Historische Grundlagen der Partei für Soziale Gleichheit

Teil 5

6. Juli 2010

Die Historischen Grundlagen der Partei für Soziale Gleichheit wurden am 23. Mai 2010 von einem Bundesparteitag der PSG nach ausführlicher Diskussion einstimmig verabschiedet. Wir veröffentlichen das Dokument in 11 Teilen. Es kann auch als Ganzes im PDF-Format heruntergeladen werden und wird demnächst als Buch erscheinen.

XII. Der Zentrismus der SAP

85. Die fünf Jahre, die zwischen Trotzkis Aufruf für eine neue Internationale und ihrer Gründung im September 1938 lagen, dienten einem intensiven Klärungsprozess. Im Mittelpunkt stand dabei die Auseinandersetzung mit dem Zentrismus, der eine Art Mittelweg zwischen Stalinismus und Trotzkismus, zwischen reformistischer und revolutionärer Politik anstrebte. Die Vorgänge in Deutschland hatten die Perspektive friedlicher Entwicklung und demokratischer Reformen diskreditiert und einen Gärungsprozess in den Reihen der reformistischen und stalinistischen Parteien ausgelöst, den Trotzki zu beeinflussen suchte. "Der Reformismus macht den zahllosen Schattierungen des Zentrismus Platz, die heute in den meisten Ländern das Feld der Arbeiterbewegung beherrschen", schrieb er. "Die neue Internationale wird sich hauptsächlich auf Kosten der heute vorherrschenden zentristischen Tendenzen und Organisationen entwickeln müssen. Zugleich kann sich die neue Internationale nicht anders herausbilden als im konsequenten Kampf gegen den Zentrismus. Ideologische Unversöhnlichkeit und geschmeidige Einheitsfrontpolitik sind unter diesen Bedingungen zwei Werkzeuge zur Erreichung ein und derselben Ziele." [46]

86. Im Artikel "Zentrismus und die Vierte Internationale" arbeitete Trotzki die wichtigsten Merkmale des Zentrismus heraus: Er sei theoretisch formlos und eklektisch, fliehe möglichst theoretische Verpflichtungen und sei "(in Worten) geneigt, der ‚revolutionären Praxis’ den Vorzug zu geben vor der Theorie, ohne zu begreifen, dass allein die marxistische Theorie der Praxis revolutionäre Richtung zu geben vermag". Ideologisch führe der Zentrismus ein Schmarotzerleben. Er benutze die Argumente der Reformisten gegen den Marxismus und die Argumente der Marxisten gegen die Rechten, wobei er vor den praktischen Schlussfolgerungen ausweiche und der marxistischen Kritik die Spitze abbreche. Er stehe "dem revolutionären Prinzip: ‚Aussprechen was ist’, voll Widerwillen gegenüber" und neige dazu, "die grundsätzliche Kritik mit persönlichem Kombinieren und kleinlicher Diplomatie zwischen Organisationen zu vertauschen". Er bleibe in geistiger Abhängigkeit von den Gruppierungen der Rechten und verberge seine Halbheit "oft mit Hinweisen auf die Gefahr des ‚Sektierertums’, wobei er unter Sektierertum nicht abstrakt-propagandistische Passivität versteht, sondern die aktive Sorge um prinzipielle Sauberkeit und Klarheit der Einstellung, um politische Folgerichtigkeit und organisatorische Geformtheit". Er begreife nicht, "dass man in der heutigen Epoche die nationale revolutionäre Partei nur als Teil der internationalen Partei aufbauen kann", und sei in der Wahl seiner internationalen Verbündeten "noch weniger wählerisch als im eigenen Lande". Er schwöre auf die Einheitsfrontpolitik, "wobei er sie des revolutionären Inhalts beraubt und aus einer taktischen Methode zum obersten Grundsatz macht". Und er nehme "gern Zuflucht zu pathetischem Moralisieren, um seine ideologische Hohlheit zu verdecken", ohne zu verstehen, "dass die revolutionäre Moral nur auf dem Boden der revolutionären Doktrin und der revolutionären Politik entstehen kann". [47]

