Das brutale Gesicht des Weltkapitalismus

Von Peter Symonds
29. November 2012

Der schlimmste Brand in einer Fabrik in der Geschichte von Bangladesch, der Samstagabend in dem Industriegebiet Ashulia ausgebrochen ist, hat die hässlichen Seiten des globalen Kapitalismus entlarvt.

Mindestens 112 Arbeiter starben in dem Feuersturm. Entweder erstickten oder verbrannten sie oder sie sprangen in dem verzweifelten Versuch zu entkommen aus dem achtstöckigen Gebäude. Das Feuer brach im Erdgeschoss aus, wo brennbare Textilien und Garne lagerten, und blockierte die Treppen. Die anderen Ausgänge waren verschlossen.

Die Fotos des ausgebrannten Gebäudes von Tazreen Fashions zeigen Reihen von ausgebrannten Arbeitsplätzen wo Hunderte Arbeiter Kleidung für große europäische und amerikanische Konzerne fertigten, z.B. für Walmart und die Einzelhandelskette C&A. Das Fehlen elementarer Brandschutzmaßnahmen wird ergänzt durch lange Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne. Überlebende berichten, dass ihnen noch drei Monatslöhne plus Zulagen geschuldet würden.

Unmittelbar nach dem Feuer nahm auf allen Ebenen eine gut geschmierte Verschleierungsmaschinerie Fahrt auf. Die Regierung, örtliche und nationale Behörden und Unternehmerverbände vergossen ein paar Krokodilstränen über die Toten, kündigten wirkungslose Untersuchungen an und versprachen den Familien der Opfer ein Taschengeld als Entschädigung. Damit sollen Kritiker zum Schweigen gebracht und Unruhen werden verhindert werden, bis der Fall wieder aus den Nachrichten verschwunden ist.

Gleichzeitig wurden Polizei, Soldaten und die berüchtigte Einheit zur Bekämpfung von Aufständen Rapid Action Battalion (RAB) gegen verzweifelte und wütende Verwandte am Ort des Geschehens geschickt und auch gegen Proteste von Arbeitern am Montag eingesetzt. Um den Aufmarsch der Sicherheitskräfte in dem Industriegebiet zu rechtfertigen, behauptete die Regierungschefin Sheikh Hasina Wajed im Parlament ohne den Schatten eines Beweises, dass der Brand „gelegt“ worden, also ein Sabotageakt gewesen sei, der die Regierung destabilisieren solle.

Alle globalen Konzerne, die in Bangladesch produzieren lassen, versuchen sich von der Tragödie zu distanzieren. PHV, Nike, Gap, American Eagle Outfitters und der französische Konzern Carrefour erklärten, dass sie nicht in der Textilfabrik Tazreen produzieren ließen. Als vor Ort Markenzeichen gefunden wurden, beschuldigte Walmart einen Subunternehmer, der ohne Erlaubnis Arbeit an die Fabrik vergeben habe.

Internationale Konzerne haben in Ländern wie Bangladesch in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen verschiedene Inspektionssysteme für Sicherheitsfragen und Arbeitsbedingungen eingerichtet. Diese angeblich unabhängigen Prüfstellen sind ein Witz, die nur die Markennamen und Profite schützen und juristische Verantwortung abwehren sollen. Die europäische Kette C&A hatte Sweatshirts bei Tazreen Fashions in Auftrag gegeben und musste zugeben, dass seine so genannte standardmäßige Überprüfung schlicht nicht stattgefunden hatte.

Keiner dieser Riesenkonzerne macht solch einen Fehler, wenn es um die detaillierte Festlegung für die Herstellung, Qualität und Kosten der Waren geht, die in den Ausbeutungsbuden in Bangladesch hergestellt werden. Sie wissen, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Sicherheitsstandards und der Armutslöhne zu einer Erhöhung des Preises der Produkte führen würde, also schauen sie lieber weg.

Die Bedingungen in der Fabrik von Tazreen Fashions sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Brand vom Samstag war lediglich der Schlimmste der Brände, die seit 2006 mindestens 500 Menschenleben gekostet haben. Die Textilindustrie in Bangladesch hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zur zweitgrößten der Welt nach China entwickelt, weil die Löhne dort am niedrigsten sind.

