Als die USA nicht mehr zahlen konnten: Vierzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Bretton-Woods-Vereinbarung

16. August 2011

Mehrere Kommentatoren haben die Herabstufung der amerikanischen Kreditwürdigkeit durch Standard & Poor’s mit dem Hinweis abgetan, niemals würde es soweit kommen, dass die USA nicht mehr zahlen könnten. Aber vor vierzig Jahren war genau das der Fall. An einem Sonntagabend im August 1971 trat Präsident Nixon vor die Fernsehkameras, um der Welt zu verkünden, die USA würden ihrer Verpflichtung, US-Dollar gegen Gold einzutauschen, nicht mehr nachkommen.

Diese einseitige Entscheidung zerstörte das Bretton-Woods-Abkommen. Dieses hatte nach dem zweiten Weltkrieg die Grundlage dafür gelegt, dass der internationale Handel wieder aufblühte und internationale Investitionen getätigt wurden, wodurch der Nachkriegsboom möglich wurde.

Das Bretton-Woods-Abkommen war das Ergebnis mehrjähriger Verhandlungen und Diskussionen zwischen führenden Wirtschaftlern und Finanziers in den USA und Großbritannien. Ohne Grundlage für ein neues Finanzsystem, darüber war man sich auf beiden Seiten weitgehend einig, würde die Nachkriegswirtschaft schnell in die Bedingungen der dreißiger Jahre zurückfallen, was die Gefahr sozialer Revolution beinhaltet hätte.

Aber zwischen den beiden Seiten, den USA und Großbritannien, gab es auch scharfe Differenzen. John Maynard Keynes, der führende britische Unterhändler, war bekannt als scharfer Kritiker des Vertrags von Versailles, der den ersten Weltkrieg beendete. Keynes wollte die wirtschaftliche Führungsposition Großbritanniens unbedingt erhalten, doch schließlich sah er sich gezwungen, die überwältigende wirtschaftliche Überlegenheit der USA anzuerkennen. Keynes schlug vor, eine internationale Währung mit Namen „Bancor“ einzuführen. Eine internationale Verrechnungsbehörde, die für den internationalen Handel zuständig sein sollte, würde ihn verwalten.

Dies lehnten die US-Regierung und ihr Chef-Unterhändler, Harry Dexter White, ab. Nachdem sie die Vorherrschaft über ihre kapitalistischen Rivalen errungen hatten, waren die USA nicht bereit, sich der internationalen Regulierung, die Keynes‘ Plan vorsah, zu unterwerfen. Die USA sicherten sich also die Einführung des Dollars als globaler Leitwährung. Doch waren sie zu dem Zugeständnis gezwungen, dass sie den Umtausch aller Dollar außerhalb der USA zu einem Kurs von 35 Dollar pro Feinunze Gold garantieren würden.

Auf der Grundlage der Dollar-Gold-Beziehung wurden alle internationalen Währungen an den Dollar und zu festen Wechselkursen aneinander gebunden. Feste Wechselkurse sollten zusammen mit dem Anstoß des freien Handels bewirken, dass ein zerstörerischer Wettbewerb von Währungsabwertungen wie in den 1930er Jahren verhindert würde.

Das Bretton-Woods-Abkommen spielte bei der Wiederbelebung der kapitalistischen Weltwirtschaft eine Schlüsselrolle. Aber ihr Siegeszug brachte neue Widersprüche hervor.

Die Expansion von internationalem Handel und Auslandsinvestitionen (von denen vor allem die USA profitierten) bedeutete, dass ständig Dollars abfließen mussten, wenn die USA ihren wachsenden internationalen Zahlungsverpflichtungen nachkommen sollten. Aber dies untergrub die Wechselbeziehung zwischen Dollar und Gold. Die in der Weltwirtschaft zirkulierenden Dollarmengen nahmen schneller zu als das Gold, das die USA hielten, und das diese Mengen decken sollte.

Dieses Problem tauchte erstmals zu Anfang der 1960er Jahre auf (es heißt, Präsident Kennedy habe sich um nichts mehr Sorgen gemacht als um die Gold-Dollar-Beziehung), und verschärfte sich während des gesamten Jahrzehnts. Die Dollarmenge außerhalb der USA wuchs von fünf Milliarden im Jahr 1951 auf 38,5 Milliarden im Jahr 1968, womit die Goldreserven um 23 Milliarden Dollar übertroffen wurden.

Die US-Zahlungsbilanz (die den gesamten Zu- und Abfluss des Finanzkapitals ausweist) wies wegen der Auslandsinvestitionen der USA und ihrer Regierungsausgaben in Übersee ein Defizit auf. Dazu trugen in besonderem Maße der Korea- und der Vietnamkrieg bei. Aber die Zahlungsbilanz wurde noch immer teilweise durch einen Handelsbilanzüberschuss ausgeglichen, was bedeutet, dass die USA mehr exportierten als importierten. Zu Beginn der 1970er Jahre begann die starke Position der USA im internationalen Wettbewerb zu sinken. Als die Handelsbilanz in die roten Zahlen kippte, griff Präsident Richard Nixon ein.

