Das Massaker von Aurora: Wieder bloß Ausflüchte statt Erklärungen

24. Juli 2012

Nach dem Massaker im Kino von Aurora flog Präsident Barack Obama Sonntagnachmittag in Denver, Colorado, ein, um die Angehörigen der Opfer zu treffen. Danach trat er kurz vor die Öffentlichkeit, wo er erklärte:

„Obwohl der Täter dieser Übeltat in den letzten Tagen viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, wird diese Aufmerksamkeit nicht dauern. Wenn er erst einmal die volle Wucht unserer Justiz zu spüren bekommt, dann werden am Ende vor allem die guten Menschen im Gedächtnis bleiben, die von dieser Tragödie betroffen sind.“

Diese Erklärung ist nicht nur gedankenlos, sie ist auch zynisch. Tatsächlich ist ziemlich wenig über den angeblichen Schützen James Holmes bekannt, der zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt hat. Glücklicherweise hat Homes sich nicht selbst das Leben genommen, sodass zumindest die Möglichkeit besteht, tiefere psychologische Einsichten in die Ursachen dieses und anderer Fälle von Massentötungen zu gewinnen.

Es ist zu hoffen, dass Ärzte sich ernsthaft bemühen werden, die neurologischen und psychologischen Prozesse zu ergründen, die einen jungen Mann dazu brachten, ein solch schreckliches Verbrechen zu begehen. Weil das schon der dritte Fall von Massenmord in seiner Präsidentschaft ist, würde man erwarten, dass auch Obama die Bedeutung einer solchen Untersuchung erkennen würde. Aber wie es scheint, kann der Präsident nur an Rache denken. Er ist der Meinung, dass die beunruhigenden Aspekte dieser Tragödie geklärt sind, wenn Holmes „die volle Wucht unserer Gesetze“ zu spüren bekommt.

Die Opfer der Schießerei und die leidtragenden Familien werden von den Medien und dem politischen Establishment bald vergessen sein. Erinnern sich die Politiker und die Medien noch an die Opfer der Massaker von Columbine, Virginia Tech und Tucson? Wie in der Vergangenheit werden die Familien der Toten und Verletzten in ihrem unendlichen Leid alleingelassen. Die amerikanische Gesellschaft in ihrer heutigen Verfassung ist nicht der Meinung, dass sie den Opfern irgendetwas schuldet, am allerwenigsten eine Erklärung.

Eine Untersuchung des psychologischen Hintergrunds dieses Verbrechens ist wichtig, aber sie kann die Schießerei in Aurora nur zu einem Teil erklären. Holmes ist ein sehr kranker Mensch. Aber die Ursache dieses Verbrechens lässt sich nicht ausschließlich, ja, nicht einmal überwiegend aus der Psychologie des Schützen erklären. Holmes Mordtat, wie die anderer Amokläufe, ist in einem definitiven gesellschaftlichen Kontext geschehen. Wir müssen nicht nur das Krankheitsbild des Einzelnen verstehen, sondern auch das der Gesellschaft, in der aufgewachsen ist.

Mehr als dreizehn Jahre sind seit der Schießerei an der Columbine High School vergangen, die die Vereinigten Staaten und die Welt schockiert hatte. Dem Ereignis folgten bedeutungslose Einlassungen über das „Böse“, und dann waren die Solidaritätserklärungen mit den Opfern und ihren Familien bald vergessen. Die Politiker und die Medien wandten sich anderen Dingen zu, und es folgten die nächsten Katastrophen. Kann jemand behaupten, dass irgendetwas aus dieser Tragödie gelernt wurde?

Man muss auch fragen: Sind irgendwelche tieferen Ursachen der Schüsse von Columbine aufgedeckt und angegangen worden? Sind die Vereinigten Staaten heute in gesellschaftlicher Hinsicht stärker oder weniger stark aus dem Gleis? Ist Amerika weniger ungerecht oder ungleich? Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt weniger belastet? Ist in den letzten dreizehn Jahren irgendetwas geschehen, das Amerika zu einer weniger gewalttätigen und fürsorglicheren Gesellschaft machen könnte? Gibt es für junge Amerikaner Grund, heute hoffnungsvoller in die Zukunft zu schauen als ihre Altersgenossen, die vor ein oder zwei Jahrzehnten erwachsen wurden?

James Holmes wurde im Dezember 1987 geboren. Welche Entwicklungen und Verhältnisse haben sein Bewusstsein geformt? Er war erst elf, als die Schießerei an der Columbine High School stattfand. Er war dreizehn, als der 11. September den „Krieg gegen den Terror“ eröffnete. In seiner ganzen Jugendzeit lebte er in einer Gesellschaft, deren politische Führer eine Form der gesellschaftlichen Paranoia förderten und anheizten, in der die gesamte Bevölkerung aufgerufen ist, „wachsam zu sein“ und nach „verdächtigen“ Personen und unbekannten Gefahren Ausschau zu halten. Hinter jeder Ecke drohe Gefahr, wird den Menschen suggeriert. Und die einzige Verteidigung gegen diese unbekannte, aber angeblich allgegenwärtige Gefahr ist Gewalt, die von den führenden Politikern in unvorstellbarem Maß ausgeübt wird. Jeden Tag bringt Amerika seine „Feinde“ um, sowohl in diesem Teil der Welt, als auch in einem anderen.

Dieses gewalttätige Umfeld, noch verstärkt durch den sozialen Druck von Jahren der Wirtschaftskrise, blieb nicht ohne Einfluss auf die Psyche von James Holmes. Das auffälligste Merkmal von Holmes’ Verbrechen war seine Willkür. Schwer bewaffnet betrat er ein abgedunkeltes Kino und begann, auf das sitzende Publikum zu feuern. Er kannte die Leute nicht, die er erschoss, er konnte kaum ihre Gesichter sehen. Sie existierten für ihn nur als Zielscheiben für seine Waffen.

Aber diese Form des Tötens ohne Ansicht der Person stellt sich als Reproduktion der Methode dar, welche die Vereinigten Staaten bei ihrem Einsatz von Drohnen anwenden. Es ist bekannt, dass viele Menschen nur deswegen von Drohnen-Raketen getötet werden, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Die „Techniker“ die die Drohnen aus Tausenden Meilen Entfernung lenken, kennen die Menschen nicht, die sie töten. In ihrer Vorstellung eliminieren sie lediglich entpersonalisierte Repräsentanten einer abstrakten Gefahr. Solche Aktionen, die Präsident Obama persönlich anordnet, und die von Technikern auf Befehl hin ausgeführt werden, sind sorgfältig durchdacht und bewusst geplant.

Das rationale Töten des Staates führt zu Irrationalität in der Gesellschaft. Die Tatsache, dass die Regierung routinemäßig und massenhaft tötet, ohne Ansehen der Person, und dass die Medien dies rechtfertigen, muss für die amerikanische Gesellschaft tragische Konsequenzen haben. Eine soclhe Konsequenz, das kann man sicher sagen, ist das Blutbad in Aurora.

David North