Die New York Times setzt sich für die syrischen Contras ein

Von Alex Lantier
12. Oktober 2012

Am 5. Oktober publizierte der Journalist C. J. Chivers einen langen Artikel in der New York Times, in dem er voll Sympathie die Ansichten der von den USA unterstützten syrischen Opposition darlegte. Der Artikel trug den Titel „Rebellen sagen, Untätigkeit des Westens treibt Syrer in den Extremismus“.

Der Artikel bezieht sich auf die zunehmenden Spannungen zwischen Washington und seinen Stellvertretern, die es in dem Krieg gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad bewaffnet und unterstützt. Nachdem libysche Islamisten, die im vorigen Jahr im Krieg gegen Oberst Muammar Gaddafi von den USA unterstützt worden waren, am 11. September das amerikanische Konsulat in Bengasi angegriffen hatten, ist im amerikanischen Staatsapparat eine Debatte darüber entbrannt, wie stark ähnliche Kräfte in Syrien unterstützt werden sollten.

Chivers ist ein Ex-Marine, dessen Berichterstattung sich auf seine Verbindungen zu hohen Kreisen des Militär- und Geheimdienstapparates stützt. Er spricht für die Fraktionen in Washington, die den Krieg intensivieren, Assad stürzen und die Opposition an die Macht bringen wollen. Aber schon seine Argumente enthüllen, wie weit rechts die Kräfte stehen, die die USA unterstützen. Unmissverständlich spricht er sich dafür aus, dass Washington Syrien angreifen und die von Islamisten dominierte Opposition an die Macht bringen sollte, weil diese andernfalls ihre Ausbildung nutzen würden, um Terroranschläge gegen die USA durchzuführen.

Er umschreibt Äußerungen des Rebellenkommandeurs Majed al-Muhammad folgendermaßen: “Die Syrer werden radikalisiert durch die Kombination aus einem aufreibenden Konflikt und dem Eindruck, dass sie von einer Welt im Stich gelassen werden, die sich in der Zuschauerrolle gefällt. Wenn der Westen Syrien weiter seinem Leiden überlässt, dann werden sich die Syrer vom Westen abwenden. Und das könnte westliche Interessen und Sicherheit an einem der Schnittpunkte des Nahen Ostens bedrohen.“

Im Klartext heißt das, syrische Oppositionsgruppen, die zornig über Washington sind, könnten zu dem Entschluss kommen, „die Sicherheit des Westens“ durch Angriffe auf amerikanische Ziele zu „bedrohen“.

Später übernimmt Chivers diese Argumentation. Er registriert „wachsende Frustration“ in der syrischen Opposition über die angeblich mangelnde Unterstützung durch die USA und fügt hinzu: „Mit zunehmender Verärgerung könnten auch den USA feindliche Gruppen an Zahl und Bedeutung zunehmen.“

Chivers weiß natürlich, dass die syrische Opposition Hilfe und Ausbildung von den USA und ihren Verbündeten erhält, um Terroranschläge durchführen zu können. Einer seiner letzten Videoberichte für die Times hatte Bombenanschläge auf syrische Regierungseinrichtungen zum Thema. Sie wurden von der islamistischen Gruppe Löwen von Tawhid (d.h. Löwen des Monotheismus) verübt. Chivers filmte sie fünf Tage lang im August bei der Ausübung mehrerer Operationen.

In Chivers Video begehen die Löwen von Tawhid ein Kriegsverbrechen. Sie verleiten einen Kriegsgefangenen dazu, ohne es zu wissen als Selbstmordbombenattentäter zu fungieren, indem er einen zur Bombe umfunktionierten Lastwagen fuhr. Das schien Chivers alles nicht zu bekümmern. Jedenfalls kritisierte er die Löwen von Tawhid in seinem Video nicht.

Chivers präsentiert die den Krieg befürwortenden Argumente der syrischen Opposition mit völliger Verachtung für die Anti-Kriegsstimmung sowohl in Syrien, wie auch in den Nato-Ländern.

In den Vereinigten Staaten ist eine Mehrheit von 55 Prozent der Bevölkerung gegen eine Intervention in Syrien, in der Europäischen Union sind es 59 Prozent. Nach der Erfahrung von zwei bitteren Kriegen in Afghanistan und im Irak, die Billionen Dollar verschlungen und Millionen Menschenleben gekostet haben, wollen Arbeiter in den Nato-Staaten in kein weiteres Blutbad gezogen werden. Das wäre aber die unvermeidliche Folge, wenn die Forderungen der syrischen Opposition erfüllt würden.

