Opel/Vauxhall: Nach Vorstands-Rücktritt droht Kahlschlag

Von Dietmar Henning
18. Juli 2012

Der Rücktritt von Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke läutet eine neue Runde von Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau in der europäischen Autoindustrie ein.

Der Vorstandsvorsitzende der europäischen General-Motors-Tochter war am Donnerstag letzter Woche überraschend zurückgetreten. Am selben Tag hatte der französische Autobauer PSA Peugeot Citroën den Abbau von 8.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Nur zwei Wochen vorher hatte der Aufsichtsrat von Opel/Vauxhall noch einstimmig ein Sanierungskonzept von Stracke gebilligt, das eine enge Zusammenarbeit mit PSA Peugeot Citroën vorsah. Durch die Zusammenarbeit sollten starke „Synergieeffekte“ – sprich der Abbau von Arbeitsplätzen – erzielt werden. Stracke hatte allerdings zugesichert, Opel werde bis Ende 2016 keines der vier Werke in Deutschland schließen und auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Laut einem Bericht des Handelsblatts klaffte in Strackes Sanierungsplan ein Loch in dreistelliger Millionenhöhe. Als GM-Chef Dan Akerson das erfuhr, habe er Stracke kurzerhand vor die Tür gesetzt.

Experten gehen einhellig davon aus, dass Opel/Vauxhall nun eine Rosskur nach amerikanischem Vorbild bevorsteht. In den USA hat GM in den letzten zwei Jahren mehrere Werke geschlossen und die Löhne drastisch gesenkt.

Darauf deutet auch die Nachfolge Strackes hin. Kurzfristig übernahm der zweite Mann von GM, Stephen J. Girsky, der auch dem Opel-Aufsichtsrat vorsteht, die Leitung des Unternehmens. Am Dienstag wählte dann der Aufsichtsrat Strategievorstand Thomas Sedran zum neuen Opelchef.

Sedran gilt als enger Vertrauter Girskys und hat wie dieser den Ruf eines knallharten Sanierers. Er sitzt erst seit April im Opel-Vorstand. Zuvor hatte er jahrelang für die US-Unternehmensberatung Alix Partners gearbeitet. Für diese hatte er 2008/2009 ein Sparkonzept für Opel entwickelt, das den Ausschlag dafür gegeben haben soll, dass GM Opel nicht wie ursprünglich geplant verkaufte, sondern in eigener Regie weiter führte. Seither sind 8.000 Arbeitsplätze abgebaut und das Werk in Antwerpen geschlossen worden.

Sedran genießt die Unterstützung der Betriebsräte und der IG Metall. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung bezeichnet ihn sogar als „Mann der Gewerkschaften“. In den vergangenen Jahren hatten IG Metall und Betriebsrat bei der Umsetzung von Sedrans Sparkonzepten eng mit dem Opel-Vorstand zusammengearbeitet und jeden Widerstand dagegen erstickt.

Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge hat „nicht nur GM, sondern auch die IG Metall mächtig Druck gemacht, damit die Probleme bei Opel endlich konsequent angegangen und dauerhafte Lösungen geschaffen werden“. Stracke wäre demzufolge nicht nur aus Detroit, sondern auch aus der Frankfurter IG-Metall-Zentrale zum Rücktritt gedrängt worden, um einem härteren Sanierer Platz zu machen.

IG-Metall-Chef Berthold Huber sagte jedenfalls am Samstag derselben Zeitung, er betrachte die Übernahme der Konzernleitung durch GM-Vorstand Girsky als „positives Signal“. GM wolle „offensichtlich ein Zeichen setzen, dass Opel bestehen bleibt“. Das ist ein eindeutiges Angebot zur Zusammenarbeit bei weiteren Angriffen auf die Belegschaft.

Die IG Metall sieht ihre Aufgabe darin, gemeinsam mit der Konzernleitung für die „Stärkung der Marke Opel“ zu sorgen, wie es in ihrem so genannten „Deutschlandplan“ heißt. Dieser sieht umfassende Rationalisierungsmaßnahmen einschließlich Arbeitsplatzabbau, Sozialkürzungen und Lohnsenkungen vor.

Der Frankfurter IG-Metall-Chef und Opel-Aufsichtsrat Armin Schild hat gefordert, an diesem Plan festzuhalten: „Die zwischen uns und dem Unternehmen vorgesehenen Gespräche müssen wie vereinbart geführt werden“, sagte er.

Übergangschef Girsky hat die Belegschaft am Samstag in einer E-Mail auf weitere Einschnitte vorbereitet. Er werde die „dringenden Arbeiten zur Wiederherstellung einer nachhaltigen Profitabilität bei Opel/Vauxhall und GM in Europa“ ohne Unterbrechung fortsetzen, schrieb er. „Unsere erfolgreiche Revitalisierung erfordert von uns allen die Bereitschaft, das Geschäft anders zu machen als bisher und dabei schnell zu handeln. Jeder Einzelne von uns ist verantwortlich für die Ergebnisse.“

Auch Rainer Einenkel, der Betriebsratsvorsitzende des akut bedrohten Opel-Werks in Bochum, hat eine enge Zusammenarbeit mit Girsky angekündigt. Der GM-Manager habe sich in der Vergangenheit „immer für Opel stark gemacht“, behauptete Einenkel im Deutschlandfunk.

