Großbritannien in der Double-Dip-Rezession

Von Robert Stevens
31. Juli 2012

Großbritannien befindet sich zum zweiten Mal seit dem weltweiten Finanzzusammenbruch im Herbst 2008 offiziell in der Rezession.

Im Mai begann für die britische Wirtschaft die erste „Double-Dip“-Rezession seit den 1970er Jahren.

Zahlen des britischen Nationalen Statistischen Amtes (ONS) zeigen, dass die Wirtschaft mit 0,7 Prozent im zweiten Jahresquartal stärker gesunken ist als erwartet. Bisher war mit einem Rückgang von 0,2 Prozent gerechnet worden, im ersten Quartal ist die Wirtschaft um 0,3 Prozent gesunken. Damit besteht seit drei Quartalen in Folge Negativwachstum.

Die Zahlen des ONS sind eine erste Schätzung, die später noch korrigiert werden wird, aber sie zeigt dennoch, dass Großbritannien in der längsten Douple-Dip-Rezession seit Beginn der vierteljährlichen Aufzeichnungen im Jahr 1955 steckt. Es ist außerdem die längste Rezessionsperiode seit dem Zweiten Weltkrieg.

Für die Koalitionsregierung aus Liberaldemokraten und Konservativen sind diese Zahlen ein Armutszeugnis ihrer Politik – sie hat die britische Wirtschaft so systematisch zerschlagen, dass sie seit ihrem Regierungsantritt vor zwei Jahren um 4,5 Prozent gesunken ist. Deswegen versuchte sie sofort, die Zahlen herunterzuspielen.

Premierminister David Cameron erklärte in einer Rede auf der Global Investment Conference in London, die zeitgleich mit den Olympischen Spielen stattfindet, er sei „enttäuscht“ von den Zahlen, fügte jedoch hinzu: „Wir haben mutige Schritte gemacht, um die öffentlichen Haushalte zu sanieren und das Vertrauen der Märkte zu gewinnen.“

Über das Sparprogramm, mit dem innerhalb von sieben Jahren 123 Milliarden Pfund gespart werden sollen, sagte er: „Wir werden weiterhin harte Entscheidungen fällen, die notwendig sind, damit Unternehmer und Investoren in die langfristige Zukunft der britischen Wirtschaft vertrauen können.“

Michael Saunders, Ökonom der Citigroup, erklärte in der Financial Times, er glaube keiner Analyse, die auf einmaligen Faktoren basiert: „Es gibt immer besondere Effekte. Das große Ganze ist, dass eine so lange Rezession eine Depression ist.“

Anfang des Jahres erklärte Saunders, Großbritannien befinde sich in „der tiefsten Rezession und dem schwächsten Aufschwung seit hundert Jahren.“

Als die Regierung im Oktober 2010 ihr Sparprogramm enthüllte, betonte sie, die öffentlichen Ausgaben müssten drastisch gesenkt werden, um die Grundlage für eine „Erholung mit dem Privatsektor als Lokomotive“ zu schaffen. Das Gegenteil trat ein: Im öffentlichen Dienst wurden hunderttausende Stellen abgebaut, im Privatsektor kam es zu einem beispiellosen Niedergang.

Andere Ökonomen schlossen einen Aufschwung, besonders im Privatsektor, völlig aus. Gerard Lyons, Chefökonom bei Standard Chartered, prognostizierte für dieses Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 1,3 Prozent und erklärte: „Ich halte es für undenkbar, dass es dieses Jahr noch positives Wachstum geben wird.“

Der Ökonom Peter Dixon von der Commerzbank erklärte, die Statistiken des ONS seien „schreckliche Zahlen. Offen gesagt, kommt aus diesen Zahlen überhaupt nichts Gutes... Es sieht im Moment aus, als sei die Wirtschaft schwer angeschlagen. Im Berechnungszeitraum lief es viel schlechter als wir angenommen haben.“

Der Kommentator Will Hutton vom Guardian erklärte: „Selbst wenn es jetzt zu einer starken wirtschaftlichen Erholung käme – was nicht der Fall ist – sieht die Lage schlecht aus. Uns stehen zwei langsame und unsichere Jahre bevor, bis sich die Wirtschaftsleistung wieder auf den Stand von 2008 erholt. Das ist die schlechteste Wirtschaftleistung seit dem 20. Jahrhundert, danach wird es schwach weitergehen, und danach sieht es noch düsterer aus.“

Der größte Einbruch fand im Baugewerbe statt, das in den letzten sechs Monaten um mehr als zehn Prozent abnahm. Der Niedergang um 5,2 Prozent folgt auf einen Niedergang von 4,9 Prozent im ersten Quartal. Das internationale Finanzdienstleistungsunternehmen Morgan Stanley schätzte, dass allein der starke Niedergang des Baugewerbes das BIP Großbritanniens um 0,4 Prozent gesenkt hat.

