Imperialismus plant in Afrika „Krieg über Jahrzehnte hinweg“

24. Januar 2013

Die französische Intervention in Mali und die blutige Belagerung und Geiselnahme in Algerien sind ein Wendepunkt im neuen imperialistischen Wettlauf um Afrika.

Schon in Libyen haben USA und Nato einen Regimewechsel durch Krieg erzwungen, und in Syrien hat die Regierung in Washington konfessionellen Krieg angestachelt. Mit der Eskalation in Mali stürzt die Menschheit nun endgültig wieder in gewaltsame Kämpfe um Einflussgebiete, Märkte und Ressourcen, was bedeutet: die Großmächte kämpfen um eine Neuaufteilung der Welt.

Es gibt Grund zu der Annahme, dass diese Rekolonialisierung großer Teile des Planeten noch blutiger sein wird und mit noch mehr Unterdrückung einhergehen wird als die ursprüngliche Kolonialisierung Afrikas.

Wie im Libyenkrieg hat Frankreich die Führung übernommen. Es schlägt mit Kampfflugzeugen zu und lässt seine Kriegshunde, die Fremdenlegion, in Mali marschieren. Aber auch die anderen imperialistischen Mächte haben deutlich gemacht, dass sie sich mit der Rolle des Zuschauers nicht zufrieden geben.

Der britische Premierminister David Cameron hat versprochen, Großbritannien werde in Zusammenarbeit mit anderen Mächten „den gesetzlosen Raum“ in Nordwestafrika „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln schließen“. Cameron bezeichnete die Entwicklung in Mali und seinen Nachbarländern als „globale Bedrohung“ und begründete damit, warum sie eine „globale Antwort“ verlange, „und zwar über Jahre, sogar Jahrzehnte, und nicht nur über Monate hinweg“.

Die Obama-Regierung reagierte auf die Ereignisse in Mali ursprünglich vorsichtig. Sicher wollte sie vermeiden, in eine Situation zu geraten, in der sie einem imperialistischen Konkurrenten, womöglich auf Kosten der eigenen, räuberischen Bestrebungen, in Afrika helfen würde. Aber mit der algerischen Geiselkrise, die mindestens achtzig Todesopfer forderte, darunter drei Amerikaner, hat die Regierung in Washington klar gemacht, dass sie sich aggressiv einmischen werde.

US-Verteidigungsminister Leon Panetta kommentierte am Freitag: “Wir haben die Verantwortung, al-Qaida überall zu jagen, wo sie ist. Wir jagen sie in den FATA (Zentral verwaltete Stammesgebiete Pakistans), wir jagen sie in Somalia und im Jemen. Wir haben auch die Verantwortung, zu verhindern, dass al-Qaida sich in Nordafrika und Mali festsetzt.“

Die Botschaft ist unmissverständlich. Mali und die Region sollen zu einer neuen Front für die globale amerikanische Tötungsmaschinerie werden, anfänglich durch den Einsatz von Predator-Drohnen und Hellfire-Raketen.

Die USA haben auch bekannt gegeben, dass sie Spezialtruppen als “Ausbilder” und “Berater” in sechs Länder schicken werden, und zwar nach Niger, Nigeria, Burkina Faso, Senegal, Togo und Ghana. Diese Länder sollen Truppen für eine afrikanische Streitmacht stellen, die von der Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanischen Staaten (ECOWAS) als Hilfstruppe für die imperialistische Intervention zusammengestellt werden soll. Die USA werden auch Flugkapazitäten zur Verfügung stellen, um die Truppen nach Mali zu schaffen.

So sieht die Realität hinter den hehren Bekenntnissen in Obamas Amtseinführungsrede aus. Am Montag hatte er erklärt: „Ein Jahrzehnt von Kriegen geht zu Ende“. Nur ein Tag zuvor hatte Cameron erklärt, der Krieg in Afrika habe gerade erst begonnen.

Wir sind in eine Periode eingetreten, in der jeder Krieg schon die Saat des nächsten in sich trägt. Auf Libyen folgte Syrien und jetzt Mali, und alles innerhalb von weniger als zwei Jahren.

Der Zusammenhang zwischen diesen Kriegen wird in den Medien nur selten angesprochen. Über jede neue Krise wird hektisch berichtet, von den Kämpfen in Mali bis zum Geiseldrama in der Gasförderanlage in Algerien, als ob das völlig unerklärliche Gewaltausbrüche seien, als ob sie nur als Kampf des Guten gegen das Böse, d.h. als Teil des globalen Kriegs gegen den Terror, zu verstehen seien.

