USA werden zum Billiglohnland

30. September 2011

Volkswagen stellt für sein Werk in Chattanooga, Tennessee, Autobauer für zwölf Dollar die Stunde ein, und BMW hat in Spartanburg in South Carolina ein neues Werk eröffnet, in dem hauptsächlich Leiharbeiter für fünfzehn Dollar Stundenlohn arbeiten.

Im Vergleich zu anderen Industrienationen sind solche Stundenlöhne für Autoarbeiter sehr schlecht. Sie sind das Ergebnis pausenloser Angriffe auf den Lebensstandard amerikanischer Arbeiter seit dreißig Jahren. Nach Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 wurden diese Angriffe noch verschärft.

Die Arbeitslosigkeit und Armut erreichen mittlerweile ein Niveau wie zuletzt während der großen Depression. Mit voller Unterstützung der Obama-Regierung nutzen amerikanische und ausländische Konzerne diese Zustände als Vorwand, um die USA in ein Billiglohnland zu verwandeln, das mit Ländern wie Mexiko oder China konkurrieren kann.

In Tennessee liegt die Arbeitslosenrate, wie in fast der Hälfte aller US-Bundesstaaten, offiziell bei etwa zehn Prozent; in Wirklichkeit ist sie vermutlich doppelt so hoch. Als Volkswagen in Chattanooga 1700 Stellen ausschrieb, erhielten sie in den ersten drei Wochen 65.000 Bewerbungen. Volkswagen senkt in dem amerikanischen Werk die Löhne um mindestens ein Drittel und kann damit seine Autos für siebentausend Dollar billiger als in Deutschland herstellen lassen.

Die Lohnunterschiede zwischen amerikanischen Arbeitern und ihren brutal ausgebeuteten Kollegen in Mexiko und Asien nimmt immer mehr ab. Dafür sorgt schon der sinkende Wert des Dollars. Ein Sprecher von Siemens antwortete auf die Frage eines Kolumnisten der New York Times, warum Siemens sein neues Werk in Charlotte, North Carolina, bauen wolle, mit der Feststellung, das Lohnniveau sei günstig: „In dieser Branche können die USA mit China konkurrieren.“

Lohnsenkungen sind ein wichtiger Bestandteil des Plans der Obama-Regierung, die amerikanischen Exporte bis 2015 zu verdoppeln. Die Regierung hat nichts gegen die Krise auf dem Arbeitsmarkt unternommen, dafür war sie aber mit dem erzwungenen Bankrott von General Motors und Chrysler im Jahr 2009 die erste, die die Löhne angriff.

Das Weiße Haus benutzte die Drohung, die beiden Konzerne stillzulegen, um in der ganzen Branche Armutslöhne durchzusetzen. Den Arbeitern wurde das Streikrecht genommen, und ihre Löhne wurden an die der asiatischen und europäischen Hersteller angeglichen, die im Süden gewerkschaftsfreie Werke unterhalten. Dadurch konnten amerikanische Autohersteller massive Gewinne einstreichen. Weit davon entfernt, den Arbeitern höhere Löhne zu zahlen, schütteten sie darauf zweistellige Millionenbeträge als Manager-Boni aus.

Anstatt die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, beteiligt sich die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) an der systematischen Lohnsenkung. Der Tarifvertrag, den die UAW vor kurzem unterschrieben hat, wird die Lohnkosten pro Stunde für GM um nur ein Prozent jährlich erhöhen. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat es keine so niedrige Erhöhung gegeben. Zu dem Tarifvertrag gehören auch Pläne, die Zahl der Arbeiter, die den niedrigeren „Stufe Zwei-Lohn“ erhalten, zu erhöhen. Diese verdienen derzeit fünfzehn Dollar Stundenlohn, so viel wie die VW-Arbeiter in Chattanooga.

Jahrzehntelang hetzten die UAW und andere Gewerkschaften gegen die Arbeiter in Billiglohnländern, die „den Amerikanern die Arbeitsplätze wegnehmen“. Jetzt prahlt UAW-Präsident Bob King damit, GM werde seine Produktion aus Mexiko in Fabriken in Michigan und anderen Bundesstaaten zurückverlagern, in denen die UAW die Vertretung innehat.

Die Niedriglöhne, die die UAW als Maßstab festgelegt haben, führten zu einem wahren Wettbewerb um die niedrigsten Löhne in der weltweiten Autoindustrie. Europäischen Arbeitern wird jetzt gesagt, sie müssten ähnliche Zugeständnisse bei Löhnen machen und „Flexibilität“ zeigen, oder ihre Werke würden geschlossen. Wie die WSWS bereits schrieb, hatte BMW gleichzeitig mit der Ankündigung, es werde den neuen Geländewagen X3 in Spartanburg in South Carolina bauen, auch die Entlassung von fünftausend Arbeitern in Deutschland angekündigt.

