Syrien:

„Rebellen“ massakrieren Gefangene

Von Patrick Martin
3. August 2012

Die Widerstandskämpfer gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, die von den USA unterstützt werden, verstärken ihre Offensive gegen die zweitgrößte Stadt des Landes, Aleppo. Währenddessen tauchten am Mittwoch Berichte auf, dass die „Rebellen“ Dutzende von gefangenen Polizisten und Soldaten, die auf Assads Seite standen, standrechtlich hingerichtet haben. Im Internet tauchte ein brutales Video auf, das eine dieser Ermordungen zeigt.

Das Ausmaß der Kämpfe zeigte sich an den Berichten über die Erstürmung einer Polizeiwache bei al-Marju im Stadteil Salhein durch mehr als 700 „Rebellen.“ Die 45-köpfige Abteilung von Sicherheitskräften, die sich darin aufhielten, wehrte den Angriff erbittert ab, bis eine große Bombe in das Gebäude geworfen wurde. Hierbei starben mindestens fünfzehn der Verteidiger, die meisten anderen ergaben sich.

Ein Video zeigt vier Männer, angeblich Mitglieder der Miliz Shabbiha und Anhänger von Assad, die an eine Wand gestellt, in die Knie gezwungen und mit automatischen Schusswaffen niedergemäht werden. Die Mörder rufen dabei „Allahu Akbar“ (Gott ist groß). Die Opfer sollen zum Familienclan der Berri gehört haben, die wie Assad Alawiten sind (eine Abspaltung des schiitischen Islam).

Ein anderes Video aus der Polizeiwache von al-Marju zeigt, wie ein Rebell die Leiche des Kommandanten der Wache schändet, indem er ihr den Kopf zerschießt.

Am Mittwoch tobten Kämpfe in einem Großteil von Aleppo. Assad-Gegner stürmten drei Polizeiwachen, während Kampfhubschrauber am Himmel kreisten und die „Rebellen“ angriffen. Aus dem Stadtteil Salaheddine im Südwesten der Stadt, der letzte Woche Schauplatz einiger der brutalsten Gefechte war, wurde schweres Artilleriefeuer gemeldet. Die meisten Einwohner der am schlimmsten betroffenen Gebiete sind aus der Stadt geflohen, von zwei Millionen Einwohnern sind mindestens 200.000 auf der Flucht.

Die Nachrichtenagentur McClatchy News Service meldete, das Assad-Regime zerstöre im Gegensatz zu seinem Vorgehen in anderen Städten wie Homs, einem der Zentren der Assad-Gegner, in Aleppo nicht ganze umkämpfte Stadtgebiete.

„Wir haben hier keinen so heftigen Artilleriebeschuss gesehen wie in anderen Teilen des Landes,“ erklärte ein Vertreter der proamerikanischen Organisation Human Rights Watch gegenüber McClatchy. „Ich glaube, die Regierung weiß, wie viel Rückhalt sie in Aleppo hat.“

Besonders in der christlichen Minderheit, von denen mehrere hunderttausend in Aleppo leben, ist die Angst vor der überwiegend von Sunniten dominierten Opposition groß. Es gab zahlreiche Berichte über religiös motivierte „Säuberungen“ in Syrien, bei denen sunnitische Aufständische Alawiten und Christen töteten oder vertrieben und Assad-Anhänger auf Sunniten losgehen.

Die britische Tageszeitung Guardian veröffentlichte einen Bericht von der syrisch-irakischen Grenze, in dem sie die Einnahme einer Grenzstadt durch Al Qaida-Kämpfer schildern. Diese wollen Assads Regime durch eines auf Grundlage von sunnitischem Fundamentalismus errichten.

Laut NBC News haben die Assad-Gegner etwa zwei Dutzend Boden-Luft-Raketen aus der Türkei erhalten, die als Nato-Mitglied mit den USA verbündet ist. Hier befinden sich auch die Nachschub- und Ausbildungslager der Rebellen. Diese Raketen könnten eine wichtige Rolle in dem zunehmend militarisierten Konflikt mit dem Assad-Regime spielen, das in Aleppo Kampfflugzeuge und Helikopter einsetzt.

