Nuklearkrise in Japan längst nicht ausgestanden

Von Peter Symonds
27. April 2011

Am vergangenen Wochenende versicherte Gosho Hosono, Sonderbrerater des japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan, dem Wall Street Journal, dass die Gefahr, die von dem havarierten Atomkraftwerkskomplex Fukushima ausgeht, rückläufig sei. „Es ist ausgeschlossen, dass Tokio oder Kioto in Gefahr geraten“, sagte er.

Als Berater des Ministerpräsidenten für die Verwaltung der Atomkatastrophe spielt Hosono das Ausmaß der Nuklearkrise eindeutig herunter. Vielleicht sind die Hunderte Kilometer südlich gelegenen Großstädte Tokio und Kioto tatsächlich nicht unmittelbar bedroht, aber die vier beschädigten Reaktoren in Fukushima sind alles andere als stabil.

Selbst die Betreiberfirma Tepco schätzt, dass noch sechs bis neun Monate notwendig sind, um die Reaktoren in einen Zustand der ‘kalten Abschaltung’ zu bringen. Der Schaden an den Reaktorkernen 1, 2 und 3 ist momentan immer noch unbekannt, die normale Wasserkühlung ist noch immer nicht wiederhergestellt und große Mengen hoch radioaktiv verseuchten Wassers müssen immer noch entsorgt werden.

Im Rahmen von Wartungsarbeiten war der Kern von Reaktor 4 vor dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März in das Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe verbracht worden. Das Reaktorgebäude und das Abklingbecken wurden aber durch eine Wasserstoffexplosion beschädigt. Der Zustand des Kerns, der frei gelegt wurde und sich erhitzte, ist nicht bekannt. Am vergangenen Freitag musste Tepco 200 Tonnen Wasser zuführen, um die Temperatur in dem Abklingbecken zu senken, die sich dem Siedepunkt näherte. Gleichzeitig sind die Ingenieure besorgt, dass das zusätzliche Gewicht des Wassers das Gebäude weiter beschädigen könnte.

Die Probleme der Einheiten 1, 2 und 3 sind noch komplexer. Vergangene Woche wurden Roboter in die Reaktorgebäude geschickt, die Strahlungen von bis zu 57 Millisievert pro Stunde im Komplex 1 und 49 Millisievert pro Stunde in Komplex 3 maßen. Hidehiko Nishiyama von der Behörde für Nuklear- und Industriesicherheit (NISA) sagte zur Presse, die Strahlung sei zu hoch, um dort Arbeiter hinzuschicken. In Japan beträgt der Grenzwert für die Jahreshöchstdosis 250 Millisievert; er wurde schon vor Beginn der Krise von 100 Millisievert auf diesen Wert angehoben.

Versuche, einen Roboter in das Gebäude 2 zu schicken, wo vermutlich noch höhere Strahlung herrscht, scheiterten, weil Dampf die Roboterkameras blind machte. Der Dampf entsteht, weil über Notleitungen Wasser in den Reaktorkern geleitet wird.

Die Bemühungen, die Reaktoren zu stabilisieren, werden auch von großen Mengen radioaktiven Wassers behindert. Tepco begann letzte Woche, 25.000 Tonnen Wasser aus dem Keller des Turbinengebäudes von Reaktor 2 abzupumpen. Das Abpumpen der ersten 10.000 Tonnen in einen improvisierten Lagerbehälter wird langsam, über einen Zeitraum von drei Wochen, vorgenommen, um das Risiko zu vermindern, dass die Schläuche brechen und kontaminiertes Wasser freisetzen.

Insgesamt muss Tepco wohl 67.500 Tonnen Wasser aus den drei beschädigten Reaktorblöcken abpumpen. Der Konzern muss einen sicheren Lagerplatz für das radioaktive Wasser finden, bis es von einer Entgiftungsanlage behandelt werden kann. Eine solche wird zurzeit von der französischen Nuklearfirma Areva gebaut, was jedoch mindestens zwei Monate dauern wird.

Die Entfernung des kontaminierten Wassers ist die Voraussetzung für die Wiederherstellung der Stromversorgung und des Kühlsystems der Reaktoren. Dem Sprecher der NISA, Nishiyama, zufolge, prüft Tepco auch eine schnellere Möglichkeit, die Temperatur der Reaktoren zu senken, nämlich die Installation einer Klimaanlage, statt der Wiederherstellung der Wasserkühlung.

