenator in der Berliner Regierungskoalition aus SPD und Linkspartei. Nur wenige Monate nachdem er zum Mai diesen Jahres in den Vorstand der Bundesbank berufen worden war, ließ er eine bösartige Tirade gegen Arme, sozial Deklassierte und insbesondere Einwanderer in Deutschland los, die im renommierten europäischen Kulturmagazin Lettre International erschien. (Siehe auch: Rassismus aus der Bundesbank)

In dem auf der World Socialist Web Site erschienenen Artikel heißt es, Sarrazin hetze "mit Sprüchen, die man sonst nur von rechtsextremen Parteien kennt, [...] gegen die Schwächsten der Gesellschaft - gegen Arbeitslose und Arme im allgemeinen und Türken und Araber im besonderen."

Jetzt hat Peter Sloterdijk, deutscher Philosoph und Mediengestalt, öffentlich die Ansichten Sarrazins verteidigt. Das deutsche Politikmagazin Cicero bringt in seiner Novemberausgabe ein Interview mit Sloterdijk, in dem er alle, die Sarrazin kritisieren, als Opportunisten abfertigt.

"Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen", erklärt Sloterdijk in dem Interview. Sarrazin sei lediglich so unvorsichtig gewesen, auf die "unleugbar vorhandene Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen".

Laut Sloterdijk hat sich auch Bundesbank-Chef Axel Weber "gegen die Epidemie des Opportunismus als nicht immun" erwiesen, da dieser nach der Veröffentlichung gewisse Kritik an den Äußerungen Sarrazins geübt hatte. (Tatsächlich kannte Weber das Interview vorab und hatte nichts unternommen, um die Veröffentlichung zu verhindern.) Sloterdijk kommt zu dem Schluss, die Kritik an Sarrazin von Seiten verschiedener Kommentatoren zeige, "wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt".

Die verlogenen Bemühungen Sloterdijks, die Debatte um Sarrazins Äußerungen als eine Art Sprachverwirrung abzutun, muss strikt zurückgewiesen werden. Es gibt keinerlei Missverständnisse bezüglich Sarrazins Wortwahl. Seine Bekundungen im Interview mit Lettre International strotzen vor rassistischen Stereotypen und antisemitischen Klischees.

So erklärte Sarrazin: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung." Hier verbindet sich die Agitation gegen die angebliche fremdländische Unterwanderung mit offen antisemitischen Klischees.

Sloterdijks Bemerkungen verdienen Beachtung. Für jeden, der seine ideologische Entwicklung verfolgt hat, werden die jetzigen Kommentare nicht gänzlich unerwartet kommen. Trotzdem gilt es zu klären, warum Sloterdijk Sarrazin so schnell und offen zur Seite springt.

Der 62-jährige Sloterdijk ist derzeit Rektor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und tritt zuweilen im deutschen Fernsehen auf, um zu einer breiten Palette zeitgenössischer und kultureller Fragen seine Meinung kundzutun.

Im Anschluss an sein Studium lernte Sloterdijk in den Jahren von 1978 bis 1980 bei dem indischen Mystiker Bhagwan Shree Rajneesh - eine Periode, die er auch später als von bleibender Bedeutung für seine Schriften betrachtete. Sloterdijk veröffentlichte eine Reihe von Essays und philosophischen Arbeiten und wurde im Jahre 1983 mit dem Erscheinen seines Buchs Kritik der zynischen Vernunft erstmals einem größeren Publikum bekannt.

In diesem Buch und vielen nachfolgenden Schriften bedient sich Sloterdijk in völlig eklektischer Manier bei den Ideen verschiedener deutscher Denker, so Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und bekannten Vertretern der Kritischen Theorie im 20. Jahrhundert wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Angelehnt an Horkheimers und Adornos Kritik der bürgerlichen Aufklärung in ihrem Werk Dialektik der Aufklärung bemüht sich Sloterdijk darum, die Aufklärung endgültig zu begraben. Das Ergebnis ist eine abstruse, zusammenhangslose Kritik an der Aufklärung und dem wissenschaftlichen Denken. Ähnlich wie Heidegger gibt Sloterdijk zu verstehen, dass das westliche Denken vor die Hunde ging, als es den rationalistischen Skeptizismus Sokrates' annahm.

Sloterdijk erklärt, dass die Werte der Aufklärung in der Moderne degenerierten und zum "aufgeklärten falschen Bewusstsein" verkamen. Die Bemühungen der Aufklärung, die Welt zu verstehen und zu verbessern, seien durch die im 20. Jahrhundert begangenen Gräueltaten zunichte gemacht worden. Keine konsistente, materialistische Analyse der Welt und Gesellschaft sei möglich - uns bleiben nur die Scherben.

