BMW kündigt „Halbierung der Zeitarbeit“ an

Von Ernst Wolff
11. Juli 2012

Anfang Juli gaben Konzernbetriebsrat und Management von BMW überraschend bekannt, der Autobauer wolle die Zahl seiner Zeitarbeiter in Deutschland von derzeit rund 12.000 auf 6.000 halbieren. Tausende Arbeitskräfte könnten demnächst mit einer Festanstellung rechnen, der Anteil der Zeitarbeiter werde von gegenwärtig 17 Prozent auf 8 bis 10 Prozent fallen.

Grundlage sei ein von Gesamtbetriebsrat und BMW-Management in monatelangen Beratungen erstelltes „neues Konzept“. Der Vorstand müsse es noch absegnen, eine Einigung in den kommenden Wochen sei aber sehr wahrscheinlich. Die Mitarbeiter würden auf einer Betriebsversammlung in München am 18. Juli darüber informiert.

Die Meldung verbreitete sich in den Medien wie ein Lauffeuer. „BMW denkt jetzt um“, titelte der Münchner Merkur. „BMW kehrt Zeitarbeit den Rücken“, schrieb die Wirtschaftswoche, und das Managermagazin prognostizierte sogar, die „Bedeutung der Leiharbeit nimmt ab“.

BMW-Konzernbetriebsratschef Manfred Schoch äußerte sich im Managermagazin geradezu euphorisch. „In einem halben Jahr werden Sie sehen, dass wir ein tolles Modell geschaffen haben.“ Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler ging noch weiter und verkündete vor der Presse in München, das Lohndumping mit Hilfe der Leiharbeit werde in Zukunft durch „eine Rückkehr zum eigenen Personal“ wegfallen.

Ein genauerer Blick auf die Vereinbarungen offenbart ein vollkommen anderes Bild.

Die Weiterbeschäftigung der sechstausend Zeitarbeiter erfolgt bei BMW auf unbestimmte Zeit. Sie erhalten zwar denselben Lohn wie die festangestellten Kollegen, haben aber weiterhin keinen Anspruch auf Erfolgsbeteiligung (bei BMW zwischen 7000 und 8000 Euro pro Jahr), erwerben kein Anrecht auf betriebliche Altersversorgung oder auf einen Jahreswagen und unterliegen nicht dem Kündigungsschutz. Darüber hinaus wird die Anstellung zusätzlicher Leiharbeiter bis 2018 nicht ausgeschlossen. Einzige Bedingung ist, dass die Betriebsräte der betroffenen Werke zustimmen.

Für die festangestellten Ex-Leiharbeiter gelten in Zukunft unter anderem folgende Bedingungen: Sie sollen Arbeitszeitkonten aufbauen, auf denen bis zu 300 Arbeitsstunden angesammelt werden können. Bei einem Nachfrageeinbruch soll die Produktion durch Werksurlaube, Vier-Tage-Wochen, Kurzarbeit oder mehr Freizeit bei Entgeltverzicht eingeschränkt werden.

Für die weiterbeschäftigten Leiharbeiter gilt: Sie sollen künftig am Band stehen, wenn die anderen Beschäftigten Pause machen oder Urlaub haben. Bei einer halben Stunde Pause pro Schicht kommen so fünf Stunden pro Woche zusammen, die es BMW ermöglichen, in einem einzigen Werk 15.000 zusätzliche Motoren pro Jahr herzustellen. Durch das gezielte Einspringen in Urlaubszeiten kann der Anteil der Leiharbeiter zeitweilig sogar von heute 17 Prozent auf über 30 Prozent ansteigen – statt einer Halbierung also ein Verdoppelung der Leiharbeit.

Wie man es auch dreht und wendet: Sämtliche bisher veröffentlichten Details des zwischen Management und Betriebsrat ausgehandelten „neuen Konzeptes“ deuten darauf hin, dass es sich bei der angeblichen „Halbierung der Zeitarbeit“ nicht einmal um eine geringfügige Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Belegschaft handelt, sondern um eine betriebliche Effizienzsteigerung auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter.

