Die Krise in der europäischen Autoindustrie verschärft sich

Von Ludwig Weller
1. August 2013

Die Hiobsbotschaften aus den europäischen Autowerken häufen sich. Dutzende Autowerke stehen schon bald oder mittelfristig vor ihrer Schließung. Zehntausende Arbeitsplätze überwiegend in Italien, Frankreich und Spanien sind akut gefährdet. Ganz zu Schweigen von den Auswirkungen auf die Zulieferungsindustrie, die in vielen Regionen der einzige Arbeitgeber sind.

Laut einer Studie der Unternehmensberatungsfirma AlixPartners arbeiten gegenwärtig mehr als die Hälfte aller europäischen Autowerke unprofitabel. In Italien sind die Fabriken derzeit nur zu 46 Prozent ausgelastet, in Frankreich zu 62 und in Spanien zu 67 Prozent. Um profitabel arbeiten zu können, müssten Autofabriken mindestens 70-80 Prozent ausgelastet sein, schreibt AlixPartners.

Allein anhand des drastischen Produktionsrückgangs bei Fiat lässt sich erahnen, was stattgefunden hat und was noch stattfinden wird. Im Jahr 2007 waren die Fabriken noch zu 78 Prozent ausgelastet

Im Juni dieses Jahres wurden in Europa mit 1,13 Millionen Fahrzeugen 5,6 Prozent weniger Autos zugelassen als im Vorjahr. Obwohl der Juni als gute Verkaufszeit gilt, war es der schlechteste Monat seit 17 Jahren. Die Studie selbst führt die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die schrumpfenden Einkommen vorwiegend in den südlichen Ländern Europas als Hauptgrund an.

Durch die Spardiktate der EU, die alle die Handschrift der Bundesregierung tragen, wurden Millionen Jugendliche und Arbeiter, vor allem in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal in Not und Elend gestürzt. Wer seinen Arbeitsplatz oder seine Wohnung nicht längst verloren hat, muss meist mit einem Hungerlohn klar kommen. Die wenigsten von ihnen können sich noch ein Auto leisten. Die so genannte „verlorene Generation“ schon mal gar nicht.

Es verwundert daher nicht, dass vor allem diejenigen Autohersteller am heftigsten von dem Absatzeinbruch betroffen sind, die in Südeuropa ihre meist kleineren und günstigeren Modelle verkauften – also italienische und französische Hersteller. Aber auch bei Opel und Ford hat der Absatzeinbruch starke Auswirkungen.

Viele Experten sehen in absehbarer Zeit keine Verbesserung. Allgemein wird die Autokrise in Europa als „Dauerzustand“ beschrieben.

Nachdem Fiat den angeschlagenen US-Autohersteller Chrysler mit Milliardenhilfe durch die US-Regierung übernommen hatte, wurde Chrysler brutal saniert. Tausende Arbeitsplätze wurden gestrichen, die Löhne gesenkt und die Arbeitszeiten angehoben. Alles mit Hilfe der US-Autogewerkschaft UAW. Fiat-Chef Marchionne, der jetzt auch Chrysler leitet und zusätzlich Präsident des europäischen Automobilverbandes Acea ist, hat nun angekündigt mehrere Werke in Italien zu schließen. Ein Teil der Produktion vor allem für den chinesischen Markt soll direkt nach China verlagert werden.

Marchionne spricht von „Blutbädern“ in der europäischen Autoindustrie und droht damit, auch die Fiatzentrale von Turin nach Detroit zu verlagern. Fiat und die Nutzfahrzeugsparte Fiat Industrial beschäftigen allein in Italien rund 80.000 Mitarbeiter. In Medienberichten heißt es, die Fusion mit Chrysler diene dazu, den Konzern neu zu strukturieren.

Die deutschen Autokonzerne BMW, Mercedes, VW, Audi oder Porsche, versuchen den Verkaufsrückgang in Europa durch eine Offensivstrategie mit ihren Nobelkarossen auf dem chinesischen, russischen und amerikanischen Markt zu kompensieren. Ähnliches scheint auch Marchionne forcieren zu wollen. Mit den Edelmarken Alfa Romeo, Maserati, Ferrari und Jeep will Fiat/Chrysler diese Märkte ins Visier nehmen.

Nicht nur die Schließung des Opelwerks in Bochum mit über 3000 Beschäftigten bis 2014 steht bevor. Auch Ford wird drei seiner Werke in Großbritannien und Belgien schließen und dabei 6200 Arbeitsplätze vernichten. „Ende dieser Woche sollen die Lichter in Southampton und Dagenham ausgehen, Ende 2014 dann auch in Genk. Das soll Überkapazitäten abbauen und die Kosten in der Produktion senken“, schrieb das manager magazin-online in der vergangenen Woche.

Die deutsche Automobilindustrie nutzt die Krise, um die eigene Dominanz gegenüber den Rivalen in Europa zu stärken. Laut einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young stieg der Marktanteil der deutschen Autohersteller zwischen 2009 und dem ersten Halbjahr 2013 von 31 auf 37 Prozent. Während der Markanteil der französischen, italienischen und US-Konzerne von insgesamt 50 auf 42 Prozent zurückging. In Europa finde ein „blutiger Kampf um Marktanteile statt“, bei dem die deutschen Konzerne gestärkt aus der Krise gehen, während es für andere „ums Überleben“ gehe, schreibt Ernst & Young.

Im Sinne dieser angestrebten „Marktbereinigung“ gab die Wirtschaftswoche der Bundesregierung Anfang Juli folgenden Ratschlag: „Angesichts der finanziellen Lage der EU-Staaten ist die Gefahr gering, dass 2013 schon wieder ein unsinniges Subventionsfeuerwerk abgebrannt wird. Am besten, die Politiker lehnen sich zurück, lassen die Kräfte des Marktes walten, beobachten, wie die ein oder andere Automarke aus Europa verschwindet, wie fünf oder auch zehn Autowerke dicht gemacht werden und die Industrie danach mit dem derzeitigen Absatzniveau auskömmlich wirtschaftet.“