Die Angriffe auf Günter Grass – eine Bilanz

Von Peter Schwarz
4. Mai 2012

Es ist nun exakt ein Monat her, seit der Schriftsteller Günter Grass sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat, Zeit, eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik schon viele gehässige Auseinandersetzungen, doch die Flut von Beschimpfungen, Verleumdungen und Beleidigungen, die sich in den vergangenen Wochen auch aus sogenannten „seriösen“ Medien über den 84-jährigen Nobelpreisträger ergoss, sprengt alles bisher Dagewesene.

Der Vorwurf des Antisemitismus wurde gleich dutzende Male erhoben und in allen Schattierungen variiert. Und dies gegen den Verfasser der „Blechtrommel“, der der bundesdeutschen Gesellschaft bereits einen literarischen Spiegel ihrer Vergangenheit vorhielt, als diese noch einen dichten Schleier darüber bereitete und sich Tausende ehemaliger Nazis in Regierung, Verwaltung, Justizapparat, Redaktionsstuben, Universitäten und Chefetagen der Wirtschaft tummelten!

Grass‘ Gedicht sei „ein in Scheinlyrik gepresstes, antisemitisches Pamphlet“, das im NPD-Organ National-Zeitung „gut platziert gewesen“ wäre, behauptet der Historiker Michael Wolffsohn auf SpiegelOnline. Der Schweizer Historiker Raphael Gross und Leiter des Jüdischen Museums Frankfurt bezeichnet das Gedicht in der Berliner Zeitung als „Hassgesang“ und fragt: „Woher dann die Schwierigkeit, ihn als Antisemiten zu bezeichnen?“

Der Publizist Josef Joffe beruft sich in der Zeit auf Freud und verortet den Antisemitismus, der „aus dem Grass-Gedicht quillt“, in einem „Unterbewusstsein, das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird“. So denke ES in Grass, verkündet Joffe, und zitiert eine antisemitische Figur aus einem Fassbinder-Stück: „Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. Wär‘ er geblieben, wo er herkam, oder hätten wir ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Das ist kein Witz. So denkt es in mir.“

Wir wollen dem Leser weitere Zitate aus der langen Liste infamer Verleumdungen ersparen, die Grass als Antisemiten bezeichnen. Dabei ist der Vorwurf des Antisemitismus noch nicht einmal der schlimmste, der gegen Grass erhoben wird. Einige Autoren beschimpfen ihn auch einfach als Nazi.

So vergleicht der Literaturkritiker Tilman Krause Grass‘ Gedicht in der Berliner Morgenpost mit der berüchtigten Sportpalastrede von Joseph Goebbels, der die Deutschen 1943 zum „totalen Krieg“ aufrief. Er entdeckt in dem Gedicht eine „Fülle von Denkfiguren und Sprachformeln, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können“. Auf Grass‘ alte Tage komme „eben doch der glühende Nazi, der er einmal war, durch die Hintertür wieder hereinspaziert“.

Auch Malte Lehming, Leiter der Meinungsseite des Tagesspiegels, beschimpft Grass als Neonazi. „Wer plötzlich im ‚Nationalzeitungs‘-Jargon‘ dichtet, ohne es zu merken, hat es vielleicht schon immer getan, ohne dass es andere merkten“, schreibt er. Lehming stellt den Schriftsteller sogar auf eine Ebene mit Hitler: „Bewusst schlägt sich Grass auf die Seite der ‚schweigenden Mehrheit‘, der er eine Stimme sein möchte – wie damals, als eine schweigende Mehrheit schon einmal eine Stimme fand, die dann rasch, durch Lautsprecher und Panzergerassel verstärkt, in ganz Europa zu vernehmen war.“

Die infamen Angriffe auf Grass fallen auf deren Autoren zurück. Nicht Grass‘ wohlbegründete Warnung vor eine weiteren Krieg im Nahen Osten erinnert an die Nazis, sondern die ungeheuerlichen Anschuldigungen, mit denen diese geifernde Meute über den angesehensten deutschen Schriftsteller der Gegenwart herfällt. Sie hat offenbar völlig verdrängt, dass eine der ersten Amtshandlungen der Nazis in der Verbrennung der Bücher von Heinrich Heine, Karl Marx, Sigmund Freund, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und zahlreichen anderen weltberühmten Autoren bestand.

Es gibt zwar auch Stimmen, die Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nehmen. Doch sie sind zaghaft, zurückhaltend und voller Vorbehalte. Niemand im offiziellen Kultur-, Medien- und Politikbetrieb protestiert laut und energisch gegen den Rufmord am vielleicht bedeutendsten Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur.