In geradezu unverschämter Weise gibt dies Gesamtbetriebsratschef Manfred Schoch in einem Interview des Managermagazins zu. „Beide Seiten, Betriebsrat und Unternehmen, hatten von Anfang an das gleiche Ziel“, sagt er dort. „Wir wollten ein Modell finden, mit dem wir auch langfristig schwere Krisen überleben könnten, ohne dass wir in großem Umfang Personal abbauen müssen und tief in die roten Zahlen geraten.“

Mit „wir“ meint er die gemeinsame Front aus Gewerkschaft, Betriebsrat und Geschäftsleitung, die sich in den vergangenen Monaten hinter verschlossenen Türen zu einer verschworenen Gemeinschaft entwickelt hat und über die das Managermagazin Folgendes zu berichten weiß: „Weil das Modell bis ins Jahr 2018 halten sollte, musste Schoch in die Konzernstrategie eingeweiht werden. Vier Ressorts – Unternehmensplanung, Forschung und Entwicklung, Personal und Controlling – lieferten Daten über Modelle und Lebenszyklen, über mögliche Wirtschaftskrisen und den Personalbedarf einzelner Werke. Wochenlang brüteten Manager und Betriebsräte über den Unterlagen.“

Diese Beschreibung bringt die Rolle der Gewerkschaft auf den Punkt. Manfred Schoch sitzt mit dem Vorstand an einem Tisch und überlegt, wie die Profite des Konzerns auf Kosten der Arbeiter gesteigert werden können. Dabei nimmt er eine „vorübergehende Erhöhung der Zahl der Leiharbeiter“ ebenso in Kauf wie die Streichung „einiger hundert Stellen bis Ende 2018“ und rechnet dem Konzern vor, dass er so in den kommenden sechs Jahren durch das Weglassen von Fremdfirmen und „betriebsinterne Flexibilisierung“ Personalkosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro einsparen könne.

Schoch geht sogar noch weiter. „Ich lehne Leiharbeit nicht komplett ab. Sie ist notwendig, damit der Konzern auf Krisen flexibel reagieren kann und die Produktion ohne allzu hohe verbleibende Kosten an eine geringere Nachfrage anpassen kann“, sagt er und setzt dann, nach weiteren Einsparungsmöglichkeiten für BMW gefragt, noch eins drauf, indem er vorschlägt: Wir „könnten einen Teil des Urlaubs und auch Freischichten opfern. Ein Tag gemeinsamer Urlaub pro Monat brächte eine zusätzliche Produktionskürzung um zwölf Tage im Jahr. Wir würden einen beträchtlichen Teil unseres Urlaubs einsetzen, um Arbeitsplätze zu sichern. Zweitens bleibt immer noch das in der letzten Krise wichtigste Instrument: die Kurzarbeit.“

Diese eindeutige Aussage sollte als Warnung dienen, denn sie zeigt, welches doppelte Spiel die Gewerkschaften und Betriebsräte in der kommenden Krise spielen werden: Während sie sich scheinheilig als Interessenvertretung der Belegschaft ausgeben und nach außen auf die schwierige Wirtschaftslage verweisen, werden sie hinter verschlossenen Türen als findige Unternehmensberater und Optimierer der Konzernleitung operieren und zu jedem gegebenen Zeitpunkt bereit sein, Leiharbeit, Kurzarbeit, Entlassungen, Lohnkürzungen und Urlaubsstreichungen gegen die Beschäftigten durchzusetzen.

Abonniert die Autoarbeiter Info

Auto-Arbeiter brauchen neue Organisationen zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze und Löhne! Beteiligt euch am Aufbau von Aktionskomitees, unabhängig von der IG Metall! Abonniert kostenlos die regelmäßige Autoarbeiter Info.