New Yorker Vergewaltigungsverfahren gegen den ehemaligen IWF-Chef bricht zusammen

Von Patrick Martin
5. Juli 2011

Domique Strauss-Kahn, der ehemalige Chef des IWF, wurde am Freitag nach einer gerichtlichen Anhörung ohne Kaution freigelassen. Bei der Anhörung machte es den Anschein, als werde die gegen ihn erhobene Anklage wegen Vergewaltigung zusammenbrechen. Die Staatsanwaltschaft räumte ein, dass die Glaubwürdigkeit der Frau, die die Hauptbelastungszeugin gegen ihn ist, fragwürdig erscheint.

Die Staatsanwaltschaft gab in der mündlichen Verhandlung keine Details preis. Aber ein ausführlicher Artikel der New York Times, der am Freitagmorgen erschien, enthielt Zitate von zwei anonymen “Beamten der Strafverfolgungsbehörde”, die nahelegen, dass das angebliche Vergewaltigungsopfer mit Drogenhandel und Geldwäsche zu tun gehabt hat. Außerdem sei sie bei einem Gespräch belauscht worden, bei dem diskutiert wurde, wie sie von der Anklage gegen Strauss-Kahn finanziell profitieren könnte.

Alle drei in New York City herausgegebenen Tageszeitungen – die Boulevardzeitung Daily News und die Murdoch gehörende New York Post – brachten am Freitag Exposés, die sich auf Enthüllungen der Bezirksstaatsanwaltschaft und der Polizei stützten. Alle drei berichteten sie die gleichen Fakten.

Diesen Berichten zufolge telefonierte die 32-jährige Immigrantin aus Guinea, die behauptete, von Strauss-Kahn 14. Mai vergewaltigt worden zu sein, noch am gleichen Tag mit einem Mann, der in einem Gefängnis für Drogendelikte saß, und diskutierte, wie sie aus dem Fall - wie die Daily News es darstellte - “Profit schlagen” könnte.

Die Times liest sich so: “Die Frau führte noch am gleichen Tag ihres Zusammenstoßes mit Mr. Strauss-Kahn ein Telefongespräch mit einem inhaftierten Mann, indem sie die möglichen Vorteile der Verfolgung einer Anklage gegen ihn diskutierte. Das Gespräch ist aufgezeichnet worden.”

Die Times berichtete, dass der inhaftierte Mann einer aus einer Gruppe von Leuten sei, die in den letzten zwei Jahren in Arizona, Georgia, New York und Pennsylvania Bareinlagen in Höhe von insgesamt mehr als 100.000 Dollar auf das Konto der Frau eingezahlt hätten. Sie ist ein gering verdienendes Zimmermädchen mit zwei Kindern, die nicht in der Lage gewesen sei, solche Summen durch ihre Anstellung im Sofitel Hotel, wo die Begegnung mit Strauss-Kahn stattfand, zu erhalten.

Eine weitere verdächtige Tatsache war, dass das angebliche Opfer monatlich Hunderte von Dollar Telefongebühren an fünf verschiedene Firmen zahlte, obwohl sie den Ermittlern erzählt hatte, sie habe nur ein Telefon. Sie behauptete auch, sie habe nichts über die riesigen Bareinzahlungen auf ihre Konten gewusst, außer dass sie von ihrem “Verlobten” und seinen “Freunden” gemacht worden seien.

Die Presse berichtet auch ausführlich von früheren Lügen der Frau, einschließlich solcher im Rahmen ihres Asylantrags nach der Einreise in die Vereinigten Staaten, in dem sie behauptet habe ein Opfer von Bandenvergewaltigung in Guinea, der ehemaligen französischen Kolonie in Westafrika, wo sie geboren wurde, gewesen zu sein.

NBC News berichteten, die Ermittler hätten festgestellt, dass sie in ihrem Asylantrag “erheblich gelogen habe, auch bezüglich von Informationen über die Behauptung, vergewaltigt worden zu sein.” Die Staatsanwaltschaft erklärte dem Sender, sie habe die Geschichte, in Guinea entführt worden zu sein, “glaubwürdig” erzählt, aber dann später zugegeben, dass “sie sie angelogen hat…bei dem Asylantrag im Zusammenhang mit der gesamten Behauptung der Vergewaltigung.”

Ein nicht namentlich genannter “Vollzugsbeamter” erzählte der Associated Press, dass die Frau auch bezüglich einiger ihrer Aktivitäten während der Zeit vor und unmittelbar nach dem angeblichen Übergriff, der irgendwann um die Mittagszeit in der Luxus-Suite, wo Strauss-Kahn in Manhattan wohnte, stattgefunden habe, gelogen hätte.

Der Bericht der Times unterstrich den Zusammenbruch der Glaubwürdigkeit des angeblichen Vergewaltigungsopfers. “Obwohl forensische Tests eindeutige Beweise für Geschlechtsverkehr [mit Strauss-Kahn] ergeben hätten”, schrieb die Zeitung “glauben die Staatsanwälte heute nicht viel von dem, was die Klägerin ihnen über die Umstände oder sich selbst erzählt hat. Seit ihrer ersten Anschuldigung am 14. Mai hat die Klägerin immer wieder gelogen, sagte einer der Vollzugsbeamten.”

Die Staatsanwaltschaft traf sich mit den Anwälten Strauss-Kahns am Donnerstag und übergab einen Großteil der Beweise, die sie zusammen getragen hatte. Sie begannen Gespräche über eine mögliche Einstellung des Verfahrens. Als erstes hoben sie Strauss-Kahn Hausarrests, unter den er gestellt worden war, auf.