87. In der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) fanden sich all diese Merkmale wieder. Die SAP war im Herbst 1931 als linke Abspaltung der SPD entstanden und hatte sich zu einem Sammelbecken für unterschiedliche Strömungen entwickelt, die in der SPD und KPD keinen Platz fanden - linke Sozialdemokraten, ehemalige Führer der USPD (darunter Georg Ledebour), Restbestände der KAPD, Überläufer aus dem Leninbund und der KPD-Opposition (Brandlerianer) und radikale Pazifisten. Für die Massen sei der "Zentrismus bloß Übergang von einer Etappe zur anderen", schrieb Trotzki, für einzelne Politiker sei er dagegen zur zweiten Natur geworden. Er charakterisierte die Spitze der SAP als "Gruppe verzweifelter sozialdemokratischer Beamter, Advokaten, Journalisten." Ein verzweifelter Sozialdemokrat sei aber noch kein Revolutionär. [48]

88. Die SAP hatte kein eigenes politisches Programm. Sie stützte sich nicht auf ein gemeinsames Verständnis großer historischer Ereignisse, deren Lehren ihren Kadern in Fleisch und Blut übergegangen waren. Die Stelle des Programms nahm die Einheitsfrontpolitik ein, die sie aus einer Taktik in eine Strategie verwandelte. Statt für eine durchdachte revolutionäre Perspektive trat sie für Einheit um jeden Preis ein, was unweigerlich zur Anpassung an die Sozialdemokratie führte. Charakteristisch war ihr Vorwurf, die KPD spalte mit dem Aufbau der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) die Gewerkschaften. Trotzki, der die RGO-Politik ebenfalls ablehnte, antwortete: "Es handelt sich keineswegs darum, dass die KPD die Reihen des Proletariats ‚spaltet’ und die sozialdemokratischen Verbände ‚schwächt’. Das sind keine revolutionären Kriterien, denn unter der heutigen Leitung dienen die Verbände nicht den Arbeitern, sondern den Kapitalisten. Das Verbrechen der KPD liegt nicht darin, dass sie Leiparts Organisation [den ADGB] ‚schwächt’, sondern darin, dass sie sich selbst schwächt. Die Teilnahme der Kommunisten an den reaktionären Verbänden ist nicht durch ein abstraktes Einheitsprinzip diktiert, sondern von der Notwendigkeit des Kampfs um die Säuberung der Organisationen von den Agenten des Kapitals. Bei der SAP tritt dieses aktive, revolutionäre, offensive Element zurück vor dem nackten Prinzip der Einheit von Verbänden, die durch Agenten des Kapitals geführt werden." [49]

89. Unter den Schlägen des Nationalsozialismus bewegte sich die SAP vorübergehend nach links. Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld, zwei linke Sozialdemokraten, wurden an der Parteispitze durch Jacob Walcher und Paul Frölich abgelöst, zwei Gründungsmitglieder der KPD, die aus der von Brandler geführten KPD-Opposition kamen. Im August 1933 rief die SAP gemeinsam mit der Internationalen Linken Opposition und zwei holländischen Parteien zum Aufbau der Vierten Internationale auf. Die Unterzeichner der "Erklärung der Vier" erklärten kategorisch, "dass die neue Internationale keinerlei Versöhnlertum gegenüber Reformismus und Zentrismus dulden kann. Die notwendige Einheit der Arbeiterbewegung kann nicht durch eine Verwischung der revolutionären und der reformistischen Auffassungen oder durch eine Anpassung an die stalinistische Politik erreicht werden, sondern nur, wenn die Politik der beiden bankrotten Internationalen überwunden wird. Soll die neue Internationale auf der Höhe ihrer Aufgaben stehen, darf sie in der Frage des Aufstands, der proletarischen Diktatur, der Sowjetform des Staates usw. keinerlei Abweichung von den revolutionären Grundsätzen zulassen." [50]

