New York Times: Amoklauf in Aurora hat nichts mit der amerikanischen Gesellschaft zu tun

Von David Walsh
27. Juli 2012

David Brooks von der New York Times veröffentlichte am 23. Juli eine besonders dumme und ausweichende Kolumne zum Amoklauf in Aurora, Colorado. Laut Brooks haben die Schießerei in einem vollbesetzten Kino mit zwölf Toten und 58 Verletzten und die zahlreichen anderen Amokläufe, die in den letzten Jahrzehnten in den USA stattfanden, nichts mit dem Zustand der amerikanischen Gesellschaft zu tun.

Brooks listet eine Reihe von – willkürlich ausgesuchten – Amokläufen auf, die sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts ereignet haben, darunter auch den Massenmord von Anders Bering Breivik an 69 Menschen in einem linken Sommerzeltlager in Norwegen, und kommt zu dem Schluss: „Es ist vermutlich ein Fehler zu glauben, wir könnten je erfahren, was diese Taten ‚verursacht‘ hat.“

Was soll an Breiviks Tat unverständlich sein? Die „Ursache“ könnte in diesem Fall kaum offensichtlicher sein. Breivik ist ein Faschist, verbündet mit anderen Faschisten in Europa und Amerika. Er hat einen brutalen und feigen Anschlag auf Menschen verübt, die er für „Kulturmarxisten“ oder „Multikulti-Anhänger“ hält.

Dann wendet sich der Times-Kolumnist den Ergebnissen des FBI, des Secret Service und verschiedener Psychologen zu, die oberflächliche und offensichtliche Schlüsse gezogen haben: „Viele der Massenmörder litten unter schweren Depressionen oder haben Selbstmordversuche gemacht. Viele haben als Einzelgänger gelebt, aber die meisten haben ihre gewalttätigen Fantasien zumindest mit einer Person geteilt, bevor sie ihre Verbrechen in die Tat umgesetzt haben.“

Dann kommt Brooks zum Kern seiner Argumentation: „Wichtig ist, dass die Dynamik intern ist, nicht extern. Diese Mörder sind hauptsächlich das Produkt psychologischer Schieflagen, nicht gesellschaftlicher.“

Und weiter: „Aber nach jedem Amoklauf gibt es Menschen, die diese Ereignisse ausnutzen wollen, um anzuprangern, was ihnen an der Gesellschaft nicht gefällt. Vor einigen Jahren wollten einige Autoren brutale Videospiele für Amokläufe verantwortlich machen... Heutzutage versuchen sie, den Amoklauf von Aurora als Vorwand zu nehmen, um die amerikanische Waffenkultur zu kritisieren und strengere Waffengesetze zu fordern.“

Wen meint Brooks damit? Sicherlich gibt es unter den Liberalen, auch in der Redaktion der Times, Stimmen, die kraftlos für strengere Waffengesetze argumentieren, aber ihre Kommentare können kaum als „Anprangern“ der amerikanischen Gesellschaft, oder auch nur Teilen von ihr, gelten.

Tatsächlich ist eine der bemerkenswerten Aspekte der Reaktion auf die zahlreichen Amokläufe in Schulen, Betrieben, und nun auch noch Kinos, wie wenig Mühe Soziologen, Psychologen und professionelle Kommentatoren darauf verwenden, die Tragödien mit den sozialen Entwicklungen in den USA in Verbindung zu bringen. Man sucht nach derartigen Erwägungen nahezu umsonst. Die World Socialist Web Site ist eine große Ausnahme.

Brooks beharrt darauf, dass der Amoklauf in Aurora nicht Anlass für eine ernsthafte Untersuchung der Gesellschaft sein sollte, die ihn hervorgebracht hat. Dieser Meinung schließen sich andere reaktionäre Stimmen an. George Will, der rechte Pedant – und Millionär -, der weiterhin auf ABC die Welt erklärt, kritisierte letzten Sonntag den „normalen menschlichen Instinkt... Solche Dinge zu erklären.“ Will erklärte außerdem: „Wir versuchen, diese Entartungen des Bösen mit Fehlern im System der Gesellschaft zu erklären, mit etwas, was daraus hervorragt, was isoliert und korrigiert werden kann... Der Grundgedanke, von dem man ausgehen muss, ist, dass es zufällig ist.“

Wenn man diese Eingeständnisse intellektueller Machtlosigkeit für ehrlich hält, sollten Will und Brooks ihre lukrativen Posten aufgeben und sich in Würde zurückziehen.

Ihr Unwissen ist jedoch von Eigennutz motiviert. Brooks, Will und Ihresgleichen sind zufrieden mit der Gesellschaft, die sie reich und privilegiert gemacht hat. Die Vorstellung, dass mit der derzeitigen Lage etwas nicht stimmen könnte, ist ihnen hoch suspekt. Diese Vorstellung erbost sie, und sie greifen auf banale und wenig überzeugende Argumente zurück.

Die Vorstellung, diese Welle von Amokläufen sei nur das Ergebnis „innerer Dynamik“ (Brooks) oder des „bösartigen Hirnes“ des entsprechenden Individuums, wie Will es formuliert, ist absurd. Wo kommt die menschliche Psyche her?

Natürlich ist der Zusammenhang zwischen der allgemeinen Lage und dem Geisteszustand jedes Einzelnen äußerst komplex und abhängig von zahllosen weiteren Faktoren. Aber Individuen sind keine frei schwebenden Atome, sondern echte Menschen, die eindeutig in sozialen Verhältnissen mit anderen leben.

