Afghanistan als Modell für den Neokolonialismus des 21. Jahrhunderts

8. Januar 2013

Während die Frist für das Ende der Nato-Operationen in Afghanistan näher rückt, berichtet die New York Times von Vorbereitungen der Obama-Regierung, eine dauerhafte Militärpräsenz im Land zu halten. Diese Pläne zeigen den räuberischen, neokolonialen Charakter der Besatzung unter amerikanischer Führung.

Laut der Times hat der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, General John Allen, dem Pentagon drei Optionen vorgelegt, wie es nach dem angenommenen Abzug der „Kampftruppen“ Ende 2014 weitergehen kann. Eine sieht vor, 6000 Soldaten im Land zu behalten, die andere erfordert 10.000 Soldaten, die dritte 20.000.

Wie anonyme Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums erklärten, haben alle drei Vorschläge gemeinsam, dass weiterhin Kommandos der Spezialkräfte im Land sein werden, um „Aufständische zu jagen“. Weitere US-Truppen sollen die afghanischen Sicherheitskräfte durch Luftunterstützung, Logistik und Ausbildung unterstützen.

All das wird weiterhin mit dem fadenscheinigen Vorwand des „Kriegs gegen den Terror“ gerechtfertigt. In Wirklichkeit hat Afghanistan in den letzten zwölf Jahren ein endloser blutiger Krieg getobt, und das Land wurde zur Operationsbasis, von der aus das amerikanische Militär seinen Einfluss in der Region ausgeweitet hat.

Präsident Obama hat den Konflikt bereits zum „AfPak“-Krieg ausgeweitet, indem er den Nachbarstaat Pakistan mit Drohnen angreifen lässt. Afghanistan spielt zweifellos eine wichtige Rolle in den Plänen des Pentagons für einen Krieg gegen den Iran und als strategisch wichtiger Vorposten für amerikanische Pläne und Intrigen in den zentralasiatischen Republiken.

Um Afghanistan auf dem Status einer Halbkolonie zu halten, unterstützen die USA das korrupte Regime des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Der wahre Grund, warum eine große Anzahl von Spezialkräften im Land bleiben soll, die für ihre nächtlichen Überfälle und Massenmorde berüchtigt sind, ist es, die Bevölkerung einzuschüchtern und zu terrorisieren, die der ausländischen Besatzung zutiefst feindselig gegenübersteht. Die wachsende Zahl von „Grün gegen blau“-Vorfällen – in denen afghanische Soldaten und Polizisten auf ausländische „Verbündete“ Soldaten losgehen – zeigt, dass die weitere amerikanische Präsenz wütend abgelehnt wird.

Allens Vorschläge bereiten Treffen zwischen Obama und Karsai in Washington vor, in denen es um die Bedingungen für eine amerikanische Militärpräsenz nach 2014 geht. In den Medien werden sie als Verhandlungen zwischen den Staatschefs von eigenständigen Ländern dargestellt. Das ist eine absurde und groteske Verzerrung der Realität.

Karsai und seine Regierung sind völlig von Washington abhängig. Die Wirtschaft des Landes hängt am Tropf von internationalen Hilfsgeldern. Die afghanischen Sicherheitskräfte werden von den USA und ihren Verbündeten finanziert und sind auf ihre militärische Unterstützung angewiesen. Laut der jüngsten Auswertung des Pentagons ist nur eine der dreiundzwanzig Brigaden des afghanischen Heeres in der Lage, eigenständig zu handeln.

Die Obama-Regierung hält an ihrer Forderung fest, dass amerikanische Soldaten und ziviles Personal nach 2014 Immunität gegenüber der afghanischen Justiz genießen müssen. Die USA behaupten, keine dauerhaften Stützpunkte in Afghanistan anzustreben. Aber gemeinsam genutzte Stützpunkte, in denen das amerikanische Militärpersonal völlige Handlungsfreiheit genießt, werden den Zielen des Pentagons genauso dienen.