In seinem Artikel gibt sich Chivers auch Mühe, die syrische Opposition gegen potentielle Kritik abzuschirmen. Er schließt sich den falschen Behauptungen der oppositionellen Kämpfer an, dass sie keine amerikanische Hilfe erhielten und keine islamistischen Terroristen seien.

Er schreibt: “Keine der von Journalisten der New York Times besuchten sechs Kampfgruppen, noch ihre zahlreichen Kommandeure, die sie in der Türkei interviewten, hatten amerikanische Hilfe gesehen oder gar erhalten.(…) Viele Syrer sind erbost über die verbreitete Vorstellung, dass ihr Aufstand von ausländischen Kämpfern gekapert worden oder von Gruppen mit Verbindungen zu al-Qaida durchsetzt sei.“

Aber das sind legalistische Ausflüchte. Amerikanische Bündnispartner wie Saudi-Arabien und Katar bewaffnen die syrische Opposition, die umfangreiche Waffenlieferungen aus dem türkischen Adana erhält, wo die amerikanische Luftwaffenbasis Incirlik liegt. Ob die syrischen Oppositionsgruppen nun zugeben oder nicht, dass diese Hilfe „amerikanisch“ ist, sie ist jedenfalls völlig abhängig von amerikanischer Unterstützung und Billigung.

Die syrische Opposition behauptet auch, nichts mit al-Qaida nahe stehenden Kräften zu tun zu haben. Es ist aber gemeinhin anerkannt, dass mit al-Qaida in Verbindung stehende Gruppen wie die libysche Islamische Kampfgruppe oder die al-Nursa Front in Syrien eine bedeutende Rolle bei den amerikanischen Kriegen in ihrem jeweiligen Land spielen. Chivers Leugnung des rechten terroristischen Charakters der syrischen Opposition ist umso absurder, als er selbst Operationen islamistischer Terrorgruppen in Syrien gefilmt hat.

Chivers Artikel wirft ein entlarvendes Licht auf die verkommene Politik dieser Gruppen. Dies wird zum Beispiel in seinem Interview mit dem oppositionellen Milizenführer Ghassan Abdul Wahib deutlich. Wie die rechtsradikalen Contras in Nicaragua oder die anti-sowjetischen Mudschaheddin in Afghanistan in den 1980er Jahren, aus denen al-Qaida entstand, arbeiten sie als bestochene Werkzeuge für US-imperialistische Intrigen

Wahib verurteilt empört die USA, weil sie die syrische Opposition nicht stärker unterstützten. Er sagte zu Chivers, dass die USA und ihre Verbündeten „wollen, dass Syrien in einem Krieg zerstört und um hundert Jahre zurückgeworfen wird. Dadurch soll Israel sicher werden. Die Vereinten Nationen helfen mit, Syrien zu zerstören.“

Das hält “Rebellen”-kämpfer wie Wahib aber nicht davon ab, Hilfe in Washington zu suchen. Chivers schreibt, dass syrische Oppositionskontakte „trotzdem westliche Militärhilfe erflehen, selbst wenn es nur eine Flugverbotszone wäre, die die syrische Luftwaffe am Boden halten würde“. Das würde massive Bombardierungen zur Zerstörung der syrischen Luftverteidigung bedeuten und die Übernahme des Kommandos über den syrischen Luftraum durch die USA.

Solche Äußerungen unterstreichen die Tatsache, dass politische Kräfte, die die syrische Opposition als “revolutionär” zu verkaufen versuchten, wie die International Socialist Organisation in den Vereinigten Staaten oder die Neue Antikapitalistische Partei in Frankreich selbst nur als Werkzeuge des Imperialismus handelten. Sie förderten die syrischen Contras, indem sie ihnen einen „linken“ Mantel umhängen.

Obwohl das gewiss nicht Chivers Absicht ist, entlarvt der Autor nebenbei auch noch den politischen Betrug der amerikanischen Regierungen an ihrer Bevölkerung, die ihre Kriege mit der Behauptung begründeten, gegen den Terror zu kämpfen. Tatsächlich ist der amerikanische Imperialismus bereit, die reaktionärsten Kräfte, bis hin zu Terroristen, zu unterstützen, wenn es seinen geopolitischen Interessen dient.