Werksschließungen bei Ford, Marktwirtschaft und Sozialismus

Von Nick Beams
15. Juni 2013

Der Autor ist SEP-Kandidat für den Senat in New South Wales. Die SEP (Socialist Equality Party) ist die australische Schwesterorganisation der Partei für Soziale Gleichheit.

In dem Augenblick, als Ford die Schließung seiner australischen Produktionsstandorte für Oktober 2016 bekannt gab, sprang eine flott geschmierte Propagandamaschinerie an.

Das Unternehmen ist auf den Weltmärkten nicht mehr wettbewerbsfähig und behauptet nun, seine australischen Operationen seien nicht mehr rentabel. Julia Gillard, die australische Premierministerin, erklärte sich sofort mit den Ford-Arbeitern und ihren Angehörigen solidarisch, um sich rasch wieder anderweitigen Geschäften zuzuwenden.

Die Gewerkschaftsführer ihrerseits, die bereits seit langem mit dem Unternehmen Absprachen über eine „geordnete Abwicklung“ getroffen hatten, gaben bekannt, sie würden sich nun nachdrücklich auf die Abfindungszahlungen konzentrieren.

Die Grundprämisse, von der sie alle ausgehen, lautet: Für die Ford-Arbeiter gibt es keine Alternative. Der Markt hat gesprochen, und basta. Die Fabriken werden geschlossen und die Jobs vernichtet. Seit über dreißig Jahren macht die Gewerkschaft den Belegschaften im Namen der „Wettbewerbsfähigkeit“ weis, dass sie keine Wahl hätten, außer immerzu Entlassungen und Produktionsbeschleunigungen zu akzeptieren.

Wie Millionen anderer Arbeiter auf der ganzen Welt, die vor “Umstrukturierungen” ihrer Konzerne, vor Lohnkürzungen und Arbeitsplatzabbau stehen, gaben die Ford-Beschäftigten ihrer Wut, Angst und Traurigkeit Ausdruck. Sie sorgen sich nicht nur um ihr eigenes Schicksal, sondern um das ihrer Angehörigen und der ganzen jungen Generation, die erst ins Arbeitsleben eintritt. Zugleich macht sich allerdings das Gefühl breit, dass die vorgesehene Fabrikschließung gar nicht verhindert und die Arbeitsplätze nicht verteidigt werden könnten.

Diese Stimmung ist das Produkt einer ideologischen Zwangsjacke, in welcher dienstbeflissene Gewerkschaften die Arbeiter seit Jahren gefangen halten. Um sich von ihr befreien zu können, müssen die Arbeiter den Begriff des „Marktes“ selbst einer kritischen Analyse unterziehen.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hat die polnisch-deutsche Marxistin Rosa Luxemburg erklärt, die große ideologische Kraft des „Marktes“ rühre von der Tatsache her, dass er nach objektiven Naturgesetzen zu funktionieren scheine. Geschäfts- und Finanzkrisen, schrieb sie, werden „von allen Beteiligten, von der ganzen Gesellschaft, wie etwas betrachtet und behandelt, was außer dem Bereich des menschlichen Willens und der menschlichen Berechnung steht“ (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 5, Berlin 1975, S. 572).

Luxemburgs Analyse hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Offenlegung seiner Wirkungsweise verscheucht die Mystifikation, die den Markt umhüllt.

Wikipedia liefert [auf ihrer englischen Site] eine Definition des “gesunden Menschenverstandes”, die da lautet: „Der Markt erleichtert Handel und ermöglicht Absatz und Verteilung der Ressourcen einer Gesellschaft.“ Diese Definition verschleiert die Tatsache, dass der Markt nicht in der Gesellschaft schlechthin funktioniert, sondern nur in einer sehr spezifischen, sozio-ökonomischen Gesellschaftsform, dem Kapitalismus.

