Hunderte sterben in zwei Katastrophen in Indonesien

Von Peter Symonds
2. November 2010

Die entlegenen Mentawai Inseln vor der Westküste von Sumatra wurden Montagnacht von einem Erdbeben der Stärke 7,7 auf der Richterskala verwüstet, das einen Tsunami auslöste der anschließend die Küstengebiete überschwemmte. Schlechtes Wetter erschwert das Erfassen der Schäden und die Versorgung der Inseln mit Hilfsgütern.

Der Koordinator von Westsumatras Katastrophenmanagement, Ade Edward, berichtete gestern, dass wenigstens 311 Menschen tot seien und 410 weitere vermisst werden. Jedoch kann die endgültige Zahl höher liegen, da Rettungsmannschaften sich erst noch zu den am schlimmsten betroffenen Gebieten vorarbeiten müssen. Die Tsunami Welle war wenigstens drei Meter hoch und brach bis zu 600 Meter tief in die Inseln hinein.

Das Nationale Katastrophenmanagement gab an, dass die meisten Todesfälle sich in den Distrikten von Pagai Utara und Pagai Selatan ereignet haben. Hunderte von Hütten die aus Holz und Bambus gezimmert waren, wurden in über 20 Dörfern einfach weggewaschen. Mehr als 20.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und sind in provisorischen Notfallcamps untergekommen oder bleiben bis auf weiteres bei Freunden und Verwandten.

Dave Jenkins, Gründer der Hilfsorganisation Surf Aid sagte gegenüber den Medien: "Es ist weitaus ernster als wir anfangs annahmen. Von den Dörfern an der Küste gegenüber dem Epizentrum wurden wahrscheinlich 50 bis 60 Prozent betroffen, viele wurden komplett zerstört. Es gibt ziemlich viel Zerstörung und ziemlich viele Leute, denen nicht geholfen wird."

Um die Mentawai Inseln vom Westen Sumatras aus zu erreichen benötigt man mit dem Schiff wenigstens zehn Stunden. Bei einem kurzen Aufklaren des schlechten Wetters konnte ein Frachtflugzeug gestern Nachmittag Zelte, Medizin, Essen und Kleidung abliefern. Vier Helikopter konnten in der Stadt Sikakap auf der nördlichen Insel Pagai landen, die als Zentrum für die Hilfsoperationen ausgesucht wurde.

Die ersten Fotos vom nördlichen Pagai zeigten niedergemähte Bäume und schwer beschädigte Gebäude mit eingebrochenen Mauern. Dem Projektmanager von World Vision, Ita Balanda, zufolge sind mindestens 7.900 Familien betroffen. Viele haben ihre Häuser verloren. Ein Vertreter von Surf Aid, Andrew Judge dazu: "[Die] verfügbaren Krankenhausplätze sind völlig belegt."

Bilder von dem Dorf Muntei Baru-Baru zeigten dutzende von Körpern, darunter Frauen, Kinder und Babies, die offen im Freien lagen. Eloi Bonas, ein Berater des Caritas Fund berichtete, dass in Peurogat, einem Dorf mit 104 Familien 38 tot seien und fünfzehn weitere vermisst werden. In dem Dorf Beleerakso sind achtzehn gestorben und vier werden vermisst. Henri Doro Satoko, Chef des Parlaments der Mentawai Inseln gab CNN gegenüber an, dass wenigstens ein Dorf mit 200 Bewohnern weggespült wurde und nur vierzig Überlebende geborgen wurden.

Keines der Opfer wurde vor der aufziehenden Gefahr gewarnt. Sechs Jahre nachdem ein Tsunami weite Teile des nördlichen Sumatra zerstörte, wie auch weite Teile Thailands, Sri Lankas und Indiens, und dabei 225.000 Menschen das Leben kostete, ist immer noch kein Tsunami Frühwarnsystem vollständig verfügbar.

Ferdinand Salamanang, der auf der nördlichen Insel Pagai lebt, erzählte der Australian Broadcasting Corporation: "Es gab keine Sirene, welche die Menschen in Siakakap gewarnt hätte. Es gibt ein Erdbeben und Tsunami Frühwarngerät in unserem Hafen, aber das ist kaputt. Dieses mal hatten wir keine Warnung."

