Drohende Naturkatastrophe durch Gasleck in der Nordsee

Von Robert Stevens
3. April 2012

Ein Gasleck auf der Nordsee-Bohrinsel Elgin, die dem französischen Ölkonzern Total gehört, könnte eine Naturkatastrophe auslösen.

Die Bohrinsel befindet sich 150 Meilen (ca. 241 Kilometer) vor der schottischen Küste bei Aberdeen. Das Leck wurde am Sonntag, dem 25. März, um 12:15 entdeckt. Total evakuierte daraufhin alle 238 Arbeiter. Die Bohrung ist zwar nicht als Tiefwasserbohrung eingestuft, ist aber dennoch sehr tief. Das Gas wird aus 6000 Metern in die Höhe gefördert.

Auf der Bohrinsel brennt immer noch eine Gasflamme.

David Hainsworth, Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltmanager für Total E&P UK, spekulierte, das Leck könne dadurch entstanden sein, dass Ingenieure von Total Schlamm eingepumpt haben, um ein Gasvorkommen zu stopfen, das vor einem Jahr geschlossen wurde. Er erklärte: „Wir glauben, das Gas tritt aus der äußeren Hülle des Vorkommens aus.“

Obwohl das Leck am Sonntagmittag entdeckt wurde, dauerte es noch bis 11 Uhr am darauffolgenden Montag, bis eine Sperrzone um die Bohrinsel eingerichtet wurde. Schiffe müssen zwei Seemeilen um die Stelle herumfahren und Flugzeuge dürfen nicht näher als drei Seemeilen kommen, sofern sie niedriger als 1,2 Kilometer fliegen. Dies betrifft nur Helikopter, keine kommerziellen Flugzeuge.

Am Montag wurden Beobachtungsflüge durchgeführt, um eine großflächige Verfärbung des Wassers im Umkreis der Bohrinsel zu untersuchen. Dabei handelte es sich um eine riesige, zwei bis 26 Tonnen schwere Wolke aus kondensiertem Gas unter der Wasseroberfläche, etwa sechs Seemeilen breit.

Nach Entdeckung des Lecks evakuierte auch Shell 120 Arbeiter von einer nahegelegenen Bohrinsel, angeblich als Vorsichtsmaßnahme wegen dem Gas. Als „Vorsichtsmaßnahme“ wurden alle entbehrlichen Arbeiter von den Bohrinseln Shearwater und Hans Deul abgezogen. Dennoch sind immer noch einhundert Arbeiter auf den Anlagen.

Am Dienstag sagte Hainsworth, die Lage sei „stabil… der Gasaustritt scheint sich nicht zu beschleunigen.“ Allerdings sagte er auch, das Gas könne noch „eine sehr lange Zeit über austreten“ und es gäbe „eine große Unsicherheit“ bei seiner Einschätzung, dass es mit einer Geschwindigkeit von 2 Kilogramm pro Sekunde austrete.

Das Unternehmen erklärte, wenn die Quelle des Lecks entdeckt sei, könne es immer noch bis zu sechs Monate dauern, eine Entlastungsbohrung durchzuführen, um das Leck zu schließen. Hainsworth sagte, das sei eine von zwei Möglichkeiten, „die andere wäre es, von der Bohrinsel aus das Loch zu stopfen… das ginge viel schneller.“

Die ersten Statements von Total und Shell zeigen, dass das potenzielle Ausmaß der Katastrophe verharmlost wird. Die britische Regierung ging noch weiter. Sie maß dem Vorfall kaum Bedeutung zu. Der britische Energieminister Charles Henry sagte: „Ein paar Tonnen Kondensat sind ausgetreten“, und behauptete allen Ernstes: „Die Gasschicht ist etwa ein Sechzehntel der Größe eines Olympia-Schwimmbeckens.“

Und weiter: „Soweit wir es sagen können, scheinen die Vorschriften korrekt befolgt worden zu sein.“

Wissenschaftler, Umweltschützer, Gewerkschaftsfunktionäre und mehrere Journalisten sind jedoch der Ansicht, das Leck könnte katastrophale Folgen haben.

