David North spricht zur Verteidigung Leo Trotzkis an der Cornell University

Von Tom Mackaman
9. Mai 2012

Am 1. Mai sprach David North, der nationale Vorsitzende der Socialist Equality Party und internationale Redakteur der World Socialist Web Site an der Cornell University in Ithaca, New York, zur Verteidigung von Leo Trotzki. Gastgeber der Veranstaltung war der Ortsverband der International Students for Social Equality an der Cornell Universität.

Eine überbordende Menge von etwa 100 Personen hat an dem Vortrag teilgenommen. Viele saßen auf dem Fußboden oder standen während der gesamten Präsentation und der Diskussion, die insgesamt zwei Stunden dauerte. Unter den Anwesenden waren Studierende und Absolventen, ausländische Studenten, lokale und pensionierte Arbeiter und Professoren des Cornell College, des Ithaca College und der Binghamton University.

Die Vorlesung an der Cornell University

North begann seine Ausführungen mit der Frage, warum eine Versammlung "zur Verteidigung" von Leo Trotzki stattfinde. Er wies darauf hin, dass eine Diskussion über Franklin Delano Roosevelt oder John F. Kennedy nicht in einer solchen Weise gehalten werden würde. Dies liegt daran, sagte North, dass Trotzki eine sehr zeitgenössische Figur bleibt, deren politisches Denken für die aktuelle globale Krise des Kapitalismus direkt relevant ist.

Für Historiker ist es schwierig dieses Thema aufzugreifen, weil "über Trotzki zu sprechen nicht nur die Haltung von jemandem gegenüber der Vergangenheit zeigt, sondern auch seine Haltung gegenüber der Gegenwart", sagte North.

North wies auf den Kontext hin, in dem die Generation, die in den 1960er Jahren zu politischem Bewusstsein gelangte, in Kontakt mit Trotzkis Schriften kam. Junge Leute suchten und fanden damals bei Trotzki Antworten auf wichtige Fragen rund um die historischen "Strudel der Politik im 20. Jahrhundert, darunter Faschismus, Stalinismus und den Holocaust." Die Frage, die die Jugend damals stellte war, "Gab es eine Alternative zum Stalinismus?"

In seinem Vortrag gab North eine Übersicht über Trotzkis bemerkenswerte Karriere, darunter sein erstes Engagement in revolutionärer Politik im Alter von 20 Jahren; die Leitung des Petrograder Sowjets in der russischen Revolution von 1905, die Formulierung der Theorie der Permanenten Revolution, die Führungsrolle in der russischen Revolution und in der Roten Armee im russischen Bürgerkrieg; den langen politischen Kampf gegen die Degeneration des Stalinismus und der Dritten Internationale, die Warnungen vor dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und die Gründung der Vierten Internationale.

North verband diese biographischen Anmerkungen und Trotzkis Ideen mit aktuellen Problemen, mit denen Jugendliche und Arbeiter heute konfrontiert sind: mit der Präsidentschaft von Barack Obama und dem aktuellen US-Wahlkampf, dem Ausbruch des amerikanischen Militarismus, dem Anwachsen der sozialen Ungleichheit und dem geistigen Verfall an den Hochschulen in Form von Identitätspolitik und Postmoderne. Diese Ausführungen wurden vom Publikum herzlich begrüßt.

North warf die Frage auf, wie Trotzki die Macht "verlor". Er sagte, dass man in vielen Uni-Seminaren über die sowjetische Geschichte "folgende Erklärung bekomme: Trotzki verlor die Macht, weil Stalin ein besserer Politiker war." Tatsächlich jedoch, erklärte North, wurde Stalin gerade wegen seiner Mittelmäßigkeit von der Bürokratie zu ihrem Vertreter ausgewählt. Trotzkis Handeln wurde immer von Prinzipien geleitet, sagte North. Er erwog "zu jedem Zeitpunkt die Auswirkungen seiner Politik auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse."

