Das Feuer am Berg Karmel und die “existenzielle Bedrohung” Israels

Von Jean Shaoul
17. Dezember 2010

Mindestens 42 Menschen verloren bei Waldbränden auf dem Berg Karmel nahe der drittgrößten israelischen Stadt Haifa ihr Leben. Das Feuer zerstörte mehr als 30 Quadratkilometer Fläche und breitete sich wegen der herrschenden Trockenheit und Ostwind rasch aus. Der Sachschaden beträgt schätzungsweise 455 Millionen US-Dollar.

Die schlimmste Feuersbrunst in der 62jährigen Geschichte Israels hat einen furchtbaren Tribut gefordert. Als ein Gefängnisbus von den Flammen erfasst wurde, der Polizisten und Polizeioffiziere zur Evakuierung von 500 Gefängnisinsassen transportieren sollte, gab es die meisten Toden. Von den dreiunddreißig Personen, die in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, befinden sich drei noch immer in Lebensgefahr.

Mehr als 250 Häuser sind weitgehend zerstört, mindestens 70 davon müssen von Grund auf neu aufgebaut werden. Mehr als 17.000 Menschen wurden evakuiert, 5.000 aus Tirat Karmel, 3.000 aus Haifa, weitere aus verschiedenen Dörfern, zwei Gefängnissen und einer Klinik für psychisch Kranke. Mindestens 50 km2 Land und fünfeinhalb Millionen Bäume sind abgebrannt, die Hälfte des Karmel Naturparks ist vernichtet. Wahrscheinlich wird sich der Wald erst in 40 Jahren wieder erholt haben.

Für die Rettungsmaßnahmen mobilisierte Israel Feuerwehren, Bodentruppen und auch Zivilisten. Aber schon nach wenigen Stunden konnten die Feuerwehren, die keine Mittel zur Brandbekämpfung aus der Luft zur Verfügung haben, nichts mehr tun. Tatsächlich dauerte es 77 Stunden bis das Feuer unter Kontrolle war, und das auch nur, weil Premierminister Benjamin Netanjahu internationale Unterstützung anforderte.

Die Regierung mietete das größte Waldbrandbekämpfungsflugzeug der Welt, den Boeing 474 Supertanker Evergreen an, der 40 Millionen Tonnen Wasser und Feuer hemmende Chemikalien über den Flammen versprühte. Insgesamt war eine internationale Feuerwehrarmada aus 34 Flugzeugen aus der Türkei, Griechenland, Russland, Frankreich, Großbritannien, aus den Niederlanden, Finnland, Norwegen, Deutschland, Belgien, Spanien und Zypern an dem Brandbekämpfungseinsatz beteiligt.

Die arabischen Nachbarn Israels, Jordanien und Ägypten, eilten zu Hilfe. Die palästinensischen Behörden schickten Einsatzwagen, die die Löscharbeiten in der Nähe der israelisch-arabischen Städte Taybe und Barta unterstützten. Am Berg Karmel kamen 21 palästinensische Feuerwehrleute zu Hilfe.

Man nimmt an, dass das Feuer aus Achtlosigkeit ausbrach und sich, da es nicht sofort gelöscht werden konnte, wegen der Trockenheit rasch ausbreitete. Die Behörden schließen einen terroristischen Hintergrund aus, ebenfalls Brandstiftung. Das hielt die Polizei jedoch nicht davon ab, in der Nähe drusischer Ortschaften acht israelisch-palästinensische Jugendliche zu verhaften - wegen des Verdachts weitere Feuer durch Brandstiftung oder Fahrlässigkeit gelegt zu haben. Inzwischen wurden alle wieder freigelassen, auch zwei, die drei Tage inhaftiert blieben.

Netanjahu ordnete einen nationalen Trauertag an und kündigte einen beschämenden Entschädigungsfonds in Höhe von 35 Millionen US-Dollar für die Brandopfer an. Daraus soll das Finanzministerium die Opfer sofort ausbezahlen. Finanzminister Juval Steinmetz und Beamte des Finanzbehörden weigern sich jedoch, selbst diese triviale Summe an alle Opfer auszuzahlen – ihr Einwand: Entschädigungszahlungen an nicht Versicherte würden nur dazu ermutigen, eine derartige Situation in Zukunft auszunutzen.

Die Regierung weist Forderungen nach der Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission zurück und will einen staatlichen Brandgutachter bestellen, der innerhalb weniger Tage einen Bericht abgeben soll. Netanjahu hat zwar die Anschaffung einer Schwadron neuer Flugzeuge zur Feuerbekämpfung bei der Luftwaffe und den Aufbau einer neuen nationalen Brandbehörde angekündigt, sagte jedoch nichts zu einem noch dringlicheren Problem – den fehlenden Besatzungen für die schon vorhandenen Löschfahrzeuge. Weiter sagte er nicht, woher er das Geld dazu nehmen will.

Die Brände, die im Vergleich zu den letztjährigen Buschbränden im australischen Viktoria begrenzt blieben, haben jedoch viel umfassendere Folgen als nur den Sachschaden. Man nennt sie das „Katrina Netanjahus“, womit Israels Unfähigkeit angeklagt wird, seine Bürger zu schützen. Grund dafür ist das toxische Gemisch aus der rechten Wirtschaftspolitik und dem sozialen Gemurkse aller staatlichen Parteien, sowie die inzwischen ausschließliche Konzentration dieser Parteien auf Militärausgaben, die wiederum größtenteils von den USA finanziert werden.

