Dreißig Jahre seit dem Fluglotsenstreik in den Vereinigten Staaten

1. Teil

Von Tom Mackaman
24. August 2011

Am 3. August 1981 streikten in den USA 15.000 Mitglieder der Gewerkschaft der Fluglotsen (Professional Air Traffic Controllers Organization (PATCO) gegen ihren Arbeitgeber, die Federal Aviation Administration (FAA). Über Jahre hinweg hatten Beschäftigungsniveau und Sicherheitsmaßnahmen nicht Schritt gehalten mit dem zunehmenden kommerziellen Luftverkehr. Extremer Stress zwang eine Großzahl von Kontrolleuren in den vorzeitigen Ruhestand. Die PATCO-Angestellten forderten eine kürzere Wochenarbeitszeit, Lohnerhöhungen und zusätzliche Einstellungen.

Nur wenige Stunden nach Streikbeginn hielt Präsident Ronald Reagan im Rosengarten des Weißen Hauses eine Rede, in der er sich auf das Taft-Hartley-Gesetz, ein Anti-Streik Gesetz aus dem Jahr 1947, berief und die Fluglotsen unter Androhung von Entlassungen aufforderte, innerhalb von zwei Tagen zur Arbeit zurückzukehren. Die Anweisung der Reagan-Regierung war einfach zu verstehen: Der Streik ist zu beenden und die Gewerkschaft hat sich den Befehlen des Weißen Hauses unterzuordnen. Es gibt keine Verhandlungen.

Solidaritätstag für PATCO in Washington DC am 19. September 1981 Solidaritätstag für PATCO in Washington DC am 19. September 1981

Die Fluglotsen widersetzten sich dem Aufruf, wieder an die Arbeit zu gehen, in Massen. Zwölf- bis Dreizehntausend streikten weiter. Jedoch wurde der Kampf vom Gewerkschaftsdachverband, der American Federation of Labor and dem Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO), isoliert und verraten, trotz seiner Hartnäckigkeit und Solidarität sowie der starken Unterstützung in der Arbeiterklasse, was in einer Solidaritätsdemonstration von 500.000 Menschen am 19. September in Washington D.C. zum Ausdruck kam. Die Bürokratie der AFL-CIO in den USA und in Kanada, ließ zu, dass die Mitglieder anderer Luftfahrtgewerkschaften die Streikposten der PATCO-Mitglieder durchbrechen.

Am Ende des Jahres wurde klar, dass die Fluglotsen geschlagen waren. Die Reagan-Regierung und die Gerichte verboten die Gewerkschaft und alle streikenden Fluglotsen wurden auf eine schwarze Liste gesetzt. Ihnen wurde die Ausübung ihres Berufs für den Rest ihres Lebens unmöglich gemacht.

Die Aggressivität der herrschenden Klasse verblüffte die Arbeiter. Aber Reagans Rücksichtslosigkeit – die zu Dutzenden Verhaftungen und Gefängnis für vier militante Fluglotsen in Texas führte – wurde durch die AFL-CIO Bürokratie erst ermöglicht. Obwohl die Bedrohung offensichtlich war, die Reagans Angriff für die gesamte Arbeiterbewegung darstellte, weigerte sich die AFL-CIO beharrlich, die Arbeiterklasse, stärker zu mobilisieren, obwohl immer wieder Forderungen nach einem Generalstreik laut wurden. Stattdessen versuchten die Gewerkschaften, die Wut der Arbeiterklasse in Unterstützung für die Demokratische Partei zu kanalisieren.

Reagans Zerschlagung von PATCO war ein verheerender Angriff auf die Gewerkschaften. Dabei handelte es sich um eine parteiübergreifende Operation, die mit stillschweigender Unterstützung der Demokraten ermöglicht wurde. Selbst der Einsatz von Militär zum Streikbruch beruhte auf einer Streiknotfallverordnung, die im Jahr 1980 unter dem damaligen demokratischen Präsidenten Jimmy Carter ausgearbeitet worden war.

Die AFL-CIO gab der Reagan-Regierung die Zusicherung, dass sie dem Streikbruch und den gewerkschaftsfeindlichen Maßnahmen des Staates nichts entgegensetzen werde. Angesichts des Drucks, den Arbeiter mit ihrer Forderung nach umfassenderen Streikmaßnahmen zur Unterstützung von PATCO ausübten, erklärte Lane Kirkland, Präsident der AFL-CIO, bereits zu Beginn des Kampfes, dass er „alles ablehnen werde, was die Öffentlichkeit insgesamt für die Sünden oder Missetaten der Reagan-Regierung in Haftung nehme.“ Reagan konnte sich also der Ergebenheit der Gewerkschaftsbürokratie so sicher sein, dass er sein Zurück-zur-Arbeit-Ultimatum sogar am 3. August stellte, dem Tag, an dem in New York City der Exekutivrat der AFL-CIO tagte.