90. Doch in der Praxis sabotierte die SAP den Aufbau der Vierten Internationale von Anfang an. Als die stalinistischen Parteien zur Volksfrontpolitik übergingen, rückte sie offen davon ab. Unter dem Titel "Trotzkismus oder revolutionäre Realpolitik" erklärte die SAP nun, die Gründung der Internationale liege noch nicht im Bereich des Möglichen. Die Vorhut könne die Entwicklungsetappen des proletarischen Bewusstseins nicht überspringen. "Es wäre unsinnig, zu glauben, die Massen würden spontan eines Tages - wenn nicht heute dann morgen - die Richtigkeit dieser Prinzipien erkennen und sich um sie scharen." Die zur Internationale notwendige Homogenität könne sich erst aus der gemeinsamen Erfahrung ergeben. Jedes "abstrakte Schwören auf angelernte Prinzipien oder eine Führergestalt" ergebe "nur ein lächerliches Zerrbild einer wirklichen Übereinstimmung". Die theoretische Basis der neuen Internationale bestehe nicht aus einigen schon jetzt fertig vorhandenen Formeln, sondern müsse sich erst im Verlauf ihrer Entstehung bilden. In Ländern mit entwickeltem Proletariat bilde "sich die Avantgarde nicht durch die Verkündung noch so ‚richtiger’, aber abstrakter Prinzipien, sondern durch die dauernde Teilnahme an den konkreten Tageskämpfen des Proletariats." [51]

91. "Trotzkismus oder revolutionäre Realpolitik" war die Antwort der SAP auf einen Offenen Brief, den Trotzki im Sommer 1935 an alle revolutionären Gruppen und Organisationen gerichtet hatte. Trotzki hatte darin betont, dass der Aufbau neuer Parteien und der neuen Internationale der Schlüssel zur Lösung aller anderen Aufgaben sei. Das Tempo und der Zeitpunkt einer neuen revolutionären Entwicklung hingen zwar vom allgemeinen Verlauf des Klassenkampfs ab. "Aber Marxisten sind keine Fatalisten. Sie bürden dem ‚historischen Prozess’ nicht die Aufgaben auf, die der historische Prozess ihnen gestellt hat. Die Initiative einer bewussten Minderheit, ein wissenschaftliches Programm, mutige und unermüdliche Agitation im Namen klar formulierter Ziele, gnadenlose Kritik jeder Zweideutigkeit - dies sind einige der wichtigsten Faktoren für den Sieg des Proletariats. Ohne eine geschlossene und gestählte revolutionäre Partei ist eine sozialistische Revolution undenkbar." [52]

92. Zu den SAP-Mitgliedern, die Trotzki am heftigsten angriffen, gehörte Willy Brandt, der spätere deutsche Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende. Der damals 22-jährige leitete die Zentrale des SAP-Jugendverbandes in Oslo und vertrat diesen im Internationalen Büro revolutionärer Jugendorganisationen. Brandt sorgte für den Ausschluss der Trotzkisten aus dem Internationalen Jugendbüro und verfasste Artikel, die dem Trotzkismus "schlimmstes Sektierertum" vorwarfen. "Unserer Auffassung nach besteht der wesentliche Gegensatz - ein Gegensatz prinzipieller Natur - zwischen uns und den Trotzkisten in der Stellung zum Werdegang der proletarischen Partei und zum Verhältnis zwischen Partei und Klasse", schrieb Brandt. "Für die Trotzkisten steht die Aufgabe der Schaffung einer ideologisch exakt ausgerichteten ‚Avantgarde’ über die Arbeiterklasse. Vor uns steht die Pflicht, an der Schaffung wahrhaft kommunistischer proletarischer Massenorganisationen mitzuwirken, auf dem Boden der westeuropäischen Arbeiterbewegung, aus praktischem Leben und Tradition der arbeitenden Klasse unseres Landes heraus." [53]

93. Der "Boden der Arbeiterbewegung", den Brandt meinte, war hochgradig stalinistisch und sozialdemokratisch verseucht. Brandt verteidigte die Volksfrontpolitik der Stalinisten und befürwortete eine Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Parteien. In Spanien, wo er 1937 als Kriegsberichterstatter hinreiste, kritisierte er die zentristische POUM von rechts. Ihre Fehler seien "zumeist ultralinker, sektiererischer Art", behauptete er. Sie sei bei der Unterstützung der Volksfront nicht weit genug gegangen. "Nicht ‚gegen die Volksfront’ durfte die Parole sein, sondern: ‚Über die Volksfront hinaus’." [54] Die Schule der SAP - und seine wütenden Attacken auf den Trotzkismus - bereiteten Brandt auf seine spätere Rolle vor. Als erster sozialdemokratischer Kanzler der Bundesrepublik gelang es ihm 1969, einen Großteil der rebellierenden Studenten in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren, während er linke Elemente mit dem Radikalenerlass strikt ausgrenzte.

