Der Kampf der GM-Arbeiter in Indianapolis wirft wichtige Fragen auf

Von Jerry White
31. August 2010

Die World Socialist Web Site ruft die Arbeiter in Indianapolis und die Arbeitnehmer in der Automobil Branche im ganzen Land auf, ihre Reaktionen, Kommentare und Erfahrungen an die WSWS zu schreiben. Diese Kommentare werden auf der WSWS als Teil einer laufenden Diskussion über die notwendige Strategie veröffentlicht, um sich gegen die von den Unternehmen organisierten Angriffe auf die Arbeiterklasse zu wehren.

Ein Jahr nachdem die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) mit der Obama-Administration bei der Umstrukturierung der Autoindustrie und den Angriffen auf die Löhne und den Lebensstandard der Arbeiter in der Automobil-Branche zusammengearbeitet hat, haben entschlossene Arbeiter im Presswerk von General Motors in Indianapolis gegen die UAW rebelliert und Stellung bezogen, um ihr Recht auf einen Arbeitsplatz und eine angemessene Entlohnung zu verteidigen.

Am 15. August haben Hunderte von Arbeitern die UAW-Vertreter niedergebrüllt und diese aus ihrem lokalen Gewerkschaftstreffen rausgeworfen, weil sie in den Verhandlungen eine Senkung der Löhne von 29 $ pro Stunde auf 15,50 $ ausgehandelt hatten. Die UAW hatte den Deal heimlich mit JD Norman ausgehandelt, einem 34-jährigen Ex-Börsenmakler, der sagte, er würde die Fabrik nur kaufen und weiter betreiben, wenn die Löhne halbiert würden. Im vergangenen Mai haben die lokalen Gewerkschaftsmitglieder mit überwältigender Mehrheit abgestimmt, alle weiteren Verhandlungen mit Norman abzubrechen, doch die UAW-Gewerkschaft ignorierte diese Entscheidung.

Unter den Arbeitern verbreitet sich das Gefühl, dass ihre demokratischen Rechte von der UAW mit Füßen getreten werden und dass die Gewerkschaftsbürokratie von ihren korrupten Eigeninteressen getrieben wird. Es ist ihnen nicht entgangen, dass die UAW nun einen wesentlichen Teil von GM besitzt.

Schon jetzt versucht die UAW mit den Medien, lokalen und bundesstaatlichen Politikern, GM und JD Norman eine weitere Abstimmung zu organisieren und behauptet, dass nur eine "lautstarke Minderheit" die Verhandlungen ablehne. Eine Petition zu diesem Zweck zirkuliert bereits in dem Automobilwerk. Die Geschäftsleitung stellt angeblich bereits Dutzende von Leiharbeitern ein, die für den niedrigeren Lohn arbeiten. Sie hofft, durch Einschüchterung die Zustimmung für den Deal zu erhalten.

In Gesprächen mit der World Socialist Web Site haben die Arbeiter in Indianapolis betont, dass sie eine Organisation wollen, die ihre Interessen wirklich vertritt, und nicht die der Konzerne. Ein Arbeiter drückte es folgendermaßen aus: "Wir wollen die korrupten Gewerkschaftsvertreter loswerden und Leute haben, die nicht durch Geld und Politik verdorben sind."

Mehrere wichtige Fragen stellen sich aufgrund der Ereignisse. Kann die UAW wiederbelebt werden, oder brauchen Arbeiter eine neue Organisation für den Kampf? Können die Ortsverbände der Gewerkschaften als Stimme der Basis gegen die zentrale Gewerkschaftsführung dienen?

Verschiedene Abtrünnige der UAW, darunter Gregg Shotwell, der Gründer der Gruppe "Soldiers of Solidarity", beharren darauf, dass die UAW reformiert werden könne. In einem Kommentar zu den Aktionen der Arbeiter von Indianapolis beim Gewerkschaftstreffen am 15. August sagte Shotwell: "UAW Local (Ortsverband) 23 zeigte uns allen, dass die Mitglieder an der Basis die höchste Autorität in der Gewerkschaft sind."

Nach dem Mobbing und der Erpressung durch die UAW-Bürokratie besteht kein Zweifel, dass die Arbeiter der Meinung sind, sie sollten die "höchste Autorität in der Gewerkschaft" sein. Aber Wunschdenken ist kein Ersatz für eine nüchterne Einschätzung der realen Situation.