Ridwan Jamaluddin von der Indonesischen Agentur für die Bewertung und den Einsatz von Technologien sagte zu den Medien: "Wir sagen nicht, dass sie [die beiden Frühwarnbojen] verschlissen sind, sondern dass sie mutwillig zerstört wurden und die Ausrüstung sehr teuer ist. Es kostet uns fünf Milliarden Rupien [560.000 US$] jede dieser Bojen zu ersetzen."

Die Verantwortung für das Fehlen eines funktionierenden Frühwarnsystems liegt nicht nur bei der indonesischen Regierung sondern auch bei den Großmächten, die nach der Tragödie von 2004 versprachen, ein umfassendes Frühwarnsystem einzurichten. Die Katastrophenspezialistin der Vereinten Nationen, Tiziana Bonapace, sagte der BBC, dass das Frühwarnsystem 2010 fertig gestellt werden sollte, jedoch noch immer daran gebaut werde. "Erdbeben und Meeresoberflächenüberwachung sind vor Ort, doch was sich als schwierig herausgestellt hat, war die Warnungen rechtzeitig in entlegene Gebiete zu übermitteln“, so Frau Bonapace.

Ridwan Jamaluddin wies diese Erklärung zurück und erklärte, dass, auch wenn die Bojen funktioniert hätten, den Menschen nicht ausreichend Zeit zur Flucht geblieben wäre. "[Die] Insel Pagai liegt sehr nahe am Epizentrum, deshalb erreichten die Wellen die Insel in nur fünf bis zehn Minuten". Ob diese Aussagen wahr sind oder nicht, der Sprecher gab keine Hinweise darauf wann die Bojen wieder einsatzbereit sein werden und das Warnsystem wiederhergestellt sein wird.

Die Mentawai Inseln wurden vor drei Jahren, im September 2007, von einer Reihe von Erdbeben verwüstet. Tausende von Häusern wurden zerstört, zusammen mit Infrastruktur wie Strassen und Brücken. Die Inselgruppe ist abgelegen und wirtschaftlich unterentwickelt, die Wirtschaft basiert ausschließlich auf Tourismus und Holzfällerei.

Während die Helfer darum kämpfen, mit den Ereignissen auf den Mentawai Inseln zurechtzukommen, entfaltet sich in Zentraljava mit dem Ausbruch des Vulkans Merapi vom Dienstag eine weitere Katastrophe. Wenigstens 29 Menschen sind tot und 38 verletzt. An die 42.000 Menschen wurden nach den ersten Warnungen evakuiert, doch viele sind aus Sorge um ihre Ernten, Häuser und Besitztümer wieder zurückgekehrt oder weigerten sich überhaupt zu gehen.

Wissenschaftler sind besorgt, dass sich weitere Ausbrüche ereignen könnten. Der Leiter des indonesischen Zentrums für Vulkanologie, Surono, sagte dem Guardian: "Es hat sich sehr viel Energie angestaut. Man kann nicht sagen, was als nächstes passiert." Weite Gebiete um den Vulkan herum sind mit vulkanischer Asche bedeckt. Mount Merapi, nördlich der Stadt Yogyakarta gelegen, ist einer der aktivsten Vulkane Indonesiens, dennoch ist das Gebiet dicht besiedelt.

Im Gefolge der Katastrophen brach Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono seinen Besuch in Vietnam verfrüht ab, wo er an dem Gipfeltreffen der ASEAN-Staaten teilnehmen wollte, das heute beginnt. Während seine Rückkehr darauf abzielt Unterstützung für die Betroffenen zu heucheln, wird sie die beschränkten Hilfsoperationen nicht verbessern und auch der Unsicherheit und den längerfristigen Bedürfnissen der Menschen in den beiden Regionen nicht abhelfen. Yudhoyonos Besuch dürfte ohnehin nur kurz ausfallen. Er erklärte: "So Gott will, kehre ich wieder zu dem Gipfeltreffen zurück, um den Vorsitz [der ASEAN] von Vietnam zu übernehmen."