August Bebel und das politische Erwachen der Arbeiterklasse

Von Ulrich Rippert
21. August 2013

Vor hundert Jahren starb August Bebel. Die Nachricht, dass der Begründer der Sozialdemokratie am 13. August 1913 im Schweizer Kurort Passugg einer Herzattacke erlegen war, löste in Fabriken und Arbeitergebieten überall auf der Welt Schock und Trauer aus. Bebel wurde von den proletarischen Massen geliebt und als „Arbeiter-Kaiser“ verehrt.

August Bebel 1898

Leo Trotzki schrieb kurze Zeit später: „Mit August Bebel ging eine ganze Epoche des europäischen Sozialismus unter“. Bebel, fügte er hinzu, verkörperte den beharrlichen und unbeirrbaren Aufstieg der neuen Klasse. „Dieser schmächtige und verrunzelte alte Mann schien aus nichts anderem zu bestehen als aus einem Willen, der auf ein einziges Ziel gerichtet war. In seinem Denken, seinen Reden und seinen Schriften erlaubte er sich keinerlei Vergeudung geistiger Kraft, die nicht unmittelbar diesem Ziel diente. Er sah sich als Feind der Rhetorik, und gedrechselte Höflichkeiten waren seinem Wesen völlig fremd. Hierin lag gerade die höhere Schönheit seines politischen Denkens. Er war ein Vertreter jener Klasse, die ihre knapp bemessene Freizeit dem Lernen widmet, jede Minute davon hoch schätzt und begierig genau das Wesentliche aufnimmt.“

Trotzki verglich Bebel mit dem französischen Sozialisten Jean Jaurès, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einem Pariser Café ermordet wurde. Beide – der französische Philosophieprofessor, dessen Reden und Schriften von theoretischem Einfallsreichtum, poetischen Phantasien und einem aristokratischen Höhenflug geprägt waren, und der deutsche Drechsler, dessen Gedankenwelt einem konsequenten plebejischen Demokraten glich – verkörperten eine historische Epoche, die mit dem Krieg vor hundert Jahren zu Ende ging.

Trotzki bemerkte: „Bebel war Materialist, Jaurès eklektischer Idealist; Bebel unbeugsamer Anhänger der Grundsätze des Marxismus, Jaurès Reformist, Ministeranwärter usw. Doch ungeachtet all dieser politischen Unterschiede spiegelt sich in ihnen durch das Prisma der deutschen bzw. französischen Kultur ein und dieselbe historische Epoche wider. Dies war die Epoche des bewaffneten Friedens – in der Außen- und der Innenpolitik gleichermaßen.“

August Bebel hatte in enger Zusammenarbeit mit dem 14 Jahre älteren Wilhelm Liebknecht, der wiederum in enger Verbindung zu Karl Marx und Friedrich Engels stand, die Arbeiterklasse in Deutschland zum politischen Leben erweckt. Aber er konnte trotzdem die Katastrophe von 1914 nicht verhindern.

Rückblickend beinhaltet die gewaltige und erfolgreiche politische und kulturelle Erziehungsarbeit, die Bebel über ein halbes Jahrhundert unermüdlich betrieb, viele wichtige Lehren. Zwei davon sollen hier besprochen werden.

Zum einen widerlegt der Aufstieg, den die revolutionäre Sozialdemokratie unter dem Banner des Marxismus durchführte, das verbreitete Vorurteil, die große Masse der arbeitenden Bevölkerung sei zu einer eigenständigen politischen Rolle nicht fähig, und eine Bewegung „von unten“ tendiere nach rechts. Viele Vertreter der kleinbürgerlichen Intelligenz, allen voran die Theoretiker der „Frankfurter Schule“ (Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas und andere), zogen aus der Katastrophe von 1933 sehr pessimistische Schlussfolgerungen. Sie machten die Arbeiterklasse für den Sieg Hitlers verantwortlich.

Tatsächlich bestand die wichtigste Aufgabe Hitlers darin, die organisierte Arbeiterbewegung und die von ihr erkämpften demokratischen Rechte und sozialen Errungenschaften zu zerschlagen. Deshalb stimmten am 24. März alle bürgerlichen Parteien geschlossen für Hitlers Ermächtigungsgesetz.

Es ist eine historische Tatsache, dass demokratische Rechte und soziale Errungenschaften durch die Arbeiterklasse unter einer marxistischen, sozialdemokratischen Führung erkämpft wurden. Das gilt für das allgemeine Wahlrecht, kostenlose Volksbildung, Gleichstellung von Mann und Frau, Achtstundentag und auch die gesetzlichen Sozialversicherungen, die Bismarck aus Angst vor dem wachsenden Einfluss und Aufstieg der Sozialdemokratie einführte.

