Bericht über Kriegsverbrechen in Afghanistan unterdrückt

Von Peter Symonds
2. August 2012

Der Bericht einer Unabhängigen Menschenrechtskommission zu Afghanistan (AIHRC) wird bisher nur auszugsweise veröffentlicht. Er schildert Gräueltaten und Kriegsverbrechen afghanischer Regierungen und Warlords von 1978 bis 2001 und stellt damit eine vernichtende Anklage des amerikanischen Marionettenregimes in Kabul dar.

Die AIHRC wurde von dem Kabuler Regime selbst eingesetzt. Sie dokumentiert die kriminelle Bilanz der Warlords, die das Regime tragen, und der Mächte, die hinter ihnen stehen, in erster Linie der Vereinigten Staaten.

Der 800-Seiten starke Bericht mit dem Titel „Darstellung der Konflikte in Afghanistan seit 1978“ wurde von 2005 an über sechs Jahre lang von einem Team von vierzig Wissenschaftlern erarbeitet, die mit internationalen juristischen und forensischen Experten zusammengearbeitet haben. Sie fanden Beweise für 180 Massengräber, außergerichtliche Tötungen, willkürliche Verhaftungen, Vergewaltigung und die Zerstörung von ganzen Dörfern und Städten. Wie das Kommissionsmitglied Ahmad Nader Nadery berichtete, habe die Kommission eine Million Getötete (nicht alle durch Kriegsverbrechen) und 1,3 Millionen Behinderte aufgelistet.

Der Bericht registriert die Verbrechen aller Seiten in den Kriegen, die Afghanistan verwüstet haben. Sowohl die Verbrechen des sowjetfreundlichen Regimes von 1978 bis 1992, wie auch die der Mudschaheddin-Milizen. Diese Milizen, die von der CIA unterstützt wurden, kämpften gegen das Regime, stürzten es und teilten dann Afghanistan unter sich auf.

Detailliert geht der Bericht auf den brutalen Bürgerkrieg ein, der auf den Fall des sowjetfreundlichen Regimes folgte. Islamistische Warlords, die Washington bis dahin als “Freiheitskämpfer” gefördert hatte, kämpften um Macht und Kontrolle über die Reichtümer des Landes, beispielsweise den lukrativen afghanischen Opiumhandel. Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen gingen auch unter den Taliban weiter, die mit pakistanischer Unterstützung und der stillschweigenden Billigung der USA aufgebaut wurden, wie auch unter den mit ihnen rivalisierenden Warlords im Norden.

Es ist sicher keine Überraschung, dass wichtige afghanische Vertreter, die in dem Bericht als Verantwortliche für Gräueltaten benannt werden, der Veröffentlichung des Berichts widersprachen. Deshalb wurde er der Presse nur auszugsweise zur Verfügung gestellt.

Darin werden unter anderen folgende afghanische Politiker genannt: Der erste Vizepräsident Muhammad Qasim Fahim, ein tadschikischer Warlord, der zweite Vizepräsident Karim Khalili, ein Warlord vom Stamm der Hazara, General Atta Mohammed Nur, ein weiterer tadschikischer Warlord und aktueller Provinzgouverneur, und General Abdul Raschid Dostum, ein berüchtigter usbekischer Warlord und Oberkommandierender der afghanischen Streitkräfte.

Die hohen Ämpter dieser Gangster unterstreichen den korrupten Charakter des Regimes des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Von Tag eins an stützte es sich auf ein Netzwerk reaktionärer örtlicher und provinzieller Warlords, Milizkommandeure und Stammesführer.

Die Unterdrückung des Berichts über Kriegsverbrechen wäre nicht ohne die Billigung der USA möglich. Der New York Times zufolge widersprach die US-Botschaft in Kabul seiner Veröffentlichung. Amerikanische Sprecher sagten, seine Freigabe würde „alte Wunden wieder aufreißen“.

