„Seit fast zehn Jahren geht es nur noch bergab“

Opel-Arbeiter Gerd Bücker im Interview mit der WSWS

Von Dietmar Henning
29. Juni 2012

Wir fahren an einem sonnigen Samstagmorgen in die für diese Gegend typische Zechensiedlung, einen Steinwurf entfernt vom Bochumer Opel-Werk. Viele Opel-Beschäftigte leben hier in rund 100 Jahre alten, schönen und renovierten Zechenhäusern. Gepflegte Vorgärten, saubere Straßen und Bürgersteige täuschen eine Idylle vor, die es jedoch nicht mehr gibt. Denn das Opel-Werk in Bochum soll, wenn es nach dem Willen des Managements geht, geschlossen werden und zwar „eher in zwei als in vier Jahren“. Der, der das sagt, blickt auf ein Arbeitsleben für Opel zurück. Mit 20 Jahren fing Gerd Bücker bei Opel in Bochum an. Das war im Jahr 1976.

Gerd Bücker

Nun ist er raus. Er ist in der von Betriebsrat und Opel-Geschäftsführung eingerichteten Transfergesellschaft. „Angeblich soll ich da qualifiziert werden. Aber das ist natürlich Quatsch. Wir sind 700 Kollegen, alle über 50. Die bemühen sich zwar, aber die meisten interessiert keine Qualifizierung. Wir überbrücken die Zeit zum Renteneintritt.“ Gerd Bücker ist jetzt 56 und kann ein Jahr in der Transfergesellschaft überbrücken. Er erhält 80 Prozent vom letzten Nettolohn. „Anschließend erhalte ich theoretisch zwei Jahre lang Arbeitslosengeld.“ Weil das zu wenig zum Leben ist, muss er in dieser Zeit seine Abfindung einsetzen. „Und dann bin ich schon 60.“ Er bekommt dann die gekürzte gesetzliche Rente und seine Betriebsrente von 510 Euro – nach 36 Jahren für Opel. Inzwischen ist die Betriebsrente schon lange abgeschafft.

Gerd Bücker wohnt nicht in einem der idyllischen alten Zechenhäuser. Er wohnt in einem ebenso sauberen und gepflegten Mehrparteienhaus der 1960er Jahre am Rande der Siedlung. Damals wurde die Zeche Bochum geschlossen, direkt gegenüber baute man das Opel-Werk. Das war 1962, vor genau 50 Jahren. Doch zum Feiern ist in Bochum niemandem zumute. Damals, vor 50 Jahren, wechselten viele Bergarbeiter nach Opel. „Da war noch eine andere Stimmung“, berichtet der ehemalige Opel-Arbeiter. „Wenn ein Meister mal gezickt hatte, bekam er an der nächsten Ecke eine geklebt.“ Dies hätten ihm immer stolz die alten Kollegen erzählt.

Opel-Werk in Bochum

Sein Schwiegervater, ein Bochumer Bergmann, ist nicht ins neue Opel-Werk gewechselt. Er wurde noch zwanzig Jahre lang von einer Zeche zur nächsten versetzt. Vielleicht ist es auch diese Erfahrung, die Gerd Bücker bewogen hat, nun doch zu gehen. „Ich habe jetzt eine kleine Eigentumswohnung. Mit einem Minijob wird das schon gehen.“

Was er auf jeden Fall vermeiden will: „Leiharbeit und Hartz IV.“ Beides hält er für die größten Übel der letzten Jahre. Er kennt die Leiharbeiter, die bei Opel arbeiteten. „Die taten mir total leid“, sagt er. „Einer, der mit mir gearbeitet hatte, war Facharbeiter. Der hat Überstunden gekloppt, alles gemacht. Der war wirklich gut.“ Er wäre so gerne geblieben, fest bei Opel. „Doch nach einem Jahr haben sie ihn einfach auf die Straße gesetzt.“

Dieses Schicksal will Gerd Bücker nicht erleiden. Er hätte bis vor zehn Jahren auch nicht im Traum daran gedacht, dass es soweit kommen würde. Er lernte Tankwart – „das war damals ein Ausbildungsberuf“ – verdiente aber zu wenig, um seine Frau und sein erstes von fünf Kindern zu ernähren. 850 DM, davon konnte man auch damals, Anfang der 1970er Jahre, keine Familie ernähren.