Die Aufhebung des Bretton-Woods-Abkommens war nicht ausschließlich Produkt des relativen Niedergangs der USA. Sie war auch Ausdruck des im kapitalistischen System begründeten unlösbaren Widerspruchs zwischen einer zunehmend integrierten Weltwirtschaft und der Einteilung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten.

Während der 1960er Jahre hatten mehrere aufeinanderfolgende US-Regierungen versucht, das Bretton-Woods-System durch die Einführung von Regulierungen, die den Abfluss von Dollars eindämmen sollten, aufrecht zu erhalten. Aber ihnen kam immer wieder das Wachstum eines Marktes in die Quere, der als Euro-Dollar-Markt bekannt werden sollte. Er umfasste jene Dollars, die durch das europäische Finanzsystem zirkulierten und sich der Kontrolle jeglicher Regierungen entzogen.

Sogar die mächtigsten nationalen Regierungen waren unfähig, diesen Markt unter Kontrolle zu bringen. Die wachsende Frustration zeigte sich in den regelmäßigen Anprangerungen der „Gnomen von Zürich“ durch den britischen Labour-Premier Harold Wilson, der die Schweizer Banker hinter diesen Geldern vermutete.

Während der Dollar auch nach August 1971 als globale Leitwährung erhalten blieb, verursachte das neue System fließender Wechselkurse im globalen Finanzsystem wachsende Instabilität. Zu dieser Zeit begann der unaufhaltsame Aufstieg von Finanzderivaten, die in der heutigen Wirtschafts- und Finanzkrise eine entscheidende Rolle spielen.

Derivate, wie zum Beispiel Futures, gibt es schon seit langer Zeit. Aber nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems wurden der Währungsmarkt und andere Finanzmärkte immer instabiler. Dieser Umstand und das immer stärkere Zusammenwachsen der Weltwirtschaft machten es notwendig, neue Instrumente zu entwickeln, die eine Versicherung gegen Risiken boten. Um dieses Bedürfnis zu stillen, entstanden Derivate, die schon bald ein explosives Wachstum verzeichnen sollten, das ihre Bedeutung weit über ihre Ursprünge hinausführte.

1972, ein Jahr nach der Aufgabe des Bretton-Woods-Systems, wurde ein Markt für Währungs-Futures in Chicago eröffnet. Im folgenden Jahr wurde ein Schlüssel zur Preisgestaltung von Finanzoptionen entwickelt und eine Optionenbörse eingerichtet.

1975 führte die Handelskammer von Chicago den ersten Vertrag auf Zins-Futures ein. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gab es 1973 praktisch noch keine Derivate. Im Juni 2008, am Vorabend des Lehmann-Zusammenbruchs, hatten die sogenannten „außerbörslichen Vereinbarungen“ (OTC’s) einen Schätzwert von 683,7 Billionen Dollar oder mehr als das Zehnfache der Weltproduktion.

Das spektakuläre Wachstum von Derivaten in den vergangenen vierzig Jahren bestätigt einen Prozess, den Marx in Bezug auf Kredite analysiert hat. In der ersten Phase, so schrieb er, „kriecht der Kredit verstohlen herein als der demütige Gehilfe der Akkumulation“, endet aber als machtvoller gesellschaftlicher und finanzieller Mechanismus. In ähnlicher Weise traten Derivate zunächst als Diener des Kapitals auf, um gegen Risiken zu schützen. Aber am Schluss trugen sie dazu bei, die größte Finanzkatastrophe der Geschichte anzurichten.

Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und die Turbulenzen, die er hervorrief, spielten eine entscheidende Rolle, die explosiven Klassenkämpfe der frühen 1970er Jahre anzuheizen. Die Arbeiterklasse aber war durch den Verrat ihrer Führung blockiert und erlitt deshalb eine Niederlage.

Aber jene Niederlagen lösten nicht die Widersprüche im Weltkapitalismus, die das Bretton-Woods-System zerrissen. In Wirklichkeit haben sie sie noch verstärkt. Der historische Niedergang der Vereinigten Staaten setzt sich fort. Heute bildet er den am meisten destabilisierenden Faktor in Wirtschaft und Politik der ganzen Welt. Der Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem ist offen aufgebrochen und hat die Form eines Zusammenbruchs des internationalen Finanzsystems angenommen.

Infolgedessen werden neue revolutionäre Kämpfe aufleben, und das in einem erheblich größeren Ausmaß als vor vierzig Jahren. Die Lehren der vergangenen Niederlagen müssen gezogen und die Krise der Führung der Arbeiterklasse muss gelöst werden. Das bedeutet vor allem den Aufbau des Internationalen Komitees der Vierten Internationale als Weltpartei der sozialistischen Revolution.

Nick Beams

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