Die Bebel-SPD hat deutlich gemacht, welch große Energie, welch schöpferische Kraft und welch kulturelles Potenzial in der Arbeiterklasse steckt.

Zum zweiten widerlegt der Aufstieg der SPD unter Bebel die Behauptung, die Gewerkschaften seien die grundlegende Klassenorganisation der Arbeiter. Fakt ist: Der Aufstieg der Arbeiterklasse begann als politische Bewegung mit einer revolutionären sozialistischen Partei. Die Gewerkschaften entstanden später und bildeten sehr schnell den rechten Flügel der sozialistischen Bewegung. Sie waren wütende Gegner der Revolution, attackierten Rosa Luxemburg und erpressten August Bebel in den Jahren vor seinem Tod.

Bebel selbst war Arbeiter. Geboren im Februar 1840 in der Familie eines armen preußischen Unteroffiziers in Köln, erlebte er als Achtjähriger die europäische Revolution. In seiner Autobiographie beschreibt er, wie er damals seine erste, durchaus handfeste politische Lektion erhielt. In den Revolutionsjahren 1848/49 waren im Rheinland republikanische Stimmungen weit verbreitet, und als der junge Bebel sich in der Schule gemeinsam mit einem Klassenkameraden für die Monarchie aussprach, erhielten beide eine gehörige Tracht Prügel – „die ersten Klassenkeile“, wie Bebel später humorvoll bemerkte.

Während der Wanderjahre als Drechslergeselle schloss er sich dem Gewerblichen Bildungsverein an und betrieb ein intensives Selbststudium. Als Ferdinand Lassalle 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) gründete, hielt Bebel sich fern. Er stand den egozentrischen Auftritten und dem autoritären Gehabe Lassalles abweisend gegenüber und lehnte dessen Annäherung an den reaktionären preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck strikt ab.

In der Auseinandersetzung mit Lassalle studierte Bebel die Schriften von Marx und Engels und seine enge Freundschaft mit Wilhelm Liebknecht begann. Im Herbst 1867 wurde er zum Präsidenten des Verbands der Arbeitervereine Deutschlands gewählt und setzte die von Marx ausgearbeiteten Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation um, in denen es heißt: „Die Emanzipation der arbeitenden Klassen muss durch die arbeitenden Klassen selbst erkämpft werden.“ Bebel zog damit eine deutliche Trennlinie gegen den bürgerlichen Liberalismus, der bisher die Arbeitervereine stark geprägt hatte.

Zwei Jahre später, im August 1869, gründeten Bebel und Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Das von Bebel verfasste Gründungsprogramm orientierte sich am Marxismus und forderte unter anderem die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise. Aber die liberalen Einflüsse sind im Programm noch sichtbar, wie die Forderung nach „Errichtung des freien Volksstaates“ zeigt.

Im nächsten Sommer schlugt Bebel wütender Hass entgegen, als er sich zwei Tage nach der französischen Kriegserklärung an Preußen gemeinsam mit Liebknecht bei der Abstimmung im Norddeutschen Reichstag über die Kriegskredite der Stimme enthielt. Noch größer war die Empörung, als er im Mai 1871 die Pariser Kommune ausdrücklich verteidigte.

Beide – Bebel und Liebknecht – wurden daraufhin wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt, aber von vielen Arbeitern gefeiert. Als Bebel im Juli 1872 aus dem Zug stieg, um auf der Festung Hubertusburg seine Haft anzutreten, salutierten die Bahnarbeiter, als würde ein Staatsoberhaupt verabschiedet.

Während Bebel die Gefängnisjahre nutzte, um an seinem Buch Die Frau und der Sozialismus zu arbeiten, näherten sich die Lassalleaner und Eisenacher an. Einen Monat nach Bebels Haftentlassung fand im Mai 1875 der Vereinigungsparteitag in Gotha statt. Bekannt wurde dieser Parteitag vor allem durch die scharfe Kritik, die Marx am Gothaer Programm übte.

Nach der Vereinigung wuchs die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), die sich 15 Jahre später in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannte, rapide an. Bereits drei Jahre nach der Vereinigung hatte sie 47 Lokalzeitungen und den Vorwärts als Zentralorgan. In den Reichstagswahlen erzielte sie knapp 10 Prozent der Stimmen, ein Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem Stimmenanteil beider Parteien vor der Vereinigung. Bismarck reagiert mit dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, die so genannten Sozialistengesetze. Alle Organisationen und Zeitungen der Partei wurden verboten, doch Bismarck scheiterte mit seinem Versuch, auch die Parlamentsfraktion und die Arbeit der Abgeordneten zu verbieten.