„1974 hatte Opel Arbeiter entlassen, zwei Jahre später dann wieder eingestellt. Ich habe über meinen Vater, der vom Fußballplatz Betriebsräte und Geschäftsführung kannte, einen Job bekommen.“ So sei das früher gewesen. Man traf sich am Wochenende auf dem Fußballplatz, Opel-Chefs und Arbeiter. „Heute sieht man nicht mal im Betrieb die Geschäftsleitung“, sagt Gerd Bücker. Aber früher: „Erst ins Personalbüro, Arbeitsvertrag unterschreiben, dann in die Nebentür, bei der Gewerkschaft unterschreiben.“

Die Gewerkschaft. Gerd Bücker wird nicht mehr sehr zornig, er glaubt, mit diesem Thema abgeschlossen zu haben. Doch er erinnert sich lebhaft, dass „wir damals weit über 20.000 Mann bei Opel waren“. „Wie bei den Ameisen sah das aus, wenn wir ins Werk kamen.“

„Noch in den 1980er Jahren waren wir 22.000, heute sind es nur noch gut 3.000“, sagt Gerd Bücker in einer Mischung aus Trauer und Wut. Viele hätten damals in der Produktionslinie gearbeitet. „Bei mir, im Motorenbau, waren allein 50 Leute. Zum Schluss waren wir zu neunt.“ Schon in den 1990er Jahren habe der Umbruch begonnen. Japaner kamen damals ins Werk und fotografierten alles. „Die Betriebsräte erklärten uns, das seien unsere Feinde, weil die schneller und besser Motoren bauen konnten.“ Dann kam die neue Motorproduktion. In Rente gehende Kollegen seien nicht ersetzt worden. Dafür hatten sie vornehmlich die Auszubildenden ans Montageband geschickt, „da brauchten sie kräftige und schnelle Männer“.

Gleichzeitig sank der Lohn. „Früher hat Opel gut bezahlt“, erzählt Gerd Bücker, „heute schlecht.“ Seit zehn Jahren hat er keine Lohnerhöhung mehr bekommen, Zulagen wurden gekürzt, auch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Zeitweise war das Weihnachtsgeld sogar an den Krankenstand gekoppelt. „Beim letzten Mal habe ich nur 35 Prozent eines Monatslohns als Weihnachtsgeld bekommen.“ Es waren einmal 100 Prozent.

Ausgehandelt hatten die ständigen Kürzungen bei den Löhnen und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen die Betriebsräte. „Seit den 1990ern gab es diese ständigen Mauscheleien zwischen Betriebsräten und Management“, sagt Gerd Bücker. „Die Gewerkschaft und die Betriebsräte haben immer mehr an Einfluss verloren. Ist aber auch verständlich. Immer wieder neue Abmachungen, bei denen wir Zugeständnisse gemacht haben. Und die Zugeständnisse, die GM macht, sind das Papier nicht Wert, auf dem sie stehen.“ Nur ein Betriebsrat stach heraus: „Turhan Ersin, der hat uns immer verteidigt, der war der einzige, der den Mund aufgemacht hat. Er war immer an unserer Seite und hat uns unterstützt. Aber den haben dann Betriebsratsmitglieder und Geschäftsführung nach 2004 so unter Druck gesetzt, dass er krank Opel verlassen hat. Den haben sie fertig gemacht.“ Damals berichtete die WSWS über die Kampagne gegen Turhan Ersin(http://www.wsws.org/de/2004/nov2004/opel-n16.shtml )

Es habe immer Opposition gegen die Betriebsräte gegeben, „auch gegen Jaszczyk“, wie Gerd Bücker betont. Die Politik des inzwischen verstorbenen DKP-Mitglieds Jaszczyk, der von 1996 bis 2002 den Betriebsrat in Bochum leitete, wird von einigen Betriebsräten im Nachhinein gerne verklärt. Doch mit ihm begann der große Umbau.

„Im Jahr 2000 begann die schrittweise Auslagerung von Betriebsteilen, Caterpillar, Powertrain usw.“ Vor allem bei TCM Werkzeugbau, wohin die Opel-Auszubildenden wechselten, erhielten die Kollegen nur noch Niedriglöhne. „Das haben die ganz gezielt gemacht, um die Löhne zu senken.“

2004 wurde der Motorenbau geschlossen, die Motoren kamen nun aus Ungarn. Gerd Bücker wechselte in den Getriebebau. „Da habe ich fast Depressionen bekommen“, sagt er. Er musste jeden Morgen durch seine alte Halle, den stillgelegten Motorenbau, zu seinem neuen Arbeitsplatz.

