Sturmschäden an veralteter Infrastruktur legen New York City lahm

Von Bill Van Auken
1. November 2012

Die Schäden, die die Überschwemmungen des Hurrikan „Sandy“ an der veralteten Verkehrs- und Elektrizitätsinfrastruktur angerichtet haben, haben New York lahmgelegt, die größte Stadt und das wichtigste Finanzzentrum Amerikas,.

bridgeBrücken und Tunnel nach und aus Manhattan sind gesperrt

Öffentliche Schulen und die meisten Betriebe sind seit Dienstag geschlossen, da durch den Stillstand des städtischen öffentlichen Verkehrssystems 5,3 Millionen Fahrgäste, die es täglich benutzen, fest sitzen. Durch den Stromausfall in Manhattan südlich der 39. Straße sind über 250.000 Kunden ohne Strom, darunter städtische Wohnungen, Luxusapartments, Universitäten, Geschäfte, Büros und Schulen.

Von den Stromausfällen waren auch 180.000 Kunden des Stromversorgers Con Ed (Consolidated Edison) in Westchester County betroffen, weitere 108.000 in Queens, 109.000 auf Staten Island, 87.000 in Brooklyn und 45.000 in der Bronx.

Con Ed warnte, die Einwohner des unteren Drittels von Manhattan könnten bis zu vier Tage ohne Strom sein, da das Unternehmen die Sturmschäden am Übertragungsnetz reparieren muss.

Während die Bewohner der Sozialwohnungen in Lower Manhattan ohne Strom, Heizung, warmes Wasser, Licht und Aufzüge ins Wochenende gehen, wird die Börse an der Wall Street heute wieder ihren Betrieb aufnehmen, und die großen Finanzunternehmen werden wieder aktiv werden. Mehrere Versorgungsunternehmen und Telecomfirmen wurden herangezogen, um sicherzustellen, dass das amerikanische Finanzkapital weiter seine Geschäfte machen kann.

Die New York Times erklärte dazu: „Die New Yorker Börse ist eines der bekanntesten Symbole des Kapitalismus, und wenn sie nicht in Betrieb ist, gilt das als Zeichen für fehlende Stabilität der amerikanischen Börsen und Wirtschaft.“

Das öffentliche Verkehrssystem, die Metropolitan Transport Authority, die für das städtische U-Bahn- und Bussystem und die Stadtbahnen verantwortlich ist – die allesamt durch den Sturm lahmgelegt wurden – haben keine konkreten Zeitangaben für eine Wiederaufnahme des Dienstes gemacht.

Am Dienstagnachmittag begann zwar in begrenztem Umfang wieder der Busverkehr, aber es gab keine Hinweise darauf, wann die U-Bahnen wieder fahren würden. Durch die Überschwemmungen sind alle sechs U-Bahn-Tunnel unter dem Fluss, die Brooklyn und Manhattan miteinander verbinden, sowie der Steinway-Tunnel, der Manhattan und Queens verbindet, unter Wasser gesetzt worden. Laut einigen Schätzungen könnte es einen Monat oder länger dauern, bis sich die Lage im Verkehrssystem normalisiert.

Die immense soziale und wirtschaftliche Krise, vor der Millionen arbeitender Menschen in New York wegen des Zusammenbruchs des öffentlichen Verkehrssystems und des Stromnetzes stehen, ist ein viel akuteres Barometer für die Stabilität des amerikanischen Kapitalismus als die Fähigkeit der Finanzaristokratie der Stadt, auf den Wertpapiermärkten Handel zu treiben.

Eine längere Lahmlegung der Stadt aufgrund des Zusammenbruchs des Verkehrs- und Stromnetzes bedeutet einen potenziell schweren Schlag für die Wirtschaft der Stadt, der Nation und sogar der Welt, ganz zu schweigen vom Leid von hunderttausenden oder sogar Millionen Menschen.

