Hurrikan Irene und der Zerfall der amerikanischen Infrastruktur

Von Kate Randall
1. September 2011

In den Tagen, bevor Irene am vergangenen Samstag als Kategorie-1-Hurrikan auf Land traf, wurden die Bewohner der US-Ostküste von Südkarolina bis nach Neuengland vor erheblichen Stromausfällen gewarnt. Obwohl Irene in einigen Gegenden nicht die vorausgesagte Stärke erreichte, handelte es sich um einen mächtigen Sturm, dem mindestens 35 Menschen zum Opfer fielen.

5,48 Millionen Haushalte und Geschäfte entlang der Ostküste waren ab Montagnachmittag ohne Elektrizität. Diese massiven Stromausfälle rufen den hinfälligen Zustand der amerikanischen Infrastruktur im Allgemeinen und des landesweiten Stromnetzes im Besonderen ins Gedächtnis.

Der flächendeckende Stromausfall kann nicht einfach als ein Ergebnis von Naturereignissen erklärt werden, die sich menschlicher Kontrolle entziehen. Vielmehr zeigt sich dadurch das Gesicht eines Systems, das nicht einmal die grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen kann und das sowohl die Erzeugung, als auch die Verteilung von Energie dem privaten Profit unterwirft.

Das Ausmaß der Ausfälle ist gigantisch und betrifft große innerstädtische Gebiete in einigen der am dichtesten besiedelten Teile des Landes, einschließlich des Stadtgebietes von New York City, der Finanzhauptstadt der Welt. Die Stromunterbrechungen betreffen Haushalte und Geschäfte in dreizehn Staaten und Washington, DC und sind hauptsächlich auf vom Wind und umstürzenden Bäumen unterbrochene Stromkabel zurückzuführen. In allen Bereichen sind sowohl die unmittelbaren, als auch die langfristigen Folgen für die Wirtschaft und die Bevölkerung erheblich.

Einem Bericht des US-Energieministeriums zufolge befanden sich unter denen, deren Strom komplett ausfiel, mehr al seine Million Kunden in Virginia und North Carolina; 44 Prozent des Staates Connecticut, in dem 693.000 Haushalte und Geschäfte betroffen waren; 64 Prozent von Rhode Island; und ein Fünftel von Maryland, New Jersey, Massachusetts und New Hampshire.

Am Montag waren geschätzte 938.519 Kunden im Staat New York ohne Strom, einschließlich 6.800 Haushalte und Geschäfte auf Staten Island und etwa 55.800 in Westchester County, nördlich des Stadtgebietes von New York. Irene traf die Stadt New York am Sonntag als Tropensturm und nicht als Kategorie-1-Hurrikan, wie von vielen Meteorologen vorausgesagt.

Die Regierung, insbesondere die von New York, betrachtete den Hurrikan als Gelegenheit, praktisch die ganze Stadt lahmzulegen, einschließlich des öffentlichen Verkehrs. Wieder wurde ein Naturereignis als Chance genutzt, die Muskeln des Staates spielen zu lassen und Maßnahmen zu testen, die im Falle sozialer Unruhen ergriffen werden sollen. Derweil wird absolut nichts getan, um die zerfallende Infrastruktur zu verbessern oder die Folgen für einfache Bürger zu lindern, die unter einem System wachsender sozialer Ungleichheit leiden.

370.000 Menschen wurden von den Behörden angewiesen, ihre Häuser zu evakuieren, was eine erhebliche Anzahl von ihnen verweigerte. Es sollte erwähnt werden, dass es für die 12.000 Insassen des Gefängnisses auf Rikers Island, das zwischen Queens und der Bronx am East River liegt, keinen Evakuierungsbefehl gab.

Bürgermeister Michael Bloomberg ordnete eine nie dagewesene Stilllegung des gesamten New Yorker Nahverkehrssystems, der Metropolitan Transportation Authority (MTA) an, die an einem durchschnittlichen Wochentag mehr als elf Millionen Passagiere befördert. Das Netz wurde am Montag eingeschränkt wieder in Betrieb genommen, wobei die Behörden verkündeten, sie müssten alle Linien genau in Augenschein nehmen. Ein großer Teil des Systems arbeitet auf Grundlage jahrhundertealter Technologie, das Signalsystem stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Die MTA trägt eine Schuldenlast von 31 Milliarden Dollar, das Haushaltsloch im laufenden Jahr 2011 beträgt bereits 900 Millionen Dollar. Statt in eine Überholung und Modernisierung des Systems zu investieren, hat die Verkehrsbehörde die Fahrpreise erhöht, Linien stillgelegt, Dienstleistungen abgeschafft und Tausende von Arbeitern entlassen. Eine bemerkenswerte Fußnote: Während des Sturms suchte ein Teil der obdachlosen Bevölkerung von New York – in einer normalen Nacht etwa 40.000 – in den geschlossenen U-Bahn-Stationen Zuflucht.