94. Die verhängnisvollen Folgen des Zentrismus wurden schließlich am Verhalten der POUM im spanischen Bürgerkrieg deutlich. Die Partei von Andres Nin, die ebenso wie die SAP Mitglied des zentristischen Londoner Büros war, unterwarf sich in allen entscheidenden Fragen den Stalinisten und trat auf dem Höhepunkt der Revolution der Volksfrontregierung in Barcelona bei. Sie diente der Koalition aus Republikanern, Sozialisten, Stalinisten und Anarchisten, die die spanische Revolution zugrunde richteten, als linkes Feigenblatt und verbaute so den Arbeitern, die immer wieder gegen ihre alte Führung Sturm liefen, den Zugang zu einer revolutionären Perspektive. Den Verteidigern der POUM, die die spanische Niederlage auf die angebliche "Unreife" der Massen zurückführten, antwortete Trotzki: "Die historische Verfälschung besteht darin, die Verantwortung für die spanische Niederlage den arbeitenden Massen aufzuladen und nicht den Parteien, die die revolutionäre Bewegung der Massen gelähmt oder einfach zerbrochen haben. Die Anwälte der POUM leugnen einfach die Verantwortung der Führer, um sich damit vor ihrer eigenen Verantwortung drücken zu können. Diese Philosophie der Ohnmacht, die versucht, Niederlagen als notwendige Glieder in der Kette überirdischer Entwicklungen hinzunehmen, ist total unfähig, Fragen nach solch konkreten Faktoren wie Programmen, Parteien, Persönlichkeiten, die die Organisatoren der Niederlagen waren, überhaupt aufzuwerfen, und weigert sich, dies zu tun. Diese Philosophie des Fatalismus und der Schwäche ist dem Marxismus als der Theorie der revolutionären Aktion diametral entgegengesetzt." [55]

XIII. Die Gründung der Vierten Internationale

95. Im September 1938 fand in der Nähe von Paris der Gründungskongress der Vierten Internationale statt. Das Gründungsdokument "Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale (Das Übergangsprogramm)" hatte Trotzki verfasst. Es stellt fest: "Die objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution nicht nur ‚reif’, sondern beginnen bereits zu verfaulen. Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe. Alles hängt nunmehr vom Proletariat ab, das heißt vor allem von seiner revolutionären Vorhut. Die geschichtliche Krise der Menschheit läuft auf die Krise der revolutionären Führung hinaus." [56]

96. Den Skeptikern und Zentristen, die den Aufbau einer neuen Internationale für verfrüht hielten und meinten, eine solche Organisation müsse aus "großen Ereignissen" hervorgehen, antwortete das Übergangsprogramm: "Die Vierte Internationale ist bereits aus großen Ereignissen hervorgegangen: den größten Niederlagen des Proletariats in der Geschichte. Verursacht wurden diese Niederlagen durch die Entartung und den Verrat der alten Führung. Der Klassenkampf duldet keine Unterbrechung. Die Dritte Internationale ist nach der Zweiten für die Revolution tot. Es lebe die Vierte Internationale." Selbst wenn die Vierte Internationale zahlenmäßig noch schwach sei, so sei "sie doch stark aufgrund ihrer Lehre, ihres Programms, ihrer Tradition und der unvergleichlichen Festigkeit ihres Kaders". Der "Bürokratie der II. und III. Internationale, der Amsterdamer und der anarchosyndikalistischen Internationale sowie ihren zentristischen Satelliten" erklärte das Übergangsprogramm "einen unversöhnlichen Krieg" und stellte fest: "All diese Organisationen sind nicht Bürgen der Zukunft, sondern faulende Überbleibsel der Vergangenheit." [57]

97. Um die Kluft zwischen der Reife der objektiven, revolutionären Voraussetzungen und der Unreife des Proletariats und seiner Vorhut zu überwinden, formulierte das Übergangsprogramm eine Reihe von ökonomischen und politischen Forderungen - wie die gleitende Lohnskala, die Verstaatlichung von Industrie, Banken und Landwirtschaft, die Bewaffnung des Proletariats, die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung. Diese Übergangsforderungen stellen eine Brücke dar, "die von den heutigen Bedingungen und dem heutigen Bewusstsein breiter Schichten der Arbeiterklasse ausgehen und stets zu ein und demselben Schluss führen: zur Machteroberung des Proletariats". Sie haben die Aufgabe, das revolutionäre Bewusstsein der Arbeiterklasse zu entwickeln, und dienen nicht dazu, sich an das vorherrschende Bewusstsein anzupassen. "Das Programm muss eher die objektiven Aufgaben der Arbeiterklasse als die Rückständigkeit der Arbeiter ausdrücken", betonte Trotzki. "Es muss die Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie ist, und nicht die Rückständigkeit der Arbeiterklasse. Es ist ein Werkzeug, die Rückständigkeit zu überwinden und zu besiegen." [58]

