Privatschulboom in Deutschland

Von Clara Weiss
29. Juni 2011

Das Privatschulgeschäft in Deutschland floriert. Angesichts der Sparpolitik der Bundesregierung wie der Landesregierungen, die eine bedeutende Senkung des Niveaus an öffentlichen Schulen zur Folge hat, entschließen sich immer mehr Eltern dazu, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt einen Überblick über das bestehende Privatschulwesen. Die Studie führt den Zulauf zu diesen Schulen im Wesentlichen auf den Wunsch von Familien der Mittelklasse und des Bildungsbürgertums zurück, ihr Milieu von ärmeren Schichten abzugrenzen. Dabei blendet sie weitgehend die Kürzungspolitik aus, die erst zu dieser Entwicklung geführt hat: Die Verknappung von Personal, Mitteln und Räumen macht es Schulen und Lehrern in vielen Gebieten unmöglich, die Folgen der sozialen Spaltung der Gesellschaft noch irgendwie auszugleichen. Elitäre Ansprüche wohlhabender Schichten gab es schon immer, und dementsprechend auch Privatschulen. Doch sie bieten keine Erklärung für deren starke Ausbreitung. Der Grund hierfür liegt in der Zerstörung des öffentlichen Bildungsangebots.

Der Studie zufolge ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler von Privatschulen zwischen 1992 und 2008 von 4,8% auf 7,7%, d. h. um 55% gestiegen. Ein bedeutender Anstieg ist insbesondere nach der Veröffentlichung der katastrophalen Ergebnisse der PISA-Studie von 2001 zu verzeichnen: „Die Schulen in freier Trägerschaft konnten durch diese Entwicklung ihren ,Marktanteil‘ bundesweit von 4,8% auf 7,7% steigern, im früheren Bundesgebiet von 6,1% auf 7,8% und in den neuen Ländern von 0,9% auf 6,9%.“

Auffällig ist das Ergebnis des Ost-West-Vergleichs. Während zwischen 1992 und 2008 in den alten Bundesländern die Zahl der Privatschüler um 42% anstieg, vervierfachte sie sich im Osten. Dieser steile Anstieg mag zum einen mit dem „Nachholbedarf“ zu erklären sein. Stärker ins Gewicht dürften aber die breitflächigen Schulschließungen nach dem Zusammenbruch der DDR fallen. Den Autoren der Studie zufolge, ist in „Ostdeutschland… als Trend zu beobachten, dass im Primarschulbereich vielfach private (insbesondere kirchliche) Träger einspringen, um ein fehlendes öffentliches Angebot zu substituieren“.

Besonders betroffen sind von diesem Trend Gymnasien: Gymnasien in freier Trägerschaft steigerten ihren „Marktanteil“ von 9,8% auf 11,1%, wobei er im früheren Bundesgebiet (West) von 12,3% auf 11,5% leicht zurückging, in den neuen Bundesländern jedoch von 1,7% auf 8,1% anstieg.

In Berlin wird der Zusammenhang zwischen massiven Kürzungen im Bildungsbereich und dem Anwachsen des Privatschulsektors besonders deutlich: Angaben des Tagesspiegels vom 8. März 2011 zufolge ist in Berlin die Zahl der Privatschüler von 2001 bis 2011, in der Zeit der rot-roten-Koalition, von ca. 16.600 auf ca. 28.000 gestiegen, also um knapp 70%.

Auch die breitflächige Schließung von Grundschulen schlägt sich in der Statistik nieder: Mit rund 6% liegt in Berlin der Prozentsatz privater Grundschulen weit über dem Bundesdurchschnitt von rund 2%. Im Berliner Stadtteil Pankow gibt es beispielsweise neben 41 staatlichen schon 10 private Grundschulen.

Im restlichen Bund sind es der Studie nach hingegen „vor allem Defizite im Angebot an Ganztagsschulen, Förderschulen oder bilingualem Unterricht, die Privatschulgründungen initiieren“.

Der Privatschüleranteil in den neuen Bundesländern ist nach wie vor weit unter dem der alten anzusiedeln. Angeführt wird der Ländervergleich von Bayern mit beinahe 11% Privatschülern, während Schleswig-Holstein mit knappen 4% das Schlusslicht bildet, und Berlin in etwa mit dem Bundesdurchschnitt von rund 8% übereinstimmt.

Selektion findet der Studie zufolge an Privatschulen sowohl nach sozialen als auch nach ethnischen Kriterien statt. Während nur etwa 4% ausländische Kinder Privatschulen besuchen, sind es rund doppelt so viele Kinder deutscher Herkunft. Die wichtigsten Motive für die Wahl von Privatschulen seien „die Hoffnung auf das Vorfinden eines besseren sozialen Milieus, eine bessere Persönlichkeitsbildung der Kinder sowie die Erwartung höherer Lernleistungen und besserer Chancen im Berufsleben“.