Hinter dem Rücken der Arbeiter verhandeln laut Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) das Land NRW, Opel-Betriebsräte und IG Metall schon darüber, das Bochumer Werk zu einem GM-Komponentenwerk umzubauen. Autos werden dann in Bochum nicht mehr hergestellt.

Auch die Fertigung im Werk Eisenach mit 1.700 Beschäftigten steht wieder auf der Kippe, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf Betriebsratskreise berichtete. Der dort produzierte Kleinwagen Corsa könne langfristig ausschließlich im spanischen Saragossa vom Band laufen.

Eine wirklich sichere Zukunft hat aber kein Standort – sei es in Deutschland, England, Spanien oder Polen. Inzwischen wird sogar über eine mögliche Insolvenz von Opel/Vauxhall spekuliert. Zeitungsberichten zufolge könnte dem Konzern bald das Geld ausgehen, wenn GM seinen Kreditrahmen von 2,5 Milliarden Euro für das Tochterunternehmen nicht erhöht.

Hintergrund der immer neuen Kürzungsrunden bei Opel ist der Einbruch des Autoabsatzes infolge der Eurokrise. Vor allem Konzerne, die ihre Modelle vorwiegend in Europa verkaufen, sind davon betroffen.

Seit dem Rekordjahr 2007 ist der Autoabsatz in der Europäischen Union um fast 25 Prozent gefallen. Allein im ersten Halbjahr 2012 schrumpfte er um 6,8 Prozent auf 6,6 Millionen Fahrzeuge. Laut Berechnungen des ehemaligen Arbeitgebers von Sedran, der Unternehmensberatung Alix Partners, haben die europäischen Autobauer Kapazitäten für 27 Millionen Pkw, in diesem Jahr werden aber höchstens 20 Millionen abgesetzt.

Der Absatz von Opel brach im ersten Halbjahr sogar um 15 Prozent ein, auf weniger als eine halbe Million Pkw. Auto-Experten zufolge müssen 30 Prozent der Kapazitäten abgebaut werden, um einen Drei-Schicht-Betrieb zu gewährleisten.

Die Strategie der IG Metall, gemeinsam mit dem Vorstand für die „Stärkung der Marke Opel“ zu sorgen, richtet sich direkt gegen die Arbeiter – und zwar sowohl bei Opel wie bei anderen Unternehmen.

Gewerkschaft und Betriebsräte versuchen zu erreichen, dass die deutschen Werke Modelle herstellen, die derzeit in anderen Ländern produziert werden. Und sie versuchen anderen Marken Marktanteile abzujagen, in dem sie Zugeständnisse bei den Löhnen und Arbeitbedingungen machen. So spalten sie die Arbeiter, spielen die Belegschaften der einzelnen Standorte und Unternehmen gegeneinander aus und setzen eine Abwärtsspirale ohne Ende in Gang.

Neben Opel und PSA Peugeot Citroën, das seine Fabrik in Aulnay-sous-Bois nordöstlich von Paris mit 3.000 Beschäftigten ganz schließen will, haben auch andere europäische Autounternehmen Massenentlassungen angekündigt.

Renault plant nach Pressemeldungen einen Stellenabbau im Werk Flins nahe Paris. Carlos Ghosn, der Vorstandsvorsitzende von Renault-Nissan, hatte schon im März erklärt: „Der Tag, an dem es einem von uns gelingt, in Europa stark umzustrukturieren, wird alle Auto-Hersteller zwingen zu folgen.“

Fiat-Chef Sergio Marchionne sagte letzte Woche, Fiat habe „eine Fabrik zu viel”. Bereits 2011 hatte Fiat sein Werk Termini Imerese auf Sizilien geschlossen. Das Stammwerk in Turin ist nach Presseberichten wegen schlechter Auslastung nach wie vor bedroht, ebenso wie ein weiteres Werk in Norditalien.

Auch Ford berät laut Financial Times über die Schließung eines europäischen Werks. Seine Produktionskapazität in Europa hat Ford bereits gesenkt, in Deutschland wurde bereits Kurzarbeit beantragt.

Diese Angriffe können nur mit einer internationalen, sozialistischen Strategie zurückgewiesen werden. Die Arbeiter aller Marken und Standorte müssen sich zusammenschließen und jeden Arbeitsplatz prinzipiell verteidigen. Das erfordert einen Bruch mit den Handlangern der Konzerne in den Gewerkschaften und Betriebsräten und den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees.

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