Die Enttäuschung der Moderne über die aufklärerischen Ideale der Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit hat dem Zynismus den Weg bereitet. In seiner Kritik der zynischen Vernunft macht Sloterdijk gleich zu Beginn klar, dass vor allem der Marxismus als Paradebeispiel für das von ihm erfundene "aufgeklärte falsche Bewusstsein" herhalten muss.

Da er schließlich jedes wissenschaftliche Vorgehen und die historische Analyse verwirft und ablehnt, muss Sloterdijk die Stichhaltigkeit seiner These auch nicht nachweisen. Sloterdijk sagt selbst, dass sein Buch nicht so ernst zu nehmen sei.

In der "spielerischen Pose" postmodernistischer Denker erklärt er seine Arbeit zu "einer Erheiterungsarbeit, bei welcher von Anfang an feststeht, dass sie nicht so sehr Arbeit ist als Entspannung von ihr." Die traditionelle Präzision des philosophischen Denkens löst sich bei Sloterdijk in Luft aus, wenn er "die Wahrheitskapazitäten der Literatur, der Satire und der Kunst mit denen des 'wissenschaftlichen Diskurses' wieder zu verbinden" versucht.

Kein einziger origineller Gedanke findet sich in der pompösen Weitschweifigkeit und selbstzufriedenen Oberflächlichkeit, die Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft durchzieht. Es kann nicht überraschen, dass Sloterdijk bei seinem willkürlichen Auseinandernehmen der Aufklärung zu dem Schluss kommt, ihr logischer Endpunkt liege in der christlichen Tradition der Traurigkeit und der Atombombe.

Doch selbst hier betet Sloterdijk nur die Weltverdrossenheit und den Pessimismus von Theodor W. Adorno nach, der schrieb: "Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe."

Wo er vorgeblich nachweisen will, dass der Weg der Aufklärung im Zynismus endet, bietet Sloterdijk doch nur eine Rechtfertigung für die Notwendigkeit einer zynischen Weltanschauung.

Sloterdijks Werk und gerade auch seine Hiebe gegen den Marxismus und die "politische Korrektheit" nach 1968 fanden in den 1980er Jahren ein aufnahmebereites Publikum unter einer Schicht von ex-radikalen Mittelschichtangehörigen, die ihre linken politischen und ideologischen Ansichten aus den 1960er Jahren abgelegt hatten, um sich auf ihre Karrieren und ihr privates Wohlergehen zu konzentrieren.

Eine Zeit lang blieben Sloterdijks eigene gesellschaftliche und politische Anschauungen im Dickicht seiner dämlichen Texte begraben. Doch um die Jahrtausendwende traten in zahlreichen seiner Schriften klare Zeichen einer Radikalisierung zutage.

In seinem Buch Regeln für den Menschenpark (1999) sprach sich Sloterdijk für eine intensivere gesellschaftliche Diskussion um die Implikationen der Gentechnik und solcher Themen wie der "bio-kulturellen" Reproduktion aus. Sloterdijks Buch löste damals eine Kontroverse aus, da es zum ersten Mal die Frage der Gentechnik in die öffentliche Debatte brachte, seitdem die Nazis im Namen der Rassenselektion ihre Verbrechen begangen hatten.

In Regeln für den Menschenpark stellt Sloterdijk die Frage, ob es dem Philosophen zufällt, "Regeln für den Menschenpark" zu entwickeln, die der Aufzucht von Eliten dienen. Er beantwortet seine eigene Frage nicht direkt, aber das Buch stützt ganz eindeutig die Vision des griechischen Philosophen Plato von der rigide geordneten Gesellschaft, deren diktatorische Regierung sich auf eine Elite stützt, die eine absolute Kontrolle über die Bevölkerung ausübt.

In seinem Buch Zorn und Zeit (2006) bringt Sloterdijk seine unterdrückerischen Ansichten noch deutlicher zum Ausdruck. In seinem Werk erklärt er Zorn und Wut zu den entscheidenden Motiven für das menschliche Streben und gesellschaftliche Veränderung in der Geschichte. Sloterdijk erstellt schließlich eine Liste von Organisationen und Einrichtungen, die seiner Ansicht nach schändlicher- und verbotenerweise den Zorn kanalisieren. Auf der Liste der so genannten "Zornbanken" finden sich revolutionäre Bewegungen, Protestparteien, Gewerkschaften und religiöse Gemeinschaften.

