Die Anschläge von Boston und die Wurzeln des Terrors

Von Bill Van Auken
25. April 2013

Wenige Tage nach den Bombenanschlägen in Boston tun sich in den offiziellen Darstellungen der US-Regierung, des FBI und anderer staatlicher Behörden massive Widersprüche über die Frage auf, wie es zu diesem Terroranschlag kam.

Wie so oft war der angebliche Hauptverantwortliche für die Anschläge von Boston dem FBI bekannt. 2011 war die Behörde vom russischen Geheimdienst informiert worden, dass Tamerlan Tsarnaew, der letzte Woche im Kugelhagel der Polizei starb, verdächtigt wurde, radikaler Islamist zu sein und Kontakt zu bewaffneten Gruppen im Nordkaukasus zu suchen.

Das FBI behauptet, es habe gegen Tsarnaev, einen in den USA lebenden russischen Staatsbürger, ermittelt, aber keine belastenden Beweise gefunden und bis zu den Anschlägen am 15. April auch nichts mehr über ihn erfahren.

Janet Napolitano, Ministerin für Innere Sicherheit, erklärte am Dienstag, Tsarnaev sei der Überwachung durch den Heimatschutz entkommen, als er im Januar 2012 zu einer sechsmonatigen Reise in den Kaukasus aufbrach. Als er zurückkam, bemerkte ihn niemand, weil die Überwachung seiner Aktivitäten eingestellt worden war.

Es gibt viele mögliche Erklärungen dafür, wie jemand, der als mutmaßlicher militanter Islamist vom FBI überwacht wird, mitten in einer amerikanischen Großstadt einen Bombenanschlag ausführen kann. Die unwahrscheinlichste, die am ehesten als Lüge und Vertuschung abgetan werden kann, ist die Behauptung des FBI, der Verdächtige sei seiner Überwachung einfach entkommen.

Die Mutter der beiden Brüder hat der Version des FBI widersprochen. Laut ihren Angaben stand Tamerlan seit drei bis fünf Jahren in ständigem Kontakt mit dem FBI, das „jeden Schritt von ihm überwachte.“

Informationen der russischen Polizei widerlegen die Behauptungen des FBI, es habe aus Moskau keine Informationen erhalten. Die russische Polizei erklärte, sie hätte der amerikanischen Behörde ein Dossier über Tamerlan ausgehändigt.

Neben den Selbstbeweihräucherungen der Polizeibehörden, die Boston letzten Freitag unter Belagerungszustand gestellt hatten, bevor sie Tsarnaevs neunzehnjährigen Bruder Dschochar verhafteten, gab es auch zunehmend Kritik am „Versagen“ des FBI. Die Geheimdienstausschüsse des Senats und des Repräsentantenhauses trafen sich am Dienstag zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen über die Untersuchung des FBI von Tsarnaevs Aktivitäten im Jahr 2011.

Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass bei diesen Anhörungen etwas anderes als eine Vertuschung herauskommt. Es reicht, sich vor Augen zu führen, dass der Direktor des FBI Robert Mueller ist, der diesen Posten bereits am 11. September 2001 innehatte. Weder die Anschläge des 11. September – das angeblich größte Versagen der Geheimdienste in der Geschichte der USA – noch die darauf folgenden Anhörungen haben dazu geführt, dass Mueller oder ein anderer hochrangiger Geheimdienstler, Militär oder Regierungsbeamter seinen Posten verloren hätte, weil sie „die Einzelinformationen nicht richtig zusammensetzen konnten.“

Mehrere Beteiligte an den Anschlägen vom 11. September wurden entweder vom FBI oder von der CIA überwacht. Die CIA wusste, dass zwei der Entführer in die USA eingereist waren, enthielten diese Information den anderen Behörden jedoch absichtlich vor. Elemente innerhalb des FBI forderten – erfolglos - eine Untersuchung der verdächtigen Aktivitäten saudischer und anderer arabischer Staatsbürger, die sich an amerikanischen Flugschulen ausbilden ließen.

Keine der offiziellen Untersuchungskommissionen zum 11. September hatte ein Interesse, sich zu sehr mit diesen Verbindungen zu befassen. Alle fürchteten sich vor dem, was dabei herauskommen könnte.