Wenn die Gewerkschaftsmitglieder an der Basis wirklich die "höchste Autorität" in der Gewerkschaft wären, dann wäre die Frage nach einem Verkauf des Werks an JD Norman mit der Abstimmung im Werk im Mai und durch die Aktionen in der Versammlung am 15. August geklärt worden . Aber die Gewerkschaftsführung widersetzt sich dem Willen der Arbeiter und versucht unermüdlich, diesen zu umgehen, und den Lohnverzicht durchzudrücken. Die Führung besitzt nach den Statuten der UAW tatsächlich Rechte, um genau dies tun.

Kann jemand ernsthaft behaupten, dass es der "Wille der Basis" ist, jede unabhängige Vertretung durch Vertrauensleute zu liquidieren, Streiks zu verbieten, und Betriebsschließungen, Entlassungen, Lohn- und Leistungskürzungen und Erhöhungen des Arbeitstempos zu akzeptieren? Aber genau das ist die Politik der UAW. Das begann in den 1980er Jahren, als die Gewerkschaft offen verkündete, ihre Politik sei die Partnerschaft mit den Arbeitgebern.

Während fast eine Million Arbeiter in der Automobilbranche den Verlust ihrer Arbeitsplätze hinnehmen mussten und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken auf das Niveau der 1930er Jahre zurückgesetzt wurden, hat diese Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung dem Gewerkschaftsapparat ein gesichertes Einkommen garantiert. Die Gewerkschaftsführung sitzt heute auf Vermögenswerten in Höhe von Dutzenden von Milliarden Dollar.

Weil die UAW sehr reale materielle wirtschaftliche Interessen hat, die auf dem Verrat an den Bedürfnissen der Mitglieder beruhen, lässt sie sich nicht von dem demokratischen Willen ihrer Mitglieder beeinflussen.

Die UAW kontrolliert heute mit dem Treuhandfond VEBA einen der größten privaten Investmentfonds in den USA. Nach der US-Regierung ist sie mit 17,5 Prozent die zweitgrößte Aktionärin von GM. Zusätzlich besitzt die Gewerkschaftsführung Hunderte von Millionen Dollar in schwarzen Kassen und Immobilien, die in einem Joint Venture mit der Geschäftsleitung verwaltet werden.

Nach Angaben des US-Arbeitsministeriums, gab die Gewerkschaftsführung im vergangenen Jahr 96 Millionen Dollar in Form von Gehältern für ihre Funktionäre, regionalen Leiter, Organisatoren, etc. aus. Dies sind jedoch keine Leute, die in Fabriken arbeiten. Sie waren nicht von Lohnkürzungen oder Entlassungen betroffen. Es sind Leute wie der Direktor der Region 3, Maurice Davison, der im letzten Jahr 150.233 $ einsteckte oder der stellvertretende Direktor der GM-Gewerkschaft Mike Grimes, der 132.155 $ verdiente.

Ihr Anliegen ist es, unabhängig von den Lohn- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter, so viele beitragszahlende Mitglieder wie möglich zu behalten - auf der Grundlage einer Politik, die jeglichen Kampf gegen die Auto-Bosse verbietet. Deshalb wollen sie auch das Produktionswerk an Norman verkaufen, da dieser der UAW weiterhin erlaubt, Gewerkschaftsbeiträge von den stark geschrumpften Gehaltsschecks einzusammeln.

Der finanzielle Trog, aus dem sich diese Funktionäre bedienen, hängt jetzt direkt von Anstieg oder Fall der GM-Aktie ab. Sie haben ein eigennütziges Interesse daran, GM zu helfen, die Gewinne zu steigern und den Preis der Aktie durch Stellenabbau, Lohn- und Leistungskürzungen und schnelleres Arbeitstempo anzukurbeln.

Welche soziale Schicht verdient fast 200.000 Dollar im Jahr, arbeitet nicht für einen Stundenlohn und profitiert finanziell von der Verschlechterung der Bedingungen der Arbeiter in der Automobilbranche? Nicht die Arbeiterklasse! Die UAW-Vertreter gehören einer besonders reaktionären und parasitären Gruppe der oberen Mittelschicht an. Die Realität ist, dass die sogenannte Gewerkschaft die Interessen dieser sozialen Schicht verkörpert und nicht die der Arbeiter.

Der Konflikt zwischen den Arbeitern in Indianapolis und der UAW-Gewerkschaft bei der Versammlung am 15. August war ein Konflikt zwischen unversöhnlichen Klasseninteressen.

