Milliardären geht es immer besser

– während der allgemeine Lebensstandard sinkt

12. Januar 2013

Die einhundert reichsten Personen der Welt haben dem Bloomberg Milliardärs-Index zufolge 2012 ihren Reichtum um weitere 241 Milliarden Dollar vermehrt. Die Top 100 besitzen auf der Grundlage der Börsenwerte am 31. Dezember zusammen 1,9 Billionen Dollar oder im Durchschnitt zwanzig Milliarden Dollar pro Person.

Wenn die Top 100 ein eigener Staat wären, würde ihr addierter Reichtum das Bruttoinlandsprodukt von allen Ländern bis auf acht übersteigen. Sie würden hinter Italien, aber vor Indien und Russland rangieren. Als Milliarden-schwere Kapitalisten produzieren die Top 100 natürlich selbst nichts, sondern sie besitzen und ernten die Früchte der Arbeit anderer.

Die wichtigste Quelle, aus der sich der zusätzliche Reichtum der Superreichen speist, sind die globalen Aktienwerte, die nach dem MSCI World-Index um 13,2 Prozent weltweit gestiegen sind und in den USA nach dem S&P 500 um 13,4 Prozent. Der Stoxx Europa 600 Index ist seit Juni um knapp zwanzig Prozent gestiegen, seitdem die Investoren zur Auffassung kamen, dass die griechische Schuldenkrise nicht unmittelbar in den Zusammenbruch der Eurozone münden werde.

Neun der zwölf reichsten Milliardäre und 37 der Top 100 Milliardäre leben in den Vereinigten Staaten. Das Gesamtvermögen der amerikanischen Multimilliardäre macht die Hälfte des Gesamtvermögens aus. Europa mit Russland folgt mit 34 Milliardären, gefolgt von Asien mit vierzehn und Lateinamerika mit elf Milliardären.

Der größte Gewinner unter den Top 100 war Amancio Ortega aus Spanien, der 76-jährige Gründer der Einzelhandelskette Inditex SA, der unter anderem den Textileinzelhändler Zara betreibt. Sein Vermögen stieg von 35,3 Milliarden Dollar auf 57,5 Milliarden. Das katapultierte ihn in der Bestenliste auf den dritten Platz vor dem amerikanischen Investor Warren Buffet. Vor ihm platziert sind nur die beiden langjährigen Spitzenreiter des Index’: der mexikanische Banken-, Telecom- und Medienmogul Carlos Slim und Microsoft-Gründer Bill Gates.

Ortega profitierte von dem Trend, der Einzelhandelsunternehmern die größten Gewinne des Jahres bescherte. Sie wurden um zwanzig Prozent reicher. Andere Einzelhändler sind IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, 86 Jahre und der fünftreichste Mann der Welt, Jeff Bezos von Amazon und die vier direkten Erben von Wal-Mart-Gründer Sam Walton.

Dieser Anstieg war umso bemerkenswerter, als die Konsumausgaben seit dem Wall Street Krach 2008 im Wesentlichen stagnieren. Die Einzelhandelsbosse steigern ihr Vermögen nicht deshalb so sehr, weil ihre Verkäufe steigen, sondern weil ihre kleineren Konkurrenten von der Krise ruiniert werden, wodurch die Großen der Branche Monopolprofite erzielen. Bezos zum Beispiel fügte seinem Nettovermögen 2012 6,9 Milliarden Dollar hinzu, weil der Rivale Borders Bankrott gegangen war. Das führte zur Vernichtung von 20.000 Arbeitsplätzen.

Das Auseinanderdriften der steigenden Vermögen der Milliardäre und des sinkenden Lebensstandards der Massen ist ein wesentliches Merkmal des globalen Kapitalismus. Nirgendwo ist der Kontrast schärfer als in Spanien, wo Senor Ortega, der Gründer von Inditex und seiner 1.600 Zara-Läden, allein 2012 sein Vermögen um 22,2 Milliarden Dollar steigern konnte.

Die kapitalistische Krise bedeutet für die arbeitende Bevölkerung Spaniens eine Katastrophe. Das Haushaltsvermögen ist im Durchschnitt um acht Prozent gefallen. In ganz Europa ist nur das in Depression versunkene Griechenland schlechter dran. Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit haben mit 26,6 und 56,5 Prozent Rekordwerte erreicht. Die rechte Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy hat eine Serie von scharfen Kürzungen der Staatsausgaben durchgeführt und das Bildungssystem und andere wichtige soziale Dienste attackiert.

Während die spanische Arbeiterklasse die schlimmsten wirtschaftlichen Bedingungen seit der großen Depression erleidet, besitzt ein einzelner Milliardär ein persönliches Vermögen, das größer ist als die Gesamtsumme der Kürzungen der Rajoy-Regierung. Ortegas Reichtum von 57,5 Milliarden Dollar hätte ausgereicht, um den Bailout des spanischen Bankensystems im letzten Monat in Höhe von 52 Milliarden Dollar zu finanzieren. Und er hätte immer noch Milliarden übrig. Stattdessen hat dieser Bailout den spanischen Staatshaushalt in ein tiefes Chaos gestürzt.

Seit einigen Monaten ist Spanien Schauplatz unglaublicher sozialer Tragödien, wie in den dunkelsten Tagen des Franco-Faschismus. Opfer von Zwangsräumungen begehen Selbstmord, und Arbeitslose und Rentner durchsuchen den Abfall nach Essbarem.

Wenn im menschlichen Körper eine kleine Gruppe von Zellen beginnt, unkontrolliert auf Kosten anderer Zellen und des Organismus’ als Ganzem zu wuchern, dann hat die Medizin dafür einen Begriff: Krebs. Im gesellschaftlichen Organismus des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts spielen die Superreichen diese bösartige und zerstörerische Rolle.

Die Ärzte versuchen, den Krebs im menschlichen Körper mit verschiedenen Methoden zu zerstören, um den Menschen zu retten. In der kapitalistischen Gesellschaft hingegen wird das Wachstum der Superreichen enthusiastisch als Quelle allen Fortschritts begrüßt. Der gesellschaftliche Krebs wird als „Jobmotor“ bezeichnet, und das gesamte politische System verbeugt sich vor ihm.

Patrick Martin