Der Bericht stellt nicht nur afghanische Warlords bloß, sondern auch die USA und ihre Verbündeten, wie Saudi-Arabien und Pakistan. Sie haben die verschiedenen islamistischen Milizen finanziert, bewaffnet und ausgebildet, die in den 1980er Jahren gegen das sowjetfreundliche Regime kämpften, in den 1990er Jahren das Land auseinanderrissen und es im letzten Jahrzehnt zusammen mit Washington beherrschten.

Weil der Bericht mit 2001 endet, sagt er wenig über die Verbrechen der amerikanischen und sonstigen Nato-Truppen aus, deren Besetzung des Landes in jenem Jahr begann. Aber selbst die wenigen Details über amerikanische Operationen in Afghanistan in den letzten Monaten des Jahres geben Hinweise auf Kriegsverbrechen. Die CIA arbeitete eng mit ihren verbündeten Warlords zusammen, so zum Beispiel bei dem Massenmord an gefangenen Taliban in der Festung Qala-i-Janga nahe Masar-i-Scharif.

Der voluminöse Bericht widmet den “Missetaten von US-Truppen“ nur zwei Seiten. Dennoch erwähnt er die Bombardierung von Zivilisten, den Einsatz von nicht zielgerichteten Waffen wie Streubomben, überlange Haft für Gefangene ohne rechtliches Gehör, Folter und Überstellungen.

Die dünnhäutige Reaktion Washingtons auf den Afghanistan-Bericht hat ihre Ursache nicht nur in Verbrechen in der Vergangenheit. Indem das Dokument die Jahrzehnte von 1978 bis 2001 behandelt, erinnert es daran, dass der US-Imperialismus nicht nur eine Rolle dabei gespielt hat, solche Monster wie Dostum, Fahim und Khalil hervorzubringen. Er hat auch die afghanischen und ausländischen islamistischen Milizen finanziert und bewaffnet, die gegenwärtig gegen die amerikanische Besatzung kämpfen: den paschtunischen Warlord Gulbuddin Hekmatyar und das internationale Terrornetzwerk al-Qaida.

Ob Islamisten wie Hekmatyar von den amerikanischen Medien als “Freiheitskämpfer” gepriesen oder als „Terroristen“ beschimpft werden, hängt ausschließlich davon ab, ob sie amerikanischen Interessen dienen oder nicht. Die reaktionären Gesetze der Taliban, zum Beispiel gegen Frauen, wurden von den USA erst seit den späten 1990er Jahren verurteilt, als die Taliban zu einem Hindernis für die amerikanischen Pläne wurden, Öl- und Gaspipelines aus Zentralasien durch Afghanistan zu bauen.

Diese Geschichte entlarvt den betrügerischen Charakter des amerikanischen „Kriegs gegen den Terror”, der als Vorwand für Kriege genutzt wurde, um die Vorherrschaft der USA in den energiereichen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens und Zentralasiens zu stärken und die Infrastruktur für einen Polizeistaat im eigenen Land zu schaffen.

Außerdem setzten die USA und ihre europäischen Verbündeten die kriminellen Methoden, die sie in Afghanistan entwickelt haben, auch anderswo im Nahen Osten ein. Im Namen der „Befreiung“ des libyschen Volkes haben die USA und die Nato oppositionelle Milizen, zu denen auch welche mit Verbindungen zu al-Qaida gehörten, bewaffnet und unterstützt, um Gaddafi zu stürzen. Das gegenwärtige Regime in Tripolis setzt sich aus Islamisten, Abenteurern und anderen Helfern der USA zusammen, die genauso reaktionär sind wie die amerikanischen Verbündeten in Kabul.

Auch gegenwärtig unterstützt die Obama-Regierung wieder Islamisten, al-Qaida-Kräfte und andere Milizen, um den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen und ein US-freundliches Regime in Damaskus zu installieren.

Washington hofft, den Afghanistan-Bericht unterdrücken zu können, damit die Enthüllung seiner Verbrechen in Afghanistan die Opposition gegen seine kriminelle Politik im ganzen Nahen Osten nicht weiter anheizt.