98. Revisionistische Strömungen haben seither wiederholt versucht, das Übergangsprogramm in opportunistischer Weise zu interpretieren, indem sie einzelne Forderungen aus dem Zusammenhang rissen. So bezeichnete der amerikanische Revisionist George Novack das Übergangsprogramm als "vielseitig verwendbaren Werkzeugkasten", aus dem man "wie ein guter Handwerker" das für eine bestimmte Aufgabe geeignete Werkzeug wählen könne. Auf diese Weise lässt sich jedes opportunistische Manöver rechtfertigen. Aber gerade das ist nicht der Sinn von Übergangsforderungen, die niemals im Gegensatz zur sozialistischen Perspektive stehen dürfen, auf der sie beruhen.

99. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 verschärfte sich die Verfolgung Trotzkis und der Vierten Internationale. Die revolutionären Folgen des Ersten Weltkriegs waren den imperialistischen Mächten und der Sowjetbürokratie noch frisch im Gedächtnis. Stalin musste fürchten, der Krieg werde eine revolutionäre Bewegung hervorrufen, die Trotzki wieder an die Macht bringen könnte. Um Trotzki zu beseitigen und das Wachsen der Vierten Internationale zu verhindern, drangen stalinistische Agenten in die trotzkistische Bewegung ein und ermordeten enge Mitarbeiter Trotzkis, darunter seinen Sohn Leon Sedow. Am 20. August 1940 wurde Trotzki selbst von dem GPU-Agenten Ramon Mercader in seinem Haus in Coyoacan bei Mexiko-Stadt niedergestreckt. Er starb am folgenden Tag. Der Mord an Trotzki war ein schwerer Schlag für den internationalen Sozialismus. Der neben Lenin wichtigste Führer der Oktoberrevolution, unerschütterliche Gegner des Stalinismus und Gründer der Vierten Internationale war der letzte und größte Vertreter der politischen, intellektuellen, kulturellen und moralischen Tradition des klassischen Marxismus, der Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die revolutionäre Arbeitermassenbewegung inspiriert hatte.

XIV. Der Zweite Weltkrieg

100. Der Zweite Weltkrieg war wie schon der Erste ein imperialistischer Krieg. "Er folgte unerbittlich aus den Widersprüchen der internationalen kapitalistischen Interessen", wie Trotzki 1940 schrieb. "Entgegen den offiziellen Fabeln, die das Volk einlullen sollen, ist die Hauptursache des Krieges, wie aller anderen sozialen Übel - Arbeitslosigkeit, hohe Lebenskosten, Faschismus, koloniale Unterdrückung - das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der bürgerliche Staat, der darauf beruht." Solange sich die Hauptproduktivkräfte der Gesellschaft im Besitz von vereinzelten Kapitalistencliquen befinden, fuhr Trotzki fort, "und so lange der nationale Staat ein fügsames Werkzeug in den Händen dieser Cliquen bleibt, muss der Kampf um Märkte, um Rohstoffquellen, um die Weltherrschaft unweigerlich einen immer verwüstenderen Charakter annehmen. Die Staatsmacht und die Herrschaft über die Wirtschaft kann diesen räuberischen imperialistischen Cliquen nur von der revolutionären Arbeiterklasse aus den Händen gerissen werden." [59]

101. Wie schon 1914 ging die Initiative im Kampf um die Neuaufteilung der Welt wieder von Deutschland aus. Später als seine Rivalen England und Frankreich auf die imperialistische Weltbühne getreten, hatte es 1914 versucht seinen dynamischen Produktivkräften Raum zu verschaffen, indem es Europa auf Kosten seiner Rivalen neu organisierte - und war dabei gescheitert. Der zweite Versuch war besser vorbereitet - durch ein Regime, das jeden inneren Widerstand erstickte und alle ökonomischen Ressourcen zum Aufbau einer gewaltigen Militärmaschinerie bündelte.

