63. Internationales Berliner Filmfestival

Was Ken Loach aus The Spirit of ’45 macht

Teil 3

Von Stefan Steinberg
9. März 2013

Dies ist der dritte Teil einer Artikelserie zum 63. Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013. Teil 1 wurde am 5. März veröffentlicht und Teil 2 am 7. März.

In seiner neuesten Dokumentation The Spirit of ’45, zeigt sich der britische Altmeister, Regisseur Ken Loach (geboren 1936), sowohl künstlerisch als auch politisch von seiner schwächsten Seite. Der Film, der seine Premiere bei der Berlinale hatte und Mitte März in Großbritannien anlaufen wird, kombiniert Archivmaterial und Interviews, um die Verstaatlichung bedeutender Industriezweige zu thematisieren, welche die Labour-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt hatte.

The Spirit of '45

Die sehr deutliche politische Botschaft des Films soll offensichtlich in die aktuellen politischen Debatten innerhalb Großbritanniens eingreifen. Sie erfordert eine sorgfältige Prüfung. The Spirit of ’45, Loachs erste Dokumentation seit 1998, beginnt mit bekanntem Archivmaterial, das junge Paare zeigt, die im Mai 1945 in den Springbrunnen am Londoner Trafalgar Square das Ende des fast sechsjährigen blutigen Gemetzels feiern. Ein Erzähler führt aus, die britischen Arbeiter hätten sich im Krieg zu einer Macht vereint, die so stark war, dass sie den Faschismus zu besiegen vermochte. Jetzt, im Jahr 1945, streben sie nicht nur nach einer Alternative zu den Kriegsqualen sondern ebenso nach einer Alternative zu jenem vor dem Krieg herrschen Frieden – charakterisiert durch Armut, Ausbeutung und Arbeitslosigkeit.

Die vom Schlachtfeld heimkehrenden Arbeiter fordern ein Zuhause, das Helden gebührt; vor allen Dingen darf es keine Rückkehr zu den 1930er Jahren geben. Die Militanz der Arbeiterklasse stürzte die britische herrschende Klasse in eine heftige Krise. The Spirit of ’45 zeigt Material, in dem ein sichtlich beunruhigter Winston Churchill zu sehen ist, der während einer Nachkriegswahlveranstaltung vom Publikum restlos ausgebuht wird. Es gab noch lebhafte Erinnerungen an die Rolle, die Churchill dabei gespielt hatte, das Leid der 1930er Jahre durchzusetzen, und an seine Unterdrückung der Arbeiterkämpfe während des Krieges.

The Spirit of '45

In einer sogar noch weit mehr enthüllenden Szene verkündet der neue Labour-Premierminister Clement Attlee (nach dem erdrutschartigen Wahlsieg der Labour Party 1945) auf einem Parteitag die ausgedehnten Verstaatlichungspläne seiner Partei. Attlee ist sichtlich nervös, während er Labours neues „sozialistisches Experiment“ vorstellt. Auf dem Podium hinter ihm bekunden ältere Parteimitglieder wahrnehmbar entweder Verachtung oder Interesselosigkeit für den neuen Kurs – oder beides zugleich. Die Szene verdeutlicht, dass am Ende des Krieges zwei verschiedene „Stimmungen“ nebeneinander existierten.

Auf der einen Seite forderten Millionen Arbeiter und ihre Familien grundlegenden sozialen Wandel. Auf der anderen Seite standen ihnen Labour Party und Gewerkschaftsbürokratie nervös gegenüber, die begriffen, dass sie beträchtliche soziale Zugeständnisse machen mussten, um der Gefahr einer sozialen Revolution vorzubeugen.

Ken Loach

Eine bezeichnende Schwäche dieser Darstellung der Geschichte ist, dass Loach die Radikalisierung der britischen Arbeiter nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs nicht als Bestandteil eines viel weitergehenden europäischen und weltweiten Prozesses erkennt. Stattdessen blendet der Film eine Darbietung der “Jerusalem”-Hymne durch eine Blaskapelle ein, die „Englands grünes und schönes Land“ besingt.