Das wesentliche und bestimmende Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft ist ihre Spaltung in zwei Hauptklassen: die Arbeiterklasse, die keinen Zugang zu den Produktionsmitteln besitzt und gezwungen ist, ihre Arbeitskraft oder Arbeitsfähigkeit zu verkaufen, um leben zu können; und die Kapitalistenklasse, die Besitzerin der Produktionsmittel, deren Reichtum heute die Form gigantischer Konzerne annimmt.

Märkte gab es schon vor dem Kapitalismus. Doch erst mit dem Auftauchen des Kapitalismus wurden sie zur beherrschenden Form der sozio-ökonomischem Organisation. Die Produktion im Kapitalismus ist durch den Kauf und Verkauf von Arbeitskraft bestimmt.

Lohnarbeit ist die eigentliche soziale Beziehung im Kapitalismus, weil sie das Mittel darstellt, wodurch die Kapitalistenklasse, die Besitzerin der Produktionsmittel, sich den von der Arbeiterklasse produzierten Mehrwert (in Form des Profits) aneignet. Der Mehrwert hat seinen Ursprung in der Differenz zwischen den Löhnen, die den Arbeitern für den Verkauf der Arbeitskraft gezahlt werden, und dem Wert der von ihnen im Arbeitsprozess hergestellten Güter.

Die Gesellschaft ist infolgedessen keineswegs ein ungeteiltes Ganzes, sondern besteht aus zwei Gesellschaftsklassen mit fundamental antagonistischen Klasseninteressen.

Die Arbeiterklasse bringt durch ihre Arbeit all den Reichtum und die Ressourcen der Gesellschaft hervor. Gleichzeitig hat diese Klasse, welche die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung darstellt, absolut keine Kontrolle über die Verteilung der Produkte ihrer eigenen Arbeit.

Der Reichtum, den die Arbeiter produzieren, gehört ihnen nicht. Er gehört den Unternehmen, die sie eingestellt haben. Im Falle der Autoindustrie gehört er riesigen transnationalen Konzernen. Die Tätigkeit dieser Konzerne richtet sich nicht darauf aus, den gesellschaftlich produzierten Reichtum zur Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse einzusetzen, sondern sie kämpfen darum, sich den größtmöglichen privaten Profit anzueignen.

Der Markt ist ein zentraler Wirtschaftsmechanismus, durch den dieser Kampf ausgetragen wird.

Jeder Konzern kämpft am Markt darum, seine Profite im Gegensatz zu seinen Konkurrenten steigern zu können. Die „Sieger“ in diesem Krieg Aller gegen Alle sind jene, die es am besten verstehen, ihre Produktionskosten niedriger zu halten als ihre Konkurrenten, oder neue Produkte zu entwickeln, so dass ihr Marktanteil und damit ihre Profite wachsen. Doch dies ist ein niemals endender Krieg. Nach jeder Runde von Kostensenkungen entwickeln die Konkurrenten neue Manöver und verstärken ihre Bemühungen, die verlorenen Stellungen zurückzugewinnen.

Dieser Kampf kennzeichnet die kapitalistische Produktionsweise seit dem Augenblick ihrer Geburt. Er ist sozusagen in ihrer sozio-ökonomischen DNA eingeschrieben, deren Kern das System der Lohnarbeit darstellt. In den vergangenen dreißig Jahren stieg die Temperatur dieses Fieberwahns immer mehr an.

Zur Zeit des Wirtschafts-“Booms“ in den Nachkriegsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Profite, Märkte und Beschäftigungszahlen fast dreißig Jahre lang stetig zu. Dies war die Hochblüte der Autoindustrie in Australien und in vielen anderen Ländern.

Doch vom Ende der 1960er Jahre an begann die Profitrate zu sinken. Dies führte in der Industrie zu großen Umstrukturierungen, und die globale kapitalistische Wirtschaft erlebte eine Verwandlung, die sich am deutlichsten in der immer dominanteren Rolle des Finanzkapitals zeigte.