Der Niedergang der Lebensstandards bei den Autoarbeitern ist auch deshalb besonders dramatisch, weil sie bisher die bestbezahlten Industriearbeiter in den Vereinigten Staaten waren. Sie verdienten sogenannte „Mittelschichtsgehälter“. Aber sinkende Löhne und verschlechterte Arbeitsbedingungen sind allen Teilen der Arbeiterklasse bekannt. Sie gelten als die „neue Normalität“ in Amerika.

Seit Beginn des Abschwungs fallen die Löhne, und nichts deutet auf eine Erholung auf dem Arbeitsmarkt hin. Laut einem Bericht des statistischen Bundesamtes, der diesen Monat veröffentlicht wurde, ist das Medianeinkommen der Haushalte im letzten Jahr um 2,3 Prozent (oder 1.154 Dollar) gefallen, und im Vergleich zu vor zehn Jahren um über sieben Prozent. Junge Arbeiter traf es besonders hart: Mehr als ein Drittel aller Haushalte mit einem Elternteil unter dreißig Jahren lebte im Jahr 2010 unter der Armutsgrenze.

In den letzten drei Jahren haben Armut, Zwangsversteigerungen, Obdachlosigkeit, Hunger und die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung explosionsartig zugenommen. Andererseits bereichert sich die Finanzaristokratie, die die Wirtschaft und das politische System kontrolliert, in einem fantastischen Ausmaß.

Diese unhaltbaren Zustände werden erst ein Ende haben, wenn sich die Arbeiterklasse zum gemeinsamen Widerstand zusammenschließt. An der Spitze der wirtschaftlichen und politischen Kämpfe aller Arbeiter müssen neue Kampforganisationen stehen, die von der UAW und anderen arbeiterfeindlichen Organisationen unabhängig sein müssen. Sie werden alle Arbeiterschichten einschließen, ob Gewerkschaftsmitglieder oder Unorganisierte, ob Arbeiter oder Angestellte, ob in amerikanischen oder in ausländischen Unternehmen Beschäftigte. In jeder Fabrik, jedem Büro, jedem Laden oder Betrieb müssen die Arbeiter ein Komitee einrichten, um den gemeinsamen Widerstand gegen Lohnsenkung und Entlassung zu planen und zu koordinieren.

Ein solcher Kampf erfordert eine völlig neue politische Perspektive. Es muss Schluss sein mit dem Nationalchauvinismus und der Konkurrenz um die niedrigsten Löhne, wie ihn die Gewerkschaften und die Wirtschaftsparteien fördern. Die amerikanischen Arbeiter müssen sich in ihrem Kampf bewusst mit den Arbeitern in Europa, Asien und Lateinamerika zusammen schließen.

Es ist wichtig, zu begreifen, dass dieser Kampf nicht nur gegen einen bestimmten Arbeitgeber geführt werden muss, sondern gegen das ganze kapitalistische System, das die Weltbevölkerung in die Armut treibt, um den Reichtum einiger weniger zu vergrößern. In allen Ländern verteidigen die Parteien und die Gewerkschaften das Profitsystem und beteiligen sich an der Plünderung der Gesellschaft durch die Wirtschafts- und Finanzaristokratie.

In den USA hat die Obama-Regierung unter Beweis gestellt, dass die Demokraten genau wie die Republikaner Handlanger der Wall Street und der Konzerne sind, fest entschlossen, Lebensstandards zu senken und wichtige Sozialprogramme auszuhöhlen.

Deshalb muss die Arbeiterklasse eine Massenpartei aufbauen und den Kampf um die Macht in die eigene Hand nehmen. Die wirtschaftliche Diktatur der Banken und Großkonzerne muss gestürzt, und das wirtschaftliche Leben umorganisiert werden, um die Bedürfnisse der arbeitenden Massen zu befriedigen, die den Wohlstand der Gesellschaft schaffen.

Die Socialist Equality Party fordert die Umwandlung der großen Finanz- und Industriekonzerne, auch der Autokonzerne, in staatliche Unternehmen. Der Kapitalismus muss durch ein durchgeplantes und rationales System ersetzt werden, auf Grundlage sozialer Bedürfnisse anstatt auf dem Profitstreben von Milliardären. Nur so kann das Recht auf Arbeit und ein anständiger Lohn gesichert werden.

Andre Damon