Südafrika:

30.000 Autoarbeiter streiken für höhere Löhne und Zusatzleistungen

Von Andrea Peters
24. August 2013

In Südafrika befinden sich 30.000 Mitglieder der National Union of Metalworkers of South Africa (NUMSA) aus der Automobilindustrie seit vier Tagen in einem landesweiten Streik. Sie hatten am Montag die Arbeit niedergelegt und damit die Produktion in zahlreichen Werken im ganzen Land zum Erliegen gebracht, unter anderem in Pretoria, Durban, Port Elizabeth und East London

Der Arbeitskampf begann kurz nach dem ersten Jahrestag des Massakers von Marikana, bei dem die Polizei mit Unterstützung der Regierung des African National Congress (ANC) und der National Union of Mineworkers (NUM) 34 Bergarbeiter ermordete, die an einem wilden Streik teilnahmen. In den letzten zwölf Monaten wurde Südafrika von ständigen Arbeitskämpfen der Bergarbeiter, Landarbeiter und anderer Teile der Arbeiterschaft erschüttert.

Die Autoarbeiter fordern eine vierzehnprozentige Lohnerhöhung, eine Mietpreissubvention von 750 südafrikanischen Rand (etwa 73 Dollar), eine wöchentliche Fahrpreiserstattung von 125 Rand und Entschädigung für Kurzarbeit und kurzzeitige Entlassungen. Einige Medien berichten auch, dass die Gewerkschaft Verbesserungen bei den Leistungen der Krankenkasse und mehr Flexibilität in der Gestaltung der Schichten fordert.

Die Arbeitgeber, darunter Toyota, Ford, General Motors, BMW`, Daimler Benz, VW und Nissan sowie einige LKW- und Bushersteller, bieten eine Lohnerhöhung von sechs bis acht Prozent, kaum mehr als die prognostizierte Inflationsrate von 5,9 Prozent in Südafrika. Gleichzeitig verzeichnen sie Rekordumsätze. Toyotas weltweite Gewinne sind im zweiten Quartal des Jahres 2013 auf 4,5 Milliarden Dollar gestiegen, die von GM auf 1,4 Milliarden, die von Ford auf 1,2 Milliarden, die Gewinne von Nissan auf 819 Millianen Dollar. Daimler Benz machte im zweiten Quartal einen Umsatz von sechs Milliarden Dollar ein, Erhöhung von 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum; die Gewinne vor Steuer von VW stiegen auf 4,6 Milliarden Dollar.

Die Autoindustrie steuert sieben Prozent zum südafrikanischen Bruttoinlandsprodukt bei und wird von der ANC-Regierung durch ein günstiges Zollsystem unterstützt, das dabei hilft, die Produzenten zu schützen.

Laut Reuters bewegen sich die Löhne in der Industrie zwischen 850 Dollar im Monat und 1800 Dollar im Monat für die fähigsten Arbeiter. Laut Berichten der NUMSA wird jedoch mehr als ein Fünftel dieses Einkommen durch die hohen Fahrpreise im Land aufgebraucht, da durch die Siedlungsmuster aus der Zeit der Apartheid Arbeiter allgemein in den Außenbezirken der Städte weit weg von ihren Arbeitsplätzen leben. Die niedrigen Löhne in der Industrie zwingen viele Autoarbeiter außerdem dazu, in Shantytowns zu leben. Da die offizielle Arbeitslosenquote in Südafrika 25 Prozent, und die inoffizielle 40 Prozent beträgt, muss oft ein einziger Autoarbeiter eine ganze Großfamilie ernähren.

Am Montagabend fanden Gespräche zwischen der NUMSA und den Autobauern statt. Die Gewerkschaft erklärt, sie warte darauf, dass ihr ein „überarbeitetes Angebot“ vorgelegt werde.

Obwohl es einige Berichte gab, dass die Unternehmen versuchen, mit Streikbrechern weiterzuarbeiten, scheint es, als wäre der Betrieb in allen Fabriken, die von dem Streik betroffen sind, größtenteils zum Erliegen gekommen. GM und Toyota melden, dass fast 80 Prozent ihrer Belegschaft an dem Arbeitskampf teilnehmen.

Der Arbeitgeberverband der Automobilproduzenten schätzt, dass durch den Streik täglich zwischen 600 und 700 Millionen Rand verloren gehen (etwa 58 – 69 Millionen) und die Zahl der gefertigten Fahrzeuge um 3000 gesunken ist.

Der aktuelle Konflikt zwischen den südafrikanischen Autoarbeitern und den Autokonzernen fällt mitten in eine wachsende Flut von Arbeitskämpfen, an denen wichtige Teile der Industriearbeiter beteiligt sind. Aktuell fordern Goldbergarbeiter eine zweistellige Lohnerhöhung von den Bergbaukonzernen. Diese weigern sich, die Forderung zu erfüllen. Von Mai bis Juli diesen Jahres beteiligten sich Arbeiter der Chrom-, Platin- und Goldbergwerke an wilden Streiks In der Provinz KwaZulu-Natal streikten außerdem mehr als 10.000 Textilarbeiter. Diesen Ereignissen ging groß Unruhe unter den Landarbeitern Südafrikas voraus.

Laut der südafrikanischen Arbeitsministerin Mildred Oliphant gingen im Jahr 2012 siebzehn Millionen Arbeitsstunden allein durch wilde Streiks verloren.

Der Staat reagierte auf die wachsende Wut der südafrikanischen Arbeiterklasse mit Gewalt, die von der Gewerkschaftsbürokratie gebilligt wurde. Das Massaker von Marikana im August letzten Jahres, das mit aktiver Unterstützung der National Union of Mineworkers durchgeführt wurde, war nur der blutigste in einer Reihe von brutalen Angriffen. Im Mai setzte die Polizei Gummigeschosse gegen Bergarbeiter ein, die vor einem Bergwerk der Lanxess Chrome Mining Ltd. außerhalb von Rustenburg demonstrierten. Der Congress of South African Trade Unions (COSATU) hatte bei der Ausübung der Gewalt – darunter Schläge, Verhaftungen, Morde und Folter - gegen streikende Arbeiter aktiv mit der ANC-Regierung kollaboriert. Der derzeitige stellvertretende Präsident des ANC Cyril Ramaphosa, außerdem ein führender Funktionär bei COSATU, besitzt einen Anteil von neun Prozent an dem Bergbauunternehmen, in dessen Auftrag das Massaker von Marikana verübt wurde.

Die streikenden Autoarbeiter in Südafrika sollten die Stellungnahme der Gewerkschaftsbürokraten der NUMSA vom 13. August als Warnung verstehen: sie sprechen in dem Bericht über den Streik betont, von „unserem geliebten Gewerkschaftsbund COSATU“. Sollte sich die Streikbewegung über die Grenzen dessen hinaus entwickeln, was die NUMSA vorgeschrieben hat, oder sollten die Arbeiter ein Tarifabkommen ablehnen, das die NUMSA ausgehandelt hat, ist die Gewerkschaftsführung dazu bereit, mit dem Staat zusammenzuarbeiten, um den Kampf der Arbeiter zu unterdrücken.