Streikende PATCO Mitglieder in Detroit 1981 Streikende PATCO Mitglieder in Detroit 1981

Die von der Regierung organisierte Zerstörung von PATCO war ein Signal an das Big Business, einen massiven Angriff auf die gesamte Arbeiterbewegung zu starten. Im nächsten Jahrzehnt wurden streikbrechende und gewerkschaftsfeindliche Maßnahmen in praktisch jedem Wirtschaftssektor angewandt: im Luft- und Bodentransportwesen, in der Automobil- und Stahlindustrie, im Bergbau und Einzelhandel. Methoden, die seit den 1930er Jahren nicht mehr angewandt worden waren, kamen wieder zum Einsatz, um den erbitterten Widerstand der Arbeiter gegen Lohnkürzungen und andere Zugeständnisse zu brechen. In den 1980er Jahren tauchten wieder von den Firmen angeheuerte Schläger und bewaffnete Privatpolizei auf, Gerichtsverfahren gegen Gewerkschaften aufgrund falscher Beschuldigungen fanden ebenso statt wie gewaltsame Angriffe auf Streikposten. Jeder größere Streikkampf wurde von der Gewerkschaftsführung vorsätzlich isoliert und verraten. Die United Auto Workers (UAW), die AFL-CIO und praktisch jede größere Gewerkschaft betrieb Korporatismus – d. h. die vollständige Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Konzerne. Dadurch wurden enge Strukturen zwischen den Gewerkschaften mit dem Management geschaffen, um den Klassenkampf zu unterdrücken.

Auf diese Weise markierte der Verrat an der PATCO den Zusammenbruch der Gewerkschaften und ihre schnelle Umwandlung in Agenturen der Konzerne und des Staates.

Die Workers League, die Vorgängerin der amerikanischen Partei für Soziale Gleichheit (Socialist Equality Party – SEP), spielte eine führende Rolle im PATCO-Streik. Indem sie die verhafteten Arbeiter verteidigte, erhielt die Workers League die Unterstützung zahlreicher PATCO-Mitglieder. Reporter des Bulletin, dem Vorgänger der World Socialist Web Site, interviewten Dutzende der Streikenden und ihre Familien in Städten im ganzen Land.

Die Workers League rief unaufhörlich zu einer Ausweitung des Streiks auf die gesamte Arbeiterklasse auf. Sie pochte darauf, dass die Bedingungen für eine Ausweitung des Streiks nur durch einen politischen Kampf gegen die Gewerkschaftsbürokratie und die Demokratische Partei zu erreichen seien. Die Workers League betonte die Notwendigkeit eines außerordentlichen Arbeiterkongresses, der organisierte Arbeiter und nichtorganisierte Teile der arbeitenden Bevölkerung zusammenbringen sollte, um eine auf die Gewerkschaften gestützte Arbeiterpartei zu begründen, die für eine Arbeiterregierung und für sozialistische Politik kämpft. Die Partei erklärte, dass ohne einen solchen Kampf der PATCO-Streik nicht gewonnen werden könne. Sie warnte, dass eine Niederlage des PATCO-Streiks der Ausgangspunkt für Angriffe auf die gesamte Arbeiterklasse werden würde.

Während eine starke Solidarität – begleitet vom Wunsch nach einer Machtprobe mit der Reagan-Regierung – unter den Arbeitern anhielt, fehlte überwiegend die Einsicht in die Notwendigkeit sozialistischer Konzeptionen, um den Kampf gewinnen zu können. Dies war selbst das Produkt eines langen historischen Prozesses. Jahrzehnte des Antikommunismus, der von der AFL-CIO geschürt wurde, hatten in den 1980er Jahren zur Folge, dass vielen Arbeitern entscheidende historische Erfahrungen vorenthalten wurden, darunter die entscheidende Rolle, die Sozialisten bei der Bildung der Industriegewerkschaften in den 1930er Jahren gespielt hatten.

Die Niederlage von PATCO markiert die Grenze zweier Perioden in der Geschichte der USA. Von den 1930er bis in die 1970er Jahre hatte die Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten beträchtlichen Einfluss in der Arbeiterklasse. Die Siege der Industriegewerkschaften in den 1930er Jahren, die Massenstreikwellen der Arbeiterklasse am Ende des Zweiten Weltkrieges, die anhaltende großflächige Streikbewegung in den 1950er und 1960er Jahren und die Streikwelle zwischen Ende der 1960er bis zur Mitte der 1970er Jahre – all dies zwang der amerikanischen herrschenden Klasse bedeutende Zugeständnisse ab. Diese fürchtete das Ausbrechen einer von Sozialisten geführten Arbeiterrevolution, wie sie 1917 in Russland stattgefunden hatte. Diese Epoche brachte eine erhebliche Verbesserung im Lebensstandard, die Ausweitung demokratischer Rechte auf schwarze Arbeiter im Süden und die Einführung eines begrenzten Sozialstaates.

Truppen vor den Phelps Dodge Bergwerken 1984 Truppen vor den Phelps Dodge Bergwerken 1984

[Bild] Truppen vor den Phelps Dodge Bergwerken 1984

Die PATCO-Niederlage diente als Muster für jeden weiteren Streik, der in den 1980er bis zum Beginn der 1990er Jahre stattfand. Die Arbeiter führten bei Phelps Dodge, Greyhound, United Airlines, AT Massey, Hormel, Caterpillar hartnäckige und erbitterte Kämpfe. Es war nicht fehlender Kampfgeist, der die Niederlagen in diesen und anderen Streiks aus dieser Phase verursachte. Vielmehr isolierte und demoralisierte in jedem dieser Fälle die Gewerkschaftsbürokratie bewusst die Streikenden und fügte ihnen die Niederlagen zu.