Auf der anderen Seite sorgte New Yorks Finanzelite dafür, dass die New Yorker Börse und andere Institutionen in Lower Manhattan mit Sandsäcken geschützt wurden und dass genug Generatoren zur Verfügung standen, um sicherzustellen, dass die Märkte am Montagmorgen geöffnet werden konnten.

Darüber hinaus sind sich alle bis auf die rückständigsten Elemente des politischen Establishments der zunehmenden Folgen der globalen Erwärmung für meteorologische Ereignisse bewusst. Wissenschaftler stimmen allgemein überein, dass die Temperaturerhöhung der Ozeane Hurrikane und Taifune von höherer Intensität zur Folge hat. Dennoch wird vonseiten der Regierung oder der Konzerne keine nennenswerte Anstrengung unternommen, um diesen Trend umzukehren.

Was das Stromnetz in den USA angeht, so ist allgemein bekannt, dass es veraltet und unzureichend ist. Fast die gesamte Stromversorgung in den USA verläuft über der Erde mittels maroder Kabel und Masten. Wie die Bewohner in vielen Teilen des Landes wissen, bedarf es keines Hurrikans, um einen Stromausfall zu erzeugen. Ein durchschnittliches Gewitter oder ein Schneesturm genügen, um den Strom für mehrere Tage ausfallen zu lassen.

Die Folgen des Hurrikans sind ein weiterer Ausdruck der Konsequenzen zweier miteinander verknüpfter Prozesse: dem lang anhaltenden Niedergang des amerikanischen Kapitalismus und dem Aufstieg einer parasitären Aristokratie, die vollkommen unfähig ist, solche Probleme aufgrund langfristiger Planung und durch Investitionen in Sozialbereiche zu lösen. Diese soziale Schicht verdient Milliarden durch Spekulationen am Markt und hat sich und ihren Reichtum weitgehend von der Entwicklung der Produktivkräfte und der Gesellschaft als Ganzer abgekoppelt.

In der Zwischenzeit sind im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte ganze Industrien – der LKW-Verkehr, die Fluglinien, die Telekommunikation, die Energieversorgung – von allen Regulierungen und allen Einschränkungen des Profiteinstreichens befreit worden. Für Arbeiter bedeutet das einen nicht enden wollenden Angriff auf Arbeitsplätze und Löhne. Für die allgemeine Bevölkerung bedeutet es sprunghaft ansteigende Preise, schlechtere Dienstleistungen und Versorgungslücken.

Den Banken werden Milliarden zur Verfügung gestellt, aber für grundlegende soziale Bedürfnisse wird nichts bereitgestellt. Eine Katastrophe nach der anderen – von Hurrikan Katrina, der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bis hin zu den Tornados, die dieses Jahr in großen Teilen des Landes gewütet haben – enthüllt den Verfall der Gesellschaft. Ein großer Teil des Landes befindet sich in einem Zustand des Niedergangs.

26 Millionen Arbeitslose in den USA könnten in einem öffentlichen Arbeitsprogramm Beschäftigung finden, um Straßen, den Massentransport, Wasser- und Abwassersysteme, Kommunikationsnetzwerke, wie auch Schulen, Hospitäler und staatliche Wohneinrichtungen zu modernisieren. Aber nichts von alledem wird geplant. Das politische Establishment, angeführt von der Obama-Regierung, antwortet stattdessen auf die Wirtschaftskrise, indem es Milliarden an Staatsausgaben streicht.

Hurrikan Irene wird nicht die letzte Katastrophe sein und es gibt viel Arbeit beim Wiederaufbau. Aber diejenigen, die an den Folgen des Sturmes leiden, können von der Regierung wenig Hilfe erwarten. Wie mit den Opfern früherer Hurrikane, Tornados und anderer Katastrophen, werden sie mit den Schäden an ihren Häusern und den Verwüstungen in ihrem Leben allein gelassen, sobald die Nachrichten von ihrem Leid aus den Schlagzeilen verschwinden.