Die Medien bezeichnen „Sandy“ weiterhin als „Jahrhundertsturm“ oder wahnsinniges Ereignis, aber in Wirklichkeit haben Wissenschaftler und sogar ein Gremium der New Yorker Verkehrsgesellschaft genau so etwas vorhergesagt, inklusive der Folgen für die städtische Infrastruktur.

Die Überschwemmungen durch Hurrikan „Irene“ im August 2011, die zur ersten präventiven Stilllegung des ganzen öffentlichen Verkehrssystems führten, waren nur einen Fußbreit davon entfernt, die gleiche Katastrophe anzurichten, wie „Sandy“.

Damals erklärte MTA-Chef Jay Walder: „Unsere schlimmste Befürchtung, dass die Tunnel unter dem East River mit Salzwasser überschwemmt würden, ist nicht eingetreten. Da ist wirklich etwas an uns vorübergegangen.“

Kaum ein Jahr später ist ein völlig vorhersehbares Ereignis nicht am öffentlichen Verkehrssystem „vorübergegangen“.

Der Klimawissenschaftler Klaus Jacob vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University arbeitete nach „Irene“ mit der MTA zusammen, um die Auswirkungen steigender Wasserspiegel und ähnlicher Überschwemmungen in U-Bahn-Tunneln zu untersuchen.

Er erzählte letztes Jahr in einem Interview, er habe der MTA seine Ergebnisse vorgelegt und gefragt, wie lange es dauern würde, nach einer solchen Überschwemmung das Verkehrssystem wiederherzustellen.“

„Dann herrschte Schweigen im Raum, weil das System so alt ist“, sagte er. „Viele der Teile, die durch einen Einbruch von Salzwasser in das System beschädigt würden, können nicht schnell wiederhergestellt werden. Sie müssten auseinandergenommen, vom Salz gesäubert, wieder zusammengebaut und getestet werden, und dann muss man hoffen, dass es klappt.“

Nach Jacobs eigener Schätzung würde es mindestens 29 Tage dauern, das U-Bahn-System wieder in Gang zu bringen, und es würde die Stadt Milliarden Dollar kosten.

Der ehemalige MTA-Direktor Mortimer Downey erklärte ebenfalls, es würde „möglicherweise Wochen dauern“, den Betrieb wiederherzustellen. „Aus dem Blickwinkel von New York kann man sagen, sie haben viel Arbeit vor sich“, erklärte er.

Der Kern des Problems ist der veraltete Zustand des städtischen öffentlichen Verkehrssystems – es ist 108 Jahre alt. In der reichsten Stadt des Landes, der Hauptstadt des Finanzkapitals, stammt ein Großteil der Technik des Verkehrssystems aus den 1930ern. Das betrifft vor allem die elektrischen Signale entlang der U-Bahn-Schienen, die unverzichtbar für den Betrieb der U-Bahn sind. Einige der Teile stammen noch von Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Verkehrsbetrieb muss noch so gut wie alle Empfehlungen umsetzen, die seine eigene Kommission abgegeben hat. Eine ernsthafte Überholung des Systems, durch die es gegen Katastrophen wie „Sandy“ geschützt wäre, würde Milliarden Dollar Investitionen erfordern. Ein Großteil der Einkünfte der MTA wird allerdings dafür verwendet, die mehr als 32 Milliarden Dollar Schulden abzuzahlen, die sie bei Wall Street-Banken hat.

Con Ed hat ähnliche Probleme: Am Montagabend kam es in einem Umspannwerk in der 13. Straße in Manhattan zu einer schweren Explosion. Ein wichtiger Grund für die Stromausfälle in der Stadt ist vermutlich die Auswirkung der Überschwemmung auf unterirdische ungeschützte Leitungen. Auch ein Großteil der Transformatoren des Unternehmens sind unterirdisch.