Während der Jahre der Illegalität gewann Bebel sowohl an politischem Ansehen als auch an theoretischer Klarheit. Es gab während dieser Zeit heftige Fraktionskämpfe. Gemäßigte und Radikale stritten um die Vorherrschaft in der Partei. Schließlich gewannen die Radikalen die Oberhand, was vor allem auf die überragenden taktischen Fähigkeiten und das Ansehen Bebels zurückzuführen war. Der Hauptgrund für diesen Sieg war die zunehmende Autorität des Marxismus, mit dem die Bebel-Fraktion identifiziert wurde. Die Veröffentlichung von Engels’ „Anti-Dühring“ hatte den Marxismus zur maßgeblichen Stimme des Sozialismus in der Arbeiterbewegung gemacht.

Je klarer Bebel und seine Anhänger marxistische Grundsätze und revolutionäre Perspektiven vertraten, desto stärker wuchs der Einfluss der Sozialdemokraten in den Betrieben. Deutlich wurde das in der großen Streikbewegung 1889. Die Arbeitsniederlegungen begannen Anfang Mai in den Bergwerken im Ruhrgebiet und breiteten sich schnell ins Aachener Revier, an die Saar, nach Sachsen und Schlesien aus. An der Ruhr traten 97.000 Bergleute (86 Prozent der Belegschaften) in den Ausstand. Es kam zu bewaffneten Zusammenstößen und zum Einsatz von Soldaten, doch die Streiks weiteten sich aus. Im April 1890 betrug die Gesamtzahl der Streiks 715 unter Beteiligung von insgesamt 289.000 Arbeitern in der Bau-, Textil- und Metallindustrie.

Bei den Reichstagswahlen im selben Jahr verdoppelten die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil auf knapp 20 Prozent. Wenige Wochen später trat Bismarck zurück, und im Oktober desselben Jahres fielen die Sozialistengesetze.

Als legale Partei wuchs die SPD noch schneller. Im Verlaufe eines knappen Vierteljahrhunderts – vom Ende der Sozialistengesetze 1890 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 – wurde sie zur größten Partei in Deutschland. Doch die bloße Anzahl der Wählerstimmen allein verdeutlicht noch nicht, wie tief und weit der Einfluss der Sozialdemokratie in der Arbeiterklasse tatsächlich reichte.

Die SPD war zur damaligen Zeit ein historisch einmaliges Phänomen: Sie war die erste wahrhafte Massenpartei der Arbeiterklasse. Sie weckte die Phantasie, Begeisterung und Kreativität einer Klasse, die den ganzen gesellschaftlichen Reichtum schafft und die Fähigkeiten besitzt, eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen.

Um die Jahrhundertwende wurden alle Bereiche des Arbeiterlebens sozialdemokratisch organisiert. Folgende Statistik verdeutlicht die kulturelle Entwicklung der Arbeiterklasse, die mit dem Wachstum der SPD verbunden war. Von 1900 bis 1914 beteiligte sich die Partei von August Bebel an der Gründung von 1.100 Bibliotheken in 750 verschiedenen Orten. Diese Bibliotheken hatten einen Bestand von mehr als 800.000 Bänden, und im Jahr 1914 standen mehr als 365 Bibliothekare auf der Gehaltsliste der SPD.

Doch der rasante Aufstieg und der schnell wachsende politische Einfluss der SPD hatten eine gefährliche Kehrseite. Sie verschärften das Spannungsverhältnis zwischen der revolutionären Perspektive der Partei – die im Erfurter Programm von 1891 niedergelegt worden war – und dem unvermeidlich reformistischen Charakter ihrer Tagesarbeit.

Karl Kautsky, der zum Haupttheoretiker der Partei aufgestiegen war, versuchte die Kluft zwischen den revolutionären Zielen und der reformistischen Tätigkeit durch die Begriffe „Maximal- und Minimalprogramm“ zu überbrücken: Ersteres stellte die historischen Ziele der SPD dar, während letzteres die unmittelbareren praktischen Forderungen der Partei enthielt. Er vertrat noch die Phraseologie der Revolution, als die Praxis bereits völlig von opportunistischer Anpassung an den Rahmen des „Possibilismus“, wie es damals hieß, geprägt war.

