GM streicht in Europa 2.600 Stellen - Opel-Werk Bochum vor dem Aus

Von Dietmar Henning
3. November 2012

Der US-Autobauer General Motors (GM) reagiert auf Verluste im Europageschäft mit massivem Stellenabbau und der Werksschließung in Bochum.

Für das Opel-Werk Bochum ist nach dem Auslauf des aktuellen Zafira Tourer [2016] – vorbehaltlich weiterer Konsultationen – kein neues Produkt geplant“, heißt es in einer Pressemitteilung des Konzerns.

Damit ist das Schicksal der rund 3.200 Opel-Beschäftigten sowie vieler Tausender Arbeiter anderer Unternehmen, deren Überleben direkt am Werk in Bochum hängt, besiegelt.

Seit dem Frühjahr führen IG Metall und Betriebsräte intensive Verhandlungen mit der Konzernleitung. Sie wussten, dass GM systematisch auf die Schließung des Bochumer Werkes drängte. Aber immer und immer wieder bemühten sie sich abzuwiegeln und die Belegschaft zu beruhigen. Unter keinen Umständen wollten sie einen ernsthaften Arbeitskampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze. Stattdessen boten sie immer weitergehende Zugeständnisse an. So wurde beispielsweise dem Unternehmen seit Beginn der Verhandlungen die letzte Tariferhöhung von 4,3 Prozent gestundet.

Nun erhalten die Opelbeschäftigten diese Summe rückwirkend für die Monate Mai bis einschließlich Oktober als Einmalzahlung. Für die kommenden Monate, in denen weiter verhandelt werden soll, wird die Tariferhöhung aber erneut ausgesetzt.

Die IG Metall versucht erneut zu beschwichtigen. Das sei „der alte Stand der Dinge“. Auch die an den Verhandlungen beteiligten Betriebsräte bemühen sich, die Befürchtungen der Belegschaft zu zerstreuen. Monatelang leugnete der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel, dass er überhaupt über die Schließung des Werks in Bochum verhandle. In einer Stellungnahme zu den anhaltenden „Gerüchten über Werksschließungen“ behauptete er noch Anfang Oktober: „Es gibt keine Gespräche mit der IG Metall und den Betriebsräten über die Schließung eines Opel-Werkes.“

Selbst jetzt erklärt er, in den kommenden zwei bis drei Monaten gehe es um die „Rettung“ des Werkes. Das ist eine gezielte Täuschung. Es geht einzig und allein um die Art und Weise, wie die Schließung durchgesetzt werden kann.

Dass alle Verhandlungsteilnehmer am Schließungskonzept arbeiten, zeigt auch die Einrichtung einer „Arbeitsgruppe“ von GM und der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die Stephen Girsky, Vizepräsident von GM und Opel-Aufsichtsratsvorsitzender in einer gemeinsamen Erklärung mit NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin am vergangenen Dienstag offiziell ankündigte. Die „Bochum Perspektive 2022“ benannte Arbeitsgruppe solle die Sicherung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Bochum und im Ruhrgebiet vorantreiben und auch Fragen der künftigen Nutzung des Bochumer Opel-Standorts umfassen.

In einer aktuellen Stellungnahme „begrüßt“ Einenkel diese Arbeitsgruppe. „Bereits seit vielen Monaten wird in der ‚Arbeitsgruppe Opel‘ unter Beteiligung des NRW-Wirtschaftsministeriums, der Stadt Bochum, der IHK, des Betriebsrats, der Gewerkschaften, Hochschulen und Universitäten (Bochum, Aachen, Duisburg/Essen) und der Adam Opel AG an Vorschlägen zur Sicherung des Standortes Bochum gearbeitet“, schreibt er. Mit dem „Projekt ‚Bochum Perspektive Opel 2022‘“ gäbe es eine deutliche Unterstützung dieser bisherigen Tätigkeit.

