Der Horror von Newtown

18. Dezember 2012

Das Blutbad an einer Schule in der Kleinstadt Newtown im US-Bundesstaat Connecticut hat ganz Amerika schockiert. 28 Menschen sind tot, darunter zwanzig Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren. Der Schütze Adam Lanza riss auch sechs Erwachsene, darunter seine Mutter, in den Tod, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete.

Die Unmenschlichkeit dieses Verbrechens ist zutiefst beunruhigend. Über die individuellen Beweggründe des Mörders hinaus zeigt sie, welches Ausmaß an Brutalität die amerikanische Gesellschaft durchdrungen hat.

Das Massaker vom Freitag ist das vorerst letzte einer ganzen Reihe solcher Vorfälle. Die Vereinigten Staaten haben in ihrer Geschichte wiederholt Ausbrüche von Gewalt erlebt. Aber die letzten beiden Jahrzehnte waren selbst für amerikanische Verhältnisse außergewöhnlich. Die Häufigkeit und das Ausmaß der Massenmorde weisen auf tiefere Ursachen hin.

Die auffälligsten Vorfälle waren der Bombenanschlag von Oklahoma City 1995 mit 168 Toten, darunter neunzehn Kinder, das Columbine Massaker 1999 mit vierzehn Toten und das Virginia Tech Massaker 2007 mit 34 Toten. Alleine dieses Jahr gab es Massaker in einem Kino in Aurora, Colorado, mit zwölf Toten und 58 Verletzten, in einem Sikh Tempel in Oak Creek in Wisconsin mit sechs Toten, einem Schildergeschäft in Minneapolis, Minnesota, mit sechs Toten, in einem Kurort in Brookfield, Wisconsin, mit drei Toten und vor sechs Tagen in einer Einkaufsstraße in Portland, Oregon, mit drei Toten.

Die amerikanischen Medien und das politische Establishment reagieren immer auf die gleiche Weise. Es gibt banale Verlautbarungen über die Unverständlichkeit und Sinnlosigkeit des „Bösen“. Wenn es überhaupt andere Reaktionen gibt, konzentrieren sie sich auf die Notwendigkeit einer „nationalen Verständigung“ über schärfere Waffengesetze und leere Versprechungen, mehr Vorsorge gegen Geisteskrankheiten zu treffen. Diese hohlen Phrasen kommen dann auch noch von Politikern, die alles in ihrer Macht stehende tun, um Programme zur Gesundheitsvorsorge bis zur Unkenntlichkeit zu kürzen.

Die amerikanische herrschende Klasse hat die Fähigkeit der Selbstreflexion verloren. Sie weiß, dass jede ernsthafte Analyse der Wurzeln dieser und anderer Tragödien auf sie selbst und die Gesellschaft, für die sie verantwortlich ist, weisen würde.

Die Rede Präsident Obamas bei einem Gedenkgottesdienst in Newtown am Sonntag war typisch. Sie bestand aus einer Kombination aus altbekannten Phrasen, Schauspielerei und religiösen Versatzstücken. Die ganze Zeremonie war von religiösem Obskurantismus geprägt. Die Eltern der ermordeten Kinder wurden ermuntert, nicht zu trauern oder den Mut zu verlieren, weil ihre Söhne und Töchter im Himmel seien.

“Gott hat sie alle heimgerufen”, erklärte Obama am Ende seiner Rede. Solche Äußerungen sind nicht nur den Familien der Getöteten gegenüber gefühllos, sie beleidigen auch die Intelligenz der amerikanischen Bevölkerung. Man kann die Hinwendung zur Religion als Quelle des Trostes bei denen verstehen, die solch unsägliche Tragödien durchleben. Von Seiten des Staates dient sie nur dem Zweck, die gesellschaftlichen und politischen Wurzeln solcher Ereignisse zu verschleiern.

Wenn Politiker meinen, sich auf Religion berufen zu müssen, dann sollten sie sich fragen, wie Lincoln reagiert hätte. Der 16. Präsident beschrieb das Blutvergießen des revolutionären Krieges, den er anführte, mit den Worten: „Wenn Gott will, dass jeder Tropfen Blut, der mit der Peitsche gefordert wird, mit einem Streich aus einem gezogenen Schwert vergolten wird“, dann „ist das Urteil des Herrn voller Gerechtigkeit. [Aus dem engl.] Die Tragödien dieser Welt (der Bürgerkrieg), betonte Lincoln, sind das Produkt weltlicher Verbrechen (der Sklaverei).

Wofür sind Tragödien wie die von Newtown die Strafe? Weit davon entfernt, unverständlich zu sein, ist das Verbrechen nur zu verstehbar. Die Wurzeln sind in einer Gesellschaft zu finden, die von beispielloser sozialer Ungleichheit geprägt ist, von einer durch und durch rückständigen offiziellen politischen Ideologie ohne einen Hauch fortschrittlichen Inhalts und vor allem von unglaublicher Gewalt seitens des Staates, die von einer Brutalisierung der Gesellschaft als Ganzer begleitet wird.

Die Umstände der Massenmorde weisen auf diesen Zusammenhang hin. Gewisse Merkmale treten immer wieder auf: die Verwendung militär-ähnlicher Waffen, in Uniformen gekleidete Angreifer, die häufige Beteiligung ehemaliger Soldaten.

In den letzten beiden Jahrzehnten haben die USA ununterbrochen Krieg geführt. Der 1992 geborene zwanzigjährige Lanza lebte den größten Teil seines Lebens im „Krieg gegen den Terror“. Neokoloniale Besetzungen, Drohnenangriffe, Folter und Auslieferung von Gefangenen, ständige Angriffe auf demokratische Rechte waren ein regelmäßiger Bestandteil seines Lebens. Er konnte nicht unbeeinflusst bleiben von dem ständigen Schüren von Angst und Paranoia und dem Gefühl, der „Feind“ lauere um jede Ecke.

Obama selbst ist der erste Präsident, der offen das Recht beansprucht, überall auf der Welt Menschen töten zu lassen. Er wendet regelmäßig einen Teil seiner Zeit auf, um die Ziele für Drohnenangriffe auszusuchen. Er weiß genau, dass dabei auch Zivilisten, Frauen und Kinder umgebracht werden. Zurückhaltende Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Pakistan 3.365 Menschen von Drohnen getötet worden sind, darunter 176 Kinder.

Diese Mordanschläge des amerikanischen Militärs werden von der Regierung und den Medien bejubelt. Soldaten, die weggeschickt werden, um in andere Länder einzufallen und sie zu besetzen, werden als „Helden“ verehrt. Navy Seals und Sondereinheiten, die die schmutzige Arbeit des amerikanischen Militärs erledigen, werden glorifiziert. Kann irgendjemand glauben, die USA könnten weltweit Gewalt verüben, ohne im Inland tödliche Gewalt zu erfahren?

In den nächsten Tagen werden mehr Informationen auftauchen und Licht auf die individuellen Motive hinter dem jüngsten Massaker werfen. Allen Berichten zufolge war Lanza ein zutiefst gestörter junger Mann. Anders wäre ein solches Verbrechen nicht möglich. Aber die individuelle Psychologie und ihr konkreter Ausdruck sind nicht zuletzt das Produkt einer zutiefst kranken Gesellschaft.

der Redaktion

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