„2004: Ab da ging es bergab.“ Die Konzernleitung von General Motors hatte im Oktober dieses Jahres angekündigt, 12.000 der insgesamt 63.000 Arbeitsplätze in Europa abzubauen, davon alleine in Deutschland 10.000. Die Opel-Arbeiter in Bochum hatten daraufhin spontan gegen die drohende Werksschließung gestreikt; gegen den Willen von IG Metall und Betriebsrat, die im Betrieb alles taten, um die Arbeiter wieder an die Arbeit zu drängen. „Das war die richtige Entscheidung. Da waren wir endlich mal wieder zusammen und einer Meinung“, schwärmt Gerd Bücker und meint die Arbeiter. Denn abgewürgt wurde der Streik schließlich „mit einer zwielichtigen Frage auf einer Betriebsversammlung durch den Betriebsrat“.

Nachdem sich die Arbeiter auch am vierten Tag weigerten, die Arbeit wieder aufzunehmen, und eine Abstimmung der gesamten Belegschaft forderten, organisierten Betriebsrat und IG Metall ein bürokratisches Manöver, das selbst für Gewerkschaftsstandards beispiellos ist. Auf der einberufenen Belegschaftsversammlung sprachen nur drei Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre, die die Belegschaft einschüchterten. Arbeitern verweigerten sie zu sprechen. Mikrofone wurden vom Werkschutz bewacht.

Auf dem Stimmzettel für die schriftliche Abstimmung war die Frage, ob die Arbeit wieder aufgenommen werden soll, mit der Frage verknüpft: „Soll der Betriebsrat die Verhandlungen mit der Geschäftsführung weiterführen?“ Wer die Arbeitsniederlegung fortsetzen wollte, musste sich also gleichzeitig für den Abbruch aller Verhandlungen aussprechen. Selbst unter diesen Bedingungen stimmte fast ein Drittel der Arbeiter für die Weiterführung des Streiks.

Da hätten die meisten gewusst: „Jetzt ist‘s aus“, berichtet Gerd Bücker. Viele seien mit Abfindungen gegangen. „Aber ich war zu jung, ich war erst 49, da konnte ich mich nicht auf die Rente vorbereiten.“

Zur Zeit dieses letzten Streiks vor acht Jahren standen noch 10.000 Arbeiter bei Opel-Bochum in Lohn und Brot. Rainer Einenkel – wie Jaszczyk ehemaliges DKP-Mitglied – übernahm kurz darauf den Betriebsratsvorsitz, den er bis heute innehat, um den angekündigten Arbeitsplatzabbau durchzusetzen.

Arbeiter wurden unter Druck gesetzt, auch sein Sohn, der bei Opel Industriemechaniker gelernt hatte. „Mein Ältester“, erzählt Gerd Bücker, „ist auch vom Betriebsrat aufgefordert worden, zu gehen.“ Er sei unverheiratet, habe keine Kinder und noch sehr jung. Er wäre der erste, der gehen müsste. So hat er sich schließlich entschlossen zu gehen. „Er arbeitet nun bei ZF, einem Automobilzulieferer, am Bodensee und ist glücklich. Das freut mich.“ Dennoch erregt sich Gerd Bücker bis heute über die Art und Weise, wie sein Sohn hinausbefördert wurde. „Er war fast zehn Jahre bei Opel, bevor er seinen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat. Hätte er zwei bis drei Monate länger bei Opel gearbeitet, hätte er noch eine Betriebsrente bekommen.“ So sei diese verfallen, schimpft der Vater. „Die Betriebsräte haben darüber absichtlich nicht informiert. Das ist vielen so gegangen wie meinem Sohn.“

Immer mehr Beschäftigte gingen und wurden durch Leiharbeiter ersetzt. Seit Anfang 2005, der Übernahme des Betriebsratsvorsitzes durch Einenkel haben 7.000 Arbeiter – 70 Prozent der Beschäftigten – ihren Arbeitsplatz verloren.

Gerd Bücker ist einer von ihnen.