Bebel selbst unterschätzte die Gefahr, die vom wachsenden Opportunismus in der Partei ausging und die sich mit dem zunehmenden Einfluss der Gewerkschaften verstärkte. Bis zur Mitte der neunziger Jahre war das Wachstum der Gewerkschaften hinter jenem der Partei zurückgeblieben, die ihnen die politische Leitung und materielle Unterstützung zur Verfügung stellte. Aber der große Wirtschaftsboom, der 1895 begann und beinahe bis zum Ausbruch des Weltkriegs anhielt, förderte eine immense Verbreitung der Gewerkschaften und änderte von Grund auf die Beziehung zwischen den Gewerkschaften und der SPD. Je mehr die Gewerkschaften an Größe und finanziellen Mitteln gewannen, desto feindlicher traten sie der sozialistischen Bewegung entgegen.

Der Grund dafür liegt in der Rolle der Gewerkschaften im Kapitalismus. Sie vertreten die Arbeiterklasse in einer ganz bestimmten ökonomischen Funktion, nämlich als Verkäufer der Ware Arbeitskraft. Da sie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Existenzgrundlage betrachten, sind die Gewerkschaften von ihrem ganzen Charakter her darauf ausgerichtet, den Klassenkampf zu unterdrücken und lehnen sozialistische Perspektiven ab. Daher hatte Rosa Luxemburg auf vielen Gewerkschaftskongressen Redeverbot.

Parallel zum Anwachsen der Gewerkschaften entwickelte sich Eduard Bernstein zum Theoretiker des Opportunismus. Er behauptete, die Gewerkschaften hätten sich als fähig erwiesen, den Anteil der Arbeiter am Nationaleinkommen stetig zu erhöhen. Daher sei die Verelendungstheorie von Marx widerlegt. Bernstein vertrat die Auffassung, dass den langfristigen Interessen der Arbeiterklasse nicht durch eine Revolution, sondern durch stetig zunehmende Errungenschaften der Gewerkschaften gedient sei.

Bebel versuchte, den wachsenden Gegensatz zwischen dem revolutionären und opportunistischen Flügel der Partei zu überbrücken und eine Spaltung der Partei zu verhindern. Als nach der Russischen Revolution von 1905 und der folgenden Massenstreikdebatte die Gewerkschaften auf dem Mannheimer Parteitag 1906 offen mit Spaltung drohten und Bebel regelrecht erpressten, stimmte er einem geheimen Abkommen mit den Gewerkschaften zu. Diese Vereinbarung stärkte in den folgenden Jahren den Einfluss der Gewerkschaften und die opportunistischen Tendenzen in der Partei.

Die verheerenden Folgen wurden 1914 sichtbar, als die SPD-Führung den Kriegskrediten zustimmte und vier Jahre später die Freikorps-Truppen zusammenstellte, um die Novemberrevolution blutig zu unterdrücken und die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu organisieren.

In den letzten Jahren seines Lebens war August Bebel nicht mehr in der Lage, den revolutionären Herausforderungen, die sich aus dem Übergang in die Epoche des Imperialismus ergaben, gerecht zu werden.

Niemand hat diese Tragik der Sozialdemokratie so knapp und brillant zusammengefasst, wie Leo Trotzki: „Die Organisation des deutschen Proletariats wuchs ununterbrochen, die Parteikasse füllte sich, die Anzahl der Parteizeitungen, Abgeordneten, Stadt- und Gemeinderäte nahm unaufhörlich zu. Gleichzeitig behauptete die Reaktion all ihre Stellungen. Ein Zusammenstoß der beiden entgegengesetzten Lager der deutschen Gesellschaft war damit unvermeidlich. Aber dieser Zusammenstoß blieb lange aus, während die Kräfte und Mittel der Organisation so automatisch wuchsen, dass eine ganze Generation Zeit hatte, sich an diesen Zustand zu gewöhnen. Jeder schrieb, sprach und las über den unausweichlichen Entscheidungskampf wie über den unvermeidlichen Zusammenstoß zweier Züge, die sich auf demselben Gleis entgegen rasen. Doch innerlich verspürten sie diese Unausweichlichkeit nicht mehr. Der alte Bebel ragte über viele andere hinaus, weil er bis ans Ende seiner Tage in der Überzeugung lebte, dass sich die Ereignisse ihrer schicksalhaften Lösung nähern.“

Zur weiteren Information empfiehlt der Autor zwei Vorträge von David North:

Reform und Revolution im Zeitalter des Imperialismus

Marxismus und Gewerkschaften

Die Zitate von Leo Trotzki sind übersetzt aus „An Epoch Passes. Bebel, Jaurès and Vaillant“ (December 1915) in Leon Trotsky, “Political Profiles”