Das bedarf einer Erklärung.

Einen Hinweis liefert Josef Joffe in einem Beitrag für das Wall Street Journal. Joffes wüste Tirade gegen Grass gipfelt in dem Vorwurf, dieser habe „einen 70 Jahre alten moralischen Konsens gebrochen und das moralische Universum auf den Kopf gestellt, indem er Israel als Aggressor und den Iran als Opfer darstellt“.

Unter „moralischem Konsens“ versteht Joffe die Auffassung, der Holocaust verpflichte Deutschland, die Politik der israelischen Regierung immer und unter allen Umständen zu unterstützen; ein Standpunkt, den Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Worte gefasst hat, Israels Existenzrecht sei Deutschlands Staatsräson.

Mit diesem Argument bereitet sich die deutsche Regierung derzeit auf die Teilnahme an einem Krieg gegen den Iran vor, um nach Jahrzehnten der Abwesenheit im Nahen Osten auch militärisch in dieser ölreichen Region wieder Fuß zu fassen. In einer grotesken Verdrehung historischer und aktueller politischer Tatsachen bedient sie sich dabei der nationalsozialistischen Verbrechen, um ihre zukünftigen imperialistischen Verbrechen zu rechtfertigen.

Grass‘ Gedicht hat diese Pläne durchkreuzt und gleichzeitig dem weit verbreiteten Misstrauen breiter Bevölkerungsschichten gegen eine Wiederbelebung des deutschen Militarismus und einem weiteren imperialistischen Krieg im Nahen Osten Ausdruck verliehen. Deshalb wird er erbittert bekämpft.

Joffe ist sich bewusst, dass die Politik der „politischen Klasse“, wie er sie nennt, in der Bevölkerung kaum Unterstützung findet. Er beklagt sich bitter darüber, dass Grass Gedicht von den Medien zwar nahezu geschlossen abgelehnt, aber von rund 90 Prozent aller Leserzuschriften unterstützt wird, und versucht, dafür antisemitische und nationalistische Motive verantwortlich zu machen.

Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden auch durch zahlreiche andere Angriffe auf Grass. So wirft ihm der bereits zitierte Malte Lehming vor, er biedere sich dem „Pöbel“ an. Tilman Krause verweist auf die Herkunft von Grass (und anderer Schriftsteller) aus „illiteraten Elternhäusern, die der NS-Ideologie geistig nichts entgegenzusetzen vermochten“. Dieses „proletarisierte Kleinbürgertum“ hätten die Nazis „politikfähig“ gemacht, mit ihm hätten sie ihr Weltreich aufzubauen gedacht. Dagegen seien „die alten Eliten dem braunen Mob suspekt [gewesen], sie wurden unterdrückt und wenn irgend möglich auch vernichtet“.

Das ist Geschichtsklitterung, wie sie dreister nicht möglich ist. Unter verzweifelten Teilen des Kleinbürgertums fanden die Nazis zwar Gehör. Aber die große Mehrheit der Arbeiterklasse – und mit ihr viele Kleinbürger – waren erbitterte Gegner der Nazis. Noch 1932 erhielten die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD zusammen mehr Wählerstimmen als Hitlers NSDAP. Nur das klägliche Versagen der SPD- und der KPD-Führung hinderte die Arbeiterklasse schließlich daran, Hitlers Aufstieg zu stoppen.

Die Niederlage der Arbeiterklasse besiegelte auch das Schicksal der Juden. Erst nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs konnten die Nazis ihren Antisemitismus restlos ausleben und das größte Verbrechen der Menschheit begehen.

Hitlers Sieg sicherten die „alten Eliten“, die Lemming als Opfer der Nazis darstellt – die Junker und Offiziere, die Hitler zur Macht verhalfen; die Krupps, Flicks und anderen Wirtschaftsbosse, die seinen Aufstieg finanzierten; die bürgerlichen Parteien, die dem Ermächtigungsgesetz zustimmten, um die Arbeiterbewegung zu unterdrücken; die rückgratlosen Beamten und Juristen, die Hitler Treue schworen; die Akademiker, die ihre jüdischen Kollegen verdrängten und Rassenlehre predigten; und die Bildungsbürger, die sich an Hitlers Wagnerkult berauschten.

In ihrer Tradition stehen die Schreiberlinge, die heute über Grass herziehen. Ihre Verachtung gegenüber den Massen, die sie als antisemitischen Pöbel beschimpfen, zeigt, dass sie sich auch über elementare demokratische Rechte hinwegsetzen werden, um die Kriegspläne des deutschen Imperialismus zu verwirklichen.