Am nächsten Tag erklärte Richter Michael Obus bei der Anhörung vor Gericht: "Wie ich sehe haben sich die Umstände dieses Verfahrens gravierend geändert und ich stimme zu, dass das Risiko, dass er nicht erscheinen könnte, erheblich kleiner geworden ist. Ich lasse Herrn Strauss-Kahn unter Auflagen frei.”

Nach der Anhörung wurde ein offizielles Benachrichtigungsschreiben von der New Yorker Staatsanwaltschaft an Strauss-Kahns Rechtsanwälte veröffentlicht. Der Brief enthält weitere Details über die Unzuverlässigkeit der Zeugenaussage des angeblichen Opfers.

Er räumt ein, dass das mutmaßliche Opfer bezüglich der Umstände des angeblichen Übergriffs und ihrem Verhalten danach wiederholt gelogen hat. Insbesondere gebe die Zeugin jetzt zu, dass sie nach der sexuellen Begegnung mit Strauss-Kahn in seinem Zimmer, Suite 2806 im Sofitel Manhattan, mit der Reinigung eines benachbarten Bades weitergemacht habe, dann in die Suite Strauss-Kahns zurückgekehrt sei und angefangen habe, auch diese zu reinigen, bevor sie zu ihrem Vorgesetzten ging, um ihm von dem sexuellen Übergriff zu berichten. Zuvor hatte die Frau gesagt, sie sei aus der Suite 2806 geflohen und habe in einem öffentlichen Flurbereich gewartet, bis Strauss-Kahn das Hotel verlassen habe, und dann den Übergriff gemeldet.

Der offensichtliche Zusammenbruch des Verfahrens gegen Strauss-Kahn stellt den politisch motivierten Medienrummels vollkommen bloß, der seine Verhaftung begleitete. Er wurde angeführt von der New York Times, die Artikel von Maureen Dowd, Stephen Clarke und Jim Dwyer brachte, die von Verachtung über solch absonderliche Begriffe wie “Unschuldsvermutung” nur so strotzten. Sie brachte auch einen langen Artikel im New York Times Magazine von Bill Keller, dem scheidenden Chefredakteur der Zeitung, der jede Vermutung, Strauss-Kahn könne Opfer eines politisch motivierten Komplott gewesen sein, als “Verschwörungstheorie” denunzierte.

Es ist bis jetzt noch nicht möglich festzustellen, ob die Begegnung mit dem Zimmermädchen eine Falle darstellte, wie viele Anhänger von Strauss-Kahn in Frankreich vermuteten. Aber der Ablauf vom Zeitpunkt seiner Verhaftung an macht deutlich, dass der Fall zumindest manipuliert wurde, um politische Ziele zu erreichen.

Strauss-Kahn wurde am 14. Mai verhaftet, aber innerhalb eines Tages, also irgendwann am 15. Mai, erhielten Polizei und Staatsanwaltschaft Kenntnis davon, dass die ihn beschuldigende Zeugin mit einem inhaftierten Drogenhändler darüber diskutierte, wie sie von dem außerordentlich medienträchtigen Vergewaltigungsfall profitieren könne. Doch sie trieben das Verfahren voran, als sei es über jeden Zweifel erhaben.

Der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Artie McConnell, der am 16. Mai die Anklage gegen Strauss-Kahn verlas, erklärte: “Das Opfer lieferte schwerwiegende Details, die zu einem gewalttätigen sexuellen Übergriff des Angeklagten passen, und die alle notwendigen Voraussetzungen für das Verbrechen, dessen er angeklagt ist, begründeten.

Am 19. Mai erklärte McConnell in einer Haftprüfung, “Die Beschwerdeführerin aus diesem Fall hat einen überzeugenden und unerschütterlichen Bericht über das, was sich im Zimmer des Beklagten abgespielt hat, abgegeben.”

Unter dem Druck des Ermittlungsverfahrens und des Medienrummels trat Strauss-Kahn am 19. Mai als geschäftsführender Direktor des IWF zurück. Er musste sein allgemein erwartetes politisches Vorhaben aufgeben: im Sommer nach Frankreich zurückzukehren und dort eine Präsidentschaftskampagne zu führen, wo er der Favorit für eine Nominierung durch die Sozialistische Partei war und Umfragen ihn bereits als Sieger über den ungeliebten rechten Amtsinhaber Nicolas Sarkozy erscheinen ließen.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die New Yorker Distriktstaatsanwaltschaft so aggressiv in dem Fall vorging, um Strauss-Kahn zur Aufgabe seines Postens beim IWF zu zwingen und seine politischen Pläne in Frankreich zu torpedieren, obwohl sie im Besitz klarer Warnungen vor der Unzuverlässigkeit ihrer einzigen Zeugin war. In den Monaten zuvor hatte die Regierung Obama ihre Unzufriedenheit mit Strauss-Kahns Leitung des IWF zum Ausdruck gebracht. Das galt auch für dessen Abneigung, Washington bei seinem Kurs, China zu isolieren, zu unterstützen und es als einen “Währungsmanipulator” hinzustellen. China hatte sich geweigert, den Forderungen der USA nachzukommen, seine Währung stark aufzuwerten.

Innerhalb weniger Tage nach Strauss-Kahns Verhaftung, forderte der US-Finanzminister öffentlich dessen Rücktritt, und ebnete so den Weg dafür, dass die Leitung der Organisation über einen befristeten Zeitraum an seinen amerikanische Stellvertreter, John Lipsky, abgegeben werden musste.