Einenkel betont, die Arbeitsgruppe werde die Verhandlungen mit GM über das Werk in Bochum nicht ersetzen. „Die Arbeitsgruppe soll entwickeln und nicht abwickeln.“ Das Abwickeln wollen Einenkel und die IG Metall selbst übernehmen. In der Vergangenheit haben IG Metall und Betriebsräte alle Angriffe gegen die Belegschaft mitgetragen. Im Namen der Standortsicherung haben sie einer Runde von Arbeitsplatzabbau und Lohnsenkungen nach der anderen und schließlich auch der Schließung des belgischen Opel-Werks in Antwerpen zugestimmt. Nun ist Bochum an der Reihe.

Neben der Schließung des Werks in Bochum hat Opel weitere Maßnahmen angekündigt. So streicht der Konzern im laufenden Jahr 2.600 Stellen, die meisten davon in Deutschland. 2.300 Beschäftigte hätten das Unternehmen bereits verlassen, teilte die Opel-Zentrale in Rüsselsheim mit, davon 1.000 Zeitarbeiter. GM beschäftigt europaweit rund 38.000 Menschen, davon etwa 20.000 in Deutschland. Über Abfindungsregelungen sollen weitere Arbeiter gedrängt werden, ihren Arbeitsplatz unwiderruflich aufzugeben.

Einsparungen erwartet GM auch von der Allianz mit dem französischen Konkurrenten PSA Peugeot Citroën. Vier Fahrzeugmodelle sollen gemeinsam entwickelt werden. Die ersten Autos dieser Zusammenarbeit sollen bis Ende 2016 auf den Markt kommen. Diese Zusammenarbeit wird weitere Jobs bei Opel und Peugeot Citroën kosten. Der PSA Konzern hat schon lange angekündigt, 8.000 Arbeitsplätze abzubauen und das Werk in Aulnay-sous-Bois, nördlich von Paris, zu schließen.

GM bekräftigte außerdem, im Werk Eisenach eine Schicht zu streichen und auf ein Zweischichtsystem umzustellen. Zudem werde die Produktion des Opel-Astra in zwei Werken von derzeit drei zusammengelegt. Derzeit produzieren drei Werke den meistverkauften Wagen von Opel – Rüsselsheim, Ellesmere Port (Großbritannien) und Gliwice (Polen). Da die polnischen Arbeiter im Vergleich zu den westeuropäischen Arbeitern schon immer bedeutend niedrigere Löhne erhielten, die Betriebsräte und Gewerkschaft in Ellesmere Port in den vergangen Monaten weitgehende Zugeständnisse bei Löhnen und Arbeitsbedingungen gemacht haben, dürfte die Produktionskürzung zulasten der Rüsselsheimer Arbeiter gehen. Es sei denn, Betriebsrat und IGM setzen noch größere Angriffe auf die Beschäftigten durch als in Ellesmere Port.

GM stellt sich aber trotz des Sparkurses auf weitere Jahre mit Verlusten bei Opel ein. Die Neuzulassungen in Europa waren bei Opel und Vauxhall von Januar bis September um gut 15 Prozent auf 657.400 Autos eingebrochen. Auch in Deutschland wurden nur noch 163.000 Opel verkauft, ein Minus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im September gab es sogar einen Einbruch um 26 Prozent. Als Reaktion darauf fährt Opel seine Lagerbestände beim Unternehmen und den Händlern zurück. Seit Februar dieses Jahres wurden sie um 100.000 Fahrzeuge gesenkt, bis Jahresende sollen weitere 20.000 weniger produziert werden.

Dieser Rückgang der Verkaufszahlen ist eine direkte Reaktion auf die wachsende Rezession in Europa. Die GM-Arbeiter bezahlen wie alle Autoarbeiter die Lasten der Absatzkrise in Europa, hervorgerufen durch die drastischen Sparprogramme der Europäischen Union. Dies gilt insbesondere für die Marken, die fast vollständig von den Märkten in Europa abhängig sind, neben Opel und Peugeot Citroën auch Fiat und Ford.

Ford hat erst vor zwei Wochen angekündigt, drei Werke zu schließen, im belgischen Genk sowie im britischen Dagenham und Southampton. 5.700 Arbeiter und Arbeiterinnen sind unmittelbar betroffen, mehrere Tausend in Zulieferbetrieben.