Großes Interesse am Vortrag von Professor Rabinowitch in Berlin

Von unseren Korrespondenten
16. Oktober 2010
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Der amerikanische Historiker Alexander Rabinowitch hat am Donnerstagabend in Berlin sein neues Buch „Die Sowjetmacht – Das erste Jahr“ vorgestellt. Der Mehring Verlag als Herausgeber und die Studentenorganisation der Vierten Internationale ISSE hatten zur Buchvorstellung in die Humboldt-Universität eingeladen.

Der Hörsaal der Universität, der nur 300 Personen fasst, platzte aus allen Nähten. Viele, die gekommen waren, um den Historiker zu hören und zu sehen, mussten auf Fensterbänken, Treppen und zusätzlichen Stühlen Platz nehmen, andere mussten auch stehen.

Ulrich Rippert, Vorsitzender der Partei für Soziale Gleichheit, begrüßte den führenden Experten der Geschichte der Russischen Revolution. Professor Rabinowitch sei ein unerschütterlicher Anhänger der dokumentengestützten Geschichtsschreibung. „Jedes Detail seiner Arbeit ist durch überprüfbare Dokumente belegt“, betonte er. Damit stehe die wissenschaftliche Arbeit Rabinowitchs im Gegensatz zur ideologiebelasteten Interpretation der russischen Revolution und der Sowjetunion, die auch heute weit verbreitet sei.

Viele Historiker behaupteten, es gebe keine objektive Wahrheit und keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, Geschichte sei subjektive Anschauung und persönliche Interpretation. „Professor Rabinowitch steht für eine grundsätzlich andere Geschichtswissenschaft“, sagte Rippert.

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David North, Chefredakteur der World Socialist Web Site und Vorsitzender der Socialist Equality Party (USA), fügte einige Anmerkungen zur Bedeutung des amerikanischen Historikers hinzu.

Er selbst sei Teil der Generation, die durch die gesellschaftlichen Entwicklungen des Jahres 1968 und danach inspiriert wurde, sagte North. „Die Frage der russischen Revolution war damals die Hauptfrage. Wir waren gegen den Stalinismus und wollten keinen derartigen Sozialismus. Was war also dann die russische Revolution?“

In den USA sei das schwer herauszufinden gewesen. Die Historiker des Kalten Kriegs hätten die Revolution als eine Verschwörung der Bolschewiki dargestellt, die keinen Einfluss unter den Massen hatten. „Professor Rabinowitch war der Repräsentant einer neuen Generation von Historikern in Amerika, der mit seinem ersten, 1968 erschienenen Buch zur russischen Revolution deutlich gemacht hat, dass die Bolschewiki über Masseneinfluss verfügten“, sagte North. Auch die herausragende Rolle Trotzkis bei der Machtergreifung der Bolschewiki habe Rabinowitch dargestellt, während die Stalinisten alles getan hätten, um Trotzki aus den Geschichtsbüchern zu eliminieren.

Vierzig Jahre später habe Rabinowitch nun „Die Sowjetmacht – Das erste Jahr“ veröffentlicht. In einer Zeit, „in der viele ihre Prinzipien über Bord warfen“, sei er seinen Grundätzen treu geblieben und knüpfe an die vorhergehenden Bücher an. Er sei ein außergewöhnlicher Vertreter der Schule, die sich der Aufdeckung der historischen Wahrheit verpflichtet fühle. „Seine Arbeit ist für uns alle außerordentlich bedeutsam“, schloss North.

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Alexander Rabinowitch begann seinen Beitrag, indem er schilderte, wie er zum Studium der russischen Revolution gekommen war.

Sein Vater Eugene Rabinowitch, ein bekannter Biophysiker, war im August 1918 aus St. Petersburg geflohen und hatte von 1921 bis 1926 an der Berliner Universität, der heutigen Humboldt-Universität, studiert. Über Kopenhagen führte ihn sein Weg nach Boston, wo die Familie sich niederließ und engen Kontakt zu diskussionsfreudigen russischen Emigranten hielt. Er habe „lebhafte Erinnerungen an endlose Debatten mit berühmten Emigranten wie Kerenski, Nikolajewski, Zeretelli und vielen anderen über Geschichte, Literatur und die aktuellen Entwicklungen in der Sowjetunion“, berichtete Rabinowitch.

Trotz aller Differenzen seien sich alle in einem Punkt einig gewesen, nämlich dass die russische Revolution ein militärisch organisierter Putsch einer Verschwörerbande unter Lenin war, finanziert von den Deutschen. Das politische Klima in der McCarthy-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Korea-Kriegs (1950-53) verstärkte diese negative Sichtweise der russischen Revolution, mit der er aufgewachsen war. In seiner Zeit als Student in der Reserve-Armee wurde ihm die Sowjetunion als „Reinkarnation des Bösen“ beschrieben.