Deshalb steht den Arbeitern in Form der UAW ein Feind gegenüber, der nicht weniger unerbittlich und bösartig ist, wie die Firmenbesitzer. Die UAW wird vor nichts zurückschrecken, um die Lohnkürzungen in Indianapolis durchzusetzen, weil sie ein unmittelbares finanzielles Interesse daran hat.

Es gibt dringende praktische sowie grundlegende politische Schlussfolgerungen, die sich aus dieser Realität ergeben. Die Arbeiter im Presswerk müssen sofort einen Ausschuss zur Vertretung der Basis wählen, der unabhängig von der UAW-Gewerkschaft ist und sich aus den militantesten Arbeitern zusammensetzt, die am meisten Vertrauen genießen, um zu verhindern, dass die UAW-Gewerkschaftsvertreter die Zugeständnisse in einer neuen Abstimmung durchsetzen können.

Versammlungen müssen abgehalten werden, um die Arbeiter in der gesamten Fabrik zu vereinen. Die Vereinigung muss unabhängig vom Dienstalter, temporärer oder Festanstellung, etc. erfolgen, um in einem gemeinsamen Kampf die Lohnkürzungen und die Schließung des Werks zu verhindern und die Arbeitsplätze und den Lebensstandard aller Arbeitnehmer zu verteidigen.

Dies bedeutet eine Wiederbelebung der Methoden des Klassenkampfes, die von Arbeitern in Anderson und Flint in den 1930er Jahren praktiziert wurden, als sie Produktionswerke von GM besetzten. Eine solche Maßnahme würde die unmittelbare Unterstützung der Arbeiter und Jugendlichen in der gesamten Region gewinnen, sowie im ganzen Land und international. Gleichzeitig müssen alle Arbeiter in der Automobilbranche aufgerufen werden, einen landesweiten Streik vorzubereiten, um die Zugeständnisse rückgängig zu machen, die die UAW und die Obama-Regierung im vergangenen Jahr durchgesetzt haben.

Die Ortsverbände gegen die UAW-Zentrale

Ein solcher Kampf erfordert einen vollständigen Bruch mit der UAW. Die Ortsverbände haben keine echte Unabhängigkeit von der Gewerkschaftszentrale, und in den seltenen Fällen, wo ein Ortsverband der UAW Widerstand geleistet hat, wurde der durch "Solidarity House" (die UAW-Zentrale) unter Vormundschaft gestellt und aufgelöst. Diese Befugnisse der Gewerkschaftsführung sind ausdrücklich in den Statuten der UAW in Artikel 12, Abschnitt 3 garantiert, in dem steht:

"Wo nötig, zur: (b) Sicherstellung der Durchsetzung von Tarifverträgen oder sonstigen Verpflichtungen als Verhandlungs-Bevollmächtigter, oder (d) sonst wie zur Sicherung der Durchführung der legitimen Ziele dieser Gewerkschaft durch untergeordnete Verbände, kann der Vorstand mit zwei Dritteln der Stimmen des gesamten Vorstandes, nach einer Anhörung, den untergeordneten Verband reorganisieren oder auflösen, die Mitgliedschaft widerrufen, jegliche Gewerkschaftsvertreter vom Amt suspendieren und/oder die Leitung des Verbandes übernehmen, bis die Angelegenheiten ordnungsgemäß durchgeführt wurden. In einem solchen Fall bestimmt der Verwaltungsrat eines seiner Mitglieder als Bevollmächtigten, der über die volle Autorität und Kontrolle über alle Funktionen des lokalen Verbandes verfügt ... "

Zwei der bekanntesten Fälle in den letzten Jahren, in denen dies geschah, betraf Arbeiter von Accuride in Henderson, Kentucky und Freightliner Lkw-Fahrer in Cleveland, North Carolina.

Im Februar 1998, verließen 425 Arbeiter, Mitglieder des Ortsverbandes 2036 der UAW, bei Accuride - einem Zulieferer von Stahlachsen für Ford und andere Lkw-Hersteller - ihren Arbeitsplatz, um gegen die Abschaffung der Dienstalterregelungen, der qualifizierten Handwerkerstellen, des Beschwerdeverfahrens und aller Einschränkungen bei der Untervergabe an Zulieferer zu protestieren. Einen Monat später stimmten die Arbeiter ab, wieder zur Arbeit zurückzukehren - wobei sie die Forderungen der Gewerkschaftsführung ablehnten - und wurden ausgesperrt.

