Sexueller Missbrauch:

Katholische Kirche in der Krise

Von Dietmar Henning
14. April 2010

Rund zehn Wochen nachdem erste Fälle sexuellen Missbrauchs durch Mitglieder des Jesuiten-Ordens im renommierten Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden sind, melden sich fast täglich neue Opfer katholischer Einrichtungen. Die Missbrauchsfälle haben die katholische Kirche weltweit in eine tiefe Krise gestürzt.

Allein die vom Jesuitenorden beauftragte Anwältin Ursula Raue sagte am Wochenende, ihr seien bundesweit mittlerweile rund 170 Opfer bekannt, darunter 59 ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs. Im Jesuitenorden habe es bundesweit auch in den 1950er- und 1960er-Jahren Missbrauch durch Patres gegeben. Die genaue Zahl der bisher beschuldigten Täter nannte sie nicht.

Wahrscheinlich sind Tausende von Kindern und Jugendlichen allein in Deutschland Opfer der römisch-katholischen Kirche. Auch in anderen Ländern werden immer weitere Fälle bekannt. Über das wirkliche Ausmaß kann derzeit nur spekuliert werden. Doch ein im Mai 2009 in Irland veröffentlichter Bericht einer Untersuchungskommission lässt es erahnen. Der Bericht dokumentiert Missbrauch und Misshandlung von 35.000 Kindern in kirchlichen Einrichtungen Irlands zwischen 1914 und 2000.

Die nicht abreißenden Meldungen über den Missbrauch von meist männlichen Kindern und Teenagern durch katholische Priester und Würdenträger hinter Klostermauern, in Internaten und Heimen, in Pfarreien und Sakristeien haben zudem einen Dammbruch zur Folge. Auch in anderen staatlichen, privaten und kirchlichen Bildungseinrichtungen sind Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden. Die Opfer, die bislang aus Scham, aus Angst vor den Konsequenzen und aufgrund erlittener Traumata geschwiegen haben, sehen sich durch die mediale Aufmerksamkeit und das Ausmaß des Missbrauchs bestärkt, ihr teilweise jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. Vor allem das jahrzehntelange Vertuschen der Verbrechen durch die jeweiligen Institutionen - allen voran die katholische Kirche - hat zu einem Aufschrei geführt.

Die Vertreter des Vatikans und ihnen nahe stehende Politiker versuchen, die Missbrauchsfälle in Einrichtungen außerhalb der römisch-katholischen Kirche zu nutzen, um vom Ausmaß und den Gründen des Missbrauchs in ihren Reihen abzulenken. Insbesondere die Missbrauchsfälle der reformpädagogischen Odenwaldschule sollen belegen, dass sexueller Missbrauch in allen Einrichtungen vorkomme. Konservative behaupten, die Reformpädagogik selbst und die bildungspolitischen Reformen der 1970er Jahre seien ursächlich für den Missbrauch. Der stellvertretende Ministerpräsident von Hessen, Jörg-Uwe Hahn (FDP), verstieg sich gar zur absurden Behauptung, Sozialdemokraten und Grüne hätten in den 80er und 90er Jahren das Klima für sexuellen Missbrauch "den Boden bereitet".

In ähnlicher Weise werden die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs in Kinderheimen der DDR benutzt, mithilfe der Verbrechen des stalinistischen Regimes die Verbrechen der katholischen Kirche zu relativieren.

Der rechte erzkonservative Augsburger Bischof Walter Mixa führt die Missbrauchsfälle auf die zunehmende Sexualisierung des öffentlichen Lebens zurück. Der Anteil der Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen sei in einem "verschwindend geringen" Promille-Bereich.

Raniero Cantalamessa, persönlicher Prediger des Papstes, versucht, die katholische Kirche als Opfer einer Kampagne darzustellen. In einer Predigt am Karfreitag verglich er ihre aktuelle Lage mit antisemitischer Verfolgung, wovon sich der Vatikan allerdings distanzieren musste.

All dies sind durchsichtige Versuche, von den eigenen Verbrechen abzulenken und den Status Quo der römisch-katholischen Kirche zu wahren. Denn in Wirklichkeit rüttelt die jetzige Krise an ihren Grundfesten.

Das Schweigen des Vatikans

Aus diesem Grund wurden über Jahrzehnte Missbrauchsfälle in den Reihen der katholischen Kirche vertuscht und ihr Bekanntwerden unterdrückt, und zwar von den höchsten Amtsträgern. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch soll nach Recherchen der TV-Sendung Report Mainz und der Badischen Zeitung während seiner Tätigkeit als Personalreferent in der Erzdiözese Freiburg 1991 einen Pfarrer, der mindestens 17 Kinder und Jugendliche missbraucht haben soll, lediglich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt haben, ohne den Staatsanwalt zu informieren. Der Priester nahm sich 1995 das Leben.