Die tiefsten und hartnäckigsten Umstände im Leben der Menschen, die Totalität gesellschaftlicher Bedingungen (wirtschaftlicher Hintergrund, Lebensumstände, Bildung und andere Erfahrungen) sind die Faktoren, die sie entscheidend prägen. Wie und unter welchen Umständen Menschen leben spielt die entscheidende Rolle, nicht ihre Biochemie.

Unter den grauenhaftesten Bedingungen reagiert nur ein winziger Prozentsatz der Menschen mit Selbstmord oder mit einem mörderischen Gewaltausbruch gegen andere. Wer einen Amoklauf verübt, hat eine besondere psychische Geschichte und schwere Störungen, aber die Grundquelle dieser Störungen sind die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und die vorherrschende gesellschaftliche Atmosphäre.

Eine Welle trifft zwar jeden Teil eines Dammes mit der gleichen Wucht, aber der Damm bricht an der schwächsten Stelle. Die empfindlichsten Personen erliegen dem immensen sozialen Druck, jeder auf seine eigene Art, aber die höchste Verantwortung liegt bei der krisengeplagten und verrotteten Gesellschaftsordnung, nicht bei einem Individuum, das nachgibt. In früheren Perioden der amerikanischen Geschichte glaubten das nicht nur Sozialisten, sondern auch Soziologen, liberale Intellektuelle und Journalisten mit seriösem Ruf.

Hat die Tatsache, dass viele Amokläufer an Schulen und in Büros und Betrieben zu hochleistungsfähigen Waffen, militärischer bzw. paramilitärischer Ausrüstung und anderen Dingen greifen, die mit der modernen Kriegsführung zu tun haben, nichts mit den endlosen Konflikten zu tun, die der amerikanische Imperialismus verfolgt? Die Atmosphäre offizieller Streitsucht, die Brutalität und Kälte, die von der Popkultur gefördert wird, die unaufhörliche Propagierung des Individualismus, die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben in allen wichtigen öffentlichen Sphären der USA – all das wirkt sich schädlich auf anfällige Menschen aus.

Seit dem 11. September 2001 haben sich die etablierte Politik und die Medien zweifellos verausgabt, um Angst und Unsicherheit zu verbreiten und ihren „Krieg gegen den Terror“ propagieren zu können.

Man muss außerdem die riesige soziale Kluft erwähnen, die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung vom politischen System, das Fehlen eines progressiven Ventils für soziale Unzufriedenheit in diesem System und in den Massenmedien, das zunehmende Gefühl der Hoffnungslosigkeit vor allem bei jungen Menschen. Diese Mischung ist äußerst explosiv.

Intellektuelle Bankrotteure wie Brooks und Will sehen das im Grunde von einer religiösen Position, auch wenn sie es nicht zugeben wollen. Die Amokläufe erklären sich aus der Bösartigkeit des Menschen oder aus der Erbsünde. Diese rückständigen Ansichten werden von vielen modernen Hollywood-Produktionen verstärkt, auch von der Batman-Dark Knight-Serie, die eine billige, gedankenlose Misanthropie propagieren, die zu einer düsteren Sicht auf die Menschheit führt und jede Aussicht auf gesellschaftlichen Fortschritt ablehnt.

Ein Online-Kommentar bei Focus on the Family, einer bekannten christlich-rechten Organisation, die ihren Sitz in Colorado hat, spricht die „wahre Ursache“ des Amoklaufes offen aus: „Es ist immer sinnlos, zu versuchen, in Sinnlosem einen Sinn zu finden und das Unlogische mit Logik erklären zu wollen... Was heute morgen in Aurora passiert ist, war das Ergebnis des reinen Bösen. Ein gestörtes Individuum hat seinen freien Willen bis zum Extremen ausgelebt... Was ist die Quelle der Dunkelheit der Kultur? Wieder einmal, Sünde und das Böse.“

Verbohrte Ignoranz geht einher mit sozialer Reaktion.

Brooks‘ Artikel ist halbherzig und ausweichend. Der Zustand der amerikanischen Dysfunktionalität mit all seinen schrecklichen Folgen ist weit fortgeschritten und jeder weiß das. Wen will der Times-Kolumnist für dumm verkaufen?

Seine Kolumne endet mit einer sonderbaren und ziemlich ominösen Note. Nachdem er undeutlich erklärt hat, die „Reaktion“ auf die Amokläufe müsse „auch in der Psychiatrie beginnen“ und dass es das Beste sei, Amokläufe mit „Beziehungen“ zu verhindern, schlägt Brooks ein „aggressiveres System von Behandlungsoptionen“ vor, „vor allem für Männer ab Anfang zwanzig.“

Was genau schlägt Brooks vor? Sollten psychologisch auffällige junge Leute verhaftet und in Schutzhaft genommen werden? Ist das das Äquivalent einer Hausdurchsuchung auf psychologischer Ebene? Hier scheinen sich Unwissenheit und Angst mit Desorientierung und einem Hang zur Repression zu vermischen.

Die etablierten Medien- und die Politik können den ersten Schritt zu einem ehrlichen Blick auf die amerikanische Gesellschaft nicht machen, weil sie fühlen, welche schweren politischen Folgen die Enthüllungen für sie selbst haben würden.