Das US-Debakel in Afghanistan

22. August 2012

Vergangenen Sonntag wurde in Südafghanistan ein amerikanischer Soldat erschossen, während er mit afghanischen Sicherheitskräften auf Patrouille war und einer der Afghanen das Feuer eröffnete. Das war schon mindestens der sechste Angriff dieser Art in den letzten zwei Wochen. In dieser Zeit wurden zwölf amerikanische Soldaten von afghanischen Soldaten oder Polizisten getötet, die angeblich ihre Verbündeten sein sollen.

Der jüngste Zwischenfall bringt die Gesamtzahl solcher Angriffe auf amerikanische oder Nato-Soldaten seit Anfang des Jahres auf 32 Attacken mit vierzig Toten. Solche Angriffe werden als „grün gegen blau“ bezeichnet. Die Zahl verwundeter Soldaten bei diesen internen Angriffen ist wahrscheinlich viel höher, wird aber durch USA und Nato verschleiert, da über schwere und tödliche Verletzungen möglichst wenig berichtet werden soll.

Die Häufigkeit dieser Angriffe sorgt bei amerikanischen Militär- und Sicherheitsvertretern in Afghanistan und in Washington für große Besorgnis. Verteidigungsminister Leon Panetta telefonierte am Samstag mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und drängte ihn, afghanische Soldaten und Polizisten besser zu überprüfen, um Taliban-Agenten frühzeitig zu entlarven.

Der oberste militärische Kommandant der Amerikaner in Afghanistan, General John Allen, gab am Freitag einen Befehl heraus, der die bedrohliche Lage der USA in dem besetzten Land beleuchtet. Er wies an, dass amerikanische Soldaten zu jeder Zeit geladene Waffen mit vollen Magazinen mit sich zu tragen haben, selbst wenn sie sich in angeblich sicheren Anlagen aufhalten, wie zum Beispiel der riesigen Luftwaffenbasis Bagram.

Bei jedem Zusammentreffen mit afghanischen Truppen oder Polizisten muss mindestens ein Amerikaner als “Schutzengel” fungieren, der die Aufgabe hat, die angeblichen Verbündeten zu überwachen und zuerst zu schießen, sollten diese Anstalten machen, die Amerikaner anzugreifen.

Trotz Panettas Forderung nach mehr Gegenmaßnahmen legte das amerikanische Oberkommando Wert auf die Feststellung, dass es nur in elf Prozent der Fälle von Angriffen afghanischer Soldaten und Polizisten auf Amerikaner Hinweise auf Unterwanderung durch die Taliban gebe, während der überwiegende Teil der Angriffe von Einzeltätern verübt werde.

Wenn das stimmt, dann beweist es nur, dass die Feindschaft gegen die militärische Besetzung durch die USA in der afghanischen Bevölkerung so weit verbreitet und tiefgehend ist, dass jeder kleine Zwischenfall zum Funken für gewaltsamen Widerstand werden kann. Das ist das Ergebnis von zehn Jahren amerikanischem Militäreinsatz und der Verausgabung von 43 Milliarden Dollar zur Ausbildung eines afghanischen Militärs und einer Polizei in ihren Diensten

Die Bedeutung dieser Zwischenfälle geht weit über die unmittelbaren Opferzahlen hinaus, weil sie einen Blick auf die wirkliche Beziehung zwischen der unterdrückten Bevölkerung und der US-Nato-Besatzung eröffnen, die sich dem Ende ihres elften Jahres nähert.

Die große Mehrheit der Afghanen lehnt die amerikanischen und Nato-Truppen und das Marionettenregime Karzais ab. Deshalb haben die „Taliban“ keinen Mangel an neuen Rekruten. Das amerikanische Militär und die Medien nennen übrigens alle Arten von Aufständischen „Taliban“, von denen die meisten in Wirklichkeit einfach arme Bauern sind, die im Umkreis ihrer Dörfer und Felder kämpfen, wo ihre Familien leben.

Sämtliche Begründungen, die erst George W. Bush und damach Obama für die amerikanische Eroberung und Besetzung Afghanistans gaben, haben sich eine nach der anderen als unhaltbar erwiesen.

Bush behauptete, dass sein Befehl, in Afghanistan einzufallen, die Antwort auf den Terroranschlag vom 11. September 2001 und die Weigerung der Taliban gewesen sei, al-Qaida-Führer Osama bin Laden auszuliefern. Auch Obama nennt als Grund für die andauernde US-Besatzung bis heute die Anschläge vom 11. September. Aber bin Laden wurde schon vor mehr als einem Jahr von US Special Forces ermordet, und al-Qaida ist heute ein wichtiger Verbündeter des Westens bei der amerikanischen Destabilisierung der Regierung von Bashar al-Assad in Syrien.

