Tiefe Krise in der europäischen Stahlindustrie

Von Sven Heymanns
16. August 2013

Die europäische Stahlindustrie befindet sich in einer tiefen Krise. Infolge von Überkapazitäten und schrumpfenden Absatzmärkten haben bereits mehrere Großkonzerne tausendfache Entlassungen angekündigt. Die gesamte Branche in Europa könnte vollkommen neu aufgeteilt werden.

Beinahe sämtliche Stahlkonzerne Europas schreiben zur Zeit hohe Verluste. Schon seit mehr als zwei Jahren leidet die europäische Stahlindustrie unter sinkender Nachfrage. Verglichen mit der Zeit vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 ist die Nachfrage sogar um fast 30 Prozent gesunken.

Auch die jüngsten Zahlen lassen keine Hoffnung erkennen, dass sich dieser Trend umkehrt. Allein im ersten Halbjahr 2013 sank der Bedarf an Stahl innerhalb der EU um 5,7 Prozent. Auch in den USA, die nach wie vor zu den wichtigsten Märkten zählen, gab es einen Rückgang um 5,6 Prozent, wie Finanzvorstand Aditya Mittal vom weltweit größten Stahlproduzenten ArcelorMittal verkündete.

Durch die sinkende Nachfrage sind in den vergangenen Jahren enorme Überkapazitäten angewachsen. Inzwischen kommt es vor, dass die Konzerne vor allem für Walzstahlerzeugnisse nur noch Preise unterhalb der Herstellungskosten erzielen können, wie das österreichische Industriemagazin berichtet. Nach Angaben der OECD liegen die aktuellen Kapazitäten innerhalb der EU mehr als ein Drittel über dem Bedarf. Selbst die Industrie schätzt den Kapazitätsüberschuss auf etwa 20 Prozent.

Die sinkende Nachfrage resultiert vor allem aus dem starken Rückgang in zwei bedeutenden Abnehmerindustrien: der Bau- und der Autoindustrie. Dieser Rückgang ist nicht nur eine Folge der Wirtschaftskrise, sondern ein direktes Ergebnis der Kürzungs- und Sparpolitik der Europäischen Union.

Vor allem in Südeuropa bleiben die Auftragsbücher für die Bauindustrie leer. Bislang kamen zahlreiche Aufträge von staatlicher Seite und wurden aus den öffentlichen Haushalten finanziert. Mit der Verpflichtung auf einen strikten Sparkurs sind die Investitionen vielerorts vollkommen eingebrochen. Auch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Privathaushalte machen sich hier bemerkbar, wenngleich nicht ganz so deutlich. Viele Familien verzichten unter den gegebenen Bedingungen darauf, ein eigenes Haus zu bauen.

Stärker wirkt sich das sinkende Einkommen der Privathaushalte auf die Autoindustrie aus. Wie der Kfz-Herstellerverband ACEA mitteilte, wurden in Europa im vergangenen Jahr so wenig neue PKW verkauft wie seit 1995 nicht mehr. In diesem Jahr sind die Zahlen noch einmal zurückgegangen: das erste Halbjahr 2013 verzeichnete einen Einbruch um 6,7 Prozent verglichen mit dem Vorjahreszeitraum.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen bereitet sich die europäische Stahlindustrie auf eine massive Neustrukturierung vor. Damit verbunden ist ein direkter Angriff auf die Beschäftigten.

ArcelorMittal hat bereits mehrere Werke in Belgien, Frankreich und Spanien geschlossen. Nun droht der Stahlproduktion im belgischen Lüttich – einst einer der größten und traditionsreichsten Stahlstandorte Europas – das vollständige Aus. In Süditalien ist das größte Stahlwerk Europas, die Ilva-Hütte in Tarent, seit längrem von der Schließung bedroht.

Auch bei den beiden größten deutschen Stahlkonzernen, Thyssen-Krupp und Salzgitter, gibt es bereits Pläne für Massenentlassungen.

Zurzeit beschäftigt Thyssen-Krupp weltweit etwa 150.000 Arbeiter. Doch der Konzern ist stark angeschlagen, weil er neben der sinkenden Nachfrage in Europa vor allem mit seiner verlustreichen Tochtergesellschaft Steel Americas zu kämpfen hat. Geplant ist, die beiden Werke in Brasilien und den USA zu verkaufen. Ob sich dafür ein Abnehmer findet, ist bisher unklar.

Infolgedessen kündigte der Konzern an, von den europaweit 28.000 Arbeitsplätzen 2.000 streichen zu wollen. Weitere 1.800 könnten darüber hinaus durch Beteiligungsverkäufe wegfallen.

Doch das ist noch nicht alles. Thyssen-Krupp benötigt angesichts seiner massiven Verluste dringend neues Kapital und verhandelt deshalb mit einigen Großinvestoren. Als hoffnungsvoll galten Gespräche mit der RAG-Stiftung, doch deren Einstieg wurde am Mittwoch vom Land Nordrhein-Westfalen abgelehnt, das die Landesaufsicht über die Stiftung hat.

Nun steht der Konzern möglicherweise vor einer Übernahme und könnte zerschlagen werden. Denkbar ist dabei, die besonders profitablen Konzernteile wie Aufzüge, Anlagenbau und Werften auszugliedern. In den weniger gewinnbringenden Sparten wären dann wohl sämtliche Arbeitsplätze bedroht.

Auch der zweitgrößte deutsche Stahlproduzent Salzgitter plant bereits zahlreiche Entlassungen. So sollen von den bisher 25.000 Arbeitsplätzen mehr als 1.500 wegfallen. Für das laufende Jahr erwartet der Konzern einen Vorsteuerverlust von 400 Millionen Euro. Neben der allgemeinen Krise in Europa machen der Salzgitter AG vor allem einige unprofitable Tochterfirmen Probleme. Beim Pipelinebau etwa fehlen schlichtweg die Aufträge.

Arbeiter in der Stahlindustrie müssen sich auf heftige Kämpfe gegen Konzerne und Gewerkschaften vorbereiten. Um ihre Arbeitsplätze erfolgreich verteidigen zu können, müssen sie sich einer sozialistischen Perspektive zuwenden.