Das amerikanische Establishment und die köngliche Schwangerschaft

Von David Walsh
15. Dezember 2012

Die Bekanntmachung der Schwangerschaft von Kate Middleton, der Ehefrau des britischen Prinzen William und Herzogin von Cambridge, löste peinliche und schrilltönende Entzückensbekundungen der amerikanischen Medien sowie des Establishments schlechthin aus.

Was soll diese Borniertheit? Oder ist es mehr als bloße Borniertheit?

Da die Rede zunächst von den amerikanischen Medien ist: natürlich, gerade hier fühlt sich die Idiotie in ihren ureigensten vier Wänden; daneben sieht man die notorischen Anstrengungen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von der sozialen Katastrophe und den endlosen Kriegen und Kriegsdrohungen abzulenken.

Monatelang warteten die großen Fernsehanstalten, Kabelkanäle und Wochenmagazine gebannt auf das, was ABC News am 3. Dezember „die mit innigster Sehnsucht erwartete Schwangerschaft“ titulierte. Fox News, im Besitz von Rupert Murdoch, erklärte sich „überglücklich“ über die „königliche Schwangerschaft“ und besorgte sich lediglich über „Kates Gesundheitszustand“. „Als die Nachricht über die Schwangerschaft der Herzogin von Cambridge am Montag bekannt wurde, ging ein Jauchzen und Frohlocken um die Welt“, wusste Time zu berichten.

Der Brite Alex Massie bemerkte am 5. Dezember in Newsday, die Medien in den Vereinigten Staaten seien „in eine ihrer periodischen Manien für das britische House of Windsor verfallen und stürzen sich taumelnd über Bord.“ Die Kunde über das herzogliche Paar von Cambridge „versetzte einen Großteil der amerikanischen Presse in vertraute ekstatische Erregtheit.“

Diese selbe Presse dichtet ihre eigene Manie der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit an. Ein Reporter von Associated Press ließ seine Leser wissen: “Ein britischer Thronerbe ist unterwegs – und Amerikaner sind ebenso bezaubert wie Briten. Diese ehemalige Kolonie ist mitgerissen von den königlichen Neuigkeiten, dass die ehemalige Kate Middleton in Umständen ist.“ Er sollte nur für sich selbst sprechen. Dem flüchtigen Beobachter zeigt sich das Land gegenüber der bevorstehenden Ausdehnung der britischen Königsfamilie ebenso apathisch wie gegenüber dem Sack Reis, der in China umfiel.

Zweifellos aber sind diverse TV-Moderatoren, Klatschkolumnisten und Lästerzungen, die als Journalisten posieren, außer sich vor Glück.

Jane Velez-Mitchell von CNN fragte Montagabend ihre Zuschauer: “Sind Sie aufgeregt? Ich bin es. Wir erhalten Sondermeldungen…Seit dem Moment, als sie [der Prinz und seine Frau] das Kirchenschiff hinunter schritten, kursieren Gerüchte, dass das hochberühmte Paar einer Niederkunft harrt. Doch heute Abend, anderthalb Jahre nach ihrer Hochzeit, haben wir die Bestätigung erhalten: der Herzog und die Herzogin von Cambridge erwarten ein Baby – Juhu! – und einen Thronerben.“

In der Abendshow “Showbiz Tonight,” ausgestrahlt vom CNN-Ableger HLN, bemerkte Moderator A.J. Hammer: „Wir sahen gerade die Reaktion auf die bloße Neuigkeit, dass Catherine schwanger ist. Was aber passiert, wenn sie Zwillinge bekommt? Das würde wie eine Atombombe einschlagen und entsprechend Babynachrichten produzieren.“ Er fragte Rosie Pope, seinen Gast: „Sie können hören, wie mein Kopf explodiert, nicht wahr?“

“Auch mein Kopf explodiert,” war Popes Antwort. „Es ist – mir fehlen die Worte, wenn ich nur darüber nachdenke. Ich meine, diese Möglichkeit ist unglaublich aufregend, wenn auch unwahrscheinlich.“

In einer kurzen Stellungnahme am 3. Dezember sagte Jay Carney, Pressesprecher des Weißen Hauses, zu den Medien: „Im Namen aller hier im Weißen Haus, angefangen mit dem Präsidenten und der First Lady, übermitteln wir unsere Glückwünsche an den Herzog und die Herzogin von Cambridge, denn wir erhielten heute Morgen die Nachricht, dass sie ihr erstes Kind erwarten.“

Nominell jedenfalls bleiben die Vereinigten Staaten eine Republik. Warum muss der amerikanische Präsident überhaupt Glückwünsche an die britische königliche Familie übermitteln, die aus nichts weiter als aus wohlhabenden Parasiten, Kleingeistern und Schafsköpfen besteht?