Bush und Obama behaupteten, das afghanische Volk von dem Despotismus der Taliban zu befreien und Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten. Stattdessen hält Washington ein Marionettenregime unter der Führung von Hamid Karzai an der Macht, das Wahlen fälscht, foltert und in großem Umfang unterdrückt und hemmungslos stiehlt.

Anfang des Monats klagte das Parlament den afghanischen Verteidigungs- und den Innenminister wegen Korruption an. Presseberichte schreiben über heftige Grabenkämpfe in der Karzai-Sippe über die Verteilung der Beute, die sie aus dem afghanischen Staat gepresst haben.

Das ganze Projekt der USA und der Nato in Afghanistan ist in Auflösung. Amerikanische Soldaten werden abgezogen, Ausrüstung abtransportiert, Subventionen verringert, und die amerikanischen Kollaborateure im Karzai-Regime packen ihre Koffer, stopfen sie mit Geld voll und legen ihre Pässe bereit. Kabul erinnert immer stärker an Saigon in den letzten Wochen und Monaten vor dem endgültigen Zusammenbruch des amerikanischen Marionettenregimes in Südvietnam.

Die Obama-Regierung und das Pentagon haben keine Antwort auf dieses Debakel, außer immer stärkerer Gewalt. Amerikanische Bombenangriffe und Raketenschläge kosten weiterhin viele Opfer unter afghanischen Zivilisten und jenseits der Grenze in Pakistan. In den paschtunischsprachigen Gebieten in Pakistan gibt es viel Sympathie für die Aufständischen in Afghanistan, die gegen die Besatzungstruppen kämpfen.

Die amerikanische Bevölkerung hat in dieser ganzen Sache nichts zu sagen. Weder Präsident Obama, noch sein Konkurrent Mitt Romney haben sich öffentlich zu der Welle von Angriffen auf amerikanische Soldaten durch ihre afghanischen Verbündeten geäußert. Weder Demokraten noch Republikaner gönnen sich eine Pause in ihrer Schlammschlacht, um die amerikanische Politik in Afghanistan zu diskutieren. Beide Parteien nutzen die gleichen Parolen („Krieg gegen den Terror“, Kampf für Freiheit und Demokratie“ – gegen die Taliban) ohne die enormen Kosten des elfjährigen Krieges für die afghanische Bevölkerung und für die Amerikaner zu beachten.

Mehr als 2.000 amerikanische Soldaten sind in Afghanistan gestorben, fast tausend weitere Nato-Soldaten und Zehntausende Afghanen. Das Land wird innerhalb von drei Jahrzehnten zum dritten Mal verwüstet. Das erste Mal von dem von den USA unterstützten Krieg gegen die sowjetische Armee, in dessen Verlauf die CIA half, al-Qaida zu schaffen; dann von dem Bürgerkrieg nach dem Zusammenbruch des sowjetfreundlichen Regimes, in dem die Taliban an die Macht kamen. Die Taliban wurden von Pakistan unterstützt, einem wichtigen Verbündeten der USA. Und jetzt in dem Krieg, der 2001 begann und sich länger hinzieht, als jeder andere Krieg in der Geschichte der USA.

Die Konstante in diesen Blutbädern ist die räuberische und reaktionäre Rolle des US-Imperialismus. Die Vereinigten Staaten spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von al-Qaida und dem Sieg der Taliban, die ursprünglich von Washington als Garantie für Stabilität und als potentieller Partner für eine Ölpipeline in Zentralasien begrüßt wurden.

Die amerikanische Arbeiterklasse hat daher eine besondere Verantwortung, sich gegen das Blutbad in Afghanistan zu wenden und es zu verurteilen. Zehntausende afghanische Zivilisten werden getötet und ihr Land ausgeblutet und im Namen der Verteidigung „amerikanischer Interessen“ ausgeplündert. In Wahrheit hat nur die imperialistische herrschende Elite ein Interesse an dem Krieg in Afghanistan.

Die arbeitende Bevölkerung muss den sofortigen, bedingungslosen Rückzug aller amerikanischen und Nato-Truppen aus dem kriegszerstörten Land fordern. Sie muss fordern, dass Kompensationszahlungen an die Millionen, deren Leben von den Interventionen der USA zerstört worden ist, bezahlt werden, und dass die verantwortlichen Politiker und Militärführer wegen ihrer Kriegsverbrechen gegen das afghanische Volk vor Gericht gestellt werden.

Patrick Martin