China jetzt vor Japan zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt

Von Peter Symonds
24. August 2010

China hat letzte Woche den Sprung zur zweitgrößten Wirtschaft der Welt geschafft. Es liegt noch immer hinter den USA, aber vor Japan, das diesen Platz 40 Jahre lang innehatte. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im 2. Quartal 1,335 Billionen US-Dollar, verglichen mit Japans 1,286 Billionen US-Dollar, und scheint mit großer Gewissheit weiter zuzunehmen. Chinas Wachstumsrate für das Quartal lag bei 10, 3 Prozent gegenüber gerade einmal 0,4 Prozent für Japan.

Weil China in den vergangenen zwanzig Jahren eine atemberaubende Wachstumsrate von fast zehn Prozent aufwies, gehen Wirtschaftsfachleute davon aus, dass das Land die USA bis 2030, wenn nicht früher, überholen werde, womit es größte Wirtschaftsmacht der Erde sein würde. Chinas zukünftiger Kurs wird allerdings weder unaufhaltsam nach oben führen, noch friedlich verlaufen. Sein Aufstieg verändert das globale Machtgleichgewicht grundlegend und kündigt eine neue Periode der Konfrontation und des Konfliktes zwischen den Supermächten an.

Es fehlt nicht an Statistiken, die Chinas wachsende wirtschaftliche Schlagkraft belegen. Letztes Jahr überholte das Land Deutschland als führende Exportnation. Dieses Jahr zog es als weltgrößter Automarkt an den USA vorbei. Die Produktionsleistung der Stahlindustrie ist fast so groß wie die der gesamten restlichen Welt zusammengenommen. Zahlen der Internationalen Energiebehörde vom letzten Monat belegen, dass China heute weltgrößter Energieverbraucher ist und damit noch vor den USA liegt.

Chinas Stellung darf jedoch nicht national isoliert betrachtet werden, sondern nur in Beziehung zur globalen Wirtschaft, die jedes einzelne Land gebieterisch beherrscht. Chinas Aufstieg ist direkt mit seiner Funktion als weltweit billigstes Arbeitskräftereservoir verbunden, was an sich schon zu explosiven Widersprüchen führt. Sein gesamtes BIP ist zwar das zweitgrößte der Welt, doch Chinas Pro-Kopf-BIP beträgt ganze 3.600 US-Dollar und steht damit in der Rangordnung des Internationalen Währungsfonds von 2009 an 98. Stelle, zwischen dem verarmten Albanien und El Salvador.

Die riesige soziale Kluft zwischen Reich und Arm entlarvt die Behauptung der stalinistischen Bürokratie in Beijing, sie sei sozialistisch oder kommunistisch, als schlechten Witz. China hat nach den USA die zweitgrößte Anzahl an Dollar-Millionären auf der Welt, während 150 Millionen Menschen in bitterster Armut leben und nicht mehr als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben.

Die historische Entwicklung, die China in den weltweit größten Arbeitsmarkt verwandelte, hat eine riesige Arbeiterklasse hervorgebracht – etwa 400 Millionen an der Zahl. Dutzende Millionen junger Landarbeiter sind in die Industriestädte und –gebiete gezogen, wo sie unter erdrückenden Bedingungen schuften. Die Streiks in Autofabriken und anderen Produktionsstätten im Juni und Juli ließen die herrschenden Kreise in China und international erzittern. Die Arbeiter machten klar, dass sie die gnadenlose Ausbeutung durch internationale Konzerne nicht länger hinnehmen werden.

Die Wirtschaftskrise wird diese sozialen Spannungen weiter verstärken. Nur durch riesige Ankurbelungsprogramme und eine gewaltige Ausweitung von Krediten ist die chinesische Regierung einem scharfen wirtschaftlichen Rückgang bisher entgangen. Diese Maßnahmen, die bereits an ihre Grenzen stoßen, haben vor allem im Häusermarkt zu einer enormen Spekulationsblase geführt, die zwangsläufig platzen wird. Der chinesische Professor Li Daokui weist warnend darauf hin, dass die Blase auf dem Häusermarkt in China „viel größer“ sei als alle Immobilienprobleme in den USA und in Großbritannien vor der Finanzkrise von 2007-2008.

Eine globale Verlangsamung wird nicht nur Chinas innere Widersprüche verschlimmern, sondern auch die Reibungen mit seinen Rivalen. Die Schattenseite von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg ist der relative Niedergang der Positionen der USA und Japans. Keine der beiden Nationen wird ihren Abstieg auf einen hinteren Platz freiwillig oder friedlich hinnehmen. Chinas gewaltige Nachfrage nach Energie und Rohstoffen treibt das Land schon jetzt auf allen fünf Erdteilen in einen Wettbewerb mit den bestehenden Mächten.