Von den 1980er Jahren an erhielten fremdfinanziere Firmenaufkäufe, Fusionen, Übernahmen und andere Formen dessen, was als Ausschlachten von Unternehmen bekannt wurde, für die Profitakkumulation immer größere Bedeutung. Der Druck der Finanzmärkte, ein Drängen nach immer billigeren Arbeitsquellen, trieb die Globalisierung der Produktion in der Autoindustrie und in vielen anderen Bereichen an.

Konzerne arbeiten nicht mehr als multinationale Organisationen, sondern sie haben eine transnationale Form angenommen. Die Produktion ist heute über Grenzen und Kontinente hinweg organisiert und integriert. Die Operationen, die Ford innerhalb Australiens betreibt, wo für einen kleinen heimischen Markt produziert wird, sind heute nicht mehr profitabel und deshalb, was die Direktion betrifft, für den globalen Konzern unbrauchbar geworden.

Das unablässige Wachstum des Finanzkapitals hat dazu geführt, dass jeglicher Konzernbesitz in die Hände der Großbanken, Hedgefonds, Investmentfonds und anderer Finanzinstitutionen übergeht. Waren früher die Hauptquelle ihrer Einkünfte die Konzernprofite gewesen, in die sie investierten, gehen sie heute mehr und mehr dazu über, auf den Finanzmärkten mit den Aktien dieser Unternehmen zu handeln und zu spekulieren. Genau dies verbirgt sich hinter dem neuen Paradigma, das auf dem wachsenden Aktionärswert oder „Shareholder-Value“ basiert. Profite werden immer weniger durch produktive Tätigkeiten akkumuliert, wie zum Beispiel der Herstellung von Autos. Stattdessen werden sie immer stärker mittels Finanztransaktionen, Spekulation und Parasitismus erzielt.

Die Besitzstruktur von Ford liefert ein markantes Beispiel. Auf der Liste seiner Hauptaktionäre finden sich die Evercore Trust Company, Barclays Global Investors, die New Yorker Mellon-Bank und der Hedgefond-Investor Blackrock.

Damit ist Ford ein typisches Beispiel für die weltweit operierenden Großkonzerne und integraler Bestandteil ihres globalen Netzwerks.

Im Oktober 2011 lieferte eine Großstudie eine detaillierte Analyse dieses Netzwerks. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift New Scientist publiziert. Die Untersuchung von etwa 43.000 transnationalen Konzernen und der Verflechtung ihrer Besitzstrukturen ergab, dass die Weltwirtschaft von lediglich 147 dieser Konzerne beherrscht wird. In Wirklichkeit, schloss die Studie, „kontrollieren weniger als ein Prozent der Unternehmen vierzig Prozent des Netzwerkes“. Von den fünfzig Unternehmen an der Spitze, fand die Studie heraus, sind 45 Banken, darunter Namen wie Barclays, JP Morgan Chase und UBS.

Die Dominanz des großen Geldes über die Weltwirtschaft hat weitreichende Folgen. Im Wesentlichen stellt das Finanzkapital, wie Marx bemerkte, das treibende Motiv des Kapitals überhaupt in seiner klarsten Form dar. In dem gesamten Prozess der „Geldmachens“ erscheint der „Produktionsprozess (…) nur als unvermeidliches Mittelglied, als notwendiges Übel”. (Karl Marx: Das Kapital, Bd.2, 1. Kapitel: Der Kreislauf des Geldkapitals, in: MEW, Bd. 24, Berlin 1963, S. 62)

In ihrer Besitzstruktur sind die transnationalen Konzerne, welche die Weltwirtschaft dominieren, einfach eine bestimmte Kombination verschiedener Investmentfonds und Banken. Diese setzen ihr Verlangen nach immer weiter gehendem „Shareholder-Value“ durch, indem sie den Konzernen drohen, sie zu übernehmen und sie „umzustrukturieren“, falls sie sich weigern, den Forderungen nachzugeben.

Diese Forderungen wurden seit der 2008 ausgebrochenen globalen Finanzkrise immer lauter, und auf dieser Grundlage betreiben Ford und die anderen transnationalen Konzerne Arbeitsplatzvernichtung, Lohnkürzungen und jetzt die Schließungen.

