Stoppt die Kriegshetzer! Verteidigt Günter Grass!

11. April 2012

Das politische Gedicht von Günter Grass, das der 84-jährige Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger in der vergangenen Woche zeitgleich an mehrere europäische und internationale Zeitungen schickte und in dem er vor der israelischen Kriegspolitik warnte, löste eine beispiellose Hetzkampagne in Medien und Politik aus.

Die Diffamierungskampagne gegen den international bekannten und mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller, macht deutlich, dass die israelische Regierung und ihre Verbündeten entschlossen sind, jeden einzuschüchtern und mundtot zu machen, der es wagt, die Kriegsvorbereitungen gegen den Iran zu kritisieren.

Josef Joffe, Mitherausgeber der ZEIT, stellt Grass als Antisemiten dar, den sein Judenhass seit seiner „Waffen-SS-Karriere“ (!) als Jugendlicher nie verlassen habe.

Beate Klarsfeld, Kandidatin der Linken bei der Wahl des Bundespräsidenten, die zuhause in Frankreich Präsident Sarkozy unterstützt, setzte Grass sogar mit Hitler gleich, er verwende bei seiner antisemitischen Hetze nur das Wort „Israel“ statt „internationales Finanzjudentum“.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Medienhauses Axel Springer, titelte in Anspielung auf eines der letzten Werke von Günter Grass seinen Angriff auf den Schriftsteller „Der braune Kern der Zwiebel“.

Der Rückgriff auf Grass’ kurze Mitgliedschaft als junger Mann in der Waffen-SS ist ein übler Trick, um das Thema zu wechseln: von der völlig korrekten und prinzipiellen Opposition des Schriftstellers gegen die Kriegstreiberei Israels gegen den Iran zu dem völlig grundlosen und verleumderischen Vorwurf des Antisemitismus. Die Methode des Rufmords entspricht der politischen Substanz des Angriffs auf Grass, d.h. der reaktionären Verteidigung von Aggression und Provokation gegen das ölreiche Land am Persischen Golf.

In Wahrheit wurde Grass als 16-Jähriger kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zum Kriegsdienst in der Waffen-SS eingezogen. Das geschah nicht auf seinen Wunsch, auch war er in den wenigen Monaten seiner Mitgliedschaft in kein Verbrechen der SS verwickelt, er gab noch nicht einmal einen Schuss ab. Nach dem Kriege hat er sein ganzes schriftstellerisches Werk einem Thema gewidmet: der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit - Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust – und dem Kampf gegen die Gefahr einer Wiederkehr dieser Menschheitsplagen.

Die Schamlosigkeit der Verleumdungen, die Hemmungslosigkeit der Aggressivität mit der alle großen Medien Deutschlands über Günter Grass herfallen, erinnert an die Kriegspresse des Ersten Weltkrieges und an die bis zur physischen Gewalt ausartenden Hetzkampagnen nationalsozialistischer und nationaler Kreise gegen pazifistische Schriftsteller und Künstler wie Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Erwin Piscator.

Keine Lüge ist zu groß, keine Denunziation zu niedrig, um sie nicht vorzubringen.

Fakt ist: Günter Grass hat in seinem Gedicht einige Wahrheiten über die israelisch-amerikanische Kriegspolitik ausgesprochen. Er wirft der israelischen Regierung vor, sich das „Recht auf den Erstschlag“ herauszunehmen, um ein Land anzugreifen, in dem „der Bau einer Atombombe“ nicht bewiesen, sondern nur „vermutet wird“. Israel aber verfüge über „ein wachsend nukleares Potential“ das geheim gehalten werde und „außer Kontrolle“ sei, weil es „keiner Prüfung zugänglich ist“.

Grass kritisiert die zynische Politik der Bundesregierung, die „ein weiteres U-Boot nach Israel“ liefert, „dessen Spezialität darin besteht, alles vernichtende Sprengköpfe“ zu transportieren, und die diese Waffenlieferungen als Wiedergutmachung für die deutschen Verbrechen der Vergangenheit bezeichnet.

Dann erklärt der Literaturnobelpreisträger unumwunden: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Grass spricht über die deutsche Vergangenheit „die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist“ und betont, dass sich seine Kritik an die israelische Regierung richtet und er dem Land Israel verbunden ist „und bleiben will“.

Die Netanjahu-Regierung bestätigte postwendend ihren aggressiven und undemokratischen Charakter vor dem Günter Grass gewarnt hatte, indem sie den Schriftsteller zur Persona non grata erklärte und ihm Einreiseverbot erteilte.