Im Verlauf ihres Verstaatlichungsprogramms nahm die Labour-Regierung über ein Fünftel der Industrie und Dienstleistungen des Landes unter Kontrolle, darunter das Gesundheitswesen, Transport, Stromversorgung und die Wohnungswirtschaft. Die Verstaatlichungen legten die Grundlage für das britische Gesundheitssystem der Nachkriegszeit mit seiner Versorgung „von der Wiege bis ins Grab“ und führten zu großen Verbesserungen für das Leben der einfachen Arbeiter. In einer Szene zeigt The Spirit of ’45 eine Frau, die sich an die Freude ihres Vaters erinnert, als er den Schlüssel zu seiner ersten Sozialwohnung erhielt. Er trug den offiziellen Brief, der ihm seine neue Wohnung auswies, für den Rest seines Lebens in der Brieftasche bei sich.

Solche Reaktionen waren verständlich, doch ein sozialistischer Filmemacher darf hier natürlich nicht stehen bleiben, sondern muss sowohl den historischen Kontext der Reformen als auch ihre unvermeidlichen Grenzen und sogar ihre Beseitigung berücksichtigen.

Von Beginn an hatte das Labour-Programm nichts mit einer sozialistischen Verstaatlichungspolitik zu tun, die von der Arbeiterklasse an der Macht und unter ihrer demokratischen Kontrolle durchgeführt worden wäre. Den britischen Privateigentümern wurden immense Zugeständnisse gemacht. Ein Beispiel: Als er gefragt wurde, wie er die Ärzte dazu gebracht habe, einem nationalen Gesundheitsdienst zuzustimmen, antwortete Gesundheitsminister Aneurin Bevan: „Ich mästete sie mit Gold.“ Ein älterer Interviewgast erinnerte sich, dass zum Chef der nationalisierten Bergbaubehörde ein früherer Bergwerksbesitzer gemacht wurde, der für seine Feindschaft gegen Bergarbeiter und die organisierte Arbeiterklasse berüchtigt war.

In der Tat spielten die Kompromisse, die die Labour-Regierung mit der Wirtschaft und maßgeblichen Kreisen schloss, die Hauptrolle dabei, dass die Unterstützung für die Partei, die 1951 aus dem Amt gewählt wurde, drastisch sank.

Loach sieht diese Historie indes anders, nämlich als einen Schritt in Richtung Sozialismus. „Es ist sehr wichtig, denke ich, daran zu erinnern, dass es eine Zeit gab, in der wir sehr viel von der Wirtschaft besaßen“, sagte der Regisseur dem Screen-Magazin, als er auf die Schaffung des Sozialstaates nach dem Krieg zu sprechen kam. „Uns gehörten die Versorgungsbetriebe, das Verkehrssystem, Bergwerke und wir investierten immens in Wohnungen für jedermann – dies war eine enorme Leistung für unser Land, das nach dem Krieg am Boden lag. Diese Epoche zeigte, dass Menschen, anstatt gegeneinander zu konkurrieren, miteinander arbeiten können und wollen.“

Eingestreut ist interessantes Archivmaterial mit Interviews von Arbeitern, die sich an die bitteren sozialen Bedingungen der 1930er Jahre erinnern und die Vorzüge der Verstaatlichung würdigen.

Andere Interviewpartner haben allerdings ein sehr genau umrissenes politisches Programm. Einer von Loachs Hauptbefragten ist der Nestor der Labour-„Linken“, das in seinen Achtzigern stehende ehemalige Kabinettsmitglied Tony Benn.

Ebenso führt Loach Interviews mit führenden Mitgliedern zahlreicher pseudolinker britischer Organisationen. In seiner Präsentation dieser Figuren ist der Regisseur offenkundig unehrlich. Neben Benn ist Dot Gibson die Meistinterviewte dieses Films und erhält auch das Schlusswort. Der Film informiert zwar darüber, dass Gibson Vorsitzende des Nationalen Rentnerkonvents ist, doch er erwähnt nicht ihre politische Vergangenheit als führendes Mitglied der Workers Revolutionary Party bis zu ihrem Ausschluss aus dem Internationalen Komitee im Jahr 1985.

In ihrer Rolle als Vorsitzende des Nationalen Rentnerkonvents hat Gibson enge Beziehungen zu Schlüsselpersonen in der Gewerkschafts- und Labour-Bürokratie geknüpft.

Loach verfälscht auch die Biographien anderer Personen, beziehungsweise lässt kritische Details aus. Im Film werden die Interviewpartner Alan Thornett und Tony Richardson als einfache Autoarbeiter vorgestellt. In Wirklichkeit ist Thornett Mitglied des Vorstands des anti-trotzkistischen pablistischen „Vereinigten Sekretariats“ und führt dessen britische Gruppe, die Socialist Resistance. Richardson ist seine rechte Hand.