102. Die ungeheure Aggressivität des deutschen Imperialismus machte den Krieg von Seiten der Alliierten jedoch nicht zu einem antifaschistischen Krieg. Sowohl in der britischen wie in der amerikanischen herrschenden Elite hatte es vor Kriegsausbruch erhebliche Sympathien für Hitler gegeben, und die französische arrangierte sich nach der militärischen Niederlage mit den deutschen Besatzern. Die Alliierten verfolgten - mit Ausnahme der Sowjetunion - ihre eigenen imperialistischen Ziele. England kämpfte um die Verteidigung seiner Kolonien und seiner einstigen Vormachtstellung. Die USA griffen in den Krieg ein, um ihre Weltherrschaft in Europa und im Pazifik zu sichern. Hitlers Ziel, die Sowjetunion zu zerschlagen, waren in den USA und England auf Wohlwollen gestoßen. Doch angesichts der drohenden deutschen Übermacht verbündeten sie sich mit der Sowjetunion, die die größten Opfer im Krieg erbrachte, und verschoben die Konfrontation auf später.

103. Die stalinistische Bürokratie ihrerseits tat alles, um ihren Verbündeten zu beweisen, dass sie keine revolutionären Absichten hegte. Ab 1935 hatte sie im Namen der Volksfront gegen den Faschismus "demokratische" bürgerliche Regierungen unterstützt. 1939 schloss Stalin einen Pakt mit Hitler und lieferte ihm deutsche Kommunisten aus. Und nachdem Hitler 1941 den Pakt gebrochen und die Sowjetunion überfallen hatte, unterstützten die Kommunistischen Parteien in den alliierten Ländern bedingungslos die kriegsführende Bourgeoisie und unterdrückten jede Äußerung des Klassenkampfs. In den besetzten Ländern unterstellten sie den antifaschistischen Widerstand rechten bürgerlichen Gestalten wie General de Gaulle. In den Kolonialländern forderten sie die nationalen Bewegungen auf, im Krieg ihren kolonialen Unterdrückern Beistand zu leisten. Und in der Sowjetunion selbst appellierten sie nicht an das Klassenbewusstsein der Arbeiter, sondern an den russischen Nationalismus. Bis heute wird der Zweite Weltkrieg im Russischen mit dem stalinistischen Begriff "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet.

104. Die Trotzkisten führten einen mutigen und heroischen Kampf gegen Faschismus und Krieg. Verfolgt von Nationalsozialisten und Stalinisten, beteiligten sie sich am antifaschistischen Widerstand und bemühten sich, ihn auf eine proletarische Klassengrundlage zu stellen. Die deutschen Trotzkisten, die sich ab Oktober 1933 Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD) nannten, hatten sich frühzeitig auf die Illegalität vorbereitet und verfügten im ganzen Land über rund tausend Unterstützer, als Hitler die Macht ergriff. Einige bekannte Führer, die mit ihrer Verhaftung rechnen mussten, gingen ins Exil. Ein Auslandkomitee leitete die Arbeit in enger Zusammenarbeit mit dem Internationalen Sekretariat unter Leon Sedow. Es gab die Zeitung Unser Wort heraus, die illegal nach Deutschland eingeschleust wurde. Viele wichtige Schriften Trotzkis wurden vor allem von Dresdener Mitgliedern der IKD unter Lebensgefahr über die tschechoslowakische Grenze geschmuggelt und an die trotzkistischen Untergrundgruppen in Deutschland verteilt.