Laut unbestätigten Meldungen setzen die Rebellen in der Region zwischen Aleppo und der türkischen Grenze, etwa 30 Meilen nördlich der Stadt, erbeutete Panzerfahrzeuge und Pick-Up-Trucks mit aufmontierten schweren Maschinengewehren ein.

Saudi-Arabien und Katar sind angeblich federführend daran beteiligt, die Assad-Gegner mit schweren Waffen zu versorgen. Allerdings ist auch die Türkei durch die Kontrolle der Nachschubrouten daran beteiligt, ebenso die Vereinigten Staaten als ursprüngliche Quelle der Waffen, die jeden Transfer zu den Rebellen genehmigen müssen.

Am Mittwoch veranstaltete die türkische Armee nahe der syrischen Grenze Panzermanöver. Dies war die provokanteste Aktion seit Ausbruch der Krise in Syrien vor siebzehn Monaten. Etwa 25 Panzer wurden im Gebiet Nusaybin in der Provinz Mardin eingesetzt, nur eine Meile von der Grenze und der syrischen Stadt Kamishli entfernt. Die türkische Militärführung begann am Mittwoch ein viertägiges Treffen mit Premierminister Tayyip Erdogan.

Das Säbelrasseln richtete sich nicht nur gegen das Assad-Regime, sondern auch gegen die Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), der kurdisch-separatistischen Guerillaorganisation, die seit 30 Jahren sporadisch in der Türkei aktiv ist. PKK-Kämpfer haben begonnen, in den Kurdengebieten im Nordosten Syriens offen aufzutreten, nachdem das Assad-Regime seine Truppen dort abgezogen hat, um sich auf die Verteidigung der wichtigeren Gebiete zu konzentrieren – der Hauptstadt Damaskus und der wirtschaftlich wichtigsten Stadt Aleppo.

Assad veröffentlichte am Dienstag eine schriftliche Botschaft an seine Truppen – seine erste öffentliche Stellungnahme seit dem Anschlag vom 18. Juni bei dem vier seiner wichtigsten Berater, darunter auch sein Schwager, starben. Darin hieß es: „Das Schicksal unseres Volkes und unserer Nation, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, hängt von dieser Schlacht ab.“

Als weiteren Schritt zur offenen Intervention genehmigte die US-Regierung das Sammeln von Geldern für die Freie Syrische Armee, die wichtigste militärische Gruppierung der Opposition, in den Vereinigten Staaten. Das Office of Foreign Assets Control des Finanzministeriums genehmigte letzte Woche einer Dachorganisation namens Syrian Support Group die Lizenz, „sich in ansonsten verbotenen finanziellen Aktivitäten für die Freie Syrische Armee zu engagieren,“ erklärte ein Sprecher am Dienstag. Die Gelder sollen an die FSA gehen, um Soldaten zu bezahlen oder Waffen und andere Ausrüstung zu kaufen.

Die Ziele der Obama-Regierung wurden am Mittwoch in einem Artikel der Washington Post ausgesprochen. Er trug die außergewöhnliche Schlagzeile: „Für den bedrängten syrischen Diktator Assad gibt es nur einen Ausweg – im Leichensack.“ In dem Artikel hieß es: „In Washington und im Nahen Osten setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Assad – der einst als gemäßigt galt und dem Reformen zugetraut wurden – nur durch Tod oder Gefangennahme von der Macht entfernt werden kann.“

Die Zeitung erklärte, Vertreter der USA hätten zwar angedeutet, dass ein Machttransfer wie im Jemen noch im Juni erwogen worden wäre, aber dass ein solches Vorgehen jetzt nicht mehr denkbar sei. Stattdessen sähe Washington für Assad ein ähnliches Schicksal voraus wie für Muammar Gaddafi, den libyschen Staatschef, der vor weniger als einem Jahr von proamerikanischen Kräften ermordet worden war.

Der Artikel in der Post ergänzt die grausigen Videos von standrechtlichen Hinrichtungen in Aleppo. Der amerikanische Imperialismus plant in Syrien Gräueltaten, die die Ereignisse in Libyen genauso in den Schatten stellen werden wie diejenigen, die bisher in Syrien passiert sind.