Obwohl die japanische Presse kaum davon Notiz nahm, dass das Land nun hinter China zurückgefallen ist, wird das Thema in herrschenden Kreisen zweifellos intensiv diskutiert. In den späten 1980ern wurde Japan als das Wirtschaftswunderland bejubelt, das die USA irgendwann überholen würde. Es hieß, der Grundstückswert in Tokio übersteige den von ganz Kalifornien. Das war vor dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase in den frühen 1990ern, das zu zwei Jahrzehnten wirtschaftlicher Stagnation und Rezession führte.

Wie andere asiatische Ökonomien hängt Japan erheblich von einem expandierenden China als seinem wichtigsten Markt und seiner wichtigsten Importquelle ab. Japan und China rivalisieren nach wie vor um politische und strategische Vorherrschaft in der Region und stehen im offenen Streit um mehrere maritime Territorialfragen. Japan sieht Chinas militärische Expansion, einschließlich des Aufbaus einer Hochseeflotte zur Verteidigung seiner lebenswichtigen Schiffsrouten, als Bedrohung der eigenen Sicherheit an, bleibt mit den USA verbündet und baut klammheimlich seine eigenen militärischen Kapazitäten aus.

Diese Woche hat die japanische Regierung in die Kritik der Obama-Administration an China eingestimmt. Beide werfen China “mangelnde Transparenz” bei der Aufrüstung seines Militärs vor. Dem ging ein Bericht des Pentagons voraus, in dem behauptet wurde, Chinas Verteidigungshaushalt sei höher als öffentlich zugegeben, und seine militärische Expansion sei ein „Hauptfaktor bei der Veränderung des militärischen Gleichgewichts in Südostasien“.

In Wahrheit wird Asien, wie auch die Weltpolitik, am stärksten dadurch destabilisiert, dass die USA versuchen, ihren wirtschaftlichen Niedergang durch den aggressiven Einsatz ihrer enormen Militärmacht zu kompensieren, vor allem was ihre Besetzung des Irak und Afghanistans und die andauernden Drohungen gegen den Iran angeht. Der US-Verteidigungshaushalt übertrifft jene aller Hauptrivalen, einschließlich China, zusammengenommen.

In den vergangenen Monaten hat die Obama-Administration Chinas Interessen in Ostasien mehrmals provokativ durchkreuzt, indem sie trotz Chinas Einspruch gemeinsame Marinemanöver mit Südkorea im Gelben Meer ankündigte und sich bei Gebietsstreitigkeiten im Südchinesischen Meer auf die Seite anderer südostasiatischer Länder stellte. Washingtons Manöver zielen darauf ab, eine starke Marinepräsenz in den Gewässern nahe dem chinesischen Festland zu behaupten und so die Drohung aufrecht zu erhalten, dass die USA im Konfliktfall wichtige Nachschubwege blockieren könnten.

Diese gefährlichen militärischen Spannungen sind ein Produkt der wirtschaftlichen Neuordnung. Während des Ersten Weltkrieges erklärte Lenin in seiner weitsichtigen Broschüre „Der Imperialismus, das höchste Stadium des Kapitalismus“, dass dauerhafter Friede im Kapitalismus unmöglich sei. Zeiten relativer Ruhe auf der Grundlage von Vereinbarungen zwischen den Großmächten werden notwendigerweise durch das ungleiche Entwicklungstempo rivalisierender kapitalistischer Ökonomien durchkreuzt. Die konkurrierenden Interessen absteigender und aufsteigender Mächte können nur auf dem Machtweg – d.h. durch Krieg - entschieden werden.

Imperialistische Bündnisse - egal, ob sie die Form einer imperialistischen Koalition gegen eine andere annehmen oder eines generellen Bündnisses, das alle imperialistischen Mächte umfasst – sind Lenin zufolge zwangsläufig nichts anderes als ein “Waffenstillstand” in Zwischenkriegszeiten. Friedliche Bündnisse bereiten den Boden für Kriege vor und erwachsen ihrerseits aus Kriegen.

Zwei Weltkriege, die Dutzende Millionen Menschen das Leben kosteten und zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen führten, haben schließlich ein neues kapitalistisches Gleichgewicht der Kräfte hervorgebracht, das auf der wirtschaftlichen Stärke des amerikanischen Kapitalismus beruhte. Der Niedergang der USA und der Aufstieg solcher Rivalen wie China signalisieren den Beginn einer gefährlichen neuen Periode von Konflikten und Kriegen.

Es gibt nur einen Weg, einen neuen Abstieg in die Barbarei zu verhindern: den revolutionären Sturz des Profitsystems und des veralteten Nationalstaatensystems, das den Ursprung aller Kriege darstellt. Es gibt nur eine gesellschaftliche Kraft, die diese historische Aufgabe erfüllen kann: die internationale Arbeiterklasse.

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