Seit den schweren Niederlagen der 1980er und 1990er Jahre sind Streiks in den USA praktisch verschwunden. Der Mangel an organisiertem Widerstand aufseiten der Arbeiterklasse hat den Appetit der Bourgeoisie angeregt, was sich in der steigenden Konzentration des Reichtums in den Vereinigten Staaten widerspiegelt, die seit den 1970er Jahren stattfindet. Stück für Stück wurden die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts wieder rückgängig gemacht, der sich seit der Finanzkrise im Jahr 2008 und dem Regierungsantritt des Obama-Kabinetts beschleunigt hat.

Der Einbruch bei den Mitgliederzahlen der Gewerkschaften auf den geringsten Stand seit einem Jahrhundert im Privatsektor – und die fortgesetzten Senkungen der Löhne und des Lebensstandards der amerikanischen Arbeiterklasse spiegelten sich aber keineswegs in einer Senkung der Einkommen und des Wohlstands der Gewerkschaftsbürokratie wider. Tausende der Gewerkschaftsbürokraten verfügen selbst über Einkommen von über 100.000 Dollar jährlich, Hunderte von ihnen streichen ab 200.000 Dollar aufwärts ein. Die Gewerkschaften haben lediglich ihre Einbindung in die Demokratische Partei vertieft. Bei jeder Wahl fließen diesen „Freunden der Arbeiter“, die jederzeit aufseiten der Konzerne und Banken stehen, zig Millionen Dollar zu.

Dreißig Jahre später ist deutlich geworden, dass der PATCO-Streik nur eins einer ganzen Serie von internationalen Ereignissen war, die eine globale Offensive der herrschenden Klasse gegen die arbeitende Klasse signalisierte. Er war nicht nur der Vorbote des Zusammenbruchs der amerikanischen Gewerkschaften, sondern weltweit aller Arbeiterbürokratien und Arbeiterparteien, die sich auf Nationalismus und Klassenkompromiss gründeten. Der Prozess, der in der Umwandlung der amerikanischen Arbeitergewerkschaften in Wirtschaftsunternehmen gipfelte, hatte sein Spiegelbild in der Entscheidung, die die stalinistische Bürokratie Ende der 1980er Jahre fällte, als sie ihre konterrevolutionäre Mission mit Liquidierung der Eigentumsverhältnisse krönte, die die Oktoberrevolution 1917 begründet hatte.

Die herrschende Klasse verstand die weitreichenden Konsequenzen der Zerschmetterung von PATCO sehr gut. Wenige Tage nach Beginn der Streiks schrieb das Wall Street Journal in einen Leitartikel, dass Reagan „aus viel weiterreichenden Gründen, die absolut nichts mit der Federal Aviation Administration und PATCO zu tun haben“, gegen die Luftlotsen einen Erfolg erringen müsse. Viel wichtigere Fragen, so führte der Leitartikel aus, seien „die Notwendigkeit zur Wiedererlangung militärischer Stärke, die Wiederherstellung der Stabilität des Dollars, die Verminderung der Steuern und Regulierungen, Widerstand gegen den Sowjetimperialismus und die Zügelung der wild wuchernden Bundesausgaben.“

Das Bulletin kommentierte am 11. August 1981: “Kurz gesagt betrachtet die herrschende Klasse die Zerstörung von PATCO als untrennbar von ihrer allgemeinen kapitalistischen Politik verbunden, die das Profitsystem mit uneingeschränkter weltweiter Militarisierung und brutalen Sparmaßnahmen für die arbeitende Klasse in den Vereinigten Staaten verteidigt."

Rosa Luxemburg sagte über das Proletariat, dass die “geschichtliche Erfahrung seine einzige Lehrmeisterin ist.” Weiter schrieb sie: „Sein Dornenweg der Selbstbefreiung ist nicht bloß mit unermesslichen Leiden, sondern auch mit unzähligen Irrtümern gepflastert. Das Ziel seiner Reise – und seine Befreiung hängt davon ab, ob das Proletariat versteht, aus seinen eigenen Irrtümern zu lernen.“[Juniusbroschüre]

Für die heutigen arbeitenden Klassen ist es von existenzieller Bedeutung, Schlüsse aus den Fehlern der Vergangenheit zu ziehen. Mit dem Schicksal von PATCO zeigte die Geschichte auf, dass eine Arbeiterbewegung, die sich auf Antikommunismus, die Verteidigung des Profitsystems und Nationalismus gründet, nicht überlebensfähig ist und zu Grunde geht. Das Ziel dieses Artikels über den PATCO-Kampf ist, die zentralen politischen Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen und die Arbeiter mit einer sozialistischen Perspektive zu bewaffnen, die für den Sieg in den Massenkämpfen benötigt wird, in die wir heute eintreten.

Wird fortgesetzt

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen