Indien:

Tausende protestieren gegen Angriff auf Maruti Suzuki Arbeiter

Von Arun Kumar
27. November 2012

Vorletzte Woche begannen mehrere Hundert Arbeiter von Maruti Suzuki Indien (MSI) einen zweitägigen Hungerstreik und führten eine Sitzblockade in der Kreisstadt Gurgaon durch. Sie reagierten damit auf ihre drohende Entlassung durch MSI. Diese wurden im Rahmen einer Kampagne der Regierung gebilligt, durch die jegliche Opposition im Montagebetrieb Haryana, Manesar unterdrückt werden soll.

Zum Abschluss der Protestaktionen nahmen am 8. November tausende Arbeiter aus weiteren Fabriken des Industriegürtels Gurgaon-Manesar an einer Massendemonstration zur Unterstützung der angegriffenen MSI-Arbeiter teil.

Zu den Protesten hatte die Gewerkschaft der Maruti-Arbeiter (MSWU) aufgerufen. Diese hatte sich in Opposition zu der Marionetten-Gewerkschaft der Firma in der Niederlassung Manesar gebildet. Gefordert wurde die Haftentlassung von 149 unter falscher Anklage stehenden Arbeitern, die Wiedereinstellung von mehr als 500 Arbeitern, um die MSI die Belegschaft reduzieren möchte, sowie die Weiterbeschäftigung von mehr als 2000 Vertrags- und Zeitarbeitern, die das Management ebenfalls loswerden will.

Die von der Kongresspartei gestellte Regierung des Staates Haryana ordnete bei den MSWU-Protestaktionen am 7. und 8. November einen gewaltsamen Polizeieinsatz an, bei dem die angegriffenen Arbeiter massiv attackiert, und diejenigen, die noch im Montagewerk Manesar arbeiten, eingeschüchtert werden sollten.

Ende Juli, Anfang August hatte die Polizei von Haryana 149 Arbeiter verhaftet – darunter alle MSWU-Führer – und behauptet, sie alle hätten sich in einer Auseinandersetzung zwischen Arbeitern und Management derart gesetzeswidrig verhalten, dass ein führender Manager an den Folgen ihres Verhaltens starb.

Die Beschuldigungen sind ein plump eingefädeltes abgekartetes Spiel. Die Auseinandersetzungen waren von Schlägern provoziert worden, die vom Management angeheuert waren. Außerdem hielten sich viele der Verhafteten nicht einmal auf dem Firmengelände auf, als es zu dem Handgemenge kam.

Die Polizei gab inzwischen zu, dass die Verhaftungen auf Betreiben der Firmenleitung durchgeführt, und dass dabei Personenlisten benutzt wurden, die das Management zur Verfügung gestellt hatte.

Die verhafteten Arbeiter, die weiter hinter Gittern sitzen, wurden von der Polizei brutal geschlagen und viele, u.a. die zwölf MSWU-Vertreter, wurden mit Elektroschocks, extremer Streckung der Beine und durch ins Wasser-Tauchen gefoltert. (Siehe: Verhaftete Maruti Suzuki-Arbeiter wurden gefoltert)

Die Firmenleitung hat die Auseinandersetzung vom 18. Juli mit Unterstützung der Regierung als Vorwand für Säuberungen in der Belegschaft genutzt. Als MSI das Werk Manesar Ende August wiedereröffnete, wurden 546 Arbeiter entlassen. (Um der Arbeitsgesetzgebung Genüge zu tun, wurde den entlassenen Arbeiter danach eröffnet, sie seien bis zur endgültigen Entscheidung über ihren Status auf unbestimmte Zeit suspendiert.)

Die Verhaftung und die gefälschten Anklagen gegen die 149 Arbeiter bilden den Höhepunkt einer konzertierten Aktion von Behörden und Regierung. Sie unterstützen Maruti Suzuki bei der Zerschlagung der unabhängigen Gewerkschaft im Montagewerk Manesar, und sorgen für den Fortbestand der brutalen Arbeitsbedingungen in der Firma.

Wiederholt verweigerten Beamte des Arbeitsministeriums in Harayana die Anerkennung der Gewerkschaft der Beschäftigten von Maruti Suzuki (MSWU), der Nachfolgeorganisation der MSEU, und beharrten darauf, dass die Marionettengewerkschaft des Betriebs die Vertretung der Arbeiter sei.

Als MSI im August 2011 eine Aussperrung verhängte und öffentlich die Unterzeichnung einer „Verpflichtung zum Wohlverhalten“ verlangte, setzte die Regierung der Kongress-Partei in Haryana Hunderte von Polizisten ein, um die Firma bei der Vertreibung der Arbeiter vom Firmengelände zu unterstützen.

Auch hat die Regierung wiederholt „Außenstehende“ beschuldigt, zu Arbeitskämpfen in dem Werk aufzuhetzen, um der Wirtschaft des Landes Schaden zuzufügen und Investoren zu vertreiben.

Offensichtlich ist die Kongress-Regierung entschlossen, an den Maruti Suzuki Arbeitern ein Exempel zu statuieren, um die Arbeiterklasse einzuschüchtern und dem ausländischen und heimischen Kapital zu demonstrieren, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun wird, um sicherzustellen, dass es straff disziplinierte und billige Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt bekommt.

Kürzlich wurden in einem Artikel der Business Week die Ängste und Bedenken der internationalen Großkonzerne wegen der wachsenden Empörung der indischen Arbeiter über ihre Ausbeutungsverhältnisse artikuliert. Unter der Überschrift „Messerattacke weist auf Gewitterwolken in Indien hin, (Premierminister) Singh(s) Investitions-Aufruf“, wird auf die Zunahme an Arbeitskonflikten eingegangen. Des Weiteren wird auch ein Vorfall erwähnt, bei dem ein junger Arbeiter bei Everest Industries Ltd in Naschik in Maharaschtra auf drei Manager einstach, als Gespräche nach einem zehn Monate dauernden Lohnkampf scheiterten. „Die Konfrontation“, heiß es weiter in dem Artikel, „ist symptomatisch für den Vertrauensverlust, der sich seit zwei Jahrzehnten in den Arbeitsbeziehungen entwickelt. Während der Produktivitätssprung nach der wirtschaftlichen Öffnung 1991 einen Anstieg der durchschnittlichen Firmenprofite um das Zwanzigfache ermöglichte, frisst die Inflation die Lohnzuwächse weg.“

Im Verlauf der letzten zwei Jahre bestand mehrmals das Risiko, dass der Kampf der MSI-Arbeiter von Manesar einen umfassenderen Aufstand der Arbeiter im Industriegürtel Gurgaon-Manesar auslöst. In dieser nicht weit von der Hauptstadt Delhi entfernten Region befindet sich eine enorme Konzentration von Autofabriken und anderen Industriezweigen.

Weil die Regierung der Kongress-Partei eine solche Möglichkeit stets befürchtet, reagierte sie auf die Proteste von vorletzter Woche mit weiterer Unterdrückung.

Die MSWU erklärte: „Die Einschüchterung durch die Polizei, die wir in diesen drei Monaten schon erlebten“, wurde „auf vielfältige Weise“ intensiviert. Sie berichtete, die Behörden im Zentralgefängnis Gurgaon drohten bei den 149 eingesperrten Arbeitern noch „'zuzulegen' und die Folter zu verschärfen“, sollten diese in Verbindung mit dem Kampf der anderen entlassenen Arbeiter ebenfalls in einen Hungerstreik treten.

Am Morgen des 7. November demontierte die Polizei ein Zelt und andere Einrichtungen, die Demonstranten vor der Steuerbehörde aufgebaut hatten und verhaftete mehr als 40 der entlassenen Arbeiter. Auf Grund heftiger Proteste ließ die Polizei bald alle Arbeiter wieder frei, mit Ausnahme zweier Mitglieder des Provisorischen Arbeitskomitees der MSWU. (Das ist die provisorische Leitung der MSWU, da alle gewählten Vertreter in Haft sind). Diese beiden, Jat und Ramnivas, wurden unter dem Vorwand „weiterer Befragung“ bis in den späten Abend in einer Polizeistation festgehalten.