Alexander Rabinowitch begann sein Studium der russischen Geschichte an der Universität von Chicago u. a. beim Historiker Leopold H. Haimson. „Doch als Doktorand hatte ich meine Sichtweise auf die Oktoberrevolution noch nicht geändert“, berichtete er. Zunächst habe er daran gedacht, als Dissertation eine Biografie Irakli Zeretellis zu schreiben, des georgischen Menschewiken und unversöhnlichen Gegners der Bolschewiki, den er in seiner Jugend kennen gelernt hatte. Als er dann feststellte, dass für eine umfassende Biografie die Kenntnis der georgische Sprache notwendig war, entschloss er sich, Zeretellis Rolle in der Zeit von Februar bis zum Sommer 1917 zu untersuchen.

Bei dieser Arbeit verlagerte sich sein Interesse jedoch auf die Rolle der Bolschewiki. „Warum?“ fragte Rabinowitch, um die „einfache Antwort“ zu geben: „Ich hatte bei Haimson gelernt, die Fakten zu studieren und sie so objektiv wie möglich zu interpretieren. Das Studium der Quellen, so beschränkt sie Anfang der 1960er Jahre waren, veranlasste mich aber zu einer anderen Sichtweise auf die Revolution von 1917.“

Er beschrieb, wie er in den damals verfügbaren Originaldokumenten – Zeitungen der Bolschewiki und Protokollen des Petersburger Komitees der Bolschewiki – sowohl die herausragende Rolle Lenins als auch tiefe Differenzen innerhalb der Bolschewistischen Partei entdeckte.

So schrieb er seine Doktorarbeit zur Entwicklung der Bolschewiki zwischen der Februarrevolution und dem Juliaufstand 1917. Sie bildete dann die Grundlage für sein erstes Buch „Prelude to Revolution – The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising“. Darin legt er dar, wie sich die Bolschewiki aus einer kleineren Gruppe, die vornehmlich im Untergrund arbeitete, nach der Februarrevolution in eine Massenpartei verwandelten. Sie waren tief in den Sowjets der Arbeiter und Matrosen verankert und wiesen eine hohe demokratische Diskussionskultur und unterschiedliche Strömungen auf.

Der Juli-Aufstand war Rabinowitch zufolge auf die grundlegende Unzufriedenheit der Massen mit den Ergebnissen der Februarrevolution zurückzuführen. Er wurde von radikalen Teilen der Bolschewiki, vor allem den militärischen Organisationen, gegen den Willen des Zentralkomitees unterstützt.

Damals habe er noch gedacht, die Partei, die nur wenige Monate später die Macht übernahm, sei nach dem Juli-Debakel umstrukturiert worden und zwar nach dem so genannten „leninistischen Modell“, von dem in der damaligen Geschichtswissenschaft die Rede war. „Diese Sicht erwies sich als falsch“, sagte Rabinowitch. „Das Gegenteil war der Fall.“ In den Reihen der Bolschewiki gab es zahlreiche verschiedene Ansichten und heftige Auseinandersetzungen, die belegten, dass die Partei „nah an den Massen war“.

So wurde Lenins Vorschlag von der Partei abgelehnt, die Parole „Alle Macht den Sowjets“ aufzugeben. Lenin glaubte nach dem Juli-Aufstand 1917 nicht mehr an die Möglichkeit, über die Sowjets, in denen die gemäßigten Sozialisten die Mehrheit besaßen, die sozialistische Revolution herbeizuführen, und schlug die Parole vor: „Alle Macht der Arbeiterklasse, geführt von ihrer Partei, den Bolschewiki“. Die Partei sollte ihre Arbeit auf Fabrik- und Soldatenkomitees konzentrieren. In der Praxis wurde von der Parole „Alle Macht den Sowjets“ aber nicht abgewichen. Dies entsprach der Haltung der Arbeiter und Matrosen.

Nach dem gescheiterten Kornilow-Putsch Ende August 1917 erlangten die Bolschewiki aufgrund ihrer entscheidenden Rolle bei der Zurückschlagung des Putschversuchs die Mehrheit im Petersburger Sowjet. Lenin drängte daraufhin die Partei zur sofortigen Machtübernahme. Er konnte sich jedoch nicht unmittelbar durchsetzen. „Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob eine Machtergreifung im September möglich gewesen wäre“, sagte Rabinowitch. „Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dies zu einer noch größeren Niederlage als das Juli-Debakel geführt hätte.“

Lenins Briefe aus seinem Versteck nahe St. Petersburg hätten die gleiche Bedeutung gehabt wie seine April-Thesen. Er habe die Bolschewiki nach links gedrängt, auf den Pfad zur Absetzung der provisorischen Regierung und der unabhängigen Machtergreifung. Auf einem Treffen des Zentralkomitees am 10. Oktober stimmten schließlich alle zwölf Anwesenden mit Ausnahme von Kamenew und Sinowjew für die bewaffnete Machtübernahme.