Das FBI hat bei fast jedem Terrorkomplott seit dem 11. September seine Finger im Spiel. Die Anschläge in Boston bilden dabei keine Ausnahme. Die staatlichen Polizeibehörden führen endlose verdeckte Operationen durch, setzen hochbezahlte Informanten ein, um Moscheen und Einwanderergemeinden zu durchkämmen und unbeteiligte Menschen in Terrorkomplotte zu verstricken, die es nie gegeben hätte, wenn das FBI nicht den Anstoß gegeben und die Mittel dazu gestellt hätte.

In Tamerlan Tsarnaevs Fall hatten sie den idealen Kandidaten für solch eine Operation gefunden. Mittlerweile weiß man, dass er aus seiner Moschee ausgeschlossen wurde, weil er durch militante Äußerungen aufgefallen war. Dennoch wurde der Fall angeblich wegen fehlender Beweise fallen gelassen. Diese Behauptung ist äußerst unglaubwürdig.

Nach den Bombenanschlägen veröffentlichte das FBI die Fotos der Tsarnaev-Brüder und bat die Bevölkerung um „Hinweise“ – ein durchschaubares Ablenkungsmanöver. Das FBI ist kein Haufen von Amateurpolizisten. Wenn sie schon vorher nicht von den Plänen der Tsarnaev-Brüder gewusst haben, hätten sie sie auf jeden Fall identifizieren müssen, sobald sie sie auf den Videos sahen.

In Regierungskreisen herrscht eine spürbare Atmosphäre der Nervosität. Noch bevor eine ernsthafte Untersuchung begonnen hat, wird behauptet, dass die beiden Brüder alleine und ohne die Hilfe Dritter gehandelt hätten. Innerhalb der US-Regierung scheint man systematisch zu versuchen, den Schaden durch neue Enthüllungen zu begrenzen.

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen, was passiert sein könnte, nachdem das FBI die Anforderung aus Moskau erhalten hat. Eine davon ist, dass Tamerlan Tsarnaev einen Pass bekommen hat, weil das FBI hoffte, ihn einsetzen zu können, um Informationen über islamistische Gruppen zu sammeln oder die geheimen Operationen zur Unterstützung des Separatismus in Südrussland zu unterstützen. Einige Quellen behaupten, er könnte die Seiten gewechselt und sich gegen seine amerikanischen Unterstützer gestellt haben – derartiges ist schon öfter passiert. Beispielsweise hat ein jordanischer Arzt, der Al Qaida infiltrieren sollte, fünf hochrangige CIA-Agenten in Afghanistan ermordet.

Eines ist sicher: Terrorismus ist unweigerlich mit Washingtons krimineller Außenpolitik verbunden, die geprägt ist von einer endlosen Folge räuberischer und brutaler Interventionen auf der ganzen Welt.

Die Anschläge des 11. September hatten ihre Wurzeln in der Entscheidung der Carter-Regierung Ende der 1970er, in Afghanistan einen islamistischen Aufstand zu schüren um eine pro-sowjetische Regierung zu stürzen. Später ließ Washington die Mujaheddin fallen, die es zuvor als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet hatte.

Die Geschichte wiederholt sich in der komplizierten und langjährigen Beziehung zwischen dem US-Imperialismus und Al Qaida. In Libyen und Syrien hat Washington Kräfte, die mit Al Qaida verbündet sind, als Stellvertreter für den Regimewechsel gegen säkulare arabische Regierungen eingesetzt.

In Libyen versuchten die USA diese Kräfte zu unterdrücken, nachdem Gaddafi gestürzt und ermordet worden war. Das Ergebnis war der blutige Anschlag auf das amerikanische Konsulat in Bengasi am 11. September 2012, bei dem der amerikanische Botschafter und drei weitere Amerikaner ums Leben kamen. In Syrien bereitet der US-Imperialismus das gleiche vor und ist damit beschäftigt, eine Koalition aus „gemäßigten“ Kräften zusammenzustellen, um die Islamisten der al-Nusra-Front, die bisher die Hauptlast der Kämpfe getragen haben, zu verdrängen. All dies legt die Grundsteine für noch mehr Terror.

Egal ob in Damaskus, Kabul, Bagdad oder Boston: Unschuldige Passanten müssen den schrecklichen Preis für die Pläne der USA bezahlen, die überall eine Spur aus Blut und Gewalt hinterlassen.

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