Tepcos optimistische Schätzung des Zeitraumes von sechs bis neun Monaten für die Stabilisierung der Reaktoren ist nicht nur von technischen Erwägungen abhängig, sondern mindestens ebenso sehr von politischen und kommerziellen Überlegungen. Der Energiegigant, die nukleare Kontrollbehörde NISA und die Kan-Regierung sind wegen ihres Umgangs mit der Nuklearkrise mit tiefem Misstrauen und Feindschaft der Bevölkerung konfrontiert. Tepco ist schon lange berüchtigt, weil es mit der Sicherheit nachlässig umgeht und die Probleme verschleiert.

Auf einer Pressekonferenz erklärte der ehemalige Gouverneur von Fukushima, Eisako Sato, der sich vom Befürworter der Atomenergie zum Kritiker gewandelt hat, seinem Büro seien in der Zeit von 2002 bis 2006 über die Anlagen in Fukushima 21 Störfälle gemeldet worden. Die Informanten wandten sich direkt an seine Präfektur in Fukushima, anstatt an die Aufsichtsbehörde NISA, weil die bekanntermaßen enge Beziehungen zu Tepco unterhält.

Sato musste 2006 nach Bestechungsvorwürfen zurücktreten, die nach seinen Angaben politisch motiviert waren. „Wer, wie ich, sagt, dass Atomenergie gefährlich ist, wird wie ein Staatsfeind behandelt“, sagte er dem Tokioter Club der Auslandskorrespondenten. „Das ist eine wirklich beängstigende Logik, nicht wahr? Niemand, kein Abgeordneter oder Gouverneur, konnte diese Logik bisher durchbrechen.“

Trotz seiner schlechten Sicherheitsbilanz hat die Kan-Regierung die Verantwortung für das Krisenmanagement für die Fukushima-Anlagen in den Händen des Tepco-Konzerns gelassen. Am vergangenen Freitag zog das mächtige Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (MITI), dem die NISA angegliedert ist, das tägliche Medien-Briefing über den Zustand der Anlage in Fukushima an sich. Die Entscheidung des MITI erregte sofort Misstrauen. NISA-Sprecher Nishiyama musste erklären: „Dies ist kein Versuch, zu verhindern, dass unangenehme Informationen bekannt werden.“

Konspiration zwischen NISA und Tepco ist allerdings in das japanische System des Amakudari (wörtlich „Herabsteigen vom Himmel“) geradezu eingebaut und wird auch dadurch befördert, dass hohe japanische Staatsbeamte oftmals früh in Rente gehen und dann lukrative Posten bei Konzernen übernehmen, mit denen sie vorher zu tun hatten. Mehrere MITI-Beamte haben nach ihrem Eintritt in den Ruhestand Aufgaben bei Tepco und anderen Energiekonzernen übernommen.

Regierungssprecher Yukio Edano erklärte vergangene Woche, dass die Regierung hohe MITI-Beamte gebeten habe, zumindest vorübergehend keine Posten bei Energiekonzernen zu übernehmen, „um das Misstrauen der Öffentlichkeit nicht noch weiter zu steigern“.

Tepco versucht, die Fukushima-Katastrophe politisch zu lenken, um wieder Oberwasser zu bekommen. Die Aktien der Firma sind seit der Katastrophe vom 11. März um Zweidrittel eingebrochen. Trotz Hilfszusagen der Regierung drohen Tepco enorme Kosten für die Stabilisierung und den schließlichen Abriss von mindestens vier der Reaktoren in Fukushima sowie hohe finanzielle Verluste aus dem Ausfall der Stromproduktion und dem Zukauf von Strom von konventionellen Kraftwerken.

Tepco und andere Energiekonzerne stoßen auf Widerstand, andere Atomkraftwerke wieder anzufahren, die entweder aufgrund des Erdbebens oder wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren werden mussten. Gouverneur Yuhei Sato sagte am Freitag gegenüber den Medien, dass Tepco in seiner Präfektur ohne ausreichende Sicherheitsgarantien keinen Atomreaktor wieder hochfahren werde. Die Firma strebt an, die Fukushima II Anlage wieder anzufahren, die nach dem Erdbeben abgeschaltet worden war und sieben Prozent der gesamten Stromkapazität Tepcos ausmacht.

Es hängt also viel davon ab, dass zumindest der Eindruck entsteht, dass die Stabilisierung von Fukushima I zügig und nach Plan vorangeht. Die Gefahr ist groß, dass Tepco, wie schon in der Vergangenheit, bei der Überwindung ernster technischer Probleme Abkürzungen sucht und die Gesundheit und Sicherheit seiner Arbeiter und der Bevölkerung aufs Spiel setzt.

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