Israel ist weltbekannt für seinen Erfindergeist im High-Tech-Bereich, es besitzt die schlagkräftigste Luftwaffe in der Region und ein ganzes Arsenal an Atombomben. Es plant die Bombardierung der Tausend Meilen entfernten iranischen Nuklearanlagen. Und bei all dem verfügt es nicht einmal über die notwendigen Mittel zur Brandbekämpfung.

Man kann nicht sagen, Israel wäre ein armes Land. Erst kürzlich wurde es in die OECD aufgenommen, den Club der reichsten Länder der Welt. Auch die Wetterverhältnisse sind nicht unvorhersehbar. Es gab die schlimmste Trockenheit seit Jahren in der Region. Nach einem außergewöhnlich heißen Sommer, blieben die Temperaturen im Herbst für die Jahreszeit auf ungewöhnlich hohem Niveau. Im Herbst gab es nur wenig Regen. Die Trockenheit dauert eigentlich schon seit dem letzten Winter an.

Der Karmel ist für seine Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit bekannt. Professor Avi Perevolotsky, ein führender Wissenschaftler der Forschungsorganisation des Landwirtschaftsministeriums sagte der Jerusalem Post: „Experten wussten, dies ist das wahrscheinlichste Gebiet für ein derartiges Feuer.“ Jona Jahav der Bürgermeister von Haifa, sagte den Ynet News, das Problem sei allseits bekannt und „die Katastrophe war nur eine Frage der Zeit“.

Alle Regierungen opferten jedoch die Feuerwehr Israels, wie so viele andere öffentliche Dienste auch, der Politik des freien Marktes – am schlimmsten war es während Netanjahus Amtszeit als Finanzminister. Nach nur ein paar Stunden Einsatz war den Feuerwehrleuten mit ihren alten Löschfahrzeugen das Material ausgegangen.

Auch das war nicht wirklich überraschend. In einem Bericht von 2007 hatte der staatliche Aufsichtsbeamte die Feuerwehr als den schwächsten unter den Rettungsdiensten Israels kritisiert. Vor nur einem Jahr zeigte eine Untersuchung des Innenministeriums, dass Israel weniger Feuerwehrleute pro Einwohner als jedes andere entwickelte Land hat. Damals blockierten Feuerwehrmänner Straßen, um gegen ihre veraltete und unbrauchbare Ausrüstung und gegen Kürzungen in ihrem Metier zu protestieren. Anfang des Jahres zeigte ein weiterer Bericht des staatlichen Kontrolleurs, dass sich der Brandschutzdienst seit dem letzten Bericht noch einmal signifikant verschlechtert hatte.

Die Regierung weigerte sich jedoch, dem Rettungsdienst Gelder zukommen zu lassen. Während Innenminister Eli Jishai von der ultra-orthodoxen Schas-Partei durchaus in der Lage war, Gelder für den Siedlungsausbau in Ostjerusalem, für religiöse Seminare für seine Parteianhänger, für den elektronischen 370-Millionen-Dollar-Grenzzaun auf dem Sinai und für ein Internierungslager für Migranten und Asylsuchende loszueisen, tat er nichts für die Sicherstellung der israelischen Rettungsdienste. Jetzt macht er den Finanzminister für das Fiasko verantwortlich und versucht so, Forderungen nach seinem Rücktritt abzuwehren.

Obwohl diese Schwachpunkte seit Jahren bekannt sind, hat Israel nicht dafür gesorgt, dass es einem Chemieunfall oder einem Flugzeugunglück wirklich begegnen kann. In einem Regierungsbericht von 2007 gab es 75 Empfehlungen zu dringenden Problemen in der zivilen Luftfahrt. Umweltschutzminister Gilad Erdan gab nach dem Brand zu, dass sein Ministerium nicht über die für einen größeren Unfall in der Industrie nötigen Mittel verfügt. Neuere Berichte des Gesundheitsministers weisen darauf hin, dass Israel weder auf eine umfassende Epidemie reagieren könnte, noch - so lässt sich dem Haushalt entnehmen - auf Erdbeben vorbereitet ist.

Die Brände zeigen, dass die “existenzielle Bedrohung“ für die arbeitende Bevölkerung Israels nicht von Palästinensern oder anderen regionalen Nachbarn ausgeht. Bei dem Notfall reagierten die Nachbarn vorbildlich – auch die Türkei, die kürzlich von Israel der Unterstützung von Terroristen beschuldigt wurde. Das gleiche gilt für die direkten Nachbarn Ägypten, Jordanien und die Palästinensische Autonomiebehörde (PA).

Angesichts der Tatsache, dass Palästinenser aus dem Westjordanland nicht nach Israel einreisen dürfen, entbehrt die Hilfe der PA nicht einer gewissen Ironie. So sagte Ibrahim Aisch, der Chef der palästinensischen Feuerwehrmannschaft zu Ben Lynfield vom New Scotsman: „Lange Zeit habe ich von einem Besuch in Haifa geträumt, zu meinem großen Bedauern komme ich jetzt an so einem traurigen und brenzligen Tag.“

Die existenzielle Bedrohung für die israelische Bevölkerung ergibt sich allein aus der Bereitschaft der Finanzoligarchie Israels, Leben, Besitz und Wohlergehen der israelischen Arbeiter und ihrer Familien ihren eigenen selbstsüchtigen Interessen zu opfern.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen