Weihnachten in Amerika im Schatten der Krise

24. Dezember 2011

Die Weihnachtszeit im Jahr 2011 wird in Amerika bestimmt von Massenarmut auf der einen Seite und von der Anhäufung riesiger Reichtümer auf der anderen. Millionen Menschen sind arm und verzweifelt, während eine Handvoll in einem Reichtum schwelgt, von dem die ägyptischen Pharaonen oder der Adel zur Zeit von Ludwig XIV. nur träumen konnten

Regierungsbehörden und karitative Organisationen dokumentieren eine immer schlimmere Flut von Bedürftigen: Fünfzig Millionen Amerikaner leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, weitere hundert Millionen nur knapp darüber und tun sich schwer damit, mit Armutslöhnen über die Runden zu kommen.

Etwa fünfundzwanzig Millionen Arbeiter sind entweder arbeitslos oder unterbeschäftigt, fünfzig Millionen sind nicht krankenversichert und ein Siebtel aller Amerikaner beziehen Lebensmittelmarken. Die Anzahl der Selbstständigen ist in den vergangenen fünf Jahren um zwei Millionen gesunken. Fast sechs Millionen Arbeitslose sind seit mehr als sechs Monaten arbeitslos.

Die Krise auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert sich nicht erst seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten. Im amerikanischen Kapitalismus erwirtschaften die Konzerne weiterhin Rekordgewinne und Reichtum für die Superreichen, aber er ist immer weniger dazu fähig, der arbeitenden Bevölkerung Arbeitsplätze zu verschaffen.

Laut einer Studie des Unternehmensberaters McKinsey hat es nach der Rezession von 1982 sechs Monate gedauert, bis die amerikanische Wirtschaft und der Arbeitsmarkt wieder auf dem Vorkrisenniveau waren. Nach der Rezession von 1991 dauerte es fünfzehn Monate, bis sich der Arbeitsmarkt erholt hatte. Nach der Rezession von 2001 dauerte es 39 Monate.

Seit Beginn der jetzigen Talsohle auf dem Arbeitsmarkt sind etwa 48 Monate vergangen, und heute gibt es sechs Millionen mehr Arbeitslose als im Dezember 2007. Laut McKinseys ursprünglicher Vorhersage sollte es sechzig Monate dauern, bis der Arbeitsmarkt wieder auf dem Stand von 2007 ist, aber in der Geschwindigkeit, in der heute Stellen geschaffen werden, würde es 78 Monate dauern, bis wieder 146 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz haben – so viele wie vor der Rezession. Vorausgesetzt natürlich, die Rezession verschlimmert sich nicht erneut.

Die zunehmende Dauer der Massenarbeitslosigkeit ist die Ursache einer gesellschaftlichen Krise, die Jung und Alt die Zukunft verdüstert. Im Verlauf des Jahres waren insgesamt 1,6 Millionen Kinder dauerhaft oder kurzfristig obdachlos. Bei den jungen Arbeitern zwischen 18 und 24 Jahren liegt die Arbeitslosigkeit höher als in der Großen Depression, damals lag sie bei zwanzig Prozent. Fast zwanzig Prozent aller männlichen Amerikaner zwischen 25 und 34 leben noch bei ihren Eltern.

Diejenigen, deren aktives Arbeitsleben sich dem Ende zuneigt, haben wenig, auf das sie sich freuen können. Laut dem Employee Benefit Research Institute haben 46 Prozent aller Amerikaner weniger als zehntausend Dollar für ihre Rente gespart, 29 Prozent weniger als eintausend Dollar.

Seit Beginn der Subprime-Hypothekenkrise im Jahr 2007 wurden die Häuser von vier Millionen Familien zwangsversteigert. Fast zwölf Millionen Familien bewohnen Häuser, wegen denen sie in finanziellen Schwierigkeiten stecken – die Hypothekenschuld ist höher als die Häuser auf dem depressionsgeplagten Immobilienmarkt wert sind.

Das ganze politische Establishment, die Obama-Regierung genauso wie der Kongress, stehen dem Leid der Bevölkerung mit kalter Gleichgültigkeit gegenüber. Demokraten und Republikaner vertreten nur verschiedene Fraktionen der gleichen herrschenden Elite.

Während die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung immer größere Schwierigkeiten hat, ihre grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnisse zu decken, lebt die Finanzaristokratie in einer anderen Welt. Vor kurzem kam es zu einem Ereignis, das diese Tatsache gut darstellt.

Wie die New York Times diese Woche meldete, hat ein hohes Mitglied dieser Aristokratie, der ehemalige Chef der Citigroup Sandy Weill, gerade sein Penthouse-Appartment in Manhattan für 88 Millionen Dollar an die 22-jährige Jekaterina Rybolowlewa, Tochter des russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew, verkauft. Dieser hält das Monopol an der ehemaligen sowjetischen Kunstdüngerindustrie.

Dass eine so riesige Summe für die Wohnung einer einzelnen Person ausgegeben wird, reizt natürlich zu Empörung und Abscheu. Die 88 Millionen, die für das Penthouse an der Adresse 15 Central Park West den Besitzer gewechselt haben, sind mehr als das jährliche Defizit der Metropolitan Transportation Authority (68 Millionen Dollar), und mehr als das jährliche Haushaltsdefizit der Stadt Detroit (58 Millionen Dollar). Es ist etwa soviel, wie alle New Yorker Schulen im ganzen Jahr für die Schulspeisung ausgeben.

Vorsichtig geschätzt, könnten mit 88 Millionen Dollar zweitausend Stellen für Arbeitslose geschaffen werden, mit einem Durchschnittseinkommen von 44.000 Dollar pro Jahr. Zwar gehören Weill und Rybolowlewa zu den „Schaffern von Arbeitsplätzen“, die von Demokraten und Republikanern gefeiert werden, aber keiner von beiden hat in solchem Umfang Arbeitsplätze geschaffen. Dass sie Chauffeure, Türsteher, Dienstmädchen und Wachleute beschäftigen, die sich dazu erniedrigen, für Komfort und Sicherheit dieser Milliardäre sorgen, ist, wenn überhaupt, dann eher eine Last für die Gesellschaft als ein Beitrag.

Es gibt noch einen Maßstab für die Verschwendung gesellschaftlicher Ressourcen. Sandy Weill ist am bekanntesten für die Fusion seines Versicherungskonzerns Travelers mit der Citibank.  Dadurch entstand Citigroup, der erste und größte „Finanzsupermarkt.“ Firmen dieser Art sind in der Lage, sich in jedem Bereich der Finanzdienstleistungsbranche zu engagieren.

In den Jahren 1998 und 1999 begann Weill eine großangelegte Lobbykampagne, um den Kongress, der von den Republikanern kontrolliert wurde, und das Weiße Haus unter Bill Clinton dazu zu bringen, den Glass-Steagall Act abzuschaffen. Dieses Gesetz wurde während der Großen Depression nach dem Börsenkrach von 1929 verabschiedet und erklärte finanzielle Machenschaften wie die von Weill für illegal.

Weill zahlte an den Kongress und die Clinton-Regierung einhundert Millionen Dollar Bestechungsgeld. Für einen ähnlichen Preis hat er letzten Monat sein Penthouse in Manhattan verkauft.

Patrick Martin