Massendemonstration der Bewegung gegen die Wall Street

Von Bill Van Auken
7. Oktober 2011
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Zehntausende Menschen beteiligten sich am Mittwoch an einer Massendemonstration, die sich ihren Weg durch Lower Manhattan bahnte und sich dann auf den überfüllten Foley Square ergoss. Der Platz war an drei Seiten mit Absperrgittern und mehreren Reihen Polizisten abgeriegelt.

Es war die größte Demonstration seit Beginn der ‚Besetzt die Wall Street’-Proteste vor fast drei Wochen und eine der größten Demonstrationen seit Jahren in New York.

Viele Studenten waren unter den Demonstranten. Mehrere Hundert Studenten der New School verließen ihre Lehrveranstaltungen und zogen Richtung Süden zum Washington Square, wo sie sich über Tausend Studenten und andere New Yorker anschlossen. Gemeinsam zogen sie zum Zuccotti Park, dem Ort der Besetzung.

Auch an anderen Schulen und an der State University of New York und der University of Massachusetts in Amherst boykottierten viele Studenten die Vorlesungen und verließen ihre Seminare mittags um zwölf. Einige trugen Schilder mit der Aufschrift „Eat the Elite“ (Esst die Elite) und „We can do better than capitalism“ (Es gibt Besseres als den Kapitalismus).

Auch im Finanzdistrikt von San Francisco, in Boston, Hartford und mehreren anderen Städten fanden am Mittwoch Anti-Wall-Street-Demonstrationen statt.

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In Manhattan zogen die Demonstranten den Broadway hinauf. Der Zug erstreckte sich über mehrere Blocks. Unterwegs reihten sich auf dem Weg zum Foley Square immer mehr Menschen ein. Eine beträchtliche Anzahl verließ einfach ihren Arbeitsplatz, um an der Demonstration teilzunehmen; viele trugen noch ihre Arbeitskleidung.

“Viele Menschen haben im Moment wirklich zu leiden, und nichts wird dagegen unternommen”, sagte Sean Charls, 24, der seinen Arbeitsplatz in einer Bank in Lower Manhattan verlassen hatte, um sich dem Protest anzuschließen. „Stattdessen stoßen ihnen die Verantwortlichen auch noch ein Messer in den Rücken.“

Viele Demonstranten trugen selbst gemachte Schilder mit Parolen, die den Zorn auf die Finanzelite, die in Amerika das Sagen hat, zum Ausdruck brachten. „Wall Street Bankers Madoff Well“ (Madoff-Quelle) lautete ein Schild in Anspielung auf den betrügerischen Milliarden-Dollar-Bankrotteur Madoff. Andere lauteten: „Die Banken wurden gerettet, wir wurden verkauft“, „Macht die Wall Street zum Tahrir-Platz“ und „Keine Bullen, keine Bären – nur Schweine“.

Sie riefen: “Den ganzen Tag, die ganze Woche, besetzt die Wall Street” und “Wir sind die 99 Prozent – ihr auch“.

Viele waren junge Leute, zornig über die soziale Ungleichheit und ein gesellschaftliches System, das manchem kaum Hoffnung auf einen Arbeitsplatz bietet, aber dafür mit Zehntausenden Dollar Schulden für die Ausbildung belastet.

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Als die Demonstranten den Broadway verließen und dem Foley Square zustrebten, stieß eine wesentlich kleinere Menge zu ihnen, die von den New Yorker Gewerkschaften zusammengerufen worden waren. Sie verfügten über eine Rednertribüne am südlichen Ende des Platzes.

Auf der Tribüne standen hohe Gewerkschaftsvertreter und örtliche Repräsentanten der Demokratischen Partei.

John Samuelsen, Präsident des Ortsverbandes 100 der Transportarbeitergewerkschaft, der die Busfahrer und U-Bahn-Beschäftigten der Stadt vertritt, machte vor Beginn der Kundgebung klar, dass das Hauptziel der Bürokratie darin besteht, die Anti-Wall-Street-Proteste ins Fahrwasser der Demokraten und Barack Obamas zu lenken.

“Obama ist nicht frei von Kritik”, sagte er, „aber wenn man sich die Republikaner anschaut, dann sind die erst recht keine Alternative.“

Auf die Frage, ob er der Meinung sei, dass die Jugendlichen der ‚Besetzt die Wall Street’-Bewegung Obamas Wiederwahl unterstützen sollten, antwortete Samuelsen: “Ja, das glaube ich. Die Alternative wäre eine Katastrophe für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Auf der Tribüne sprachen eine ganze Reihe von Gewerkschaftsbürokraten, und zwischendrin wurden die Namen von Demokratischen Politikern verlesen, die sich mal auf der Kundgebung hatten sehen lassen.

Transportarbeiter-Funktionäre, Lehrergewerkschafter, Vertreter der Krankenhaus- und kommunalen Beschäftigten produzierten sich vor der Menge und intonierten Parolen wie: „Sie sagen: kürzen, – wir sagen: kämpfen“, „Genug ist genug“ und „Yes we can“. Zuweilen streuten sie verbale Drohungen ein, zum Beispiel: „Legt sie still!“, wobei keiner von ihnen die geringste Absicht hat, den Worten Taten folgen zu lassen, es sei denn bezüglich des Abbruchs von Streiks ihrer eigenen Mitglieder.

Ein solcher linker Schwätzer war der Präsident von Ortsverband 1199, George Gresham, Mitglied des Gesundheitsreform-Teams von New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, das weitgehende Kürzungen bei den Gesundheitsausgaben empfohlen hat. Ein weiterer war Bob Masters, Vertreter der Gewerkschaft der Telekommunikationsarbeiter. Diese Gewerkschaft hat vor kurzem den Streik bei Verizon abgebrochen, ihre Mitglieder ohne Tarifvertrag zurück an die Arbeit geschickt und darauf verzichtet, die Firma zu zwingen, ihre Forderung nach Zugeständnissen zurückzunehmen.

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Die leere Demagogie dieser Bürokraten fand unter den Zuhörern, wo Tuba-Spieler und afrikanische Trommler Musik machten, nur wenig Interesse.

Wie alle Anti-Wall-Street-Proteste waren auch die Demonstrationen am Mittwoch von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Die Polizisten führten ganze Bündel von Plastikfesseln an ihrem Gürtel mit sich. Motorradstaffeln und Gefangenenbusse wurden in Nebenstraßen bereit gehalten.

Mehrere Personen wurden auf dem Weg zurück in den Finanzdistrikt festgenommen, als ein Teil der Demonstranten versuchte, die Polizeibarrikaden um die Börse an der Wall Street zu überwinden. Demonstranten wurden mit Pfefferspray angegriffen, und Polizisten setzten ihre Gummiknüppel ein.

Am vergangenen Samstag waren 700 Demonstranten eingesperrt worden, nachdem die Polizei sie auf die Mitte der Brooklyn Bridge geführt und dann erst eingekesselt und festgenommen hatte. Am Wochenende davor waren Dutzende Protestierende festgenommen worden, und eine Anzahl war mit Pfeffergas und auf andere Weise von der Polizei angegriffen worden.