Doch weder die diktatorische Maßnahme der israelischen Regierung, noch die Hetzkampagne in Medien und Politik können die Tatsache aus der Welt schaffen, dass Grass recht hat. Israel hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet und verfügt seit Jahrzehnten über ein illegales Arsenal von Atomwaffen. Die deutsche Regierung unterstützt diese kriminelle Kriegspolitik seit Jahrzehnten mit der Lieferung von Waffen wie jetzt von sechs atomwaffenfähigen U-Booten.

Iran hat hingegen den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und sein Atomforschungsprogramm und seine Atomanlagen vertragsgemäß zahlreichen Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) geöffnet. Diese konnten trotz aller Bemühungen bisher nicht einen einzigen Beweis dafür zutage fördern, dass diese entgegen den Versicherungen der iranischen Regierungen nicht nur für zivile, sondern auch für militärische Zwecke entwickelt werden.

Dennoch führen Israel und die USA auf eigene Faust, illegal, gegen alles nationale und internationale Recht verstoßend, seit mehreren Jahren kriminelle Aktivitäten gegen den Iran aus: Insgesamt fünf iranische Atomwissenschaftler wurden ermordet, Drohnen-Flüge über dem Iran sind kein Geheimnis mehr, ebenso Bombenanschläge und Softwareviren gegen Industrieanlagen des Iran.

Keine dieser Fakten sind der Süddeutschen, der FAZ, der FR eine Schlagzeile, einen Kommentar wert. Stattdessen übernehmen sie alle die Propaganda Israels, der USA und der EU, dass der Iran „sehr bald Atomwaffen besitzen und gegen Israel einsetzen“ werde, wenn man ihn nicht daran hindere – mit einer Einstimmigkeit, die wie Günter Grass zu Recht bemerkte, an die Gleichschaltung der Presse unter einer Diktatur erinnert.

Wie üblich bei Verleumdungen, wird kein ernsthafter Versuch unternommen, den Vorwurf des Antisemitismus gegen Grass zu belegen. Stattdessen wird die Kritik an der Politik Israels demagogisch mit Hass auf Juden gleichgesetzt. Seine Ankläger ignorieren die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der israelischen Bevölkerung die Kriegspolitik ihrer Regierung gegen den Iran ebenso ablehnt.

Die gehässige Schmutzkampagne gegen Günter Grass soll die wahren Kriegsgründe verschleiern. Wie im Irak geht es weder um Massenvernichtungswaffen und Al-Qaida-Verbindungen des Iran, sondern um die militärische Überlegenheit der USA und seines wichtigsten Verbündeten Israel in dieser Region. Und es geht um die Ölvorräte Irans und die Schwächung der imperialistischen Rivalen der USA in Asien und Europa durch die militärische Kontrolle darüber.

Die beispiellose Wucht und Energie, mit der die Hetzkampagne gegen Grass geführt wird, ist ein untrügliches Indiz dafür, dass sich die herrschende Elite in Deutschland auf einen Krieg gegen den Iran einschießt. Zwar gibt es in Berlin durchaus Vorbehalte gegen eine amerikanische Militärvormacht in der Region, was im Falle von Libyen zu einer reservierten Haltung gegenüber dem Kolonialkrieg führte. Doch will die deutsche Regierung die Kontrolle des Nahen Ostens weder den USA noch den europäischen Rivalen Frankreich und Großbritannien überlassen.

Die scharfe Stellungnahme von Außenminister Westerwelle gegen Günter Grass zeigt, dass die deutsche Regierung entschlossen ist, beim nächsten imperialistischen Krieg – diesmal gegen den Iran – von Anfang an mit dabei zu sein. Berlin betrachtet die Aggression gegen Syrien als willkommenes Vorspiel für die noch größere Operation

Die Tatsache, dass nicht nur CDU und FDP, sondern auch die führenden Politiker der SPD, der Grünen und der Linken in die Angriffe auf Grass eingestimmt haben oder schweigen, zeigt dass die Unterstützung für diese Kriegspolitik durch alle Parteien, auch bis in die Reihen der Linken geht.

Diese Kriegspolitik und nicht das Gedicht von Günter Grass stellt eine Bedrohung für die jüdische Bevölkerung in Israel wie für das iranische Volk dar.

Wer gegen die wachsende Gefahr eines Krieges im Nahen Osten und damit gegen die Gefahr eines neuen Weltkrieges kämpfen will, muss Günter Grass verteidigen und gegen die Kriegstreiber in Berlin, Washington und Tel-Aviv und ihre Lakaien in den Medien kämpfen.

Wolfgang Weber