Bischof Mixa wird von ehemaligen Heimkindern vorgeworfen, er habe sie in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen körperlich misshandelt. Mixa streitet dies ab.

Der heutige Papst Benedikt XVI. soll sich in seiner Zeit als Kardinal Joseph Ratzinger der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzt haben. In einem 1985 vom damaligen Kurienkardinal Ratzinger unterschriebenen Brief wurden Bedenken hinsichtlich der Folgen einer Amtsenthebung des Geistlichen für die Weltkirche geäußert. Der Priester Stephen Kiesle war bereits 1978 wegen sexueller Belästigung von zwei Jungen zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Nach Ende der Frist bat er 1981 darum, aus dem Priesterstand entlassen zu werden, und die Diözese sandte ein entsprechendes Schreiben an den Vatikan. Der Fall lag daraufhin vier Jahren lang in Rom, bevor Ratzinger dem Bischof antwortete. Bis zur Amtsenthebung des pädophilen Priesters vergingen zwei weitere Jahre, in denen der Mann weiter mit Kindern arbeitete.

Belegt ist das Schreiben De delictis gravioribus, in dem Kardinal Ratzinger 2001 allen Bischöfen mitteilte, dass der Vatikan die alleinige Kompetenz für Missbrauchsfälle reklamiert - eine unverhohlene Verpflichtung der Bischöfe zur Verschwiegenheit.

Bis jetzt hält sich der Papst bedeckt. Am 19. März unterzeichnete er einen Hirtenbrief zum Thema sexueller Missbrauch, der an die irische Gemeinde gerichtet ist. Zu den Fällen in Deutschland äußert er sich darin nicht. Auch in seiner Osterandacht schwieg er dazu.

Inzwischen ist in Deutschland ein "Runder Tisch" zum Thema geplant. Den Vorsitz übernehmen Familienministerin Kristina Schröder (CDU), Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die erste Zusammenkunft des 40-köpfigen Gremiums ist für den 23. April geplant.

Sein vollständiger Titel - "Sexueller Missbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich" - verweist darauf, dass sich die Kirche in einer Frage durchgesetzt hat. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte den ursprünglichen Plan eines Runden Tischs allein für die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche vehement abgelehnt. Er wird daher nicht mehr als ein weiterer Bestandteil der Vertuschungs- und Relativierungsversuche der katholischen Kirche sein.

Kirchen-Kritikerin Uta Ranke-Heinemann bezweifelt irgendeinen positiven Effekt dieses Tischs. Ranke-Heinemann war die erste Frau der Welt, die 1970 eine Professur für katholische Theologie erhielt. Die Professur musste sie 1987 aufgeben, weil sie an der Jungfrauengeburt zweifelte. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sexuellem Missbrauch im kirchlichen Rahmen. Im Interview mit Zeit Online sagte sie, es sei zu befürchten, "dass ein solcher Runder Tisch in Deutschland ein ähnliches Schicksal erleiden wird wie das,National Review Board‘, das 2002 in Amerika zur Aufklärung kirchlicher Missbrauchs-Vorwürfe eingerichtet wurde." Dessen Direktor, der ehemalige Gouverneur von Oklahoma, Frank Keating, sei nach einem Jahr zum Schluss gekommen: "Das ist nicht meine Kirche, das ist Mafia, das ist die Cosa Nostra." Er musste dann zurücktreten.

Ranke-Heinemann erinnerte auch an den Kardinal von Boston, Bernhard Francis Law. Er sei zwar 2002 zurückgetreten, weil er durch das ständige Versetzen von pädophilen Priestern und durch das Verheimlichen von Missbrauchsfällen vor staatlichen Behörden großen Schaden angerichtet hätte. "Danach allerdings bekam er ein hohes Amt im Vatikan."

Die Sexuallehre der Kirche

Kritiker aus der Kirche und ihrem Umfeld sehen endlich die Stunde gekommen, in der an der katholischen Sexuallehre gerüttelt werden kann, insbesondere am Zölibat. Dieses sehen sie als den Hauptgrund für die Nachwuchssorgen der katholischen Kirche an. Der Priestermangel in der katholischen Kirche, nicht nur in Deutschland, ist dramatisch. Eine Aufhebung des Zölibats würde ihnen zufolge nicht nur das Ansehen der katholischen Kirche in den Augen der Bevölkerung erhöhen, sondern auch mehr junge Menschen anziehen, den Beruf des Priesters zu wählen - also letztlich die Institution Kirche retten.

