Medien urteilen vorschnell über Bombenanschläge in Boston

Von Barry Grey
17. April 2013

Als am Montagnachmittag mitten im Bostoner Marathon zwei Bomben hochgingen, waren die Medien mit ihrem Urteil rasch bei der Hand: Ohne Beweise gingen sie von einem neuen Terroranschlag aus.

Die Bomben explodierten im Stadtzentrum in der Nähe der Ziellinie. Laut Medienberichten wurden mindestens drei Menschen getötet und 144 verwundet, fünfzehn davon schwer. Zeugen am Ort des Geschehens und in den Krankenhäusern berichten, dass mehreren Verwundeten Beine oder Füße amputiert werden mussten.

Die Explosionen ereigneten sich im Abstand von zwanzig Sekunden, etwa 45 bis 90 Meter auseinander; als tausende Teilnehmer noch ins Ziel liefen und viele tausend Zuschauer am Rand standen. Die Explosionen zerstörten mehrere Schaufenster, und Glasscherben und Schutt wurden auf die Menge geschleudert.

Bisher haben weder eine Person noch eine Organisation die Verantwortung für diesen brutalen und kriminellen Akt übernommen.

Der Copley Square wurde evakuiert und blieb danach weitere 24 Stunden geschlossen. Das öffentliche Verkehrssystem kam teilweise zum Stillstand und Flugzeuge am Logan International Airport blieben meherere Stunden am Boden. Der Betrieb wurde erst am frühen Abend wieder aufgenommen.

Die US-Regierung verstärkte die Sicherheit rund um das Weiße Haus und die Stadt New York kündigte an, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken.

Der Polizeichef von Boston, Edward Davis, erklärte mehrere Stunden nach den Explosionen auf einer Pressekonferenz, es habe mehrere Kilometer entfernt eine dritte Explosion in der John F. Kennedy-Bibliothek gegeben. Die Behörden gingen davon aus, dass sie mit den Bombenanschlägen auf den Marathon in Verbindung stehe. Später erklärten die Politiker jedoch, der Vorfall in der Bücherei sei durch einen Brand entstanden und habe nichts mit den Bombenanschlägen auf den Marathon zu tun.

In mehreren Zeitungen wird über eine dritte Bombe berichtet, die von den Behörden nach den ersten Explosionen vorsätzlich gesprengt worden sei. Associated Press zitierte einen anonymen Geheimagenten, der erklärte, in der Umgebung des Rennens sei mindestens ein weiterer Sprengsatz gefunden worden.

Da klare Fakten oder forensische Beweise fehlen, sind viele Medienaussagen reine Spekulation. Sie zielen darauf ab, im Interesse einer nicht genannten politischen Absicht Panik zu erzeugen. Viele Mutmaßungen schließen sich gegenseitig aus. Beispielsweise behaupten einige Kommentatoren, die Sprengsätze seien klein und primitiv gewesen, andere dagegen wollen wissen, dass es raffinierte Bomben gewesen seien, was auf das Werk einer Terrororganisation hindeuten würde.

Einige Medien waren offenbar besonders scharf darauf, der Öffentlichkeit weiszumachen, dass die Anschläge in Boston ein Terroranschlag vom Kaliber des 11. September 2001 gewesen seien. Wolf Blitzer von CNN dirigierte die Berichterstattung auf dieses Ziel und ermutigte seine „Experten“-Kommentatoren nur Minuten nach der Explosion zu weitreichenden Behauptungen, während in den Straßen von Boston noch Chaos herrschte. Jane Harmon, die ehemalige demokratische Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, trat als Kommentatorin in CNN auf und behauptete, die Bombenanschläge wiesen auf Al Qaida hin.

Murdochs New York Post verkündete in einer dicken Schlagzeile: „Eindeutig ein Terroranschlag“, in einem zweiten Artikel hieß es: „Behörden identifizieren Verdächtigen bei Marathon-Anschlägen als saudischen Staatsbürger. Er liegt unter Bewachung in Bostoner Krankenhaus.“

In den NBC Abendnachrichten trat Michael Leitner, ehemaliger Direktor des nationalen Antiterrorzentrums unter Bush und Obama, als Terrorexperte auf. Leitner erklärte ohne nennenswerte Beweise, die Anschläge seien das Werk einer „Terrororganisation“.

Allerdings verzichtete Präsident Obama in einer kurzen Stellungnahme des Weißen Hauses um 18 Uhr darauf, den Vorfall als Terroranschlag zu bezeichnen. Er erklärte, man werde „die vollen Mittel der Regierung“ und der Justiz gegen die Verantwortlichen einsetzen. Gleichzeitig gab er zu, dass die Regierung nicht wisse, wer es getan habe, und warum.

Im Staatsapparat scheint eine gewisse Verwirrung zu herrschen, oder es gibt Konflikte darüber, wie auf die Anschläge zu reagieren sei. Die Medien berichteten ausführlich, dass das FBI die Anschläge als Terroranschläge einstufe. Und nur wenige Minuten nach Obamas Aussage erklärte ein „hochrangiger Regierungsvertreter“ auf Fox News: „Wenn mehrere Sprengsätze losgehen, ist das ein Terroranschlag.“

Sämtliche Medienberichte, die unmittelbar nach dem Ereignis erschienen, müssen mit äußerster Skepsis betrachtet werden. Bisher ist nicht bekannt, ob der Bombenanschlag in Boston das Werk von Al Qaida, oder einer rechten Organisation aus den USA, oder ob es ein Anschlag mit staatlicher Beteiligung war.

Wer sich eine kritische Einstellung bewahren und nicht auf die Manipulationen der Medien hereinfallen will, sollte sich an die Rolle der Medien bei früheren angeblichen Terroranschlägen erinnern. Bei den Milzbrandanschlägen kurz nach dem 11. September behaupteten beispielsweise alle Medien, Al Qaida oder andere Islamisten seien dafür verantwortlich, was sich später als falsch erwiesen hat.

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