Die USA und ihre Verbündeten sind bereit, für ein afghanisches Militär zu zahlen, das ihren Interessen dient, nicht aber dafür, die Stellung ihres Marionettenregimes zu stärken.

Afghanistan ist ein Testfall für den Neokolonialismus des 21. Jahrhunderts geworden. Die Besetzung des Landes diente als Vorbild für die Operationen unter amerikanischer Führung im Irak, in Libyen und jetzt in Syrien, mit denen Washington seine wirtschaftliche und strategische Vorherrschaft über die ölreichen Regionen des Nahen Ostens und Zentralasiens ausweiten will.

Das US-Militär und die Geheimdienste haben Erfahrung in der Einschüchterung, Terrorisierung und Ermordung einer feindseligen Bevölkerung, der Korruption von Söldnern und Agenten, der Manipulation von Stammes- und ethnischen Rivalitäten und der Einsetzung und Aufrechterhaltung gefügiger Regierungen gesammelt. Das Vorgehen ähnelt auf unheimliche Weise dem europäischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert, auch wenn die Technologie moderner ist als die damalige.

Washingtons Interventionen in Libyen und Syrien haben den „Krieg gegen den Terror“, der zuerst als Vorwand für die amerikanische Invasion von Afghanistan diente, als Betrug entlarvt. Um die Regierungen von Libyen und Syrien zu stürzen, haben das Pentagon und die CIA sunnitische Milizen unterstützt, darunter auch einige, die mit Al Qaida zusammenarbeiten. In vielen Fällen kamen die Waffen und das Geld von amerikanischen Verbündeten vom Persischen Golf: den despotischen Regimes von Saudi-Arabien und den Golfstaaten.

Afghanistan entlarvt die Behauptung, die USA brächten „Demokratie“ in den Nahen Osten, als Lüge. Wahlen werden manipuliert. Das afghanische Parlament ist ein Sammelbecken von proamerikanischen Fraktionen, darunter berüchtigten Warlords und Milizführern. Sollte jemals ein freies Referendum über die ausländische Besatzung gehalten werden, so würde eine klare Mehrheit dagegen herauskommen. Nach dem gleichen Modell wird auch in Tripolis verfahren, später auch in Damaskus.

Der Widerstand gegen die Besetzung von Afghanistan bleibt nicht auf das Land beschränkt. Meinungsumfragen in den USA und den verbündeten Staaten zeigen, dass eine Mehrheit gegen den Krieg ist. Dennoch findet dieser Widerstand in den etablierten Medien und Parteien keinen Ausdruck.

Die sogenannten Liberalen und Ex-Linken, die die Massenproteste gegen den Irakkrieg unterstützten, brachten die Protestbewegung nach Obamas Amtsübernahme schnell zum Schweigen. Diese Organisationen sind zu Unterstützern der neuen Kriege der Obama-Regierung für „Demokratie“ in Libyen und Syrien geworden.

Die treibende Kraft hinter diesen neokolonialen und militaristischen Machenschaften ist die zunehmende weltweite Krise des Kapitalismus. Während die Obama-Regierung im eigenen Land Krieg gegen die Arbeiterklasse führt, versucht sie verzweifelt, Amerikas Hegemonie weltweit gegen Washingtons europäische und asiatische Rivalen zu verteidigen, vor allem gegen China. Das Ergebnis sind verschärfte Spannungen zwischen den Großmächten und die wachsende Gefahr eines katastrophalen weltweiten Konflikts.

Eine echte Antikriegsbewegung kann sich nur auf Grundlage einer Perspektive entwickeln, die gegen die Ursache von Krieg, Militarismus und Neokolonialismus vorgeht: gegen das Profitsystem. Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass es zwecklos ist, an kapitalistische Regierungen und Parteien zu appellieren. Ein Kampf gegen den Krieg muss auf der unabhängigen Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse zum Sturz des Kapitalismus‘ und der Errichtung des Sozialismus beruhen.

Peter Symonds