Dies wurde zwar als schwere Schwachstelle erkannt, aber die staatliche Public Service Commission, die Aufsichtsbehörde, die das Unternehmen überwachen soll, hat seine Tätigkeit seit fast zwanzig Jahren nicht geprüft.

Aus Profitstreben hat sich Con Ed darauf konzentriert, Kosten zu senken, unter anderem durch Lohnkürzungen bei seinen Arbeitern, gleichzeitig die Investitionen vernachlässigt, darunter auch die Aufrüstung des Leitungsnetzes und die Verlagerung wichtiger Teile über die Erde.

Der milliardenschwere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg lobte Con Ed am Dienstag noch und wies die Frage ab, ob die Stadt sich auf einen ähnlichen Sturm in der näheren Zukunft vorbereiten müsse. Er bezweifelte, dass der „Klimawandel“ – an dieser Stelle machte er mit den Händen Anführungszeichen – Auswirkungen auf die Stadt habe. Stattdessen erklärte er, das Hauptproblem sei gewesen, dass die Bevölkerung von bedrohten Stadtgebieten nicht auf seine Aufforderung reagiert hätte, diese zu verlassen. Als Reaktion ließ Bloomberg in den Sozialwohnungen in den betroffenen Gebieten Heizung, warmes Wasser und Fahrstühle abstellen.

Tatsächlich haben die städtischen Behörden selbst Berichte angefertigt, aus denen hervorgeht, dass der Klimawandel und die zunehmende Häufigkeit extremer Wettersituationen zu Ergebnissen wie denen von „Sandy“ führen müssen.

Im September 2007 wurde eine unabhängige Expertenkommission ins Leben gerufen, die die Tragfähigkeit der MTA überprüfen sollte. Sie fertigte einen Report an, in dem sie davor warnte, dass der Klimawandel eine „neue und potenziell schwerwiegende Gefahr darstellt, auf die die MTA größtenteils unvorbereitet sei. Im Zuständigkeitsbereich der MTA wurden bereits mehrere Klimaveränderungen gemessen und veränderte Wetterlagen zeigen bereits Auswirkungen auf die Infrastruktur der MTA, vor allem durch zunehmende Sturmaktivität und daraus folgende Überschwemmungen.“

Ferner hieß es, ein Team von Klima- und Wirtschaftsexperten habe „drei Haupttrends identifiziert, die den Betrieb der MTA in bedeutender Weise beeinträchtigen: Höhere Durchschnittstemperaturen, steigender Meeresspiegel mit Küstenverlust und zunehmende Sturmaktivität mit heftigen Niederschlägen und entsprechenden Überschwemmungen,“ die „die größten Auswirkungen auf die U-Bahnstationen und Tunnel der MTA unter dem Wasserspiegel haben.“

Die Kommission schlug eine Reihe von Maßnahmen vor, um dieser Bedrohung entgegenzuwirken. Als kurzfristige Maßnahmen gehörten dazu „gesteigerte Pumpaktivität an festen Stationen, erhöhte U-Bahnzugänge-, Bürgersteige und Lüftungsschächte und zusätzliche Verschlüsse für die Tunnel.“

Die Kommission kam zu dem Ergebnis, dass langfristigere Strategien notwendig seien, darunter auch die Errichtung von „strategischen Sturmbarrieren für den Hafen und das Stadtgebiet von New York.“

Dass New York City, die Stadt, die sich der größten Konzentration von Reichtum aller urbanen Zentren in den Vereinigten Staaten rühmt, es nicht geschafft hat, diese Herausforderung zu meistern, es nicht einmal ernsthaft versucht hat, ist ein Zeugnis für die Unfähigkeit des Profitsystems, mit komplexen Problemen einer modernen Gesellschaft fertig zu werden. Stattdessen ist die einzige Reaktion, der Arbeiterklasse die Schuld zu geben und die Angriffe auf sie zu verschärfen, wie auch Bloombergs Reaktion zeigt.

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