105. Viele Mitglieder der IKD wurden von den Nationalsozialisten ermordet oder ins Konzentrationslager gesteckt. Im Herbst 1935 kam es unter den deutschen Trotzkisten zu einer Verhaftungswelle. Die Gestapo deckte Zellen in Gelsenkirchen, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Kassel, Magdeburg, Dresden und Danzig auf. Rund 150 wanderten ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager. Im Sommer 1936 verurteilte das Oberlandesgericht Hamm 23 Mitglieder der IKD zu insgesamt 70 Jahren Haft. Drei führende Mitglieder der Gelsenkirchener Gruppe wurden vom Volksgerichtshof verurteilt. Im Januar 1937 wurden in der Freien Stadt Danzig zehn Trotzkisten vor Gericht gestellt und abgeurteilt. Sie hatten zur "Niederringung des Faschismus mit den Waffen des Proletariats" aufgerufen. "Die Organisierung der Arbeiter in den Betrieben, Stempelstellen und Arbeitsdienstlagern zwecks Widerstand und aktivem Kampf gegen den Nationalsozialismus, das ist das einzige Mittel, den Faschismus zu besiegen", hieß es in einem ihrer Flugblätter. [60]

106. 1938 waren die IKD mit zwei Delegierten auf der Gründungskonferenz der Vierten Internationale vertreten. Im besetzten Frankreich verbreiteten deutsche und französische Trotzkisten gemeinsam die Zeitung Arbeiter und Soldat unter deutschen Soldaten. Im Gegensatz zu den Stalinisten, die sich dem bürgerlichen nationalen Widerstand unterordneten, kämpften die Trotzkisten für ein Bündnis der europäischen Arbeiter, das die deutsche Arbeiterklasse mit einschloss. Der Herausgeber von Arbeiter und Soldat, Widelin (Martin Monat), wurde später von der Gestapo ermordet.

107. Widelin vertrat die deutsche Sektion im Februar 1944 auf einer sechstägigen, geheimen Konferenz der Vierten Internationale im besetzten Frankreich, die ein europäisches Exekutivkomitee wählte und umfangreiche Perspektivresolutionen verabschiedete. Die Konferenz ging davon aus, dass der Krieg in eine revolutionäre Krise münden werde. Während sie Bündnisse des Proletariats mit der Bourgeoisie ablehnte, unterstützte sie den Widerstandskampf gegen die deutschen Besatzer: "Das Proletariat unterstützt diesen Kampf, um seine Umwandlung in einen allgemeinen Kampf gegen den Imperialismus zu fördern und zu beschleunigen. Diese Stellung beinhaltet den energischsten Kampf gegen Versuche von Agenten der nationalen Bourgeoisie, die Massen zu gewinnen und ihre Unterstützung für die Rekonstruktion des kapitalistischen Staates und der Armee auszunutzen. Es muss im Gegenteil alles getan werden, was im Bereich des Möglichen liegt, um die keimhafte Arbeitermacht (Milizen, Komitees usw.) weiterzuentwickeln und zur gleichen Zeit den heftigsten Kampf gegen alle Formen des Nationalismus zu führen." [61]

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Anmerkungen

46) Leo Trotzki, Der Zentrismus und die Vierte Internationale, in: ebd., S. 329

47) ebd., S. 330-331

48) Leo Trotzki, Was nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats, in: Porträt des Nationalsozialismus, S. 131

49) ebd., S. 130

50) Die Erklärung der Vier, in: Leo Trotzki, Schriften 3.3, Köln 2001, S. 459

51) Trotzkismus oder revolutionäre Realpolitik : eine notwendige Auseinandersetzung, hrsg. von der Auslandszentrale der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Paris, ca. 1935

52) An open letter to all revolutionary proletarian organizations and groupings, in: Documents of the Fourth International, S. 74

53) In: Marxistische Tribüne, Diskussionsblätter für Arbeiterpolitik, hrsg. von der SAP, Paris 1935-37

54) Willy Brandt, Ein Jahr Krieg und Revolution in Spanien. Referat auf der Sitzung der erweiterten Parteileitung der SAP (1937), in: Neue Gesellschaft, Frankfurter Hefte 1/1987, S. 47-48

55) Leo Trotzki, Klasse, Partei und Führung. Warum wurde das spanische Proletariat besiegt?, in: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1931-39, Band 2, Frankfurt 1976, S. 346

56) Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, S. 84

57) ebd., S. 131, 127

58) ebd., S. 86, 140

59) Manifest der Vierten Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution, in: Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, S. 213-214

60) Zitiert bei: Leo Trotzki, Der Danziger Trotzkisten-Prozess, in: Schriften über Deutschland", Band II, S. 714

61) Thèses sur la liquidation de la deuxième guerre impérialiste et la montée révolutionnaire, deutsch zitiert in : Georg Jungclas 1902-1975. Eine politische Dokumentation, Hamburg: Junius 1980, S. 124