Zu einer Zeit als führende Politiker, Intellektuelle und Medienvertreter in den westlichen kapitalistischen Ländern vor einem "Kampf der Kulturen" warnen und einen neuen Kreuzzug gegen den militanten Islamismus empfehlen, spekuliert Sloterdijk in Zorn und Zeit darüber, ob der Islamismus den Platz des Kommunismus einnehmen wird, um den "genozidschwangeren Jungmännerüberschuss" aufzunehmen. Er bereitet die Leser auf das vor, was seinen Ausführungen nach bevorsteht: Immense Konflikte, "die ausnahmslos von Zornkollektiven und gekränkten 'Zivilisationen' angezettelt werden". Er beschreibt dann im Folgenden die radikalen Islamisten als "eine desperate Bewegung aus ökonomisch Überflüssigen und sozial Unverwendbaren".

Sloterdijk stellte sich klar auf die Seite derer, die Im Schatten des Irakkriegs den Islamismus dämonisieren wollten und wandte sich dann immer mehr Deutschland zu. In einer jüngsten Reihe von Kommentaren und Interviews drischt er auf den deutschen Sozialstaat ein, der eine Form von Kleptokratie, nämlich Diebstahl durch die Massen darstelle!

In der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung verurteilte Sloterdijk im Juni dieses Jahres die progressive Einkommenssteuer als "funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung" und verweist sodann auf eine Tendenz der "umgekehrten Ausbeutung". Die "Unproduktiven" leben seiner Auffassung nach auf Kosten der "Produktiven", d.h. der Spitzenverdiener und Unternehmer. Schließlich ruft er zur "Abschaffung der Zwangssteuern" auf und zur "Revolution der gebenden Hand", d.h. einer Umwälzung, die den diebischen (kleptokratischen) Neigungen großer Teile der Bevölkerung Einhalt gebietet.

Sloterdijks sozialdarwinistische Hetze gegen das deutsche Sozialstaatssystem, das hauptsächlich der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg entstammt und schon seit geraumer Zeit von verschiedenen Regierungen unterhöhlt wird, erinnert an die Hetzerei gegen die Armen, Kranken und Benachteiligten durch den bürgerlichen englischen Soziologen Herbert Spencer in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

Sloterdijk spricht für eine soziale Schicht - darunter auch eine beachtliche Zahl ehemaliger Radikaler aus den Mittelschichten - die in den 1970er und 1980er Jahren an die Spitze der Gesellschaft gelangt ist. Sie sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ins rechte Lager gewechselt und in vielen Fällen vermögend geworden durch Anlagegeschäfte während der Börsenbooms der 1990er Jahre. Jetzt ist diese Schicht entschlossen, ihren Wohlstand und ihre Privilegien um jeden Preis zu verteidigen. Dieser Prozess der Radikalisierung wurde vor allem beflügelt in den Jahren der rot-grünen Regierungskoalition im Bund (1998-2005), als der Weg für gänzlich neue Formen der Spekulation und der Geldgewinnung durch die Banken und die Vermögenden frei gemacht wurde, während die Grundfesten des Sozialstaats in Deutschland unter Beschuss gerieten.

Im letzten Jahr erlitt diese Schicht einen Schock durch die Finanzkrise, die sich in ihren Portfolios niederschlug. Doch mit der Wahl der neuen rechten Regierungskoalition aus den konservativen Unionsparteien und den Freien Demokraten spüren sie nun frischen Wind in ihren Segeln. Sloterdijk spricht für sie und fordert eine Revolution von Oben, die sich auf die rassistischen Ansichten eines Aufwieglers wie Thilo Sarrazin stützt.

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert schrieb der russische Revolutionär Leo Trotzki über eine ähnliche gesellschaftliche Schicht in Deutschland, die während des so genannten Goldenen Zeitalters des deutschen Imperialismus aus inbrünstigen Anhängern des Philosophen Friedrich Nietzsche bestand. In seinem Essay über den deutschen Philosophen bemerkt Trotzki, Nietzsche sei "zum Ideologen einer Gruppe geworden, die wie Parasiten auf Kosten der Gesellschaft lebt, jedoch bessere Bedingungen hat als das elende Lumpenproletariat: es handelt sich hier um das höherkarätige Parasitenproletariat. [...] Was alle Mitglieder dieses zusammengewürfelten bürgerlichen Ritterordens eint, ist die [...] Plünderung, in enormen Ausmaßen, der Konsumgüter, ohne irgendwelche systematische Teilnahme (und wir legen Wert darauf, das zu betonen) am organisierten Produktions- und Verteilungsprozess."

Sloterdijk dient sich nun offen als Sprecher dieser modernen Parasiten "gekränkter Zivilisationen" an. Er appelliert an die rechtesten politischen Kräfte, sich zur Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung und des Kampfes für Sozialismus in den bevorstehenden "immensen Konflikten" zu sammeln.

 

Siehe auch:

Rassismus aus der Bundesbank
[9. Oktober 2009]