Ian Martin, ein ehemaliger Sicherheitsfachmann aus der Gasindustrie, sagte der World Socialist Web Site: „Erdgas ist hauptsächlich Methan und entflammbar bzw. explosiv, wenn die Luft zu fünf bis fünfzehn Prozent aus Gas besteht. Wasserstoffsulfid kann schon in kleinen Konzentrationen tödlich sein. Wenn die Wolke sichtbar ist, deutet das auf Wasserdampf und verschiedene Kohlenwasserstoffe hin und sie muss sehr groß sein.“

Colin Blane von der BBC erklärte, das Leck sei „schwerwiegend und unkontrollierbar“ und „soweit ich das verstehe ist es weltweit die Quelle mit dem höchsten Druck.“

Dr. Simon Boxall, Ozeanograf der Universität von Southampton, sagte der BBC, auf der Bohrinsel Elgin herrsche jetzt eine höchst gefährliche Lage. „Es ist eine sehr tiefe Bohrung,“ erklärte er. „Das Gas, das sie fördern, bezeichnen wir als saures Gas. Es hat einen hohen Anteil von Wasserstoffsulfid und Kohlendioxid, was es sehr leicht entflammbar und sehr giftig macht.“

„Das Problem ist also, dass wir es hier mit einem sehr leicht entzündlichen Gas zu tun haben – anders als bei Deepwater Horizon, wo es Rohöl war, das ironischerweise manchmal sehr schwer entflammbar ist.“

Jake Molloy, ein Organisator der Eisenbahner-, Seefahrts- und Transportgewerkschaft aus der Region, sagte, wenn sich das Gas entzündet, wäre der Schaden vergleichbar mit der Explosion der Bohrinsel Piper Alpha.

Diese Bohrinsel wurde von Occidental Petroleum betrieben. Ursprünglich wurde darauf Öl gefördert, später wurde sie für die Erdgasförderung umgerüstet. Als sie im Juli 1988 explodierte, starben 167 Arbeiter.

Molloy sagte: „Man kann aus sieben Meilen Entfernung eine Gaswolke aus der Total-Bohrinsel austreten sehen.“ Und weiter: „Andererseits ist zum Glück niemand mehr dort, also wird es keine unmittelbaren Todesopfer geben. Aber es besteht immer noch die Gefahr, dass die ganze Anlage explodiert, wenn sich das Gas entzündet.

Molloy sagte, etwas Derartiges habe es vorher noch nicht gegeben. „Soweit wir das sagen können, zumindest in Großbritannien nicht. So was hat es bisher noch nicht gegeben.“

„Ich habe heute mit einem Bohringenieur gesprochen, der sagt, es könnte eine Aktion wie bei Deepwater [Horizon] nötig sein, also, dass man eine Entlastungsbohrung von einer anderen Bohrinsel machen müsste, aber selbst dann wird es sehr unsicher, weil ständig in unmittelbarer Nähe Gas austritt.“

Wullie Wallace von der Gewerkschaft Unite sagte, es sei eine vollständige Evakuierung und Abschaltung aller Bohrinseln in einem Radius von fünf Seemeilen erforderlich: „Das Risiko ist zwar gering, aber unsere Hauptsorge ist, dass das treibende Gas eine der benachbarten Bohrinseln erreichen könnte. Die Folgen wären dann katastrophal.“

Die norwegische Umweltorganisation Bellona, die sich mit der Ölindustrie befasst, nennt Elgin ein „Bohrloch in die Hölle.“ Der Chef der Organisation, Frederic Hauge, sagte unter Berufung auf anonyme Quellen, die Besatzung der Bohrinsel habe vierzehn Stunden darum gekämpft, das Leck in den Griff zu bekommen, bevor sie am Montag evakuiert wurde. „Sie haben gesehen, wie unter ihnen Gasblasen im Meer blubbern. Das ist eine sehr schockierende Vorstellung.“

Er sagte, das Problem sei „außer Kontrolle“: „Die Lage wird nur immer ernster.“

Eine der Hauptsorgen bei den Lösungsversuchen ist das hohe Explosionsrisiko: „Im Moment ist es unmöglich, auf die Bohrinsel zu kommen“, sagte Hauge. „Die einzige Lösung scheint eine Entlastungsbohrung zu sein, aber wir wissen nicht, wie tief das Leck sitzt. Und wie platzieren wir eine Bohrinsel nahe genug, ohne eine Explosion zu riskieren?“

Das Gas kommt aus einem Vorkommen, in dem hoher Druck und Temperaturen von bis zu 200 Grad Celsius herrschen.

Hauge verglich die Gefahren mit denen bei der Katastrophe im Golf von Mexiko im April 2010, bei der elf Arbeiter auf der Bohrinsel Deepwater Horizon getötet und Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko gelangt waren, und sagte: „Der Druck in dem Vorkommen beträgt 600 bis 1100 Bar. Bei Deepwater Horizon waren es etwas mehr als 800 Bar.“

Er warnte: „Wir wissen nicht, wie viel Gas in dem Vorkommen ist, und es gibt viel Kohlendioxid und Wasserstoffsulfid, was es besonders gefährlich macht.“