Derweil wurden 1000 von Polizei und Betrieb angeheuerte Schläger in das Manesar-Werk geschickt, um die Arbeiter von einem Essens-Boykott zur Unterstützung der entrechteten Arbeiter abzuhalten.

Die MSWU berichtete: „Die Polizei von Manesar lud jeden Arbeiter, der sich im Werk befand, auf die Polizeistation vor und ... bedrohte alle (mit) 'ernsten Konsequenzen' und Entlassung, falls (festgestellt würde) dass sie auch nur entfernt mit einem der entlassenen Arbeiter in Kontakt träten ... oder an einer Versammlung oder an einem Sitzstreik (dharna) teilnähmen.

Die Sympathie und Unterstützung für die MSI-Arbeiter sind außergewöhnlich. Wenn es Regierung und Firma dennoch gelungen ist, einen Rachefeldzug gegen sie loszutreten, dann nur, weil die Gewerkschaftsorganisationen und die stalinistische Linksfront des Gurgaon-Manesar-Gürtels die MSI-Arbeiter systematisch isolieren und sie drängen, ihr Vertrauen in Appelle an das Arbeitsministerium, die Gerichte und die Kongress-Regierung von Haryana zu setzen, obwohl ihnen vor Augen geführt wurde, dass diese mit dem Management unter einer Decke stecken.

Eine besonders schändliche Rolle spielen der Gesamtindische Gewerkschaftskongress (AITUC) und das Zentrum für Indische Gewerkschaften (CITU), die jeweiligen Gewerkschaftsbünde der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) und der Kommunistischen Partei Indiens (Marxisten), CPM. Um die Unternehmer von ihrer Nützlichkeit bei der Regulierung der Arbeitsverhältnisse zu überzeugen, drängten die stalinistisch geführten Gewerkschaften AITUC und CITU die Arbeiter, ihre Forderungen herunterzuschrauben und sich dem korporatistischen Tarifsystem im Interesse der Großkonzerne unterzuordnen. CPI und CPM und deren Linksfront haben sich mehrmals als Stütze der von der Kongress-Partei geführten Regierungen in Delhi erwiesen, selbst als diese neoliberale „Reformen“ einführten. In den Staaten, in denen die Stalinisten die Regierungsgeschäfte führten, verfolgten sie eine Politik, die sie selbst als „investorenfreundlich“ bezeichneten.

Unter dem Einfluss dieser und weiterer pro-kapitalistischer politischer Kräfte organisiert die MSWU die Verteidigung der entlassenen MSI-Arbeiter als Protestkampagne, die darauf ausgerichtet ist, Druck auf die Regierung und die wirtschaftsfreundlichen Politiker auszuüben und sich bei ihnen Gehör zu verschaffen. Die unter Leitung der MSWU stattfindende Demonstration am 8. November führte zur Residenz von Sukhbir Kataria, einem lokalen Abgeordneten der Kongress-Partei und Minister für Sport und Jugend in der Regierung von Haryana. Die Demonstranten überbrachten ihm ein Memorandum mit ihren Forderungen. In einer am 10. November veröffentlichten MSWU-Erklärung wurde versucht, die unsinnige Hoffnung zu wecken, Kataria könne sich als Anwalt der Arbeiter nützlich machen: „Er kam auf die Straße herunter und hörte sich unsere Forderungen an und versprach uns, dass unseren Forderungen entsprochen würde, wenn er sie nach diwali (ein hinduistisches Fest, das dieses Jahr am 13. November gefeiert wurde) beim Premierminister vortrage.“

Wenn die MSI-Arbeiter im gegen sie gerichteten Rachefeldzug von Staat und Unternehmen den siegen wollen, müssen sie ihren Kampf zur Speerspitze einer wirtschaftlichen und politischen Offensive der Arbeiterklasse in ganz Indien machen – eine Offensive zur Absicherung grundlegender Rechte der Arbeiter und zur Ausformung der Arbeiterklasse als unabhängige politische Kraft, die in der Lage ist, gegen die Wirtschaftsbosse und ihre politischen Helfershelfer für eine Arbeiterregierung zu kämpfen.