Insgesamt sank die Industrieproduktion im letzten Quartal um 1,3 Prozent, der Dienstleistungsbereich, der 77 Prozent der britischen Wirtschaft ausmacht, sank um 0,1 Prozent. Die einzigen Bereiche, in denen es ein Wachstum gab, waren Unternehmen des öffentlichen Dienstes und Unternehmensdienstleister.

Trotz des beispiellosen Wirtschaftszusammenbruchs verwiesen mehrere Kommentatoren auf die Olympischen Spiele, die kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln sollen. Der Schattenkanzler der Labour Party Ed Balls erklärte: „Gott sei Dank werden die Olympischen Spiele unserer Wirtschaft eine dringend benötigte Geldspritze geben.“

In Wirklichkeit gibt es in der Geschichte kein Beispiel dafür, dass sich durch Olympische Spiele die wirtschaftliche Lage eines Landes grundlegend, oder auch nur kurzfristig, verbessert hat. Der leitende Direktor von FundExpert.co.uk Brian Dennehy erklärte, die britische Wirtschaft sei so stark gesunken, dass ein Wachstumsimpuls durch die Olympischen Spiele „definitiv nicht ausreichen wird, um Großbritannien aus der Rezession zu holen.“

Laut Dennehys Analyse ist die Wirtschaft Australiens durch die Olympischen Spiele in Sydney im Jahr 2000 um 0,75 Prozent gestiegen, aber: „Die britische Wirtschaft ist fast doppelt so groß wie die australische, das heißt, die Olympischen Spiele müssten doppelt soviel einbringen, um wirtschaftlich von Belang zu sein.“

Ein Wachstum wäre „nicht höher als 0,4 Prozent – nicht genug, um einen Rückgang von 0,7 Prozent auszugleichen,“ erklärte er. Die Bank von England rechnet damit, dass die Olympischen Spiele nur für eine Steigerung von 0,2 Prozent sorgen werden.

Der Bericht des ONS enthüllt außerdem, dass die „quantitative Lockerung“ der Regierung (das Drucken von Geld) die Lage wenig oder gar nicht verbessert hat. Angeblich soll diese Politik in Zeiten schwächerer Nachfrage und steigender Arbeitslosigkeit für wirtschaftliche Erholung sorgen.

Der geldpolitische Ausschuss der Bank von England stimmte bei seinem Treffen Anfang des Monats zu, weitere 50 Milliarden Pfund durch quantitative Lockerung bereitzustellen; seit 2009 sind es bisher 325 Milliarden Pfund. Dieses Geld erhalten die Banken unter der Annahme, dass sie die Wirtschaft stimulieren werden, indem sie notleidenden Unternehmen Kredite gewähren, aber es ist größtenteils bei den Banken geblieben.

Laut den neuesten Zahlen der Bank von England sind die Unternehmensdarlehen in den drei Monaten bis Mai um drei Milliarden Pfund gesunken. Laut der Federation of Small Businesses, einem Verband der Kleinunternehmer, werden vier von zehn Firmen weiterhin Kredite verweigert.

Die Indikatoren deuten auf eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen hin. Eine wichtige Kennziffer bei der fortdauernden Rezession ist der Rückgang der Vollzeitbeschäftigten, der im Jahr 2008 begann. Damals lag die Zahl der Vollzeitbeschäftigten in Großbritannien bei 58,9 Prozent. Im ersten Quartal 2012 war sie auf 54,7 Prozent aller Beschäftigten gesunken. Im Jahr davor war sie noch fast zwei Prozent höher.

Obwohl 90 Prozent der Kürzungen der Regierung noch nicht in Kraft getreten sind, ist die Wirtschaft im freien Fall. Weitere Haushaltskürzungen und Sozialabbau, darunter die vollständige Privatisierung des staatlichen Gesundheitsdienstes National Health Service und im Bildungswesen, wird weiteres soziales und wirtschaftliches Elend bewirken.

Cameron tut wenig mehr als der britischen und internationalen Finanzelite zu versichern, dass die Regierung an ihrem Sparkurs festhalten werde. Letzte Woche erklärte er im Daily Telegraph: „Ich sage es so, es findet momentan eine Art weltweites Rennen statt, die einen Länder werden es gewinnen, die anderen nicht. Und in dieser Welt der erbitterten Konkurrenz muss man Schulden abbauen, den Sozialstaat reformieren, man muss sicherstellen, dass man Renten zahlen kann... Man braucht einen öffentlichen Dienst, den man sich leisten kann.“

Auf die Frage, ob die Ausgabenkürzungen bis zur übernächsten Wahl, bis 2020 beibehalten würden, erklärte Cameron, es werde mindestens zehn Jahre Sparkurs geben: „Ich weiß noch nicht, wann die schweren Entscheidungen im Haushaltsbereich aufgehoben werden,“ erklärte er. „Ich weiß noch nicht, wann der Druck nachlassen wird.“