Der kirchenkritische Theologe Hans Küng schrieb in der Süddeutschen Zeitung, das Zölibat sei "der strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zur Sexualität, wie dies auch in der Frage der Empfängnisverhütung und anderem zum Ausdruck kommt". Viele Jahrhunderte seien Bischöfe und andere Glaubensverkündiger verheiratet gewesen, betont Küng. "Der Pflichtzölibat ist Hauptgrund für den katastrophalen Priestermangel, die folgenschwere Vernachlässigung der Eucharistiefeier und vielerorts des Zusammenbruchs der persönlichen Seelsorge."

Das Zölibat war nach jahrhundertelangen Diskussionen in der Kirche im hohen Mittelalter durchgesetzt worden. Ein maßgeblicher Grund war ökonomischer Art. Die römische Kirche versuchte zu verhindern, dass die von verheirateten Priestern verwalteten kirchlichen Pfründen durch den notwendigen Lebensunterhalt der Familie sowie durch Erbschaft dezimiert wurden. Auch die in der mittelalterlichen Gesellschaft übliche Vererbung der Ämter des Vaters auf den Sohn führte zu Konflikten mit Rom. Durch die Bekräftigung der Zölibatsverpflichtung im 11. Jahrhundert wurden diese Konflikte im Interesse Roms gelöst.

Bis heute stützt sich die katholische Kirche auf die im Mittelalter entwickelte Sexualtheorie. Der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, kritisierte denn auch in einem Interview mit dem Tagesspiegel, die katholische Kirche leide an Homophobie und habe sich beim Thema Sexualität vom realen Alltag weit entfernt.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, von der Bischofskonferenz erst kürzlich zum Beauftragten für Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche ernannt, räumte in einem Interview ein, dass man sich die Frage stellen müsse, "ob die priesterliche Lebensform krankhaft veranlagte Männer oder auch Homosexuelle in besonderer Weise anzieht". Hier bedürfe es "einer besonderen Wachsamkeit bei der Eignungsprüfung".

Die katholische Kirche ist jedoch mehr als das Zölibat. Jeder Aspekt der gegenwärtigen Krise - die Leiden der Opfer, die gestörte Sexualität der Priester, die Niedertracht der Kirchenfunktionäre beim Umgang mit dem Missbrauch - deuten auf eine kranke Institution hin, deren Praktiken und Lehren elementaren menschlichen Bedürfnissen zuwider laufen und unvermeidlich ungesunde psychisch-sexuelle Bedingungen schaffen.

Die katholische Kirche ist ein Anachronismus, ein Hohn auf die moderne Gesellschaft. Die korrupten und feisten Kirchenfunktionäre leben wie Könige, ziehen gegen Sünde und Laster zu Felde, denen sie nicht selten selbst frönen, bekämpfen Verhütung und das Recht auf Abtreibung, verurteilen die Homosexualität, begeistern sich für geistige Unterdrückung und widersetzen sich Wissenschaft und Rationalität. Gleichzeitig verbünden sie sich - seitdem das Christentum, entstanden aus einer revolutionären jüdischen Sekte, im Jahre 380 Staatsreligion im römischen Reich wurde - mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen (1939 segneten sie die Waffen der Hitler-Armeen) und machen das Leben zu einer Plage für Millionen Menschen, die sei auf das himmlische Paradies nach ihrem Tod vertrösten.

Dieser Hort an gesellschaftlicher Reaktion und Rückständigkeit muss zwangsläufig auch in den persönlichen Beziehungen innerhalb der Kirche sowie zwischen Priestern und Mitgliedern der Kirchengemeinden seinen Ausdruck finden.

Die Voreingenommenheit gegenüber Sex, das Zölibat, die These der unbefleckten Empfängnis, der jungfräulichen Geburt, der Unsinn der Heiligen Dreifaltigkeit und andere katholische Lehren und Dogmen sind untrennbar miteinander verbunden. Man kann kaum ein Element davon entfernen, ohne das ganze Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Das ist der tiefere Grund für den abscheulichen Umgang der römisch-katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch. Es geht um Selbsterhalt. Lieber gefährden die Kirchenverantwortlichen das Leben der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen, treiben sie ihre Priester in aussichtslose Situationen, kurz, verweigern sie sich den Realitäten der Zivilisation, als dass sie die Auflösung der gesamten Institution riskieren.

Siehe auch:
Die Gründe für den verbreiteten sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche
(2. Mai 2002)
Papstvisite in USA - Medien# Weißes Haus und Kongress begrüßen Sprecher des religiösen Obskurantismus
( 29. April 2008)
Sexueller Kindesmissbrauch
( 20. Februar 1999)