Der amerikanische Unabhängigkeitskampf (1775-1783) war ein außerordentlich wichtiges welthistorisches Ereignis. Ungefähr 25.000 amerikanische Revolutionäre starben in diesem Konflikt, davon etwa 8.000 auf dem Schlachtfeld und 17.000 an Krankheiten. Nicht weniger als 12.000 kamen in britischer Gefangenschaft ums Leben, zumeist auf verrottenden Gefängnisschiffen. Schätzungen gehen von 25.000 Verwundeten aus. Die Gesamtzahl der Betroffenen wird folglich auf mindestens 50.000 beziffert, zusätzlich zu tausenden Zivilisten. Diese Zahlen stehen in Relation zur Bevölkerungsgröße von nur 2,4 Millionen.

Die frühen Kolonisten erklärten auf der Grundlage, dass alle Menschen gleich geschaffen seien, in offenem Ungehorsam gegen König Georg III. und das Prinzip des Königtums, die Unabhängigkeit. Die Generation, welche die Unabhängigkeit von Großbritannien verfocht und für sie kämpfte, verachtete die Monarchie als Institution.

Zum Beispiel schrieb der Autor des Gesunden Menschenverstandes, der Radikale Thomas Paine: „Wir haben dem Übel der Monarchie das der Erbfolge beigefügt. Wie die erste eine Erniedrigung und Geringschätzung unserer selbst ist, so ist die zweite, wenn sie als eine Sache des Rechtes beansprucht wird, eine Beleidigung und Betrügerei für die Nachwelt. Denn da alle Menschen ursprünglich gleich waren, so konnte kein Einzelner von Geburt das Recht haben, seine eigene Familie in beständiger Bevorzugung vor allen anderen für ewige Zeiten obenan stellen (…). Einer der stärksten natürlichen Beweise der Torheit der Erbfolge bei Königen ist, dass die Natur sie missbilligt, sonst würde sie dieselbe nicht so häufig ins Lächerliche ziehen, indem sie der Menschheit einen Esel für einen Löwen gibt.“[1]

Thomas Jefferson begegnete dem Königtum mit grenzenloser Verachtung. In einem Brief aus dem Jahr 1788, den er George Washington aus Frankreich sandte, bemerkte er: „Bevor ich nach Europa ging, war ich ein großer Feind der Monarchien. Seitdem ich sah, was sie sind, bin ich es zehntausendfach mehr. Es gibt schwerlich ein in diesen Ländern bekanntes Übel, das nicht seine Spur zum König als seinem Ursprung zurückverfolgen ließe, oder ein Gut, das nicht abgeleitet wäre von den zarten Fasern des Republikanismus, der unter ihnen existiert.“

1810 bemerkt Jefferson in einem Brief, nicht nur der König von England sei „eine Null“, sondern der gesamten Brut der europäischen Königshäuser erginge es wie „jeder Tierart“, die, eingesperrt „in Müßiggang und Reaktion, ob im Schweine-, im Pferdestall oder einem Prunksaal,“ in jeder Weise verzärtelt und zufrieden gestellt und „allem was zum Denken anregen könnte“ beraubt ist: in wenigen Generationen werden sie „bloßer Körper, des Geistes bar.“ Nachdem er verschiedenen europäischen Königen und Königinnen seiner Zeit zugehört hatte, beschrieb er sie als „Narren“, „Idioten“ oder „echt verrückt.“ Jefferson beendete seinen Brief mit einer biblischen Abwandlung: „Und so schloss das Buch der Könige, vor all denen Gott uns bewahre.“

Die zweite amerikanische Revolution, der gegen die Macht der Sklavenhalter geführte Bürgerkrieg, wurde von den meisten fortschrittlichen Elementen im Norden als Teil des weltweit stattfindenden Kampfes gegen Aristokratie und Königtum und als Schlag für den Republikanismus verstanden.

