Autoarbeitern in Amerika steht historischer Kampf bevor

9. September 2011

Am 14. September läuft der Vier-Jahres-Tarifvertrag aus, der für 114.000 Autoarbeiter bei GM, Ford und Chrysler gilt. Die drei Konzerne haben dieses Jahr zwar mehr als sieben Milliarden Dollar Gewinn gemacht, dennoch haben sie angekündigt, dass es für die Arbeiter, deren Löhne seit 2003 nicht mehr erhöht wurden, weder Lohnerhöhungen noch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen geben wird.

Ganz im Gegenteil: Die Konzerne planen, die noch verbliebenen gutbezahlten Arbeiter loszuwerden und durch arme Niedriglöhner zu ersetzen. Dabei werden sie von der Obama-Regierung und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) uneingeschränkt unterstützt.

Um sich dagegen zu wehren, müssen die Arbeiter neue, von der UAW unabhängige Wege des Kampfes finden. Als Erstes müssen sie verstehen, dass sie gegen die Kürzungen der Obama-Regierung einen politischen Kampf führen müssen, während die Gewerkschaften diese Kürzungen unterstützen.

Die Sanierung von GM und Chrysler durch die Obama-Regierung im Jahr 2009 war der Höhepunkt eines dreißigjährigen Angriffs auf die Autoarbeiter. Mit der UAW-Gewerkschaft als Komplize hat das Weiße Haus die Drohkulisse der Betriebsschließung genutzt, um die Einstiegsgehälter zu halbieren, Hunderttausende Rentner und ihre Familien in ein unterfinanziertes Versicherungssystem abzuschieben, (das von der UAW kontrolliert wird), und die jährlichen Lohnerhöhungen, Zusatzleistungen und den Kündigungsschutz abzuschaffen.

Die amerikanische Wirtschaft nutzt diesen Rückschlag aus, um die Löhne sämtlicher Arbeiterschichten zu senken. Dies führt dazu, dass die Gewinne kontinuierlich steigen, obwohl sich Massenarbeitslosigkeit ausbreitet und die Wirtschaft in die Rezession abgleitet.

Das niedrige Lohnniveau, das die UAW eingeführt hat, führt in der Autoindustrie der ganzen Welt zu Lohnsenkungen. So drohte der Chef von Fiat-Chrysler, Sergio Marchionne, den italienischen Arbeitern, er werde die Produktion nach Nordamerika verlagern, wenn sie nicht ähnliche Zugeständnisse machten wie in Amerika.

Früher waren UAW-Arbeiter die bestbezahlten Arbeiter in den Vereinigten Staaten. Heute verdient ein neueingestellter Arbeiter einen Stundenlohn „Klasse zwei“ von vierzehn Dollar. Inflationsbereinigt und abzüglich Gewerkschaftsgebühren entspricht das in der Relation einem Stundenlohn von 92 Cent im Jahr 1931, – und das war vier Jahre vor Gründung der UAW. Die Kaufkraft, über die ein Arbeiter mit einem Stundenlohn „Klasse eins“ verfügt, entspricht ungefähr der vor einem halben Jahrhundert.

Die täglichen Arbeitszeiten liegen zwischen zehn und zwölf Stunden, die Arbeitsgeschwindigkeit an den Montagebändern wurde erhöht, Pausen und Urlaubszeiten verkürzt, und die Arbeiter sind andauernd von Entlassung bedroht. Entlassene Arbeiter und ihre Familien müssen ihre Heimat verlassen und hunderte Kilometer weit umziehen, um in einem anderen Werk wieder Arbeit zu finden. Bei GM und Chrysler hat die UAW außerdem das Streikrecht aufgeben und sich zu verbindlichen Tarifverhandlungen verpflichtet. Hierdurch wird den Arbeitern die Möglichkeit genommen, über Tarifverträge abzustimmen.

Der Grund für diese Politik ist nicht, dass kein Geld da ist. Er liegt in der Arroganz und dem Parasitismus der Autobosse und der gesamten Finanzaristokratie. Wie die Zeitung Automotive News feststellte, würden eine vierprozentige Lohnerhöhung und die Wiedereinführung des jährlichen Inflationsausgleichs für die 41.000 Ford-Beschäftigten den Konzern etwa 95,5 Millionen Dollar kosten; das ist „weniger als die 98 Millionen, die CEO Alan Mulally und der Vorstandsvorsitzende Bill Ford Jr. zusammen in Aktienoptionen erhalten“.

Dennoch seien sich Konzernchefs und Gewerkschaftsfunktionäre einig: Lohnerhöhungen „kommen nicht in Frage“, wie die Zeitung schreibt.

Die Autoarbeiter können ihre Lebensstandards nur dann erfolgreich verteidigen, wenn sie mit der Gewerkschaftsbürokratie brechen, denn diese unterstützt die massiven Angriffe auf die Arbeiterklasse.