Ein Kernpunkt der Studie besteht in der Feststellung, dass Privatschulen entgegen gängiger Erwartungen und Vorurteile nicht bessere Orte zum Lernen sind. So sind zwar die Schulen selbst meistens wesentlich kleiner, die Klassen sind aber mit durchschnittlich einem Kopf weniger nicht merklich kleiner als die an öffentlichen Schulen. Was die Unterrichtsversorgung (wöchentlich erteilte Unterrichtsstunden je Schüler) betrifft, so war sie mit 1,7 statt 1,5 Wochenstunden pro Schüler etwas besser. Ein besonders deutlicher Unterschied ließ sich bei den Förderschulen ausmachen, die in privater Hand 4,4, in öffentlicher nur 3,5 Wochenstunden auf einen Schüler verwendeten. Bei Leistungsvergleichen waren die Ergebnisse sehr uneinheitlich. Während private Realschulen etwas besser als öffentliche abschnitten, war bei Gymnasien das Gegenteil der Fall. Insgesamt seien die Unterschiede aber eher geringfügig.

Dass Privatschulen im Leistungstest im Durchschnitt nicht besser abschneiden, im Falle der Gymnasien sogar etwas schlechter, ist sicher nicht zuletzt mit der häufig sehr geringen Bezahlung der Lehrer an privaten Einrichtungen zu begründen, die nicht an Tarifverträge gebunden sind. Laut einem Bericht der GEW verdienten beispielsweise die Lehrer an einer inzwischen geschlossenen Privatschule in Stuttgart, die 1.700 Euro monatlich für den Unterricht eines Kindes verlangte, weniger als halb so viel wie ihre Kollegen im Staatsdienst. Statt 50-75 Euro pro Unterrichtsstunde bezahlte ihnen ihr Arbeitgeber 17 bis 35 Euro. Obwohl es große Unterschiede zwischen einzelnen Einrichtungen gibt, wird aus diesen Zahlen bereits ersichtlich, dass das – oftmals sehr hohe – Schulgeld oft nicht zur Verbesserung des Unterrichts verwendet wird, sondern einfach in die Taschen der privaten Träger fließt.

Der Autor der Studie versucht vor dem Hintergrund des ernüchternden Abschneidens der Privatschulen im durchschnittlichen Vergleich mit den öffentlichen Schulen letztere besser dastehen zu lassen. In Wahrheit sind bei diesen Durchschnitts-Vergleichen ausgeprägte Unterschiede zwischen den einzelnen Gymnasien, Grundschulen usw. sowie den Schulsystemen der verschiedenen Bundesländer zu beachten. Gymnasien in Reichenvierteln sind für gewöhnlich weit besser ausgestattet und können ihren Schülern günstigere Lernbedingungen bieten, als weiterführende Schulen in sozialen Brennpunkten.

Während das Angebot des öffentlichen Schulsystem durch rigorose Kürzungsmaßnahmen immer schlechter wird, versuchen diejenigen, die es sich noch halbwegs leisten können, ihre Kinder in Privatschulen unterzubringen, um ihnen eine vernünftige Ausbildung zu ermöglichen. Oft müssen sich Eltern, die aus der unteren Mittelschicht stammen, das Schulgeld vom Munde absparen. Kinder aus der Arbeiterklasse bleiben von vornherein außen vor.

Wie weit verbreitet die Unzufriedenheit mit dem Zustand des öffentlichen Schulsystems ist, kam in einer Umfrage der Zeitschrift Eltern aus dem Jahr 2009 zum Ausdruck. Demnach gaben 54% der befragten Mütter und Väter mit Kindern unter 18 Jahren an, ihr Kind auf eine Privatschule schicken zu wollen, wenn sie es sich leisten könnten.

Die soziale und ethnische Selektion, die in der Studie als nicht beabsichtigtes, aber notwendiges „Nebenprodukt“ des privaten Schulsystems dargestellt wird, ist in Wirklichkeit dessen Grundlage. Die zunehmende soziale Polarisierung in Deutschland geht einher mit Angriffen der herrschenden Klassen auf sämtliche soziale Einrichtungen, allen voran das öffentliche Bildungswesen.

Auf dessen Trümmern bildet sich ein stetig wachsender Privatschulsektor heraus, der nicht homogen ist. Es wird zwar in der vorliegenden Studie immer nur angedeutet, doch es scheint auch zwischen einzelnen Privatschulen nicht weniger bedeutende Unterschiede in Leistung und Qualität zu geben, als zwischen den diversen öffentlichen. Privatschule ist nicht gleich Privatschule, und diejenigen Einrichtungen, welche vom Nachwuchs der Oberschicht besucht werden, haben offensichtlich ein anderes Preis- und Leistungsniveau als diejenigen mit einem Schulgeld von 200 Euro pro Monat. Gerade „schlechtere Privatschulen“ profitieren von der Kürzungspolitik im Bildungsbereich und ziehen den Eltern oft schlicht das Geld aus der Tasche.