Doch wenig sei getan worden, um diesen Beschluss aktiv umzusetzen. Erst mit der so genannten Defensivstrategie sei dies möglich geworden. Die Absetzung der provisorischen Regierung unter Kerenski sollte als Defensivmaßnahme zur Verteidigung der Revolution und der Sowjets erfolgen. Der Zweite Nationale Sowjetkongress, der für den 25. Oktober anberaumt worden war, sollte die Absetzung legitimieren.

Zwischen dem 21. und 24. Oktober wurde dies dann energisch umgesetzt, „vor allem unter und von Leo Trotzki, der in diesen Tagen als brillanter Redner überall zu hören und zu sehen war“. Rabinowitch betonte: „Am Ende wurde die provisorische Regierung abgesetzt ohne dass ein Schuss fiel, und Trotzki war die zentrale Figur als Leiter des Militärischen Revolutionären Komitees und Vorsitzender des Petersburger Sowjets.“ Erst jetzt wurde die Forderung Lenins verwirklicht, auf die er seit über einem Monat gedrängt hatte.

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Zusammenfassend sagte Rabinowitch: „Man kann die bolschewistische Machteroberung im Oktober 1917 ebenso wenig als erfolgreichen Putsch Lenins bezeichnen, wie man den Juli-Aufstand als erfolglosen Putsch Lenins bezeichnen kann. Obwohl es sich in beiden Fällen nicht um klassische Massenaufstände handelte, zeigen die historischen Quellen eindeutig, dass sie das Ergebnis der weit verbreiteten Enttäuschung der unteren Klassen Petrograds mit dem Ergebnis der Februarrevolution sowie der enormen Anziehungskraft des bolschewistischen Programms auf die Bevölkerung waren.“

„Aber“, fragte er, „warum endeten die bolschewistische Partei und die Sowjetunion dort, wo sie endeten?“ Dies sei nicht mit der Zeit vor der Oktoberrevolution und der damaligen Struktur der Partei zu erklären. Der Leitgedanke in seinem Buch „Die Sowjetmacht – Das erste Jahr“ sei daher die Frage, wie der Widerspruch zwischen dem ursprünglichen, offenen Diskussionsprozess und der demokratischem Struktur von Sowjets und Partei und ihrem späteren zentralistischen, autoritären Charakter zu erklären sei.

„Die Veränderungen in der Politik und Struktur der bolschewistischen Partei und der Sowjets in Petrograd, die während dieses ersten Jahres zu beobachten waren“, fasste er seine Schlussfolgerungen zusammen, „wurden weniger von der Ideologie bestimmt, als von den ständigen Krisen und Notsituationen, in denen die Hauptaufgabe der Bolschewiki darin bestand, das reine Überleben zu sichern.“ Er habe deshalb überlegt, sein Buch „Der Preis des Überlebens“ zu nennen.

Er endete mit der Ankündigung eines weiteren Buchs: „Da die Verwandlung der Bolschewiki 1918 natürlich noch nicht abgeschlossen war, untersuche ich derzeit die Zeit von 1919 bis 1920.“

Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Professor Rabinowitsch Fragen aus dem Publikum.

Die Frage nach der Legitimität der Sowjets beantwortete er damit, dass die Sowjets schon in der Revolution von 1905 entstanden waren und unter den Arbeitern und Soldaten große Unterstützung genossen. „Die Sowjets hatten keine gesetzliche Legitimität, aber die Legitimität der Straße.“

Zu Kerenski und seiner Rolle in der Periode zwischen Februar und Oktober 1917 befragt, antwortete er: „Ich kannte Kerenski, der ein eitler und selbstbezogener Zeitgenosse war, und habe ihn auch noch als alten erblindeten Mann interviewt. Aber er war auch sozial blind.“ Er habe – anders als Lenin – nicht verstanden, was in der Gesellschaft um ihn herum geschah. „Er wurde eher zufällig durch die Ereignisse der Februarrevolution nach oben gespült.“

Auf die Frage, weshalb die russische Revolution gescheitert sei, antwortete er, dass die internationale Isolation der russischen Revolution es den Stalinisten ermöglicht habe, die Errungenschaften der Revolution und die Partei zu zerschlagen. Zuvor hatte er in seinem Vortrag mehrfach darauf hingewiesen, dass Lenin und Trotzki die russische Revolution als Auslöser für weltweite sozialistische Revolutionen betrachtet und ihre Strategie und Taktik daher immer auch an den internationalen Entwicklungen – z. B. in Deutschland oder in Finnland – ausgerichtet hatten.

Noch lange nach dem Vortrag fanden Diskussionen über die Bedeutung der Oktoberrevolution statt. Viele Besucher kauften sich das Buch Rabinowitchs am Büchertisch des Mehring Verlags.

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