Als die UAW ankündigte, sie werde das Streikgeld streichen, falls die Arbeiter die Forderungen der Firma nicht akzeptierten, verbreiteten die lokalen Gewerkschaftsmitglieder ihren Protest über das Internet, verteilten Flugblätter vor einem Ford-Werk und stellten Streikposten vor dem Hauptquartier der Gewerkschaft in Detroit auf. Als Reaktion darauf setzte die Gewerkschaftsführung den lokalen Präsidenten ab und setzte einen Vertreter ein, der die Leitung des Verbands und die Verhandlungen übernahm. Im Jahr 2002, als die Arbeiter immer noch nicht nachgaben, stellte die UAW-Gewerkschaft die Zahlung des Streikgelds ein und entzog dem Ortsverband die Anerkennung, womit zwanzig Jahre UAW-Vertretung in dem Werk beendet wurden.

Im Jahr 2007 setzte die UAW-Gewerkschaft die gesamte Verhandlungskommission des UAW-Verbandes 3520 ab und brachte Freightliner dazu, sie unter dem Vorwand zu entlassen, einen "unerlaubten Streik" geführt zu haben. Die Arbeitsniederlegung - gegen Zugeständnisse bei Lohn und Zusatzleistungen, denen die UAW-Gewerkschaft bereits im geheimen zugestimmt hatte –war ausgerufen worden, nachdem die Gewerkschaftsmitglieder dem Streik mit 98,4 Prozent zugestimmt hatten.

UAW-Vertreter eilten herbei, um den Streik abzubrechen. Als es ihnen nicht gelang, die Arbeiter zur Annahme der Konzessionen zu bewegen, brachten sie zusammen mit der Geschäftsleitung eine Petition in Umlauf, um eine weitere Abstimmung durchzuführen. Der Vertrag wurde in einem zweiten Wahlgang angenommen, nachdem Entlassungen angedroht worden waren.

Nach dem Streik, wurden fünf Mitglieder der Verhandlungskommission "eines Gewerkschaftsmitglieds unziemlichen Verhaltens" beschuldigt. Obwohl der lokale Verfahrensausschuss sie freisprach, erhielten sie dennoch ihre Arbeitsplätze nie zurück.

Was ist die UAW?

Die UAW ist nur dem Namen nach eine Gewerkschaft. Sie erfüllt keine der Funktionen, die traditionell mit den Gewerkschaften assoziiert werden: Missstände zu beseitigen, Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und Lohn- und Zusatzleistungen zu sichern. Im Gegenteil, sie verbietet Streiks, schikaniert militante Arbeiter und setzt die Forderungen der Geschäftsleitung nach Produktivitätssteigerungen, Lohnkürzungen und Personalreduzierung durch.

Eine solche Organisation, die als Werkzeug der Konzerne und der Regierung dient, kann nicht demokratisiert oder reformiert werden. Notwendig ist der endgültige Bruch mit ihr und der Aufbau von neuen Organisationen für den Klassenkampf.

Es ist nichts Außergewöhnliches oder Unvorstellbares, wenn Arbeiter eine Organisation verlassen, von der sie verraten wurden. Die UAW-Gewerkschaft hätte nie existiert, wenn die Arbeiter in den 1930er Jahren nicht gegen die alten Berufsgewerkschaften der American Federation of Labor (AFL) rebelliert hätten und die Industriegewerkschaften der CIO aufgebaut hätten. Das erforderte einen Bürgerkrieg gegen die Handlanger der Unternehmen in der AFL, die alles taten, um die Kämpfe der neu organisierten Arbeiter zu sabotieren.

Die Degeneration der UAW-Gewerkschaft entstand aus ihrer Verteidigung des Kapitalismus, ihrer Allianz mit der Demokratischen Partei und ihrer Säuberung von Sozialisten und linken Aktivisten in der Nachkriegszeit. Damit hatten die Arbeiter nichts mehr, mit dem sie ihre Interessen verteidigen konnten, als der amerikanische Kapitalismus in den 1970er und 1980er Jahren seinen langen Niedergang begann, und die Unternehmen versuchten, ihre sinkenden Gewinne und Marktanteile durch die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer zu überwinden.

Heute stellt sich nicht nur die Frage des Aufbaus neuer Gewerkschaften. Was wir brauchen, ist eine politische Massenpartei der Arbeiterklasse, die völlig unabhängig von der Kontrolle durch die beiden großen Wirtschaftsparteien ist und das Ziel hat, die Vormachtstellung der Konzern- und Finanzelite zu durchbrechen und das wirtschaftliche Leben im Interesse der Bedürfnisse der Arbeiterklasse zu reorganisieren. Dies bedeutet, das kapitalistische Profit-System durch Sozialismus zu ersetzen.

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