Die Nachrichtensendungen verzichten in ihren höflichen Berichten auf das Wort „Rückschlag“. Dabei geht es genau darum. Der Krieg der USA und der Nato für den Regimewechsel in Libyen hat die ganze Region destabilisiert. Er bewirkte, dass Tuareg, von denen viele in Gaddafis Sicherheitsdiensten gedient hatten, nach Mali zurückströmten, weil die von der Nato unterstützten „Revolutionäre“ in Libyen Jagd auf Schwarze machten und sie ermordeten.

Die Tuareg sind ein Nomadenvolk in der Sahelzone, der Region am Rande der Sahara. Sie leben in Nordmali, Niger, Marokko, Algerien, Libyen und Burkina Faso.

In Mali haben Unterdrückung und Vernachlässigung durch die Zentralregierung seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960 schon zu vier größeren Revolten geführt. Ähnliche Revolten fanden im benachbarten Niger statt. Der Zuzug von Tuareg aus Libyen, die auch größere Mengen Waffen mit sich führten, löste die jüngste Revolte aus, die noch dadurch Zulauf erhielt, dass Tuareg-Soldaten und –Offiziere in größerer Zahl aus der malischen Armee desertierten.

Die nicht religiösen Tuareg-Nationalisten wurden allerdings schnell von besser bewaffneten und gesponserten islamistischen Kräften verdrängt. Der Krieg der USA und der Nato in Libyen hat diese Gruppen enorm gestärkt. Die Washingtoner Regierung hat sie als Stellvertreter am Boden gegen Gaddafi eingesetzt, sie bewaffnet und finanziert. Auch im Krieg für den Regimewechsel in Syrien werden sie heute mit Waffen und Geld ausgestattet und als Elitetruppen gegen das Assad-Regime eingesetzt. Man kann die amerikanische Politik im Nahen Osten und Afrika nicht verstehen, wenn man nicht sieht, dass Washington faktisch im Bündnis mit Al-Qaida-Gruppen steht.

Die Organisation Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), das neue Gespenst im “Krieg gegen den Terror”, ist – wie schon ihre Vorgänger in Afghanistan – ein Frankensteinmonster des westlichen Imperialismus. Sie rekrutiert sich aus Kräften, die in den 1980er Jahren mit Unterstützung der USA nach Afghanistan reisten, um gegen das von der Sowjetunion gestützte Regime in Kabul zu kämpfen. Dann kehrten sie nach Hause zurück.

In den 1990ern kämpften sie im blutigen Bürgerkrieg in Algerien. Damals unterstützte der amerikanische und französische Imperialismus die Machtübernahme des algerischen Militärs, um den Wahlsieg der Islamischen Heilsfront zu verhindern. Den Repressionen auf beiden Seiten fielen über hunderttausend Algerier zum Opfer.

Die algerische Regierung erhebt den Vorwurf, dass AQIM, ähnlich wie die von den USA unterstützten „Rebellen“ in Syrien, von Washingtons wichtigem Verbündeten Katar finanziert werde. Und schon vor dem aktuellen Konflikt war bekannt, dass AQIM und ähnliche Gruppen die stillschweigende Unterstützung der malischen Zentralregierung genossen. Die Regierung in Mali, die von den USA und Frankreich unterstützt wurde, betrachtete die Islamisten als nützliches Gegengewicht zu den Tuareg.

Und heute sollen wir glauben, dass diese Kräfte plötzlich zu einer “globalen” Bedrohung geworden seien, die jederzeit “die Heimat” angreifen könnten.

Bei der Ausweitung des Kriegs geht es weder um Terror noch um al-Qaida. Das Time Magazin hat die wahren Motive in Mali überzeugend dargelegt: „Die Gefahren dräuen von woanders her. Riesige Ölreserven ziehen westliche Konzerne an, die in der weiten Sahelzone die Förderung aufnehmen wollen. Südlich von Algerien und Mali liegt Niger, ein bettelarmes Wüstenland mit der weltweit viertgrößten Uranerzförderung, das die französischen Atomkraftwerke mit ihrem Brennstoff versorgt. Östlich von Algerien liegt Libyen, wo mehrere westliche Konzerne einige der größten Ölvorkommen Afrikas ausbeuten.“

Der US-Imperialismus und die ehemaligen Kolonialmächte Afrikas in Europa sind entschlossen, die Kontrolle dieser Bodenschätze nicht aus den Händen zu geben. China hat ihnen als größter einzelner Handelspartner Afrikas den Rang abgelaufen, und es liegt auch als ausländischer Investor weit vor ihnen. Deshalb greifen Washington und die europäischen Mächte jetzt zu militärischen Interventionen, um ihren wirtschaftlichen Niedergang auszugleichen.

Wie schon vor über hundert Jahren, beim damaligen Wettlauf um Afrika, drohen auch heute die interimperialistischen Rivalitäten wieder in einen Weltkrieg zu münden.

Bill Van Auken