So erklärte UAW-Präsident Bob King in seiner Rede vor dem Detroit Economic Club letzten Monat, die Gewerkschaft werde die Konzerne nicht mit höheren „Fixkosten“ (gemeint sind höhere Lohnkosten) belasten. Er fügte hinzu, die UAW sei entschlossen, die Gewinne der Konzernchefs zu schonen. Er erklärte vor einem Publikum aus Führungskräften: „Wir möchten sicherstellen, dass wir bei den Tarifverhandlungen für die nächsten vier Jahre unsere Konzerne auf Erfolg ausrichten können (…) Mit zusätzlichen Fixkosten würde das nicht gehen.“

Vor 75 Jahren, bei dem Sitzstreik gegen GM in Flint im Jahr 1936, waren die Autoarbeiter die Speerspitze der organisierten amerikanischen Arbeiterklasse. Damals waren ihre Führer Sozialisten und militante Linke. Aber Walter Reuther und andere Führer der damals neugegründeten UAW und CIO ordneten die Arbeiterklasse der Demokratischen Partei und ihrem Antikommunismus unter.

Das volle Ausmaß der Auswirkungen dieses historischen Verrats wurde erst in den späten Siebzigern sichtbar. Angesichts der militanten Arbeiterkämpfe in den 1960er und 1970er Jahren und dem Aufstieg asiatischer und europäischer Rivalen begannen die Konzernchefs, Werke zu schließen und die Arbeiter anzugreifen. In den folgenden Jahren verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die Beschäftigten in der Automobil- und anderen wichtigen Industrien. Ganze Fabriken wurden geschlossen, während die Reichen noch reicher wurden, nicht ohne wohlwollende Unterstützung der Gewerkschaftsbürokratie.

Die Tatsache, dass ausgerechnet Bob King – der Sohn eines Managers für Arbeitsbeziehungen bei Ford – auf den höchsten Posten der UAW gehievt wurde, ist typisch dafür, dass diese Organisation die Seiten gewechselt hat und heute auf der Seite der Konzernchefs, Banker und des Staates steht.

Die UAW ist heute keine „Gewerkschaft“ im wahren Wortsinn mehr, sondern ein milliardenschweres Unternehmen, dessen Ziel es ist, die Gewinne der Konzerne und den privilegierten Lebensstil ihrer Funktionäre zu schützen. Das Hauptanliegen dieser Funktionäre ist es, Teil des Vorstandes zu werden und die Konzerne dazu zu bringen, ihre Produktion wieder in die USA zurück zu verlagern, damit sie von den Arbeitern, die mit Armutslöhnen abgespeist werden, mehr Gewerkschaftsbeiträge kassieren können.

Der einzige Weg, wie Autoarbeiter diese Verschwörung vereiteln können, besteht darin, mit der UAW zu brechen und sich unabhängig von ihr zu organisieren. Dies beginnt mit der Bildung von Basiskomitees, die es ermöglichen, alle Sektionen der Autoarbeiter zusammenzuschließen.

Diese Komitees, die der demokratischen Kontrolle der Arbeiter unterliegen, müssen den Kampf gegen das verhasste Zweiklassenlohnsystem aufnehmen und das Streikrecht wiederherstellen. Dazu müssen sie die volle gewerbliche und politische Stärke der Arbeiterklasse mobilisieren. Alle geschlossenen Werke müssen die Produktion wieder aufnehmen, und die Unternehmer müssen sämtliche Löhne und Zusatzleistungen weiterbezahlen, damit das Recht auf sichere Arbeitsplätze für alle Arbeiter garantiert wird.

Außerdem müssen die Autoarbeiter für den Kampf gegen die Obama-Regierung politisch bewaffnet werden. Die Regierung hat zwar Billionen von Dollars in Form von Bailouts an die Wall Street verteilt, aber uns sagt sie, es sei kein Geld da. Das ist eine Lüge, und soll heißen: Für die Arbeiter ist kein Geld da. Das Geld ist da, aber es ist in den Händen der Kapitalisten.

Deshalb muss die Arbeiterklasse mit dem Antikommunismus und dem Nationalismus der Gewerkschaftsbürokratie brechen und sich dem Sozialismus zuwenden. Die Autoarbeiter müssen die sozialistischen Traditionen früherer Generationen wiederbeleben, die bewusst gegen die Konzerne, gegen das kapitalistische System und gegen die beiden Wirtschaftsparteien, die es verteidigen, aufgestanden sind.

Der Kampf der Autoarbeiter muss mit dem der Arbeiterklasse als Ganzes verbunden werden. Die Zerstörung von Arbeitsplätzen, die Abschaffung der Sozialhilfe und die Umverteilung des Reichtums in die Taschen des obersten Prozents der Gesellschaft muss gestoppt werden. Die Autobranche muss in öffentliches Eigentum verwandelt und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt werden, und die amerikanische und die Weltwirtschaft müssen auf sozialistische Art und Weise umgewandelt werden.

Jerry White