Der Vortrag kam auf Stalins Lügenkampagne gegen Trotzki zu sprechen, die in der physischen Vernichtung der revolutionären Generation in den blutigen Säuberungen in den späten 1930er Jahren ihren Höhepunkt erreichten. North erklärte, dass der politischen Lüge materielle Interessen zugrunde lagen, in diesem Fall die Interessen der sowjetischen Bürokratie, vertreten durch Stalin, die ihren Reichtum und ihre Privilegien gegen die revolutionäre Perspektive von Trotzki zu verteidigen versuchte. Trotzki war der Hauptangeklagte in den Moskauer Prozessen und wurde zusammen mit seinem Sohn Leo Sedow in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

North wies darauf hin, dass der berühmte amerikanische Philosoph John Dewey vor genau fünfundsiebzig Jahren eine Untersuchungskommission leitete, die die Vorwürfe gegen Trotzki und Sedow erschöpfend untersuchte und ein Urteil fällte, das sie für nicht schuldig und die Vorwürfe als konstruiert befand.

Die Lügen gegen Trotzki wurden kürzlich von einem Trio von britischen Historikern wieder aufgewärmt. North analysierte die jüngsten Trotzki-Biographien von Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service. Anhand von konkreten Beispielen aus ihren Texten, demonstrierte er, wie sie Trotzkis Geschichte fälschen und sein politisches Denken in den Schmutz ziehen.

North erklärte, dass die jüngsten Bücher zur Diffamierung Trotzkis als präventive Biographien bezeichnet werden können. "Wir leben in einem Zeitalter der Präventivkriege, warum also nicht auch von Präventivbiographien?", fragte er. Der Zweck dieser Bücher, wie der zuletzt von dem Oxford-Historiker Robert Service geschriebenen Monographie, ist es, Jugendliche davon abzuhalten, Zugang zu Trotzki zu finden. Die akademischen Historiker erinnern sich und fürchten den Zugang zu Trotzki, den die Generation der 1960er Jahre durch Isaac Deutschers biographische Trilogie gewonnen hatte.

North forderte die Anwesenden auf, die Frage für sich selbst durch das Lesen Trotzkis eigener Werke wie Verratene Revolution, Die Geschichte der Russischen Revolution und seiner Autobiographie Mein Leben, zu beantworten.

Nach Abschluss seiner Ausführungen nahm North Fragen aus dem Publikum entgegen. Ein Teilnehmer fragte, ob die Geschichte als eine Wissenschaft wie die Naturwissenschaften betrachtet werden könnte. North sagte, es sei nicht genau das gleiche, aber die Geschichte könne insofern als Wissenschaft aufgefasst werden, als deren Studium ein Mittel zur Vorhersage des Verlaufs der Ereignisse liefern könne. Er verwies auf die Leistung Trotzkis, der im Jahr 1906 die grundlegende Dynamik der russischen Revolution vorhergesagt hatte, und auf die Leistung der World Socialist Web Site, die im letzten Jahrzehnt den wirtschaftlichen Zusammenbruch und den rechten Charakter der Obama-Regierung vorhergesagt hat.

Ein anderer Zuschauer sagte, er stimme zwar der Analyse zu, doch er würde in der Gesellschaft keine Künstler, Musiker und Philosophen sehen, die für die Revolution kämpften oder die Interessen der Arbeiterklasse vertreten würden. Als Antwort wies North auf das toxische intellektuelle Klima auf dem Campus hin, das durch die Förderung des Postmodernismus und durch Identitäts-Politik geschaffen wurde. Ersterer besteht darauf, dass nichts wirklich erkannt werden könne, und letztere vertritt eine Perspektive, die den materiellen Interessen der oberen Mittelschicht entspricht. "Die zentrale Frage ist die Klassenfrage", sagte North. "Wem gehört das Eigentum? ... Die Leute werden ihren Weg zur russischen Revolution finden."

Nachdem das Treffen offiziell zu Ende war, blieb eine Reihe von Studenten und Arbeitern, um den Vortrag mit Mitgliedern der ISSE und der SEP zu diskutieren und um handsignierte Exemplare von Norths Buch Verteidigung Leo Trotzkis zu kaufen. Achtzehn Bücher wurden verkauft. Zahlreiche Zuschauer machten auch eine Spende.