Und so geht es weiter. Alex Gordon, der an mehreren Stellen des Films zu Wort kommt, ist nicht nur Präsident der National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (Eisenbahn-, Schiffahrts- und Transportarbeitergewerkschaft – RMT), sondern gleichfalls führendes Mitglied der Trade Union and Socialist Coalition (TUSC) – ebenso ein anderer Interviewpartner: das ehemalige Ratsmitglied aus Liverpool Tony Mulhearn.

Zu seiner eigenen Schande entschied sich Loach, der diese politischen Beziehungen genau kennt, davon nichts mitzuteilen.

Loach sieht ein, dass Arbeiter eindeutige und negative Erfahrungen mit Labour und der Gewerkschaftsbürokratie gemacht haben. Eine Figur des Films bemerkt, dass die heutige Labour Party keine sozialistische Partei sei, sondern von der Mittelklasse in Besitz genommen. In einer weiteren Filmsequenz wird erklärt, dass Druckereiarbeiter in den 1980er Jahren von Gewerkschaftsführern im Stich gelassen wurden.

Es ist indessen erwähnenswert, dass The Spirit of ’45 nichts über Labour-Regierungen jüngeren Datums zu sagen hat, sobald er sich der Gegenwart nähert. Vielmehr zieht es der Filmemacher vor, Margaret Thatcher, die Führerin der Konservativen, zum Erzschurken des Stückes zu machen. Diese habe den Prozess in Gang gesetzt, der die Nachkriegsverstaatlichung der Industrie wieder rückgängig machte. Der Film übergeht das Verhalten vorhergehender Labour-Regierungen, das zur Unterhöhlung der Nachkriegserrungenschaften geführt hatte und schweigt zu der verheerenden Rolle, die Tony Blair und nachfolgende Labour-Führer spielten.

Zum Schluss des Films betont Gibson die Notwendigkeit, dass ältere Arbeiter ihr Wissen an die neue Generation weitergeben. Bildmaterial füllt die Leinwand, auf dem Fahnen der Gewerkschaft Unite während einer Demonstration des Gesundheitsdienstes zu sehen sind. Die Botschaft ist eindeutig: Eine neue Generation soll ihre Hoffnungen auf die Gewerkschaften als Instrument des sozialen Kampfes setzen. Dies ist eine gefährliche Aussage, die die objektive und fatale Schwäche der Gewerkschaftsbewegung sowohl unter bestmöglichen Bedingungen als auch besonders unter den weltwirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ignoriert. Diese Entwicklungen haben die bestehenden Gewerkschaften Großbritanniens und überall sonst in bürokratische Gefängnisse für die Arbeiter verwandelt.

Während seiner fast fünfzigjährigen Karriere hat sich Loach verdientermaßen eine Reputation als Filmemacher erworben, welcher der Arbeiterklasse treu gesinnt und um ihr Schicksal bekümmert ist. Er ist einer der ganz wenigen, von denen man das agen kann. Schwerlich lässt sich an einen andren Regisseur denken, der so konsequent Leben und Probleme der einfachen Menschen zu porträtieren versucht hat. Entgegen weitläufigen Trends modernen Filmschaffens, welche die arbeitende Bevölkerung entweder ignorieren oder als passiv und rückwärtsgerichtet präsentieren, stellt Loach Arbeiter als reale menschliche Wesen und als aktive gesellschaftliche Kraft dar.

The Spirit of ’45 deckt indessen die Grenzen seiner Methode auf. Loachs Konzeption der Arbeiterklasse ist aufs Engste verknüpft mit der nationalistischen Zwangsjacke, in welche diese für viele Jahrzehnte von Labour und der Gewerkschaftsbürokratie gezwängt worden ist. Frühere Filme, mit denen er den Gewerkschaften neues Leben einhauchen wollte(besonders Bread and Roses [2000] und The Navigators [2001]), gehören zu seinen schwächsten. Um die militantesten und entschlossensten Traditionen der britischen Arbeiter wiederzubeleben – sowohl künstlerisch als auch politisch –, müssen die Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse aus dem vergangenen halben Jahrhundert weit ernsthafter und gründlicher studiert werden.

Wird fortgesetzt

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