Der Markt wird nur jene Firmen „belohnen“, denen es gelingt, ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren Rivalen zu erhöhen, das heißt billiger an Arbeit sowie Ressourcen zu gelangen und die Ausbeutung ihrer Beschäftigten zu steigern.

Der kapitalistische Markt ist weit davon entfernt, eine natürliche, demokratische sozio-ökonomischen Organisationsform zu sein, die der Gesellschaft als Ganzer Ressourcen und Wohlstand zur Verfügung stellt. Vielmehr ist er ein Mechanismus, über den das Kapital, angeführt vom globalen Finanzkapital, eine Diktatur über die Arbeiterklasse und die Massen der Weltbevölkerung ausübt.

Wie kann diese Diktatur überwunden werden? Dies ist die Schlüsselfrage, die sich Arbeitern bei Ford und auf der ganzen Welt, die mit der sozialen Verheerung konfrontiert sind, stellt.

An dieser Stelle ist es notwendig, sich an eine entscheidende Erkenntnis von Karl Marx zu erinnern. Kein historisches Problem, erklärte er, taucht auf, ohne dass gleichzeitig die materiellen Bedingungen für seine Lösung entstehen.

Diese Erkenntnis weist den richtigen Weg. Derselbe Prozess, der zur Diktatur des Finanzkapitals geführt hatte, erschuf gleichzeitig eine potenziell noch mächtigere Kraft, eine internationale Arbeiterklasse, deren objektive Gemeinsamkeit in den vergangenen drei Jahrzehnten durch die Globalisierung der Produktion und des Finanzwesens zu ihrem geschichtlichen Höhepunkt getrieben wurde.

Zwar hat der Verrat der alten Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Stalinisten eine gewaltige Verwirrung und tiefgehenden Krise der Perspektive hervorgerufen. Aber die Krise des Weltkapitalismus wird unvermeidlich soziale Explosionen und Klassenerhebungen entzünden, die weitreichende Konsequenzen haben.

Diese Kämpfe benötigen eine neue politische Perspektive, die dem globalen Charakter der kapitalistischen Produktion selbst entspricht. Sie muss sich auf das Streben der Arbeiterklasse nach internationaler Vereinigung stützen. Ihr Ziel muss die politische Machteroberung, die Überwindung des Profitsystems und die Errichtung des Sozialismus sein.

Diese Perspektive erfordert einen bewussten politischen Bruch mit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsführung, welche die Arbeiterklasse entlang nationaler Fronten zu spalten versuchen, indem sie ihr die Konzernforderung nach „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ aufzwingen. Die Globalisierung der Produktion hat ihr altes Programm von Reformen und Konzessionen innerhalb des Nationalstaats vollständig erschüttert. Es sind keine Arbeiterorganisationen im eigentlichen Wortsinn mehr, sondern Agenturen des Konzernmanagements und Zuchtmeister der „Markt“-Ansprüche.

Im Konflikt mit dem Diktat des Finanzkapitals und seiner Agenturen müssen Arbeiter eine revolutionäre Partei aufbauen, die den Kampf der Arbeiterklasse um die politische Macht anführten, eine Arbeiterregierung errichten und das Privateigentum der Großbanken und Konzerne überwinden wird. Dies wird den Weg für einen vollständigen Umbau der Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage frei machen. Die Alternative zum destruktiven und anarchischen kapitalistischen Markt ist eine demokratisch organisierte, sozialistische Wirtschaft, in der die Produktion geplant und organisiert wird, um die Bedürfnisse der Gesellschaft und ihrer Mitglieder zu befriedigen.

Der Kampf um diese Perspektive steht im Zentrum der Wahlkampagne 2013 der Socialist Equality Party. Wir fordern die Ford-Arbeiter und alle Arbeiter und jungen Menschen auf, unsere Kampagne zu unterstützen, unsere öffentlichen Versammlungen zu besuchen und in der SEP Mitglied zu werden.

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