Abraham Lincolns Argumentation verlief in ebendiesen Bahnen: “Es gibt zwei Prinzipien, die von Beginn aller Zeiten an sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen; und die ewig miteinander ringen werden. Das eine ist das allgemeine Menschenrecht, das andere das göttliche Recht der Könige. Letzteres ist stets dasselbe Prinzip, in welchen Formen es sich auch entwickeln mag. Es ist dieselbe Geisteshaltung, die besagt: ‚Du arbeitest und plagst dich ab, ich aber esse es.‘

Es ist unwesentlich, in welcher Verkleidung es daherkommt, ob aus dem Munde eines Königs, der danach trachtet, das Volk seiner eigenen Nation zu unterdrücken oder aus demjenigen von Menschen einer bestimmten Hautfarbe, die diese zur Rechtfertigung gebrauchen, Menschen einer anderen Hautfarbe zu versklaven. Es ist dasselbe tyrannische Prinzip.“

Die vortrefflichsten Persönlichkeiten der amerikanischen Kultur und ihres gesellschaftlichen Lebens des späten 19. Jahrhunderts, mit Mark Twain an herausragender Stelle, teilten diese Animosität gegenüber dem Königtum. Keiner, der Ein Yankee aus Connecticut an König Artus‘ Hof (1889) gelesen hat, wird Twains Verteidigung des „Terrors“ der Französischen Revolution vergessen, oder sein etwas blutrünstiges Eintreten für die Ausrottung des Adels schlechthin.

Twain bemerkte außerdem, dass “niemals ein Thron bestand, der nicht ein Verbrechen repräsentierte” und: „Die Institution des Königtums in jeglicher Form beleidigt das Menschengeschlecht.“

In seinem Notizenbuch von 1888 regte der Schriftsteller an: “Lasst uns die jetzigen männlichen Monarchen der Erde herauspicken – und sie entkleiden. Mischen wir sie unter 500 nackte Handwerker und lassen sie dann gemeinsam eine Runde in der Zirkusarena drehen, natürlich nur mit Zutritt ab achtzehn Jahren – und lassen wir dann das Publikum die Oberhäupter heraussuchen. Sie wären außerstande. Man müsste sie blau anpinseln. Außer an ihren Kleidungsstücken lassen sich Könige nicht von Kupferschmieden unterscheiden.“

Was also soll dieses erbärmliche infantile Babygebrabbel der jetzigen Herrschenden Amerikas und ihrer Presseagenten vor der Windsor-Familie, die das britische Volk jährlich hunderte Millionen Pfund kostet und deren privates, unrechtmäßig erworbenes Vermögen unüberschaubar ist (im Jahr 2010 schätzte Forbes das Nettovermögen von Königin Elisabeth II. auf beinahe eine halbe Milliarde Dollar)?

Die treffendste Antwort liefert ein Blick auf die veränderten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in Amerika. Die Vereinigten Staaten werden heute von einer Großfinanz- und Wirtschaftsaristokratie regiert, die unendlich mehr mit George III. und Jefferson Davis[2] gemein hat als mit Paine, Jefferson, Lincoln, den Abolitionisten[3], Twain und jeglicher anderer fortschrittlichen Person der US-Geschichte.

Kann sich jemand vorstellen, dass dieses Rudel aus „Tories“ (diejenigen, die während des Revolutionskrieges loyal zur Krone standen) und „Copperheads“ (Südstaatenanhänger während des Bürgerkrieges), welches Amerika gegenwärtig führt, dem britischen Monarchen oder den Sklavenhaltern im Süden Widerstand geleistet hätte? Nicht für eine Sekunde, sie sind aus demselben menschlichen und sozialen Holz geschnitzt.

Amerikas Multimillionäre und Milliardäre sowie deren Mitläufer beneiden die „Legitimität“ des britischen Königtums und die Mistgrube der Aristokratie. Sie begehren höchstselbst nach solchen Rängen und verachten den „einfachen Mann“ mit derselben Inbrunst, wie die Aristokraten früherer Zeitalter.

Sie würden Alexander H. Stephens zustimmen, dem Vizepräsidenten der Konföderation (einer Figur in Steven Spielbergs Spielfilm Lincoln), der in einer Ansprache im März 1861 bemerkte, dass die alte Konföderation, bekannt als die Vereinigten Staaten, „auf der abwegigen Idee gründete, alle Menschen seien gleich geschaffen.“ (James McPherson: This Mighty Scourge, 2007.


[1][1] Thomas Paine: Gesunder Menschenverstand (1776), in: Die politischen Werke in zwei Bänden, Band 1, Philadelphia 1852, S. 9-10 [deutschsprachige Ausgabe, Orthographie angepasst].

[2] Jefferson Davis (1808-1889), Präsident der konföderierten Süd-Staaten, den Sklavenhalterstaaten, während des amerikanischen Sezessionskrieges 1861-1865.

[3] Abolitionisten = Anhänger der Abschaffung der Sklaverei.

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