Berlin: Jugendliche wehren sich gegen Kürzungen

Von unserem Korrespondenten
6. September 2011
Auf dem Alexanderplatz Auf dem Alexanderplatz

Am vergangenen Freitag fand in der Berliner Innenstadt eine Demonstration mit rund 300 Teilnehmern gegen die Kürzungen der Gelder für Jugendzentren statt. Zur Demonstration aufgerufen hatten der Jugendclub Linse, die Gewerkschaft ver.di sowie verschiedene Gruppen, die mit der Linkspartei in Verbindung stehen. Die WSWS sprach mit Demonstrationsteilnehmern, Erzieherinnen und Jugendlichen, deren Jugendclubs von den Kürzungen betroffen sind.

Gunda ist Erzieherin im Schülerclub Licht in Lichtenberg. Sie berichtete von den Problemen, mit denen sie bei der Arbeit konfrontiert wird: „Die Jahresfinanzierung ist seit Jahren dieselbe, aber die Preise steigen permanent, sodass wir viele Projekte nicht mehr bezahlen und unser Angebot so nicht mehr aufrecht erhalten können. Hinzu kommt, dass uns jedes Jahr mit der Schließung unserer Einrichtung gedroht wird. Wir sind nur zwei Halbzeitkräfte und betreuen täglich 35 bis 40 Kinder zwischen 10 und 14 Jahren.

Wir sind an eine Schule angegliedert, helfen den Kindern bei Hausaufgaben, organisieren Elternabende und bieten Sportprogramme und kreative Projekte an. Wir arbeiten in einem sozial schwachen Bezirk. Die Eltern der Kinder sind oft arbeitslos oder alleinerziehend, auch Alkohol ist ein Problem. Wir versuchen den Kindern irgendwie eine Bleibe und ein bisschen Halt zu geben, damit sie nicht an Drogen geraten und ihre Freizeit auf der Straße verbringen.“

Auf die Frage, ob sie Parallelen zwischen der Lage dieser Kinder und Jugendlicher in England sehe, antwortete sie: „Noch ist es bei uns sicher nicht so akut. Aber wenn die Kürzungen so weiter gehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis bei uns ähnliches geschieht.“

Nasti, 28, eine Erzieherin in einem Projekt der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Friedrichshain, erzählt: „Wir leiden unter Personalmangel und können aufgrund der Unterfinanzierung viele Projekte nicht mehr finanzieren. Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist besonders von den Schulreformen und der breiten Einführung von Ganztagsschulen betroffen. Jetzt gehen die Gelder, die früher an uns gingen, häufig an die Ganztagsschulen. Eigentlich müsste man die Arbeit beider Einrichtungen verbinden. Wir sind auch eine Bildungseinrichtung, aber das wird nicht mehr so gesehen. Ich finde es vor allem wichtig, dass die Jugendlichen eine Plattform haben, damit sie gehört werden. Wir brauchen ein offenes Meinungsbild.“

Erkan Erkan

Erkan ist 20 und besucht einen Jugendclub in Lichtenberg. „Ich habe gerade meinen erweiterten Hauptschulabschluss gemacht und möchte jetzt eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker machen. Es ist nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, aber ich bin mir sicher, dass es mithilfe der Erzieher im Jugendclub klappen wird. Der Jugendclub bedeutet mir sehr viel. Mir wird dort bei Hausaufgaben und dem Schreiben von Bewerbungen geholfen.“

Auf der Demonstration war auch eine Gruppe russischer Austauschschüler. Artur, 22, äußerte sich zum Krieg in Libyen und der Revolution in Ägypten: „Es ist ganz klar, dass es beim Krieg in Libyen nur um Öl geht. Eine solche militärische Intervention ist nicht richtig. Man kann doch nicht einfach so in ein anderes Land einfallen. Was würde Deutschland sagen, wenn es von Russland plötzlich angegriffen würde? In Ägypten ist die Situation anders. Dort ist das Volk auf die Straße gegangen, weil die sozialen Bedingungen so viele Leute in Armut und Elend leben ließen, während eine einzige Familie den ganzen Reichtum angehäuft hat. Ich glaube aber nicht, dass es eine ähnliche Bewegung auch in Russland geben wird. Die Leute dort wollen keine Revolution. Nach den 90er Jahren sind die Menschen erschöpft und wollen einfach ihre Ruhe haben.“

Für die Kürzungen der Gelder für Jugendzentren ist der rot-rote Berliner Senat verantwortlich. Seine Kürzungspolitik hat zu einer beispiellosen sozialen Misere geführt. Proteste allein können der Politik von SPD und Linkspartei nichts anhaben, die Teil einer weltweiten Offensive der herrschenden Klassen gegen die Arbeiterklasse und ihre sozialen Errungenschaften ist. Während Banken Milliardengeschenke bekommen und Konzerne Rekordprofite verzeichnen, werden die sozialen Rechte der Bevölkerung weltweit eingeschränkt und massive Kürzungen in allen sozialen Bereichen beschlossen.

Der Kampf gegen die Kürzungen kann nur erfolgreich sein, wenn er als politischer Kampf gegen den rot-roten Senat geführt wird. Zu diesem Zweck müssen die Arbeiter und Jugendlichen ihre eigene revolutionäre Partei aufbauen. Für diese Perspektive trat auf der Demonstration nur die Partei für Soziale Gleichheit ein.

Die Gewerkschaft ver.di oder Gruppen wie die SAV, die Teil der Linkspartei ist, versuchen dagegen zu verhindern, dass sich die Empörung über den Sozialabbau zu einer Bewegung gegen den rot-roten Senat auswächst, mit dem sie eng zusammenarbeiten. Sie wurden durch die Proteste von hunderten von Jugendlichen gegen die Sparpolitik des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Buschkowsky (SPD) alarmiert, und beteiligten sich an der Demo, um eine unabhängige Bewegung gegen die Politik des Berliner Senats zu verhindern.