Ein Kommentar im Financial Express von Bangladesch beschrieb gestern die erschreckenden Bedingungen in der gesamten Textilindustrie: „Nur wenige Textilfabrikanten zahlen die monatlichen Löhne und die Überstunden rechtzeitig aus… In den meisten Fabriken verzögern die Kapitalisten die Auszahlung der Löhne und Überstunden der Arbeiter absichtlich um mindestens zwei Monate. Das Management stellt ein und entlässt Arbeiter willkürlich und entlassene Arbeiter erhalten in den meisten Fällen ihre noch ausstehenden Löhne nicht mehr ausgezahlt. Weil die Arbeiter keine freien Wochentage haben, leiden sie und ihre Familien und Kinder an starken psychischen und physischen Problemen.

Die meisten Textilfabriken in Bangladesch beachten auch nicht die grundlegendsten Sicherheitsmaßnahmen. Sie haben nicht einmal die vorgeschriebene Anzahl an Feuerlöschern. Etwa 227 Fabriken nur in Dhaka haben keine Notausgänge. Die meisten Fabriken führen die vorgeschriebenen monatlichen Evakuierungsübungen nicht durch…. Den nationalen Arbeitsstudien zufolge gibt es für die ganze Industrie nur fünf Inspektoren, genauso viele wie in den 1970er Jahren, als sich die Industrie gerade zu entwickeln begann.“

Nachdem sie dieses vernichtende Bild kapitalistischer Ausbeutung gezeichnet hatte, brachte die Wirtschaftszeitung nicht mehr zustande, als einen lahmen, nutzlosen Appell an die Unternehmer und die Regierung, “unseren Textilsektor in Ordnung zu bringen”. Aber Regierung, Unternehmer und globale Konzerne sind in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften damit beschäftigt, die Kritik und den Zorn der Öffentlichkeit in Schach zu halten, damit die Betriebe weiterarbeiten können und die Profite aus dem 19 Mrd.-Dollar-Exportgeschäft weiter fließen.

Die Unternehmen in Bangladesch stehen in scharfem Wettbewerb zu ihren Konkurrenten anderswo in Asien, Afrika und Lateinamerika um Aufträge und Profite. Die Bedingungen und Sicherheitsstandards für die Arbeiter sind in diesen Ländern nicht anders als in Bangladesch.

Im September forderte der schlimmste Fabrikbrand der Welt in Pakistan bei Ali Enterprises fast 300 Menschenleben und war damit noch schlimmer, als der Brand von 1993 in einer thailändischen Spielzeugfabrik mit 188 Toten. Es lief in beiden Fällen gleich ab: keine Notausgänge, verschlossene Türen, keine Brandschutzmaßnahmen, Arbeiter mussten aus den Fenstern springen, oft in den Tod. Nachdem die öffentliche Empörung nachgelassen hatte, ging alles weiter wie vorher.

Die Bedingungen und Sicherheitsstandards werden nicht besser, sondern die globale Wirtschaftskrise zwingt die Firmen, zu sparen und ihren Belegschaften im Konkurrenzkampf mit anderen Konzernen neue Lasten aufzuladen. Löhne und Arbeitsbedingungen in so genannten aufstrebenden Wirtschaften werden zu den Benchmarks für fortgeschrittene kapitalistische Länder. Schon jetzt wird der Lebensstandard in den Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal und Italien, die im Zentrum der europäischen Schuldenkrise stehen, massiv gesenkt.

Tragödien wie der Brand bei Tazreen Fashions werden durch Appelle an Regierungen und transnationale Konzerne nicht aufhören. Solche Verbrechen können nur durch den vereinten Kampf der Arbeiter in aller Welt beendet werden. Sie müssen das barbarische Profitsystem abschaffen und die Gesellschaft auf der Grundlage einer geplanten sozialistischen Wirtschaft neu organisieren. Das ist die revolutionäre Perspektive, für die allein das Internationale Komitee der Vierten Internationale kämpft.